Course a la saucisse.
    Präsentiert wird uns der Held – frontal, im ganzen lacht ein Hund in unser Auge. Nach dem Schnitt beginnt es schon: Das Rennen, um die Wurst. Der Held ist ein Dieb, er beißt ins scheinbar kurze Ende. Vor dem Fenster einer Metzgerei lugt es aus einem Fass heraus. Mit der Beute vorn im Maul, zieht der Held von dannen. Nach ihm entspinnt sich die Handlung. Endlos scheint die Kette, die der Wurstdieb hinter sich herzieht. Vierlerlei an Personal macht sich an die Verfolgung, es ist das Personal der Kleinstadt.
    Hund und Wurst durchkreuzen viele Wege. Theatralisch unterbrechen sie das Gespräch zweier Marktfrauen, überwinden Gärten, Zäune, halten Maler von der Arbeit ab und stören den Spaziergang. Dabei geht alles verschütt: Farbe fliegt aus Eimern, Hühner aus dem Korb, Kinder aus dem Wagen. Weder Hund noch Wurst zeigen sich dabei besonders rücksichtslos. Es sind die Verfolger, die slapstickhaft erst Schaden nehmen und ihn weiterreichen an den nächsten, der in seinem Fallen, Stolpern, Drängen schon den Übernächsten mit zu Boden reißen. Keiner kann die Sache auf sich beruhen lassen und steigt gewaltig mit ins Rennen ein, dessen Kopf mit Wurst im Maul von all dem gar nichts weiß, oder doch?
    Das Boule-Spiel einiger Herren im Zylinder verliert die Ruhe seines Gangs, Ebenso geschieht dem Milchmann seine Unterbrechung und alles fliegt – erst noch zu Boden, dann den andern hinterher. Schließlich: Raserei! die eindringt in das Heim. Durch ein Fenster zieht die Wurst und ihr Gefolge an Vandalen in das Souterrain einer Wohnung. Bitter beklagt die Hausfrau die Verletzung ihrer Rechte, doch den Verfolgern fehlt der Sinn, um ihren Einbruch zu unterlassen. Einzelne versuchen noch im Vorübergehn sich zu entschuldigen, andere zerreißen schon die Kissen, werden zudringlich. Der Maler versucht einen schnellen Kuss. Sie alle sind so ganz gefangen und befreit im Rennen um die Wurst. Beinahe hätte man vergessen, dass es um sie geht.
    Ganz zum Schluss reihen sich vom Horizont her alle aneinander, angeführt vom Helden. Dann tritt ans Ende des bekannten Personals noch die allerletzte Neuerung. Hinter Frau mit Kinderwagen erscheint ein Zug. Hund und Wurst sind schon allzu lange aus dem Bild heraus, um noch als Grund für die panische Flucht zu gelten. Die Eisenbahn verfolgt den Milchmann, sie verfolgt den Maler, die Marktfrauen und die Hausfrau, treibt den Spaziergänger vor sich her und überrollt den Kinderwagen, zerquetscht ihn unter ungebremster Fahrt und erst in letzter Sekunde gelingt die Rettung des Kindes.
    Ein Jäger schießt, verfehlt den Hund, er trifft die Wurst und endet die Bande zwischen den Verfolgern. Am Boden liegt die Wurst und über ihr da schlagen, kratzen, beißen die, die um ihre Ruhe gekommen sind. Überraschend scheint ein jeder etwas abzubekommen und bleibt vor Ort um einen Teil herabzuschlingen. Kein Bild der Völlerei, sondern die erbärmliche Fütterung hungriger Tiere, von deren vier Minuten Vorgeschichte ein Bild noch unerwähnt geblieben ist.
    Ein Artist erkennt im Hund sein Material und hält einen Reifen hin, doch auch die Ordnung dieses Spiels kann die Brutalen nicht mehr halten. Sie sprengen ihm die Leinwand und den Rahmen.

    „… es wäre unrealistisch, wollten wir meinen, daß eine Einrichtung die so viele [Steuer] Gelder schluckt, ohne weiteres die Genehmigung erhalten sollte, die ganze alte Scheiße unverholen zu bekämpfen. Auf Schleichwegen muss in diesen Häusern gearbeitet werden, mit List und außerordentlicher Geduld.“ [PW: Umfrage Antwort: Warum Theater? – Kürbiskern 2/73]

    Zugfahrt von Berlin nach Münster.
    Die Frau eine Reihe quer hinter mir leidet unter einer narzisstischen Störung. Die Unwägbarkeiten der Reise und, viel gravierender, das gleichzeitige Eintreffen diverser Forderungen kollidieren mit der Selbstverständlichkeit ihrer Bedürfnisse. Das Klingeln ihres Mobiltelephons trifft zusammen mit dem Erscheinen des Schaffners. Letzterer ist ein in sich ruhendes Stück Bahngeschichte, geduldig und zugleich bestimmend. Eine bewundernswerte Kombination, auch ich wäre manchmal gern so ein Typ.
    Schon vor Erscheinen des Schaffners ist die Frau insofern deviant, als sie außergewöhnlich laut und ausführlich mit ihrem Schicksal hadert. Jemand in der S-Bahn habe sie angerempelt, da sei noch eine Schramme am Arm, man solle mal gucken. Wie heiß es sei, heute, da habe sie nicht mit dem Bummelzug fahren können und deswegen notgedrungen den ICE genommen. Sie sei auf Bummelzug eingestellt, hatte sie schon einige male gesagt, ehe auch der Schaffner es erfuhr. Auf Bummelzug sei sie eingestellt, es sei ja heute derart heiß, da habe sie jedoch nicht mit dem Bummelzug fahren können, nein, das sei nicht gegangen, schon heute Morgen sei ihr ganz schwindelig gewesen und sie habe sich beinahe auf der Straße brechen müssen, nein mit dem Bummelzug habe sie nicht fahren können. Notgedrungen habe sie den ICE nehmen müssen, denn der Bummelzug sei ja eine Zumutung, eine Zumutung sei das, den könne sie nicht nehmen: „Den kann ich nicht nehmen, das ist ja eine Zumutung!“
    All das selbstsicher vorgetragen, mit einer Larmoyanz im Ton, dazu fällt mir nur der Abgesandte Roms aus Sieg über Cäsar ein, doch war die Figur für den Vergleich zu niedlich. In den zackig kurzen Pausen, stelle ich mir vor, dass sie einatmet, denn auch das muss dieser Mund noch leisten.
    Sie beantwortet das Klingeln des Telephons, das sei ihre Betreuerin, da müsse sie rangehen, und das erscheint auch mir als absolut notwendig. Die Betreuerin ist bald im Bilde – Zumutung in den Zügen. Die Verbindung bricht ab. Das Ende hier im Waggon weiß nichts von den technischen Zusammenhängen und vermutet eine leere Batterie im Telephon. Ob nicht die Nachbarin mit ihrem Telephon die Betreuerin anrufen könne, doch da klingelt es schon wieder und das allem Anschein nach wenig begeisterte andere Ende produziert aufgeregte kontextualisierende Antworten. Scheinbar gibt es eine Gruppe, die in besagtem Bummelzug sitzt und in der die vereinzelte ICE Fahrerin hätte aufgehen sollen, um nach Bielefeld zu kommen. Die Verbindung bricht wieder ab, ob nicht die Nachbarin, vielleicht habe die ja noch Batterie…
    Der Schaffner informiert, die Verbindung nach Bielefeld koste 67 Euro. Entsetzen, das könne doch gar nicht sein, das habe beim letzten mal doch nur 30 gekostet, außerdem habe sie einen Behindertenausweis und eine Bahncard 25.
    Der Ausweis interessiere ihn nicht, aber die Banhncard solle sie einmal zeigen, und der Schaffner sagt: „42 Euro“.
    „Blödarsch!“
    Das verbittet sich der Schaffner, das mit dem Blödarsch.
    Dann habe sie keinen Schein mehr, gar keinen Schein mehr, ach wie blöd. In Bielefeld gebe es ein Restaurant, da könne man zu zweit für zehn Euro essen gehen, an so einem langen Tag, da müsse man sich ja auch einmal stärken, nicht wahr. Sie sagt „stärken“ und der Schaffner respondiert, dann müsse man sich eben heute für 8 Euro stärken.
    Der Wechsel findet statt und die Betreuerin ruft an. Sie wird abgewimmelt.
    „Jetzt hab ich hier alles auf einmal, oh nein,
    hallo?
    In der einen Hand die Münzen und in der anderen das Telephon,
    in der eine Wechselgeld,
    in der anderen das Telephon,
    die Münzen in der einen,
    das Telephon und sie,
    das ist doch nicht gut,
    so viel auf einmal,
    ich meine,
    das ist doch nicht gut,
    jetzt hab ich hier alles auf einmal,
    hallo?
    meine Batterie ist leer, können sie vielleicht…“

    -die Betreuerin ruft zurück-

    „Ja, nein, vor acht Tagen ja noch nicht wissen konnte, dass es so heiß werden würde, das kann man ja nicht wissen, so acht Tage zuvor, dass es dann anders sein würde, als dann, wenn man es plant, nein, nicht den Bummelzug, der ist ja eine… hallo?“
    Der Schaffner geht seines Weges die Sitznachbarin wird zur Adresse alles weiteren.
    Die Betreuerin hole sie ab, in Bielefeld, vielleicht, ganz sicher sei es nicht, für die Rückfahrt müsse sie dann Bummelzug fahren. So reich sei sie nicht, deswegen auch das mit dem Taxi, also, wenn sie nicht abgeholt werde, dann brauche sie ein Taxi, und dafür fehle ja nun, nachdem der Blödarsch ihr das Geld abgenommen, also da bräuchte sie nochmal ein paar Euro, ob sie ihr das geben würde. So reich sei sie nicht, sie frage das jetzt nicht aus Gier heraus. Die freundliche Verneinung beendet das Anliegen nicht. Weitere Minuten vergehen: Bielefeld, keinen Schein mehr, Taxi blöd, Zumutung… in unendlicher Reihung, laut, fordernd, leidend,…

    Ich will nicht ungehalten sein, das hat keiner der Beteiligten verdient. Das hier ist jetzt so, denke ich, und ich kann nichts zum Guten daran ändern. Ich gehe ins Bordbistro und trinke Kaffee. Meine Liebe zum Menschen erholt sich schnell und ich beschließe die Rückkehr. Ein Zufall jedoch macht meinen Sitz unbewohnbar: „Sehr geehrte Damen und Herren, aufgrund eine Notarzteinsatzes am Gleis entfällt unser Halt in Bielefeld.“ Was das für die Insassen meines Waggons bedeutet, zeigt sich kurz darauf – die Mehrzahl erscheint im Bordbistro und bleibt mit mir im Mief verkochter Erbsensuppe liegen.
    Die Sitznachbarin der narzisstischen Störung kümmert sich – ich sehe sie beim Schaffner im Bordbistro – sie organisiert eine Verbindung nach Bielefeld.

    Berliner Schusterjungen:

    „Robert, komm, nicht so neidisch gucken!“

    „I did some research on it last night. It’s a really big problem in Germany.“

    „Damit kann sich der Entscheider nicht identifizieren.“

    Ach ja, der Geist – . Jakob Burckhardt, heute noch mehrheitsfähig.
    „Die Menschheit ums Mittelmeer und bis zum persischen Busen ist wirklich ein belebtes Wesen, die aktive Menschheit. Dieses Wesen dringt auch einmal im römischen Weltreich zu einer Art Einheit durch. Hier allein verwirklichen sich die Postulate des Geistes; hier allein waltet Entwicklung und kein absoluter Untergang, sondern nur Übergang. […] Durch langsame Entwicklung, wie durch Sprünge und durch Weckung der Gegensätze hängen wir geistig mit ihnen zusammen. Es bedeutet ein hohes Glück, dieser aktiven Menschheit anzugehören.“

    Berliner Hurenkinder:

    „Gefällt es Ihnen? Dazu würde eigentlich der Priester-Polo in lichtblau gut passen.“

    „Ich bin ein Apfel, frisch und saftig!“
    „Seid ihr denn auch billig?“
    „Wohlan, ich bin ein saftig Apfel, frisch und billig.“

    „Wann heißt es eigentlich Expat und wann handelt es sich um Arbeitsmigration?“

    „Die Menschen haben ja keine Ahnung, was das orthopädisch mit einem macht, wenn man für alles viel zu groß ist.“

    TTIP.
    Ein Schrecken, der sich ins Miteinander eingeschlichen hat, erscheint bewusst und zwar mit Namen, meldet sich beim Klopfen an der Tür – der des Schlafzimmers. Beiläufig und mit Wohlwollen wurde zuvor ignoriert was als nächtliches Geklapper in der Küche schon seit langem die Geschäfte treibt, ohne die wir doch nicht schlafen können. Was bringt da der beschwichtigende Vorwurf, alles bliebe beim Alten?

    Ein Sommer, wie er nicht sein soll.
    Der Sommer als vom Wetter induzierte Stimmungslage schafft nur eine schüttere Übereinkunft zwischen den Bewohnern der Halbkugel. Man muss sich über ihn unterhalten: kein richtiger Sommer, ein verregneter Sommer, ein brutal heißer, trockener Sommer, ein kurzer Sommer, auch gar keinen Sommer kennen wir. Festgemacht wird der Sommer an der Sichtbarkeit des gelben Balles, der Menge Niederschlags und der gefühlten Temperatur, jedoch nicht nur im meteorologischen Mittel auf die Monate Juni bis September, auch sein timing zählt. Schien die Sonne auch am Wochenende, waren die Schulferien verregnet, erreichte uns die Schafskälte wo wir uns doch extra freigenommen? Der Sommer findet nur statt, wenn wir Zeit für ihn haben. Ansonsten hat man vom Sommer eben nichts gehabt.
    Auch darf der Sommer das rechte Maß nicht verfehlen. Eine wohltemperierte Zeit, nicht zu extrem, sollte er sein. Kommt er zu plötzlich, kollabiert der Kreislauf des Mitteleuropäers und sein trockener Mund spuckt mit letzter Kraft vorm Sommer aus, beschwert sich über ihn, dass er so unvermittelt hereingebrochen ist übers Gewohnheitstier. Wird die Temperatur zu hoch, oder wird die Luft zu feucht – auch dann hat er seinen Titel verspielt, der Sommer.
    Was als zu heiß, zu trocken, zu feucht gilt, auch da besteht Gesprächsbedarf zwischen Schweden, Franzosen, Italienern. Dann gibt es noch die Bauern, die der Regen freut, die Alten, die nach Luft schnappen, die Allergischen, Pigmentgestörten und Verbauten – eine breite Minderheit, die nur selten den Luxus eines Vitmain-D Mangels verspürt und den Sommer verkompliziert. Vielleicht ist der Bewohner der norddeutschen Tiefebene zwischen 23 und 26 Grad Celsius, zwischen 40 und 60 Prozent Luftfeuchtigkeit, Sonne bei Tag und Regen bei Nacht zu über 50 Prozent zufrieden. Es wäre dann für die Mehrheit – zumindest theoretisch – ein richtiger Sommer.
    Natürlich kann wer sich in den idealen Bedingungen wiederfindet, dennoch unterm Sommer leiden. Vor allem der Nachbar, der noch unbekannte Nebenmann wird dem Genussbereiten zur plötzlichen Gefahr. Man denke nur an Michael Douglas in Falling Down, den Mörder des Fremden bei Camus, den gelangweilten Halbstarken im Schwimmbad und all die anderen Terroristen, die bei summer-feeling brechen müssen.

    Mein Opa väterlicherseits ist schon lange tot. Im Krieg war er Funker, wie ja überhaupt alle Opas im Krieg Funker gewesen sind. Ich kann es mir recht gut vorstellen, wie sie sich ständig zufunkten, was noch zu tun, schon getan worden ist, oder was verlangt wurde, dass man es tut – Statusmeldungen und Befehle. In all den Worten wird nur wenig verhandelt, man informiert sich über die wichtigen Dinge, ob man spät dran ist, oder aus einer anderen Richtung kommt, die Vorstellung bereits läuft, oder der Zug abgefahren ist. Das Ziel hinter den Operationen wird nicht durchgegeben. Einige denken, es gehe ums Überleben. Was genau das bedeutet, wen genau und wie viele man überleben muss, um siegreich hervorzugehen, und ob es reicht, wenn ich alleine überlebe, oder die Familie, der Betrieb, die Nation, … ist nicht klar. Eine Funkerexistenz ist sehr 20. Jahrhundert.
    Mein Opa fuhr gerne mit dem Rad durch die flache Gegend, die gar nicht seine Heimat war, in der er aber irgendwann ein Haus gebaut hatte. Als Teenager begleitete ich ihn ein paar mal auf so einer Tour, aber Opa fuhr im allgemeinen lieber alleine, was der Familie nur als weiteres Indiz dafür galt, wie schwierig Opa geworden war. Ich verstand das damals schon recht gut. Ich fuhr auch lieber alleine. Ansonsten war mir der ur-ur alte Mann Ende sechszig damals ein Rätsel. Er war albern in seinem Witz und hatte zugleich zerstörerisch cholerische Züge an sich. Zwischen den Sätzen „Alles Scheiße!“ und „Jawollo, alles dollo“, da lebte Opa. Ein ganz düsterer Ort, zu dem ich erst viel später Zugang bekam.
    Opa erzählte nie vom Kriege, oder von der Heimat. Nachdem er gestorben war, erzählten Photos und Dokumente für ihn: Entlassungspapiere von Gefangenschaft und Übergangslagern, ein junges, freundliches Gesicht vom letzten Kriegsjahr und den ersten Stationen auf dem Weg nach Westen bis ins flache Land, das dem ambitionierten Radfahrer so zupasskommt. Von diesen Touren, von denen immerhin erzählte er bisweilen den daheim gebliebenen.
    Einmal fuhr Opa übers Land nach Holland hinein und auf einer schon oft gefahrenen Runde durch mehrere kleine Dörfer begegnete ihm ein alter Bekannter, ebenfalls auf dem Rad, die Gegend erkundend vielleicht, oder auch in der unendlichen Wiederholung einen Genuss suchend. Sie kannten sich von vergangener Arbeit im Stahlwerk und kamen ins Gespräch darüber, dass sie hier nun beide fahrhradfahrend die selbe Gegend bewohnten. Was sonst noch zum Ausdruck kam in diesem Gespräch ließ Opa im Dunkeln. Er wollte wohl wieder los, mein Opa, und dieser andere schloss sich ihm etwas unvermittelt an.
    Man könne ein Stück des Weges sich teilen, denn in die Stadt x wolle er auch noch, weil man dort vom Berg einen schönen Blick auf den Rhein habe. So etwas in der Art könnte der andere gesagt haben, aber sicher ist das nicht. Opa sprach mir gegenüber nur davon, dass dieser Iddi, so sagte Opa gerne, dass also dieser kleine Idiot mit ihm überfahren wollte und Opa ihn auf den folgenden Kilometern deklassiert habe, abgehängt eben, bis er aus dem Blick verschwunden sei. Der Iddi habe noch gerufen: „Rudi, ich kann nicht so schnell.“
    Opa hatte über den Berg der Stadt x und den Ausblick auf den Rhein nichts zu sagen. Ich vermute, dass er darüber weggeflogen ist, ohne anzuhalten, denn es bestand die Gefahr, der andere könnte ihn einholen. Mich stimmte die Geschichte sehr traurig, ich wusste aber nichts zu sagen, außer hoho – eine Bemerkung, die Opas Fitness galt, und ihn gegenüber dem Abgehängten ins Recht setzte. Heute frage ich mich, ob der Bekannte es noch auf diesen Hügel mit Ausblick geschafft hat, oder ob er rastlos umkehrte, wieder ins selbstgebaute Haus, um die Flucht da raus auf morgen zu verschieben.
    Kurze Zeit nach dieser Episode gab mein Opa das Radfahren dran. Ihm fehlte die Balance. Bei langsamer Fahrt fiel er um, und sein Herz verbot ihm alles Weitere. Auch davon sprach er nicht, aber die Schürfwunden an seinen Ellbogen und das plötzlich verschenkte Rad informierten uns mit leichter Verspätung. Ich wünsche mir, dass die sportliche Gazelle an den bekannten, abgehängten Iddi gegangen ist, und die beiden so noch ihr Gemeinsames entdeckt haben.

    Sehsucht.
    Ich sehe mich gern an einem kleinen Fluss, inmitten unberührter Natur, nur ich, der Fluss, der Wald, da – ein Fuchs, ein Eichhörnchen, hallo Eichhörnchen, Kuckuck! Vielleicht eine Angelrute, ein Messer, ein kleiner Matchsack auf dem Rücken, mit Nüssen drin. Und eine wärmere Jacke – da am Fluss wird es auch einmal kalt werden. Wo werde ich schlafen? Steht im Hintergrund noch ein Zelt, davor eine Feuerstelle, ein Rucksack? Kaffeefilter, Tassen, Nadel und Faden, besser auch ein Breitbandantibiotikum, GPS… und fertig ist das Gartenhaus.
    Wer in Skandinavien spazieren geht, oder die Alpen bewandert, will gar nicht in die Wildnis. Im Ernst, das kann niemand wollen. Sich in der Natur erfahren kann der von ihr Herausgeforderte nur, wenn er den Triumph der Gattung im Kleinen wiederholt. Wir Mängelwesen, bereits waidwund auf die Erde gekommene Fleischsäcke, haben es ja irgendwie geschafft uns in ein für günstiges Verhältnis zur Umwelt zu setzen. So ein Fluss und die Kälte sind deswegen nur die Sparringspartner eines gealterten Boxers, der schon seit Jahrzehnten von seinen Werbeinnahmen lebt.(Rocky III, genau) Fühlt er sich zu hart rangenommen, wird er den Ring verlassen, oder den Sparringspartner feuern.
    Der fromme Wunsch des selbstbewussten Menschen ist die Herausforderung, nicht die Überforderung. Mit Colombia, Jack Wolfskin und Vaude erhält er das einfache Leben aufrecht. Er besitzt Werkzeuge, sie stehen am Ende der Jahrtausende von Pfusch und Fummelei des Bastlers, der durch Rodung, Drainage und Siedlungsbau,irgendwann und für wenige eine Welt jenseits seiner Körperfunktionen entdeckte. Dort wohne ich jetzt, in dieser Welt der Freiheit und die Bewohner träumen immerzu aus ihr zu entfliehen und zwar ‚zurück‘, in diese einfache Welt der Körperfunktionen: Ernährung, Hygiene, Wärme, Schlafplatz. Um mehr geht es beim Hobby-survival ja nicht.
    Um wie vieles brutaler sind die Forderungen des Sozialverbands! Arbeit, Familie, Freunde, Verkehr, Mode – alles Bewegungen im Netz von Abhängigkeiten, hier zu locker, da zu stramm, manch einer hängt durch, den anderen zerreißt es. Dann hat man es sich mit dem Netz verscherzt. Unmöglich dort je als Sieger alle Fäden in der Hand zu halten. Outdoor darf ich mich der Illusion des einzelgängerischen Säugetiers hingeben und geschichtsvergessen den Stahl des Messers am Flussstein wetzen: so als ob ich Drainage, Rodung und Landwirtschaft nicht mehr nötig hätte, um in der Welt zu überleben. Dennoch: es ist eine gesteigerte Freiheit, meine lebensnotwendige Entfremdung von der Natur mit diesen Episoden des reduzierten Lebens zu verdecken.
    Wer den Hütchentrick der Naturerfahrung nachvollziehen will, kann die Idylle variieren. Das Funktionshemd ausgezogen, das Mückenspray vergessen und das Messer ins Wasser gefallen, wird es zum Bild der nackten Tragödie. Man stelle sich vor, ein Wanderer ohne Stock, Hut, Hund an der Leine, Karte und Mobiltelephon. Woher wüssten wir, dass er nicht in permanenter Lebensgefahr schwebte? Besser doch anzunehmen, er könne in ein Haus, an einen Tisch zurückkehren und von der Wanderung erzählen. Später, wenn sie dort über Fußball, Geschlechtspartner und Arbeitsmarkt reden, kann er sich wieder entfernen, dieser ideale Wanderer, und so tun, als gehöre er ewig woanders hin. Es bleibt, je nach Landschaft, der Ritt in den Sonnenuntergang, das Fahren zur See oder das Surfen im Café.

    Im Café auf der Goltzstraße sitzen am Vormittag dieselben Figuren auf den immer selben Plätzen. Die meisten von ihnen lesen Zeitung, oder machen sich Notizen. Eine Frau schreibt auf kleinem Laptop und schaut vielleicht nachdenkend in den Raum und aus dem Fenster, so wie ich. Die Gäste reden nicht miteinander, Zeitungen rascheln, Kaffeetassen werden angehoben und wieder aufgesetzt, zwischendrin die Zeichen des Barrista von Welt, Buenos Aires, Bremen, Trieste, egal: Milchaufschäumen und Kaffeemahlen
    Die Zeitungsleser haben eine bestimmte Routine. Die Sueddeutsche ist immer umkämpft, die FAZ kennt Ruhepausen auf der Fensterbank, der Freitag liegt draußen bei den Rauchern. Wer die Sueddeutsche mit nach draußen nimmt und nach dem Lesen auf einem Stuhl versteckt, ist ein ganz großer Schweinehund.
    Am Wochenende ändert sich alles, weil dann Kleingruppen zum Frühstücken kommen. Sie unterhalten sich und lachen, auch haben manche von ihnen Kinder dabei. Der Raum hat kahle Wände und einen Fliesenboden. Er ist, wie ich finde, wunderschön, besitzt aber keine akustischen Reserven. Frühstücksgebrabbel, ein lachendes Kind, ein vorbeifahrender Müllwagen, schon er ist voll, wie ein Eimer Beifang auf dem Fischkutter. Die harten, wettergegerbten Zeitungsleser und ich tun so, als sei das kein Problem. Manchmal lache ich zurück, wenn so ein Kind uns alle anschreit. Auch die anderen Stammgäste sind Meister der dreisten Lüge des Ausdrucks. Irgendwann nach eins frühstückt niemand mehr.
    Dann kommt einer, der macht nichts von alldem, deswegen ist er ein bisschen suspekt. Er schreit nicht, lacht nicht, liest nicht, schreibt nicht. Er sitzt einfach nur da. Das Sitzen bedarf allerdings der Arbeit.
    Ein Mann, knapp sechzig Jahre alt, mit fast weißem Vollbart und einer Strickmütze auf. Er trägt den sportlichen look von jemandem, der in den nuller Jahren dreißig war. Er wirkt etwas starr und seine Bewegungen unentschlossen – dabei muss er ein ungeheuer zielstrebiger Mensch sein. Er will sich in dieses Café setzen und dort eine Traubensaftschorle trinken – im Winter ist es Früchtetee. Ungeheure Widerstände scheinen ihn davon abzuhalten. Oft tritt er vier oder fünfmal ein, bleibt hinter der Tür stehen, pustet aus vollen Backen einen leisen Seufzer in den Raum und geht wieder heraus, kommt wieder rein, seufzt, wieder raus, rein, raus, rein. Bis er es zum Tisch geschafft hat vergehen Minuten. Am Tisch (der zweite, rechts an der Bank, immer) setzt er sich zu einem Viertel und steht wieder auf, ein Viertel, wieder auf, zur Hälfte, wieder auf, … . So wie er reinkommt und sich hinsetzt, trinkt er auch: In konzentrischen Kreisen, sozusagen. Auch wer ihn zuvor nicht kannt, gewöhnt sich an seine Routine. Die Stammgäste haben sie längst akzeptiert, er liest ihnen weder die Sueddeutsche noch den Freitag weg.
    Wenige, meist Damen und Herren fortgeschrittenen Alters, blicken ihn während seiner Kür böse an. Da wandern starre Augen über die Brille und den Rand der Zeitung zu ihm, der sich gerade zur Hälfte gesetzt und wieder aufgestreckt hat. Sie nehmen ihm vielleicht übel, dass er fürs Einfachste im Leben Üben und Anläufe nehmen muss, oder er wirft sie aus der eigenen exzentrischen Bahn, stört beim dreifachen Zeitungsfalten, Hemd Glattstreichen, Brille Zurechtrücken, beim Haltung Bewahren allgemein.

    in Neukölln: Bircher-Müsli, braun von Zimt. Wegen Hungers aufgegessen. Die Welt ist schlecht.

    Eigentum verpflichtet.
    Die ein, zwei und fünf Cent Münzen der europäischen Gemeinschaftswährung Euro bestehen aus Stahl. Erst eine Kupferauflage verschafft ihnen die typische, rote Färbung, die vor allem deutsche und niederländische Nutzer an die gute alte Zeit erinnern, in denen jedes ihrer 400 Fürstentümer eigene Währungen aus Edelmetall in Umlauf brachte. Auch der Pfennig der deutschen Nachkriegsrepublik wurde, anders als urban legends es wahrhaben wollen, nicht aus Kupfer gefertigt, sondern erhielt durch Münzprägegkunst nur dessen Anschein. Erstaunlich hingegen: Die Herstellungskosten der Münze lagen deutlich über ihrem Zahlungswert, eine unangenehmer Ausfall des Equivalenzdenkens, den die Schöpfer des neuen Geldes, zu verhindern wussten. Auch bei steigenden Kupferpreisen ist bei den billig produzierten, kleinen Euromünzen noch Luft nach oben.
    Ich habe immer einige Gläser voll mit Euros im Schrank stehen. Meist nur Kupfer, ab und an ein zehn oder zwanzig cent Stück. Die fische ich bisweilen heraus und bezahle damit einen Kaffee. Den roten Rest kann, wer will zur Bank tragen. Ich nicht, denn ich bin Kunde eines zweifelhaften Geldinstituts, bei dem Privatkunden das Kleingeld nur in Münzrollen abliefern dürfen. Da heißt es Obacht geben und sich zu Hause gut vorbereiten. Richtig, 49 zwei cent Stücke sind eines zu wenig, da müssen Sie noch sparen.
    Die Stahlmünzen mit beidseitiger Kupferauflage beschweren nicht nur meinen Schrank, nein, ich entziehe sie auch dem Zahlungsverkehr. Ich habe neulich versucht sie ihm zurückzugeben. Schon die Zahlung eines Milchkaffee mit 5-cent Münzen verursacht soziale Reibung. Fünf cent Münzen wolle niemand als Wechselgeld, die könne er nicht gebrauchen, sagte mir jemand, der mich eigentlich mag. Deswegen war diese Reaktion auch die ausgewählt höflichste. Kein Café, kein Geschäft, kein Supermarkt will eine handvoll Kleingeld annehmen. In allen Fällen trug ich mit dem Sack voll Münzen Schlechtes in die Welt. Wer an der Supermarktkasse versucht die 2,87 aus 12,87 mit roten Münzen zusammenzuzählen, schürt den Zorn des Feierabendvolkes. Kleingeld zu verteilen an jemanden, der darum bittet, führt ohnehin auf Messers Schneide an den Abgrund der Erniedrigung. 25×2 cent in den Becher eines Obdachlosen heben diese Zweideutigkeit auf. Gleich noch einen echten Euro hinterherschieben, heißt es da, um wenigstens null für null aus der charity-Nummer herauszukommen.
    Ich habe den Rest meiner Kupfer-Eisen-Reserven gezählt. Es sind knapp 23€. Ich bin bereit sie für immer dort im Schrank zu lassen. Er und ich tragen an ihnen weniger schwer als die Welt.

    Sätze, die heute der Straße und dort ohne Kontext gefährlich leben.

    a) „Ich steh nur auf Fanta und Fleisch.“
    b) „So, basically, Germans had this policy of re-populating the Jews.“
    c) „Du bist ein toller Ausländer!“

    Googles letzte Versuche mich zu verstehen. Suchbegriff: Werner Herzog ‚Woodcarver Steiner‘.

    – Panama hats go
    – I have to work allow China
    – Whatever hurts so good work Carlos Scanner

    Der Klimawandel hat nichts vom plötzlichen Untergang. Keine der biblisch oder sonstwie archaisch inspirierten apokalyptischen Visionen à la Roland Emmerich wird ihm gerecht. Er verschärft langsam und stetig die soziale Frage und gefährdet damit all die Arbeit der Kultur, das Morden zu verdecken.
    Als zusätzlicher Faktor geht der Klimawandel ein in das, was wir ‚Notwendigkeit‘ nennen. Das Gerede von der Notwendigkeit erinnert uns daran, dass wir in unseren Zielen noch gar nicht Mensch geworden sind. Alles Tun bleibt angeleitet vom Tragischen: ’sein oder nicht sein‘. Allzu willig folgt der bedrohte Mensch dem scheinbaren Naturgesetz und erlaubt sich selbst die freie Wahl der Mittel. ‚Vitales Interesse‘ ist noch so ein Ausdruck, der das schlechte Gewissen dieser narzisstischen Spielart ökonomischen Denkens beruhigen soll.

    „Ich habe nur Angst, dass mir noch im letzten Moment irgendein Schweinehund einen Vermittlungsplan vorlegt.“ [der GröFaZ, mit väterlich vitalem Interesse an dessen Notwendigkeit]

    Zum Abschluss meiner Tage in Bamberg: ein unangenehmes Zufallsgespräch mit einer Besucherin der Evangelischen Studierendengemeinde, in der wir vorgetragen und die Woche über gewohnt haben. Sie gab mir einen Ratschlag, vorgetragen in vollem Ernst. Ich solle verträglicher werden, positiver. Der ungeschickt verdeckte Vorwurf miesepetriger Misanthropie schien mir absurd, waren doch viele Menschen, denen ich in der vergangenen Woche begegnet war, mir gegenüber das gewesen, was man aloof nennt: eine Arroganz und Besserwisserei, gespeist aus Verschüchterung, sofern man sich die Großzügigkeit erlauben kann, hier von den Ursachen zu sprechen. Die am Ort eingeübte Gesprächskultur war ein feindseliges Penismessen gebildeter junger Menschen, deren Humor sich ausschließlich ergibt aus der Erniedrigung des Gegenüber. So ein Humor ist zwangsläufig frei von Ironie, denn er ist unfähig sich selbst zum Objekt zu nehmen. Es ist der exklusive Humor sechzehnjähriger Schüler, der die Zugehörigkeit zur in-group zelebriert; es ist der fürchterliche Ernst zweier junger Männer, die im Gespräch vor einer begehrten Frau den anderen auszustechen suchen. Es ist die widerliche Freude junger Emporkömmlinge im Zirkel der Vorgesetzten, sich durch übertriebene Härte und Gehässigkeit auszuzeichnen. Es ist ein Humor, den nur vergeben kann, wer wiederum bereit ist, sich darüber zu erheben.
    Durch so eine Geste der Erhabenheit wir man aber selbst zum Unmenschen. Ihn schafft der gefühlte Zwang sich selbst zum Sieger eines solchen Schlagabtausches hochzustechen, oder in paternalisierender Geste das Gegenüber als infantil abzutun. Ich bin mir zutiefst verhasst, wenn ich zu diesem Unmenschen werde und suche noch immer nach dem offenen, freundlichen Gesicht, das durch den abgeranzten Vorhang der Verachtung tritt, nicht um sich allein zum Affen zu machen, sondern um alle unten im Saal mit auf die Bühne zu ziehen. (womöglich ist es Stephen Frys Gesicht) Er würde auch niemanden mehr aloof nennen, sondern einfach arrogant oder besserwisserisch.
    Jetzt, da am Bahnhof, während dieser kurzen Begegnung auf meinem Weg nach Hause mit diesem Ratschlag konfrontiert, wurde mir klar, dass ich in der letzten Woche außerhalb unseres eng gezogenen Freundeskreises der Schreiberlinge unter sozialer Kälte gelitten hatte. Nur in Einzelgesprächen oder unter Alkoholeinfluss, wenn die Gruppendynamik Pause machte, hatte ich das Glück zuvor Fremden wirklich zu begegnen. Das waren schöne Begegnungen, weil sie auf nichts zielten, stattdessen zufällig etwas trafen, um es zu teilen. Das scheint mir die richtige Beschreibung von inter-esse. Die Liebe zum Menschen stellt nichts zwischen sich und den anderen, sondern erforscht die Gemeinsamkeit. Sie ist idealer Weise bedingungslos.
    Als ich mich verabschiedete und sie mir den Ratschlag gab, fragte ich im Scherze, ob sich jemand über mich beschwert hätte und betrat, weil ich ein dummer Mensch bin, lachend das feindliche Terrain. Sie würde da niemanden im Speziellen verpfeifen wollen, hieß es in vollem Ernst, und sofort erblühte sie – kurz und heftig – wie eine gehegte Primel auf Blumenbeeten, wie man sie vor großen institutionellen Einrichtungen findet. Und mit diesem Witz versage ich mir jede weitere Revanche.

    Unruhig.
    Abartige Geräusche im Zug. Ein sehr laut schmatzender Kuss auf die Backe, verschleimter Husten eines Rauchers oder Erkrankten, die unendliche Wiederholung der Worte: Mami, Papi, Vati, Mami, Mama, Papi, Vati, Mama, Mami, … Dazu ein ermahnendes ‚schhhhhh!‘ der Mutter an die Kinder, etwa alle zwei Minuten und um ein Vielfaches lauter als alles Gebrabbel der Kinder zusammen. Kein Problem, solche Äußerungen der Menschen, sollte man meinen.

    Nach langen Nächten.
    Im vollen Bewusstsein des linearen Zeitverlaufs, kippte er sich das Glas Wasser in die hyperbolische Figur. Ich freute mich über das zeitgemäße Sinnbild der Melancholie: nackter Hieronymus nimmt zwei Aspirin, guckt aus dem Gehäuse und kratzt sich am Steiß.

    Man kann sich die Frage stellen, ob man dem erneuten Auflodern des Frühlings überhaupt gewachsen ist. Bedrohlich lockt der Ruf des Lebens und verlangt jetzt all dies jugendliche Zeug. Die Straßen sind Höfe, die Plätze schon Wiesen, ehe man die Jacke noch ganz ausgezogen hat. Geöffnete Fenster und luftige Kleider beunruhigen den Passanten, weil ihre Angebote in Wahrheit Forderungen sind. Das Unvermögen ihnen nachzugehen wurde vom Winter so wunderschön verdeckt.

    Apologetik.
    Ein beliebter Hütchentrick zur Wahrung des Status Quo ist die Vererbung. In dieser Tradition sprach Ben Carson kürzlich von den Muslimen dieser Welt als den Söhnen Esaus und ich frage mich, ob man ihn erst einen Enkel Kanaans nennen muss, damit er begreift, wie menschenverachtend und gefährlich solche Küchentheologie auf den freien Menschen wirkt.

    Ein Genie, das ist ein Verrückter, dem man wohlgesonnen begegnet. Zeitgenossen- oder gar Verwandtschaft ist fürs Wohlwollen eine ganz abträgliche Sache.

    Wolken, die oben am Himmel, oder am Horizont stehen, verfolgen den Blick. Ihre Formationen und Bilder bleiben bei uns, auch wenn wir uns schnell bewegen, während alles Vordergründige sich in schnellem Wechsel von uns verabschiedet. Die Augen im Portrait, wie bei der Mona Lisa, sind auch so weit entfernte Wolkendinger, die einem durch den Rahmen bis auf den eigenen blinden Fleck, aufs Milieu und die Geburt schauen.

    Die Schotten der Titanic wurden des besseren Ausblicks wegen geöffnet. Auch die Heizer an Bord sollten nicht leben wie die Hunde, sondern weit blicken und Anteil haben am Reichtum dieser Welt. Ungerecht nur, dass sie dadurch zuallererst ertranken.

    Ironisch gebrochen.
    Rüdiger Safranski und Kate Moss mit S-Störung diagnostiziert.

    A random Starbucks in a distant and second-hand set of dimensions. oder: der groteske Witz des Howard Schultz.
    „Gleich nach seiner Geburt war da die Hand der Hebamme, die ihn feste schlug. Seitdem nahm die Schreierei kein Ende. Niemand wusste recht, was er eigentlich wollte. Zunächst lag nahe, es sei die Brust, das Essen, Trinken, Schlaf – Aufmerksamkeit, von Farben, Formen, Spielen. Doch nichts von dem, was man ihm brachte, machte dauerhaften Eindruck. Er verlangte immer schneller, immer Neues, fand auch am Hinterletzten seine Freude und verlangte bestialisch, dass auch dahinter noch etwas zu finden sei. Erst erneutes Schlagen zeugte die gewünschte Ruhe. Apathisch lag er jetzt herum, atmete flach, blickte dumm, aß ohne Geschmack und dachte nur das Nötigste. Rührend versorgte man den Fleischsack, der nun bereitet war, erzogen zu werden.
    Manchmal kam es vor, dass einer drohte abzusterben, weil er die Luft anhielt und gar nichts aß. Bei diesen war guter Rat teuer. Musste das erneute Schlagen wiederholt, ihnen der Blick und das Denken erst noch ordentlich ausgetrieben werden? Einige der Alten fühlten, dass der abgeschaffte, unbequeme Zustand diesem Siechtum vorzuziehen und entsprechend zu entscheiden sei. Schien es auch unmöglich, den neuerlichen Schlag zurückzunehmen, so sollte er in Zukunft nicht mehr ausgeführt und allenorts vermieden werden. Das war die Geburt der Liebe.“, versicherte mir der Barista in der Zeit, die er benötigte, einen iced-turtle-caramel-latte grande für einen Dritten zuzubereiten.

    Während der gesamten Fahrt von Berlin nach Münster saß ich mit dem Rücken zur Fahrtrichtung. Im wirklichen Leben völlig Bedeutungslos, aber im Roman – !

    Freddy Quinn: „Haben die Bananen Dellen, braucht man sie nur abzupellen.“

    Arsch-Torso, oder: Du musst dein Leben enden.
    Man vergibt der Medizin nicht, dass sie den Tod nicht abschafft. Stets aufs Neue versäumt sie diese, ihre einzige Pflicht und behauptet noch Stolz ein Talent zum Flickwerk. Dreist bewirbt sie die verlängerte Laufzeit, die doch nur stationären Einsatz bedeutet.