Last Man Standing.
    Ich kann den Quatsch nicht mehr hören, die Generation der ‚millennials‘ mache nur noch, was ihr Freude bereite und halte sich im Müßiggang geschäftig. Dem wäre so, wenn nicht hinter jeder sogenannten Freizeithandlung die Professionalisierung stünde. Niemand schwimmt und joggt aus Freude, sondern auf Zeit oder zum Abnehmen. Das gute Körpergefühl ‚unserer‘ Generation entsteht stehend vorm Spiegel, nicht im Wasser. Wer gerne musiziert, präsentiert sich online mit zweiter Karriere und die Computerspielerin bekommt auf ein Dutzend Klicks 7/8 cent Werbeeinnahmen. Der neoliberale Müßiggang schüttet nur dem ambitioniertesten der Amateure den kalten Eimer Endoprhin ins Zentrum seiner, unserer Angst. Mit Ausblick auf die Profiliga distinguiert sich, gegen weitren Abstieg, jedes fleißige Ding. Die freie Zeit unterliegt den Forderungen des Berufs, und wer nicht richtig Tango kann, wiederholt nur einen Mangel.
    Es gibt eine Freizeitindustrie, sie hat vor den Naturgenuss die Ausbildung von leadership gestellt. Das outdoor-bootcamp-seminar für die Führungskraft von morgen vertilgt die zivilisatorische Ruhe. So ein in Friedenszeiten militarisiertes Individuum vertraut nur noch dem Stamm, den es selbst beherrschen kann. Es gibt auch kaum Computerspiele, die ohne heroische Landschaften auskommen und sich trotzdem gut vekaufen.

    Clean family fun.
    Der Wetterbericht war nur so lange gutes Entertainment, wie niemand etwas für die Ereignisse konnte.

    „Yet another night,…“
    Nur seiner Vertrautheit wegen taugt die Platitüde überhaupt zur Einleitung des Satzes. Der Preis: er tut nicht mehr so, als könne er einer Erfahrung gerecht werden. In ihm kommt kein Einzelfall zur Sprache. Dem Satz zuliebe muss der Einzelfall getilgt werden.

    Schusterjungen.
    „The indians were much better riders than the white man“

    „My dead corpse is livin‘ proof that you don’t even care“

    „When a man don’t use good judgement, […]
    They haunt me to this day.“

    Das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit.
    Hinter dem so laut geäußerten Willen, den Flüchtlingen die Solidarität zu entziehen, steht die Weitergabe einer konkret persönlichen Drohung, die uns jeden Morgen beim Aufstehen befällt: Niemand hilft mir. Mutter Merkel wird als Personifikation einer sich kümmernden Struktur zur Anlaufstelle für diese Beschwerde. Mutter, warum liebst Du uns nicht mehr? war schonmal zu hören. Jetzt die endgültige Demütigung durch die sogenannten Flüchtlinge. Mutter hat noch Liebe in sich, nur nicht für mich. Das eifersüchtige Kind befindet das Hartz IV Niveau der Liebe berechtigterweise für ungenügend.
    Wozu diese Infantilisierung? Ja, das frage ich mich auch. Sie ist nichts, was mein kurzer Text erfindet, sondern offensichtlich in Mode, als Lebensführung erwachsener Menschen. Wie sonst lässt sich erklären, dass von allen Seiten her Verständnis aufgebracht wird für den Mangel an analytischer Schärfe und den Exzess an Gewalt? Politiker spielen sich auf als Pädagogen, die zu kämpfen haben mit einer frühen narzisstischen Entwicklungsstufe, derer, die noch auf dem Wege sind zum mündigen Bürger. Dabei verlängern sie den Kindergarten ins Unendliche.
    Vor diesem Pille Palle um den ‚Besorgten Bürger‘ hat man ihn sich doch zurechtgeschossen. Die Agenda 2010 war der Ritterschlag für einen sozial-Chauvinsimus, der strukturell die Arbeit des fiesen ‚bulli‘ übernahm. Im Kindergarten gibt’s auch immer welche, die dem Nachbarn das Brötchen aus der Klappe schlagen. Gar nicht mal aus Hunger, sondern weil es sonst der harte Tobi getan hätte. Alle haben Angst vor Tobi. Tobi hat den Respekt der anderen Jungs Er haut auch aufs Maul, wenn Mutti guckt. Deswegen bekommt er viel Aufmerksamkeit zu besondren Zeiten, wenn alle anderen schon nach Hause müssen. Von Tobi lernen heißt beim Verlieren siegen lernen.
    Jetzt sagen sie nicht, das sei sozial-Darwinismus. Das ist nicht nur vulgär im Hinblick auf die ziemlich ausgefuchste Evolutionstheorie Darwins, sondern versucht auch unsere Gesellschaftsordnung zu naturalisieren. Deswegen an dieser Stelle auch noch mal eine Warnung an die Metapher: ‚Das Kind‘ hat mit Natur nur wenig zu schaffen, sondern mit Sozialisierung. Die Erfindung der Kindheit ist eine Kulturleistung und selbst gar nicht mal so alt. In ihr gestehen wir kleinen Erwachsenen etwas Besonderes zu, weil wir zugleich darauf wetten, dass sie sich im Prozess einer Werdung befinden. Das Ziel dieser Entwicklung ist immer Bestandteil gesellschaftlicher Verhandlung gewesen. Ein frommer Gedanke aus der Vergangenheit, soll hier als Beispiel dienen: Tobi aus dem Kindergarten macht nach 20 Jahren gemeinsame Sache mit seinem damaligen Opfer und alle bauen gemeinsam einen neuen Kindergarten, in dem es nur beiläufig um Butter und Brötchen geht.
    Der ‚Besorgte Bürger‘ hingegen ergeht sich in Hilfslosigkeit. Man schreibt Briefe an Mutti, oder hofft, dass sie grad guckt, wenn mit Stäcken in der Hand einer auf der Straße verfolgt wird, mit Brötchen im Mund, geschmiert, womöglich mit viel Liebe.

    In Bier und Tränen solidarisch, auf ewig,
    Deine kleinen Racker.

    Die Forderung an eine jede, sich nicht dieser Laune hinzugeben, sondern an nächsten Morgen vorm Spiegel kritisch zu bedenken, woher die Sorgenfalten im Gesicht gekommen sind, ob auch mein Nachbar sie hat und wie wir sie in Zukunft vermeiden – davon ist der ‚Besorgte Bürger‘ befreit, sobald wir ihn ernst nehmen.

    Lügenpresse.
    Das Fernsehen zeigt, was wir immer schon wussten. Das Wetter gibt es, darauf kann man sich einigen. Es wertet als Meldung zwischen verschiedenen Meinungen und Kommentaren, seinen Kontext zur Wirklichkeit auf. Dabei zeigt das Wetterfernsehen gar kein Wetter, sondern alle 15 Minuten dessen Vorhersage. Auf Nachrichtensendern läuft sie als Banner durchs Programm, der Nachbar ruft die Vorhersage über den Zaun, auf der Arbeit fragt einer danach. Die Wettervorhersage ist entscheidend!
    Ich erinnere mich an Beschwerden darüber, dass die Vorhersagen nicht stimmten. Am Niederrhein hielt der dicke Fluss die Wolken oft auf einer Seite fest. Dann hatte Kleve den angesagten Regen, aber Bocholt nicht, und die Bocholter sagten: dem Arbeiter das Wochenende vermiesen, das wollen diese Fatzken. So schön Fahrradfahren hätte man können. Stattdessen ist man zu Hause geblieben und hat den ganzen Tag fern gesehen, Nachrichten und Talkshows, denn tagsüber kommt ja nichts Vernünftiges, danke auch, arschloch-scheiß-kack Fernsehen und armes Deutschland. Dafür zahlt man jetzt Gebühren.
    Immerhin war noch zu erfahren: der Ifo-Index, der Sonntagsfrage und Wettervorhersage. „Ich habs gewusst!“, sagt einer, ein anderer meint, „Alles gelogen!“ Beide ziehen den selben Schluss: Morgen aufstehen lohnt sich nicht.

    Liegengelassene, wehleidige Wahrnehmungen des Sommers, von der dick eiternden Stadt, dumpf pochend, wütende Versuche sich zu kratzen und verstörendes Wohlgefühl im Nachlassen der Entzündung. Jetzt sind sie noch ältere Erinnerungen. In der Ruhe des Winters, wirken sie auf mich, als dürfe, nein, müsse der Sommer in diesem Jahr ausfallen.

    1. [Anfang AUGUST]

    Sie knallte die Türe
    aß Zimtbrötchen,
    mit besonderem Genuss die braun triefende Mitte,
    legte ihren Arm zu nahe an mich heran,
    saß schief, sloppy,
    blickte drein,
    kein Gefühl fürs Feine,
    im Abenddress, Handtaschen auf dem Tisch.
    – wo hört mein Körper auf, wo mein Auto? Unbekannt.

    2. [AUGUST] Sinnliche Verrohung im Zug der Klimaanlage, depressive Musik mit enervierend hochtönenden Chorälen, während alle Zeit barbarisch die zwei vorhandenen Türen zugeschlagen werden. Im Ofen verbrennt Fett und setzt sich in die Poren von Haut, Haar und Textilem.

    3. [22.08.] Seize the day.
    Ende Mai, oder September, wenn die Luft in der Stadt noch nicht, oder nicht mehr in die Lungen fließt, wie zäh verflüssigtes Wachs, dann sitzen die Menschen im Freien. Der Himmel zeigt sich in einem besonderen Blau, sehr klar, ohne Anzeichen der Wolkenbildung. Der Blick kann wandern vom Zenit zum Horizont, und man glaubt, es sei der selbe unverhangne Himmel, so gering wird noch Licht gebrochen, dass einen viel längeren Weg gegangen ist, um in unser Auge zu fallen. Unbestimmt und weiß, oder etwas schmutzig grau sieht es im allgemeinen aus, gucken wir geradeaus. Das liegt mitunter am Wetter, aber der Bewohner unter diesem Himmel erkennt an jedem anderen Tag seine Mitschuld an und nennt es Smog.
    Manchmal zeigt sich seine klare Aussicht auch zwischen Mai und September, das ist etwas was besonderes, derart besonders, dass ich seit Minuten durch das lockere Dach aus wildem Wein im Hinterhof meines Hauses auf einen Ausschnitt dieses Blaus hindurchsehe, ja, derart auffällig nichts anderes tue als erhobnen Haupt dort drauf und durchzusehen, dass mein Freund mich beim Genuss erwischt. Er sieht, dass ich nicht arbeite, mein Geschmack beschäftigt mich.
    Zuvor am Morgen habe ich die Wäsche sich selbst überlassen und bin einkaufen gegangen. Dabei ist mir zum ersten Mal das Ungewöhnliche der Witterung aufgefallen mit der das Blau einhergeht. Ich lief am Museum vorbei und das Museum sah sehr einladend aus, und ich lief an Washingtons Gedenksäule vorbei und sie leuchtete einladend, wie auch die Kirche der Unitaristen daneben. Letzteres war mir leise Warnung – ich war offensichtlich nicht ganz bei Trost.
    Im Supermarkt kaufte ich vier Avocados zu drei Dollar, ein Fläschchen Limetten-Spülmitttel zu eins zwanzig und eine regional hergestellte Bio-Seife mit einer Hummel vorne drauf zu acht Dollar. Auch das ein Zeichen scheidender Urteilskraft, als sei ich besoffen am hellichten Tage.

    Dihydrogenmonoxid ist die chemisch korrekte Bezeichnung für Wasser. Sie könnte auch im Kontext einer akuten Bedrohung auf die Komponente einer Bombenmischung hinweisen. In den Nachrichten wäre die Nennung von “Dihydrogenmonoxid” in der Nähe von “ISIS” oder “Terror” geradezu fahrlässig. Wer hat die Ressource und wie könnten die digital vernetzten Gewalttäter da herankommen? Welche Schritte kann die internationale Gemeinschaft unternehmen, damit der Zugang zu Dihydrogenmonoxid beschränkt wird? Welche Orte in meiner unmittelbaren Umgebung könnten Ziel einer Dihydrogenmonoxid-Atacke werden? Flughäfen, Fußballstadien, Wochenmärkte. Die Bevölkerung sollte sich bewusst machen: wie sieht Dihydrogenmonoxyd aus? Welche Handhabung des Stoffes kann als verdächtig gelten? Kann ein Sprengsatz mit Dihydrogenmonoxid entschärft werden? Haben die westlichen Nationen genug Experten? Wird es eine Dihydrogenmonoxid Task Force geben? [D-H-M-O-T-F? Doch Obacht, Verwechslungsgefahr besteht mit der beliebten Grußformel in Briefen: „Dear Husband, Motherfucker,… „]
    Von der Regierung gut bezahlte Journalisten werden abwiegeln. Die öffentlich rechtlichen Sender und subventionierten Printmedien werden ihre üblichen Verzerrer und Verdreher ans Werk setzen. Herablassend die Sorgen der Bürger als Spinnerei abtuend, wird behauptet werden, es sei doch blos Wasser. Manch einer wird gar noch einen Witz entwickeln, der die Subjekte der Sorge der Lächerlichkeit preisgeben soll: “Prost!” könnte einer schreiben und damit natürlich nichts Gutes meinen für das Gegenüber des Grußes. (irrational, versoffen, Schnapsidee, Prekariat, bildungsfern). Dann ist es soweit.
    Einzelne Politiker sehen sich genötigt, die Bedenken bezüglich des Dihydrogenmonoxids in ihre Reden aufzunehmen. Ja, noch ist kein Fall eines Dihydrogenmonoxid-Anschlags bekannt geworden. Und wir arbeiten hart daran, dass es so bleibt. Die Gefahr ist erkannt.
    Ein letztes Aufbäumen der Jubelperser, ehe die erhitzte Debatte den Kern des Dihydrogenmonoxids verdampft und noch den letzten Blick vernebelt. Sie versuchen jene Politiker ebenfalls der Lächerlichkeit preiszugeben, oder ihnen Populismus zu unterstellen.
    Ein ehemaliger Universitätsprofessor, Doktor der Chemie und Verfasser des Buches: ‚Der Osiris-Faktor. Wege zum Glück‘, gibt zu bedenken: Wasser – Wasserstoff – Wassserstoffbombe. An der Reihe sieht man, wohin es führt. Linguisten springen ihm bei, machen aber Einschränkungen für nicht agglutinierende Sprachen. Die Debatte wird auch von Intellektuellen getragen, heißt es in der internationalen Presse. Von diesem Echo inspiriert, endet in der Politik die Zurückhaltung. Deutschland darf seine Führungsrolle in dieser Sache nicht ohne Not verspielen.
    Ein Historiker vor schwarzer Wand erinnert an die ariden Landschaften, aus denen die monotheistischen Religionen hervorgegangen sind. Taufe, Weihwasser, Begräbnisrituale: alles flüssig, auch der Tod, der Mensch kann ihn nicht fassen, sagt ein Theologe. Ein Philosoph schreibt schnell sein neues Buch: ‚Sand auf die Mühlen des Denkens‘. Seinetwegen gehen viele Dichter ins Exil und studieren Chemie. Sie tun einiges für das geistige Ansehen Deutschlands, indem sie an ihren Metaphern arbeiten.

    Die Quelle der Produktivität ist das individuelle Gewissen, doch ist sein Produkt politisch. Es kommt im Wort schon an die Oberfläche, wird von allen getrunken.

    Das Sprichwort: ‚Wer langsam läuft kommt auch zum Ziel‘ bedarf der Variation. Aktuell ist: ‚Wer langsam läuft, wird zum Rennen nicht zugelassen.‘
    Das ist jetzt so, aber man darf sich ans Vorangegangene erinnern.

    Karen Krüger schreibt in der FAZ: „Die arabische Gesellschaft ist von der Gleichberechtigung der Geschlechter weiter entfernt als die Sonne vom Mond.“
    Das ist eine tolle Metapher, denn sie könnte sehr schön selbstkritisch die Beschränktheit des eigenen Standpunktes markieren. Erde und Mond als die Antagonisten eines Doppelplaneten, einander umkreisend, immer einer näher, einer ferner der Sonne, dann wieder verkehrt… ad infinitum. Leider ist der Rest des Artikels in einem Ton der Überzeugung geschrieben, der ein solches, relatives Bewusstsein vermissen lässt. Es fehlt also der entsprechende Kontext für meine erste wohlwollende Deutung. Es bleiben (mindestens) zwei weitere.
    Entweder ist gemeint die scheinbare Entfernung von Sonne und Mond am Firmament, also Winkel und Distanz der beiden zueinander. Dann hätte Frau Krügers polemisches Bild noch ganz andere Konsequen. Sind die beiden so weit voneinander entfernt wie nur irgendwas, herrschte ja am Himmel der abendländischen Aufklärung immerzu Vollmond. Daher heißt es vielleicht im Englischen ‚enlightenment‘, oha!
    Oder aber das rhetorische Mittel ist viel weniger ausgefuchst, die Lichtmetapher wird nochmal gewendet und die Autorin dachte sich: auf dem Mond, da ist es kalt und ungemütlich. Auch das wäre nur die halbe Wahrheit, aus der Pink Floyd mal ein Album gemacht hat. Das tertium comparationis hat also auch nichts mit empirischen Distanzen der beiden Körper im Sonnensystem zu tun, wie ja die aktuelle ‚post-Köln‘ Diskussion um Gleichbereichtigung sich an Kategorien orientiert, die sich zu nichts angemessen verhalten.
    Man möchte im Angesicht der drauflosschreibenden Massen sich am liebsten selbst auf den Mond schießen und hoffen, dass derweil die dunklen Jahre vergehen, aber auch das ist nicht vernünftig.

    Mangels Hubschrauber.
    In Berlin Mitte bietet jede öffentliche Toilette mehr Ruhe und Abgeschiedenheit als ein Apartment in Baltimore City.

    Extreme Germanising!
    Ach, die 90er. Bei RTL Samstag Nacht gab es diese Reihe: Far Out! The Hardest Trends in Town. Im Verlauf einer Episode wurden die beiden Protagonisten (Mirko Nontschew und Tommy Krappweis) beim Versuch einem angeblichen neuen amerikanischen Trend nachzugehen meist körperlich hart versehrt. Unvergesslich für mich: Extreme Microwaving, wo es darum ging, die Füße möglichst lange in der Mikrowelle zu grillen. Wer als erster aufgab, naja, war eben eine Pussy und hatte trotzdem verkrüppelte Füße. Damals war Deutschland Vorreiter, der interkontinentale Import Jackass noch unverbundene Aminosäure in der Ursuppe des Privatfernsehens. Jetzt haben wir die Zehner Jahre. Allein wie das klingt. Zum Nachweis des Verfalls rege ich eine Geschichte des deutschen Hip Hop im Spiegel des deutschen Nationalismus an, Jan Boehmer- und Dendemann, hallo? Aber ich schwof ab.

    Was hat sich der stumpfe Antiamerikanismus hierzulande links wie rechts bestätigt gefühlt: im Anblick der politischen Volten und Brüche der USA und insbesondere im Weg der Republikanischen Partei. Das Amerika post 9/11 – von George Bush’s Patriot Act über die grassroots-Atrappe ‚Tea Party‘ und schließlich Donald Trump – erschien uns Ausdruck einer uniformierten, von Hollywood, der Wall Street und Shell [Fügen Sie hier Ihren hass-Konzern ein] willfährig instrumentalisierten Wählerschaft, die sich dick und breit zum eigenen Imperialismus, Rassismus und Kultur-Chauvinismus bekannte. Im Heute allerdings meldet sich der deutsche Stammtisch derart laut zu Wort, dass wir darüber die evangelikalen Kreuzritter aus dem mittleren Westen und den Multimilliardär mit Flokati-Käppi vergessen haben. Vielleicht erscheinen sie uns auch gar nicht mehr so fremd, sind uns näher, gegenwärtig, wo Andreas Scheuer fordert Menschen mit Asylstatus oder im Verfahren befindliche Asylbewerber… nein, so dezidiert hat er sich nicht ausgedrückt. Scheuer fordert entsprechende Gesetzesänderungen, um alle ‚Flüchtlinge‘ ohne rechtskräftige Verurteilung, nur auf Verdacht und auch bei Bagatell-Delikten auszuweisen. Ich glaube das ist es, was er sagen wollte, der liebe Herr Scheuer, der als angehöriger der Traditionspartei CSU auf allerlei Berater zurückgreifen kann, die wissen wie man rhetorisch geschickt gegen das Grundgesetz argumentiert, um den rechten Rand abzugraben. Seit Franz Josef Strauss hat dem Volk niemand mehr so genau in die Zahnzwischenräume geschaut und die Funde in vertraute Form gepresst.

    Wissen sie wie Wurst gemacht wird? Das hat ein anderer Bayer einmal prägnant zusammengefasst: „Am Verwesen gehinderte Leichenteile armer, geschundener Tiere abgefüllt in deren eigenen Kotkanälen.“ Toll, stünde neben jedem bürgerlichen Esstisch ein Metzger im Prozess des Wurstmachens, der Vegetarismus wäre mehrheitsfähig. Aber ich will die Nation in diesen Zeilen nicht unnötig spalten. Liebe Fleischesser, ich bin einer von ihnen, nicht einer von diesen Veganer-Nazis, wenn ich auch bisweilen aus versehen, oder bewusst auf Fleisch und tierische Produkte verzichte, einfach so.

    Im Jahre 2016 wird es keine deutsche politische Debatte ohne Hitler mehr geben, es tut mir leid, die Ähnlichkeiten sind zu frappierend. Doch Obacht, Himmler, zum Beispiel, war gar kein Metzger, sondern Hühnerzüchter, hier muss man mit Analogien vorsichtig sein, um nicht tendenziös zu werden. (Lügenpresse!) Ulrich Thamer hat in seinem dicken Buch über den Nationalsozialismus als einen der vielen Gründe, für die Ereignisse rund ums Dritte Reich den inneren Schweinehund angeführt. Plötzlich waren Ressentiment, rücksichtslose Machtausübung, Chauvinismus nicht mehr zu unterdrücken, sondern Staatsraison. Je besser man seinen Sadismus und Hang zur Gewalt innerhalb der Nazi-Analogie auszuleben wusste, so sicherer war die Karriere. Wer grundlos seine Frau erwürgte, blieb sicherlich ein mieser Hund – nicht jedoch, wenn er sie in flagranti bei der Blutschande erwischte.
    Dem Nationalsozialismus wird attestiert, er habe kein philosophisches, intellektuelles Programm hinter oder unter sich. Jetzt wo Mein Kampf wieder neben der Gartenlaube und der Luther Bibel in jeden deutschen Haushalt Einzug finden kann (könnte, aber wer will schon eine kommentierte Ausgabe? Kommentare am Rand erinnern eingefleischte Fans zu sehr an die Thora) also jetzt, wo diese Meisterwerk wieder jedem zugänglich ist, können belesene Neonazis auch mit Studienräten wieder in, naja, sagen wir, Dialoge treten. Zitat, A. Hitler: https://youtu.be/yq-rZXw4beI?t=3m51s

    Die AfD hält sich einen Hausphilosophen, der, so war in der FAZ nachzulesen, allerlei interessante deutsch identitäre Dinge ins Parteiprogramm der AfD hineinschreiben will. Natürlich nicht so reißerisch und gebrüllt wie die Straßenslogans der Unterstützer. So wird aus: „Wer Deutschland nicht liebt soll Deutschland verlassen” im Sprech von Marc Jongen, dem (ehemaligen?) Sloterdijk-Jünger unsere, des Deutschen lieblich romantische Sehnsucht nach einer guten alten Zeit. Dieses ‚uns‘ sei nun endlich wieder getrieben von einer mutigen Empörung, die zur politischen Bewegung führe. Jongen distanziert sich dabei weder von Björn Höcke, noch von den Forderungen der Sprechchöre. Sie seien Ausdruck eines Übermuts, den dieses ‚uns‘ [mit anderen Worten: Volkskörpers] jetzt ins politische Feld führe. Ein neues Selbstbewusstsein, dass im Zuge einer „Psychopolitik“ das deutsche Volk im Widerstand stärke, im Widerstand gegen, Zitat: „robustere Naturelle“.
    Als ich das las, schwappte der Funke der Volksgemeinschaft zu mir über. (Wer noch Zweifel an meiner politischen Gesinnung hat, prüfe die Metapher). Glücklicherweise muss ich gar nichts dazu tun, um dieser Gemeinschaft anzugehören, denn eine der zentralen Forderungen erfülle ich qua Geburt. Nein, nein, nicht was sie denken. Nicht meine Hautfarbe, meine Sprache, oder meine Schwäche für Wurscht sind es, die mich eignen. Es ist die Ausprägung meiner primären Geschlechtsorgane, dank derer mir die „Erziehung zum Männlichkeit“ zuteil wurde. Herr Jongen, der offensichtlich Judith Butler gelesen hat, will gegen die schwabbelig unbestimmte Identität von uns modernen Zwitterwesen das Patriarchat neu in Stellung bringen, die Familie wieder unter Obhut und Fuchtel der männlichen, im Idealfall nüchternen Hand stellen. Wer bislang ein schlechtes Gewissen hatte beim Genuss des traditionell eingeschriebenen Machtgefälles innerhalb seiner Kleinfamilie, darf nun wieder bedingungslos vom Leder ziehen. Die Dankbarkeit der Schutzbefohlenen ist einem sicher. Sie bekommen zwar zwischendurch eine gelangt, oder müssen im Knabenchor ungewöhnliches Gesangstraining zu später Stunde absolvieren, aber wenn sie dem Vater brav ein Schiff bauen auf dem er mitsamt seiner Reichtümer den Fluten der Globalisierung trotzen kann, bis die Knochen der Toten auf dem Grund der See verrottet sind, dann haben sie das Privileg zu überleben und einen inzestuösen zivilisatorischen Neustart zu machen. Das Prinzip des väterlichen Gehorsams hat sich bewährt – ich empfehle zur Lektüre das Alte Testament und Der Pate (ja, auch den dritten, fürs Vaterland), Mad Max sowie die mannigfaltigen Erscheinungen des Vladimir Putin – dort finden wir virile Männer mit echt tighter street-credibility. Alles andere ist ohnehin schwul.

    Früher habe ich mich noch über Kleinigkeiten aufgeregt. Zum Beispiel die Zugabe von Zimt in Müslis, einem Brötchen, oder einer Tasse Kaffee. Heute weiß ich, dass das massive Zimtaufkommen in Lebensmiteln aller Art tatsächlich ein großes Ärgernis ist und meinen Geschmack verdirbt.

    I’m feeling tragic like I’m Marlon Brando.
    Das noch junge Jahr hat bereits viele Größen der Pop-Kultur ihr Leben verlieren lassen. Zeitungen lassen Nachrufe auf Halde schreiben, damit im plötzlichen Todesfall noch vor Redaktionsschluss ein paar Zeilen zu vermelden sind. Sollte ich einmal verscheiden, so wünsche ich mir folgende einleitende Worte zum Nachruf: „Sein Gesicht war ein Amboss auf dem das Leben ein Werk geschlagen hat.“

    Ein Meer von Farben.
    Die Eindrücke der Arbeit der anderen. Oftmals habe ich das Gefühl, dass ich den Nachbarn im Café zu neugierig bin. Man erwischt mich bisweilen, wie ich auf ihre  Notebooks blicke, als ob ich an den Vorgängen auf hrem Bildschirm interessiert sei. Dabei verhält es sich mit der Computerarbeit ganz anders als mit dem Lesen von Büchern. Letztere will ich immer irgendwie identifzieren, da interessiert mich der Inhalt. Der Blick auf fremde Computer wird dagegen gefesselt von optischen Effekten. Viele Nutzer schaffen es Bildschirm wie Tastatur dergestalt zu verfetten und zu verölen, dass ich im verschmierten Glanz des sich spiegelnden Sonnenlichts den Eindruck eines Tankerunfalls bekomme.

    Die Konzerte des Peabody Concert Orchestra haben stets den Charakter eines guten Seminars. Im Studentenorchester ist die Freude am Zusammenspiel erkennbar, ebenso die Sorge um die Intepretation des anderen. Im Studentenorchester wird gegrinst, gezuckt und sich zugezwinkert. Auch der Dirigent tut es. Er steht leicht erhöht und seine Position verlangt das Zucken ohnehin – etwas ungleich ist er doch, wenn auch mitunter ein Student. Die Instrumente werden soweit beherrscht, dass man sich allgemein leiden mag. So ein Betrieb ist schön.
    Hässlich wird er, wenn sich niemand mehr um die Spannung kümmert, sondern eine jede sie zu ihrem Vorteil auflösen möchte. Dazu hat das Orchester gar kein Äquivalent. Es ist mir kein Fall bekannt, in dem plötzlich alle Instrumente sich auf Rhythmus und Melodie nur einer Stimme geeignet hätten, oder auch, sagen wir, die Pauke aufgehört hätte zu spielen, weil sie sich für ungeeignet hielt, die Äußerung der Geige abzubilden.
    Im Konzert ist man sich vorher einig, dass eine jede etwas beizutragen hat. Wer auf der Bühne sitzt, darf existieren. Im schlechten Seminar hingegen muss die aktive Teilnahme erkämpft werden. Statt großem Orchester spielen dann mit heißer Luft und überspanntem Bogen die Pfeiffen und Arschgeigen unter den Studenten eine exklusive Sitzung.

    In komplexe, aus vielen Einzeltönen bestehende Geräusche lege ich stets ein Tatü-Tata hinein. Die Kackophonie der Großstadt, die Klimaanlagen, unbestimmte Verkehrsgeräusche, ein Kaffeautomat, ein weit entfernter Hubschrauber, erhält durch meinen Wahrnehmungsapparat stets eine Struktur, eben das Tatü-Tata. Oftmals ist auch wirklich eines dazwischen, dann kommt die Poizei, oder der Krankenwagen. Noch öfter kommen sie aber gar nicht und mein Gehör macht nichts als Unterstellungen bezüglich seiner Umwelt. Als sei jede ihrer Äußerungen ein Hinweis auf den Ausnahmezustand.

    Unter unter Schlaflosigkeit

    Leidenden Menschen

    Gibt es den Streit

    Welche ist die schlimmste Zeit?

    Ist es Mitternacht, wenn man

    Angst hat wach zu liegen noch bis acht?

    Oder sinds die Morgenstunden,

    Wenn man weiß, das Tagwerk und die Tätigkeit

    Der Schlaf-Gesunden kommt bald aus den Puschen

    Und legt sich noch zu mir ins Bett?

    Ich hingegen schlafe gut, meistens. Dann gibt es da noch die Krankentage, wenn man mit Fieber daniederliegt. Ist das Fieber hoch genug, verspricht es auch Genuss. Es verdeckt in seiner Hitze noch die andere Wirkung der Erkrankung. So kann der Fiebertraum und die Aussicht auf den Fiebertraum mich durch die Misere tragen.
    Löst der trockene Husten erst die Gliederschmerzen ab, ist es damit vorbei. Es bleibt nur dumpfe Agonie bis der Körper sich erbarmt und eine glückliche Sekunde mich hinüberträgt. Die Stunden bis dahin sind nicht zu vertreiben. Kein Schlaf, kein Traum, kein Klang und keine Note – nur das Ermatten aller Sinne und die Angst, dass sei es nun, fortan und für immer. Das muss sie sein, die Verzweiflung des Schlaflosen, der vielleicht gar kein schlechter Mensch ist.
    Und dann noch dies: An Tagen ganz besonderer Anspannung – man versichert mir, sie seien alles andere als besonders, sondern eben ganz ’normal‘, die Wirklichkeit – an solchen Tagen ist auch mein Schlaf traumlos und leicht zu stören. Diesem Schlaf fehlt die Zeit des wachen Auges, die der Wissenschaftler REM-Schlaf nennt. Man hat herausgefunden, dass Ratten ohne dieses wache Auge schon nach kurzer Zeit verenden, wohingegen Menschen weiter funktionieren. Die Ratte, biologisch raffiniert aufs Überleben eingestellt, ist hier kulturell im Nachteil, weil sie keinen all-Tag kennt. In ihm behauptet sich der Mensch gegenüber jedem Mangel, schlicht indem er traumlos seinen Tag verpennt. Daher auch der gut gemeinte Rat, wachen Auges durch die Welt zu gehen, von der Wachheit keinen guten Begriff hat.

    Would you mind if I shit here?
    Als Vorbereitung für meinen ersten Job als Teaching Assistant hatte ich vor dem Abflug nach Minnesota Kopien kanonischer deutscher Filme gekauft, die englische Untertitel aufwiesen. Darunter auch Große Freiheit Nummer 7, einer der wenigen nach Ferstigstellung zensierten Filme des Dritten Reiches. Mit dem historischen Ballast, bunten Lokalkolorit und La Paloma Oh he hatte ich mir eine gutbesuchte Vorführung versprochen. Leider waren die Übersetzern vom norddeutschen Sprachgebrauch überfordert und die Untertitel bis zur Unkenntlichkeit falsch, in etwa so falsch wie die automatic captions einiger streaming-Dienste heute im Jahre 2015. Das war damals 2008 und seitdem habe ich viel dazu gelernt. Ich bin besser vorbereitet auf Unzulänglichkeiten, ja, sensibler für die Abgründe des Kulturausstausches.
    Hitchcock soll einmal gesagt haben, sagte Truffaut, glaube ich, dass ein Film durch Untertitel immer 15% seiner Qualität einbüße, durch gute Untertitel aber nur 10%, weswegen er, Htichcock, die guten Synchronisationen gegenüber Untertiteln bevorzuge. In der Tat sind mir sogar Fälle bekannt in denen das Produkt durch die deutsche Synchronisation deutlich an Qualität gewonnen hat. Berühmt in dieser Hinsicht sind die sogenannten Bud Spencer und Terence Hill Filme, aber auch die Serien MASH 4077 und The Persuaders. Alles dies Produktionen, für deren Übersetzung das ZDF kein Geld hatte und einem damals völlig unbekannten, aber im Rahmen des Budgets bezahlbaren Team alle künstlerische Freiheit gelassen hat. Rainer Brandt bewies hohe Meisterschaft, übersetzte grandios den schwarzen Humor von MASH und ergänzte nach Herzenslust den müden Schlagabtausch der Prügel- und Agentenfilmchen. Das war natürlich ein Phänomen für sich, diese glückliche, aus der Not geborene Kunst.
    Glücklich aber auch: die Übersetzung des 13. Kriegers, der im Original zum Exotismus der Bilder auch noch den unbestimmt ‚orientalischen‘ Akzent des Hauptsdarstellers hinzustellt. Antonio Banderas spielt einen Perser, der eine Fremdsprache lernt: die frühmittelalterliche Form des Dänischen die hier als ‚Nordmannsprache‘ herhalten muss. Für den Zuschauer allerdings spricht er durchgehend Englisch mit jenem unsäglichem Akzent. Nun ist nicht bekannt ob die Verfasser des deutschen Scripts einfach nicht wussten, wie sie diesen amerikanischen Rassismus in einen deutschen übertragen sollten, oder ob ihnen das ganze unangenehm war und sie deswegen auf die Transferleistung verzichteten. Anders als beim Hans Albers Film kann hier anstelle von Inkompetenz auch gute Absicht unterstellt werden.
    Jetzt wohne ich schon eine ganze Weile hier. Meist finde ich mich zurecht. Kleinere Irritation verbleiben, so zum Beispiel wenn ich frage, ob ich mich wo dazusetzen kann. Eigentlich eine reine Formalität mit entsprechender Floskel. „Would you mind me sitting here?“ Analog aus dem Deutschen heraus begriffen, ist das die Frage, ob es einem was ausmacht, wenn… , und tatsächlich ist auch im Englsichen die korrekte Antwort darauf: „No, I dont mind, have a seat.“ oder eben “Yes, I do mind, go away!” Nun liegt aber das kritische dieser Antwort in der Verneinung. Der feundlich gesinnte Geist will nicht nein sagen, wenn er den anderen als Sitznachbarn begrüßen möchte. Die übliche Antwort auf: “Do you mind, …?“ beginnt also mit “Yes,…” und ich erschrecke mich, versuche verzweifelt das freundliche Gesicht mit der unfreundlichen Antwort zu verbinden, bis eine zusätzliche Bewegung der Hand oder eine Geste des Platz-Machens mich doch noch willkommen heißt. Das sind kurze Momente der Fremdheit, wie sie einer empfindet, der Knollenblätterpilze nicht von Champignons unterscheiden kann und deswegen beim Spaziergang sich streng an die ausgetreteten Wege hält. Der daraus erwachsende Mangel an Freiheit, nun, der Wald kann nichts dafür.
    Und noch etwas nehme ich mitunter persönlich. Wider besseres Wissen begreife ich es als es Angriff auf meine Person, wenn jemand eine Tür zuschlägt. Wer nicht weiß, wie man Türen schließt, wird auch Faschist, sagte Adorno, sagte Hitchcock, glaube ich.
    Dabei handelt es sich blos um ein allgemeines Phänomen der Gewöhnung. Türen schließen sich im allgemeinen automatisch. Die amerikanische Tür sieht den, der hindurch geht in keiner Verantwortung, ja, sie übernimmt in vielen Fällen sogar die Öffnung selbsttätig. Der Konsument des Durchgangsangebotes ist ein typischer Kunde. Im Folgenden einige Worte zu den Umweltschäden dieses Konsums. (Die automatische Türöffnung verbraucht tatsächlich Energie, aber davon will ich gar nicht sprechen.) Eine durch ihre Hydraulik automatisch schießende Tür muss eingestellt und gewartet werden. Zwei Dinge, die einen sensiblen Geist erfordern. Es braucht jemanden, der sich kümmert, der in die Lage versetzt ist, den Mangel zu identifizieren und zu beseitigen. Letzteres erfordert eine gewisse technische Schulung, ersteres eine sinnliche, und genau dort liegt das Problem des öffentlichen Raumes in dieser Stadt. Sie ist so ungeheuer laut und grell, dass ihre Bewohner sinnlich verkrusten.
    Im Rauschen der Klimaanlagen, den tief brutalen Vibrationen der Polizeihubschrauber, den Hochton-sägenden Sirenen verliert sich der Mensch mit seiner lächerlichen Äußerung. Hysterisches Lachen, lautes Telephonieren und über Jesus erzählen reicht doch kaum vom eigenen Mund bis an das nächste Ohr, und wenn wenn der Marc Train seine Kurve nimmt und der Peterbilt am Hang sein grünes Licht bekommt, hört doch niemand, wie ich gerade, sagen wir, das Gurren einer Taube nachmache.
    Die Schwierigkeit sich Gehör zu verschaffen, hat auch unbestrittene Vorteile. Man wird nicht so häufig zurechtgewiesen. Ich zum Beispiel mache, wie angeklungen, gerne Tiergeräusche, auch unvermittelt und in der Öffentlichkeit. Eine gute Freundin hat mir einmal gesagt, dass sie das an ihren Vater erinnere und dass ihr der von meinem Tiergeräusch aufgewühlte Kontext jedes mal mit Gewalt durch die Knochen fahre. Wenn sie am Tisch sitzt, mache ich deswegen nur ganz selten Tiergeräusche, eigentlich nur, wenn ich mich vernachlässigt fühle.
    Den Zugewinn an Freiheit kann überprüfen, wer am Sonntag um die Mittagszeit in die Vororte der maerikansichen Stadt fährt. Im Betrieb der Rasenmäher stellt sich mir die Frage, wann denn Oma und Opa eigentlich ihren Mittagsschlaf halten. Oma und Opa teilen meine Bedenken nicht, sie mähen gerade Rasen. Auch zwischen zwei und vier kann man hier auf der Terasse sitzen und Iron Maiden hören. Eine in meiner Jugend einst so heiß ersehnte Freiheit, die jetzt ihren Sexappeal verloren hat.
    An der Ecke St. Paul and North Avenue sitzen immer drei zu Kartenspielen. Die Kreuzung ist ein Knotenpunkt zweier dicker Stränge Blech, die von Nord nach Süd, von West nach Ost und Ost nach West wollen. (St. Paul ist hier Einbahnstraße) Zwischen den von mir gemessenen 90 bis 100 Dezibel sitzen die Spieler. Von zwei Seiten schwere Diesel- und V8- Motoren und vom Haus her kommend, ein potentes Kofferradio, dessen Tieftöner ihrer Aufgabe nicht gewachsen sind. Verzerrt, gequält, verzweifelt teilen sie ihren Schmerz und fahren hart ins Ohr. Die Straße kennt als einzig vergleichbaren Ausdruck den abgefahrenen Bremsbelag. Die steilen durch keine Serpentine entschärften Straßenverläufe und die schwache Motorbremse der Automatikgetriebe lässt den Bremsstaub aus den Felgen wehen, getragen vom Kreischen wunder Zangen, die blank versuchen tonnenschwere Lasten stillzustellen. Die Abwesenheit einer dem TÜV vergleichbaren Institution tut in Baltimore besonders weh.
    So sind die Kartenspieler und das Radio gar nicht der Feind. Es mangelt ihnen nicht an Höflichkeit und Mitgefühl, sondern schlicht an der sinnlichen Schulung. Bürgerliche Autoren nannten das früher ‚Geschmack‘.
    Dieser Einsicht folgend erkläre ich mir die eigene Lage im Café. Die, die gerade die Türe hat zuschlagen lassen, derart dass die Tassen im Regal zu scheppern begannen und das Fenster aus dem Kitt sprang, die da, die soeben mein Trommelfell und meinen ganzen Körper angeschossen hat – … Ich sage mir, dass sie mich nicht hasst, dass sie mich nicht unbedingt und ganz vernichten will. Doch haben meine Sinne mich schon zu sehr aufgebracht. Emotional verloren an die tiefe Abneigung gegen diesen Unmenschen will auch ich mir ein Gehör verschaffen.
    Wie aber meinen Unmut übersetzen? Wie dem anderen das Ausmaß der Verletzung deutlich machen, ohne doch nur selber die Quelle weiteren Unmuts zu werden? Guruuuh, guruuuuh!

    Party like Kim Yong-un.
    Zwei Dinge sind dem common-sense der Campus-Gemeinschaft unerträglich: Wärme und Stille. Beide Missstände werden durch die allgegenwärtigen lastwagengroßen Klimaanlagen beseitigt. Sollte am Ort die Kühlung und die damit verbundenen Rotorgeräusche und Vibrationen wegfallen, so zieht sich die Studierende möglichst weitgehend aus und spielt über den Lautsprecher ihres Taschencomputers den Tophit des Sommers. Je nach Infrastruktur und Gelegenheit kann auch ein Dieselaggregat vier x tausend Watt befeuern.
    Der hiesig sozialisierte Körper muss gefordert werden, seine Sinne zu erreichen ist nicht leicht. Mir scheint, er strebt er nach einem Ideal: das Eisbad einer finnischen Sauna an Bord eines im unendlichen Steigflug begriffenen Militärhubschraubers – im Hintergrund läuft Katy Perry.

    Nimm mich ernst, ich habe etwas zu verkaufen.
    Dank Zura-Klitt bin ich endlich keimfrei. Die Beratung meines Astrologen hat mir die Augen geöffnet. Es ist so einfach, wenn doch nur alle wüssten, wie einfach es ist. Lass mich dir erzählen. Das Produkt ist ein echter Gewinn. Seit ich den Krebs besiegt habe, weiß ich, ich bin etwas ganz besonderes. Nein, jeder kann es schaffen, auch ohne Krebs. Dieser Künstler kommt von hier, der Gallerist meinte, der wird in null Komma nichts seinen Preis vervierfachen…

    Die alles durchdringende Stimme des Verkäufers erzählt auch vom Besuch des neuen Urinals noch als Epiphanie.

    Course a la saucisse.
    Präsentiert wird uns der Held – frontal, im ganzen lacht ein Hund in unser Auge. Nach dem Schnitt beginnt es schon: Das Rennen, um die Wurst. Der Held ist ein Dieb, er beißt ins scheinbar kurze Ende. Vor dem Fenster einer Metzgerei lugt es aus einem Fass heraus. Mit der Beute vorn im Maul, zieht der Held von dannen. Nach ihm entspinnt sich die Handlung. Endlos scheint die Kette, die der Wurstdieb hinter sich herzieht. Vierlerlei an Personal macht sich an die Verfolgung, es ist das Personal der Kleinstadt.
    Hund und Wurst durchkreuzen viele Wege. Theatralisch unterbrechen sie das Gespräch zweier Marktfrauen, überwinden Gärten, Zäune, halten Maler von der Arbeit ab und stören den Spaziergang. Dabei geht alles verschütt: Farbe fliegt aus Eimern, Hühner aus dem Korb, Kinder aus dem Wagen. Weder Hund noch Wurst zeigen sich dabei besonders rücksichtslos. Es sind die Verfolger, die slapstickhaft erst Schaden nehmen und ihn weiterreichen an den nächsten, der in seinem Fallen, Stolpern, Drängen schon den Übernächsten mit zu Boden reißen. Keiner kann die Sache auf sich beruhen lassen und steigt gewaltig mit ins Rennen ein, dessen Kopf mit Wurst im Maul von all dem gar nichts weiß, oder doch?
    Das Boule-Spiel einiger Herren im Zylinder verliert die Ruhe seines Gangs, Ebenso geschieht dem Milchmann seine Unterbrechung und alles fliegt – erst noch zu Boden, dann den andern hinterher. Schließlich: Raserei! die eindringt in das Heim. Durch ein Fenster zieht die Wurst und ihr Gefolge an Vandalen in das Souterrain einer Wohnung. Bitter beklagt die Hausfrau die Verletzung ihrer Rechte, doch den Verfolgern fehlt der Sinn, um ihren Einbruch zu unterlassen. Einzelne versuchen noch im Vorübergehn sich zu entschuldigen, andere zerreißen schon die Kissen, werden zudringlich. Der Maler versucht einen schnellen Kuss. Sie alle sind so ganz gefangen und befreit im Rennen um die Wurst. Beinahe hätte man vergessen, dass es um sie geht.
    Ganz zum Schluss reihen sich vom Horizont her alle aneinander, angeführt vom Helden. Dann tritt ans Ende des bekannten Personals noch die allerletzte Neuerung. Hinter Frau mit Kinderwagen erscheint ein Zug. Hund und Wurst sind schon allzu lange aus dem Bild heraus, um noch als Grund für die panische Flucht zu gelten. Die Eisenbahn verfolgt den Milchmann, sie verfolgt den Maler, die Marktfrauen und die Hausfrau, treibt den Spaziergänger vor sich her und überrollt den Kinderwagen, zerquetscht ihn unter ungebremster Fahrt und erst in letzter Sekunde gelingt die Rettung des Kindes.
    Ein Jäger schießt, verfehlt den Hund, er trifft die Wurst und endet die Bande zwischen den Verfolgern. Am Boden liegt die Wurst und über ihr da schlagen, kratzen, beißen die, die um ihre Ruhe gekommen sind. Überraschend scheint ein jeder etwas abzubekommen und bleibt vor Ort um einen Teil herabzuschlingen. Kein Bild der Völlerei, sondern die erbärmliche Fütterung hungriger Tiere, von deren vier Minuten Vorgeschichte ein Bild noch unerwähnt geblieben ist.
    Ein Artist erkennt im Hund sein Material und hält einen Reifen hin, doch auch die Ordnung dieses Spiels kann die Brutalen nicht mehr halten. Sie sprengen ihm die Leinwand und den Rahmen.

    „… es wäre unrealistisch, wollten wir meinen, daß eine Einrichtung die so viele [Steuer] Gelder schluckt, ohne weiteres die Genehmigung erhalten sollte, die ganze alte Scheiße unverholen zu bekämpfen. Auf Schleichwegen muss in diesen Häusern gearbeitet werden, mit List und außerordentlicher Geduld.“ [PW: Umfrage Antwort: Warum Theater? – Kürbiskern 2/73]

    Zugfahrt von Berlin nach Münster.
    Die Frau eine Reihe quer hinter mir leidet unter einer narzisstischen Störung. Die Unwägbarkeiten der Reise und, viel gravierender, das gleichzeitige Eintreffen diverser Forderungen kollidieren mit der Selbstverständlichkeit ihrer Bedürfnisse. Das Klingeln ihres Mobiltelephons trifft zusammen mit dem Erscheinen des Schaffners. Letzterer ist ein in sich ruhendes Stück Bahngeschichte, geduldig und zugleich bestimmend. Eine bewundernswerte Kombination, auch ich wäre manchmal gern so ein Typ.
    Schon vor Erscheinen des Schaffners ist die Frau insofern deviant, als sie außergewöhnlich laut und ausführlich mit ihrem Schicksal hadert. Jemand in der S-Bahn habe sie angerempelt, da sei noch eine Schramme am Arm, man solle mal gucken. Wie heiß es sei, heute, da habe sie nicht mit dem Bummelzug fahren können und deswegen notgedrungen den ICE genommen. Sie sei auf Bummelzug eingestellt, hatte sie schon einige male gesagt, ehe auch der Schaffner es erfuhr. Auf Bummelzug sei sie eingestellt, es sei ja heute derart heiß, da habe sie jedoch nicht mit dem Bummelzug fahren können, nein, das sei nicht gegangen, schon heute Morgen sei ihr ganz schwindelig gewesen und sie habe sich beinahe auf der Straße brechen müssen, nein mit dem Bummelzug habe sie nicht fahren können. Notgedrungen habe sie den ICE nehmen müssen, denn der Bummelzug sei ja eine Zumutung, eine Zumutung sei das, den könne sie nicht nehmen: „Den kann ich nicht nehmen, das ist ja eine Zumutung!“
    All das selbstsicher vorgetragen, mit einer Larmoyanz im Ton, dazu fällt mir nur der Abgesandte Roms aus Sieg über Cäsar ein, doch war die Figur für den Vergleich zu niedlich. In den zackig kurzen Pausen, stelle ich mir vor, dass sie einatmet, denn auch das muss dieser Mund noch leisten.
    Sie beantwortet das Klingeln des Telephons, das sei ihre Betreuerin, da müsse sie rangehen, und das erscheint auch mir als absolut notwendig. Die Betreuerin ist bald im Bilde – Zumutung in den Zügen. Die Verbindung bricht ab. Das Ende hier im Waggon weiß nichts von den technischen Zusammenhängen und vermutet eine leere Batterie im Telephon. Ob nicht die Nachbarin mit ihrem Telephon die Betreuerin anrufen könne, doch da klingelt es schon wieder und das allem Anschein nach wenig begeisterte andere Ende produziert aufgeregte kontextualisierende Antworten. Scheinbar gibt es eine Gruppe, die in besagtem Bummelzug sitzt und in der die vereinzelte ICE Fahrerin hätte aufgehen sollen, um nach Bielefeld zu kommen. Die Verbindung bricht wieder ab, ob nicht die Nachbarin, vielleicht habe die ja noch Batterie…
    Der Schaffner informiert, die Verbindung nach Bielefeld koste 67 Euro. Entsetzen, das könne doch gar nicht sein, das habe beim letzten mal doch nur 30 gekostet, außerdem habe sie einen Behindertenausweis und eine Bahncard 25.
    Der Ausweis interessiere ihn nicht, aber die Banhncard solle sie einmal zeigen, und der Schaffner sagt: „42 Euro“.
    „Blödarsch!“
    Das verbittet sich der Schaffner, das mit dem Blödarsch.
    Dann habe sie keinen Schein mehr, gar keinen Schein mehr, ach wie blöd. In Bielefeld gebe es ein Restaurant, da könne man zu zweit für zehn Euro essen gehen, an so einem langen Tag, da müsse man sich ja auch einmal stärken, nicht wahr. Sie sagt „stärken“ und der Schaffner respondiert, dann müsse man sich eben heute für 8 Euro stärken.
    Der Wechsel findet statt und die Betreuerin ruft an. Sie wird abgewimmelt.
    „Jetzt hab ich hier alles auf einmal, oh nein,
    hallo?
    In der einen Hand die Münzen und in der anderen das Telephon,
    in der eine Wechselgeld,
    in der anderen das Telephon,
    die Münzen in der einen,
    das Telephon und sie,
    das ist doch nicht gut,
    so viel auf einmal,
    ich meine,
    das ist doch nicht gut,
    jetzt hab ich hier alles auf einmal,
    hallo?
    meine Batterie ist leer, können sie vielleicht…“

    -die Betreuerin ruft zurück-

    „Ja, nein, vor acht Tagen ja noch nicht wissen konnte, dass es so heiß werden würde, das kann man ja nicht wissen, so acht Tage zuvor, dass es dann anders sein würde, als dann, wenn man es plant, nein, nicht den Bummelzug, der ist ja eine… hallo?“
    Der Schaffner geht seines Weges die Sitznachbarin wird zur Adresse alles weiteren.
    Die Betreuerin hole sie ab, in Bielefeld, vielleicht, ganz sicher sei es nicht, für die Rückfahrt müsse sie dann Bummelzug fahren. So reich sei sie nicht, deswegen auch das mit dem Taxi, also, wenn sie nicht abgeholt werde, dann brauche sie ein Taxi, und dafür fehle ja nun, nachdem der Blödarsch ihr das Geld abgenommen, also da bräuchte sie nochmal ein paar Euro, ob sie ihr das geben würde. So reich sei sie nicht, sie frage das jetzt nicht aus Gier heraus. Die freundliche Verneinung beendet das Anliegen nicht. Weitere Minuten vergehen: Bielefeld, keinen Schein mehr, Taxi blöd, Zumutung… in unendlicher Reihung, laut, fordernd, leidend,…

    Ich will nicht ungehalten sein, das hat keiner der Beteiligten verdient. Das hier ist jetzt so, denke ich, und ich kann nichts zum Guten daran ändern. Ich gehe ins Bordbistro und trinke Kaffee. Meine Liebe zum Menschen erholt sich schnell und ich beschließe die Rückkehr. Ein Zufall jedoch macht meinen Sitz unbewohnbar: „Sehr geehrte Damen und Herren, aufgrund eine Notarzteinsatzes am Gleis entfällt unser Halt in Bielefeld.“ Was das für die Insassen meines Waggons bedeutet, zeigt sich kurz darauf – die Mehrzahl erscheint im Bordbistro und bleibt mit mir im Mief verkochter Erbsensuppe liegen.
    Die Sitznachbarin der narzisstischen Störung kümmert sich – ich sehe sie beim Schaffner im Bordbistro – sie organisiert eine Verbindung nach Bielefeld.

    Berliner Schusterjungen:

    „Robert, komm, nicht so neidisch gucken!“

    „I did some research on it last night. It’s a really big problem in Germany.“

    „Damit kann sich der Entscheider nicht identifizieren.“

    Ach ja, der Geist – . Jakob Burckhardt, heute noch mehrheitsfähig.
    „Die Menschheit ums Mittelmeer und bis zum persischen Busen ist wirklich ein belebtes Wesen, die aktive Menschheit. Dieses Wesen dringt auch einmal im römischen Weltreich zu einer Art Einheit durch. Hier allein verwirklichen sich die Postulate des Geistes; hier allein waltet Entwicklung und kein absoluter Untergang, sondern nur Übergang. […] Durch langsame Entwicklung, wie durch Sprünge und durch Weckung der Gegensätze hängen wir geistig mit ihnen zusammen. Es bedeutet ein hohes Glück, dieser aktiven Menschheit anzugehören.“

    Berliner Hurenkinder:

    „Gefällt es Ihnen? Dazu würde eigentlich der Priester-Polo in lichtblau gut passen.“

    „Ich bin ein Apfel, frisch und saftig!“
    „Seid ihr denn auch billig?“
    „Wohlan, ich bin ein saftig Apfel, frisch und billig.“

    „Wann heißt es eigentlich Expat und wann handelt es sich um Arbeitsmigration?“

    „Die Menschen haben ja keine Ahnung, was das orthopädisch mit einem macht, wenn man für alles viel zu groß ist.“

    TTIP.
    Ein Schrecken, der sich ins Miteinander eingeschlichen hat, erscheint bewusst und zwar mit Namen, meldet sich beim Klopfen an der Tür – der des Schlafzimmers. Beiläufig und mit Wohlwollen wurde zuvor ignoriert was als nächtliches Geklapper in der Küche schon seit langem die Geschäfte treibt, ohne die wir doch nicht schlafen können. Was bringt da der beschwichtigende Vorwurf, alles bliebe beim Alten?

    Ein Sommer, wie er nicht sein soll.
    Der Sommer als vom Wetter induzierte Stimmungslage schafft nur eine schüttere Übereinkunft zwischen den Bewohnern der Halbkugel. Man muss sich über ihn unterhalten: kein richtiger Sommer, ein verregneter Sommer, ein brutal heißer, trockener Sommer, ein kurzer Sommer, auch gar keinen Sommer kennen wir. Festgemacht wird der Sommer an der Sichtbarkeit des gelben Balles, der Menge Niederschlags und der gefühlten Temperatur, jedoch nicht nur im meteorologischen Mittel auf die Monate Juni bis September, auch sein timing zählt. Schien die Sonne auch am Wochenende, waren die Schulferien verregnet, erreichte uns die Schafskälte wo wir uns doch extra freigenommen? Der Sommer findet nur statt, wenn wir Zeit für ihn haben. Ansonsten hat man vom Sommer eben nichts gehabt.
    Auch darf der Sommer das rechte Maß nicht verfehlen. Eine wohltemperierte Zeit, nicht zu extrem, sollte er sein. Kommt er zu plötzlich, kollabiert der Kreislauf des Mitteleuropäers und sein trockener Mund spuckt mit letzter Kraft vorm Sommer aus, beschwert sich über ihn, dass er so unvermittelt hereingebrochen ist übers Gewohnheitstier. Wird die Temperatur zu hoch, oder wird die Luft zu feucht – auch dann hat er seinen Titel verspielt, der Sommer.
    Was als zu heiß, zu trocken, zu feucht gilt, auch da besteht Gesprächsbedarf zwischen Schweden, Franzosen, Italienern. Dann gibt es noch die Bauern, die der Regen freut, die Alten, die nach Luft schnappen, die Allergischen, Pigmentgestörten und Verbauten – eine breite Minderheit, die nur selten den Luxus eines Vitmain-D Mangels verspürt und den Sommer verkompliziert. Vielleicht ist der Bewohner der norddeutschen Tiefebene zwischen 23 und 26 Grad Celsius, zwischen 40 und 60 Prozent Luftfeuchtigkeit, Sonne bei Tag und Regen bei Nacht zu über 50 Prozent zufrieden. Es wäre dann für die Mehrheit – zumindest theoretisch – ein richtiger Sommer.
    Natürlich kann wer sich in den idealen Bedingungen wiederfindet, dennoch unterm Sommer leiden. Vor allem der Nachbar, der noch unbekannte Nebenmann wird dem Genussbereiten zur plötzlichen Gefahr. Man denke nur an Michael Douglas in Falling Down, den Mörder des Fremden bei Camus, den gelangweilten Halbstarken im Schwimmbad und all die anderen Terroristen, die bei summer-feeling brechen müssen.