sache 01

    Im Grunde bösartig ist die zeitgenössische Idee des lebenslangen Lernens. Noch immer poltern die Ausbeuter im Namen der Vernunft, Lehrjahre seien keine Herrenjahre. Der Normalfall der Lehre ist nur erträglich in der Aussicht auf ein baldiges Ende.

    „Fußgängerzonen, Fußgängerzonen, […] Ach Du schönes Westdeutschland.”
    Ich behaupte die Allgegenwart der Inneneinrichtungs- , Gedöns- und Privatisierungsläden: Butlers, Xenos und Mythos.

    In der U2 ergibt sich für mich bisweilen der Höreindruck einer Voliere. Ich sitze dann inmitten schreiender Vögel. Dem ist offensichtlich nicht so und ich suche nach der Erklärung. Unter den Sitzen der alten Bahn finden sich Gitterklappen. Sie muten an wie Käfige und ich stelle mir vor: da sind die Vögel drin und sie wollen raus. Erkennbar – ein Schlitz. Dort lassen sich wahrscheinlich mit einem Schlüssel die Türen der Käfige öffnen. Ich frage mich, wer hat den Schlüssel?
    Die anderen im Raum, deren Apparat noch Richtungshören zulässt, ist viel zu früh schon klargeworden, dass das Geschrei durchs Fenster kommt und irgendwas mit Hartmetallen und einer Last zu tun haben muss.

    Verschreiber des Tages: Fromkritik.

    The current notion of lifelong-learning is fundamentally evil. While the exploiters of today sure are reasonable heirs of tradition, the exploited still see time working for their cause. A German idiom frames the outlook of advancement – the years of apprenticeship are not the year of the master. By contrast, how devastatingly honest does the English equivlaent prepare the life-long learner for his position – life isn’t easy at the bottom.

    „Pedestrian malls, I’m walking through pedestrian malls, […] Oh, West-Germany, the beautiful.” (Rainald Grebe, The Hongkong-Concert).
    Walking the German inner cities, one cannot but admire the omnipresence of stores selling the good life in form of shenanigans. Revealing are their names, Butlers, Xenos and Mythos.

    On the Berlin subway line U2, I frequently fall prey to my imagination. Hearing impressions inform the idea, I was travelling on board an underground avery. As I do not see the birds themselves, I must be wrong.
    Yet, underneath the seats of the old cart, where we have our feet, a metal-grid seperates some space from our access. Not unlike cages, they allow me to assume that they contain the screaming birds. Obviously, they want to be set free and I can see a narrow slot, built to hold a key. I am asking myself, what kind of custodian or care-taker would be the owner of this key?
    Those whose hearing is not impaired, probably everybody else in the cart, they know all too early that the screaming enters our space through small open windows, and that it has to do with iron and the necessity to move something very heavy.

    typo of the day: the critique of from

    L’ideé que toute la vie est une form d’apprentissage, c’est profondément méchante. Encore, les capitalistes de nos jours, ils peuvent se reposer sur la tradition. Se former est un rude métier, dit une vielle adage et comme la variation allemand, parle d‘ une amélioration: Les années de l’apprentissage, ils ne sont pas les années du maitre. Je crois, l’adage le plus sincère, c’est la variation anglaise: En bas, la vie n’est pas facile.

    „Zones piétonnes, zones piétonnes, […] Ah, l’Allemagne de l’Ouest! (Rainald Grebe, Le Concert Hongkonk)
    Quand on va faire les courses dans la ville allemand, la toute-présence des boutiges quelques-uns vendent des bibelots, cette une chose étrange. En plus, leurs noms sont soupçonné: Butlers, Xenos et Mythos.

    Dans le metro no.2 de Berlin, parfois, je pense que je me trouve dans une volière. Alors, je suis assis parmi les oiseaux hurlement. Évident, c’est n’est pas le cas. Je cherche la expliquation et mon avis, il reconnait des cages a bout de les sièges. Des panneaus, fabriqués de fer avec une grillage et une fente pour le clé. Je crois, les oiseaux, ils veulent déserter et je me demande: qui est l’homme que tient le clé?
    Les otres passagers, ceux qui tiennent des oreilles en bonne santé, ils sont en désacord. Malhereusement, ils savent avant terme la cause derriere le bruit: faire mouvoir quelque chose très pesant.

    Une faute de frappe, que je ne peut pas traduire: Fromkritik.

 

    Statistisch gesehen.
    Manchmal kommen einem Ideen, da fragt womöglich ein Anderer: ich bin doch Bewohner derselben Welt, dies eine, von dir hier starkgemachte schien mir nicht bedenkenswert. Mit dieser Einleitung will ich verteidigen das profane Objekt meiner Neugierde: die deutsche Notrufsäule.
    Die bundesdeutschen Autobahnen bringen es auf insgesamt über 17.000 Notrufsäulen. Alle zwei Kilometer muss eine stehen, doch Deutschlands Autobahnnetz bringt ’nur‘ auf 13.000 Kilometer. Hier könnte ein Anderer einsetzen und sich zeitintensiv wundern.
    Noch ohne jedes statistische Wissen geschah es mir auf der A 31, auf dem Weg von Norden nach Süden und in etwa auf der Höhe von Twist Die große Anzahl an Notrufsäulen fiel mir auf und binnen weniger Wiederholungen, jetzt da ich sie sah, also binnen sagen wir 4×2 Kilometern, hatte sich mein ansonsten mit 140km stark bewegtes Denken festgefressen an diesen Kisten. Denn das sind sie ja, grobe Apparate auf Ständern. Säulen, das sind Kulturträger, antikes Griechenland, sie sind dorisch, ionisch, etc… ich wüsste nicht woran das zu erkennen ist. Übertrieben repräsentative US-amerikanische Hauseingänge haben sie auch. Ihre Verzierungen sind divers, womöglich dior -ish, also Mode. Notrufsäulen sind nicht einmal das, wohlwollend könnte man noch urteilen: die Notrufsäule ist total old fashioned.
    Trotzdem auf jeden Bundesbürger gefühlt 11 Mobiltelephone kommen, werden, laut Statistik, noch etwa 70.000 Notrufe jährlich in den Trichter der Anlagen abgegeben. Das aktuelle Modell der Firma Siemens besitzt die vielsagend gestrige Bezeichnung NRS 2000. Über das Gewicht der Apparate schweigt sich das Datenblatt aus. Ich vermute, sie sind schwer. Eine wesentlich kleinere Einrichtung für den Bahnbetrieb kommt auf 4 Kilogramm, auch das ist bereits alles andere als ‚handy‘. Ebenso lässt sich der Gehalt der Notrufsäule nicht ohne weiteres feststellen. Ich vermute eine Anzahl von Platinen, vorgeschaltet Omas altem Telephon mit Stoffüberzug. Viele Menschen scheinen die Neugierde über das Innenleben der Notrufsäulen zu teilen. Jedes Jahr werden hunderte Apparate zertreten, abgesägt, zerschmettert, sogar gesprengt.
    Unabhängig von exaktem Gewicht und genauer Zusammensetzung handelt es sich um viele zehntausend Kilo Material, die dort verbaut wurden und werden. Schon diese Menge überforderte mich. Wie veranschauliche ich 17.000 Notrufsäulen auf einem Haufen? Welch ungeheure Ansammlung planetarer Ressourcen. Was ließe sich damit anfangen? Plastik, Silizium, Stahl und andere Metalle.
    Ich schlage zu Hause angekommen dann Folgendes nach. Der Wagen mit dem ich mir diese Strecke erfuhr, besteht aus 1.7oo Kilogramm Plastik, Silizium, Stahl und anderen Metallen. Stehe ich mit 150 anderen, die ich überblicken kann, im Stau, wären es über 250.000 Kilogram auf einem Haufen. Außerdem: In Sichtweise unseres Hauses steht ein Windpark mit mehreren Anlagen vom Typ WEA E126. Ohne mir die unsichtbaren Fundamente zu veranschaulichen, blicke ich pro Anlage auf 3.000.000 Kilogramm Material. Allein in den Flügeln rotieren die Notrufsäulen tausender Kilometer Autobahn. Schwindel befällt mich. Notrufsäulen, Windräder… ich weiß noch nicht, ob ich die Autobahnstrecke an die Küste so leichtfertig ein weiteres Mal unternehmen werde.
    Doch, ob ich daheim meine Ruhe wiederfinde? Im Internet kursieren Schätzwerte für das Gewicht eines deutschen Einfamilienhauses, die mir den Schlaf rauben. Drei Uhr morgens schließlich nehme ich die Kofferwaage zur Hand. Sie ist eines von 10.000 Besitztümern des durchschnittlichen Nordeuropäers. Meine Vorfahren konnten nur schwer Dinge wegewerfen. Ohne Zweifel schlägt unser Haushalt nach oben aus. Ich hänge alles in die Kofferwaage: Teekanne, Bonbon-Dose, Koffer. Des weiteren den Beutel Zwiebeln 500 Gramm, steht doch dran, Geschirr kann gut im Einkaufsnetz gewogen werden, CDs, DVDs, Bücher, Werkzeug, … disfunktionales Dekors an jeder Wand, auf jeder Anrichte. Wie die Anrichte wiegen? Zinn-Geschirr, Zinn-Dosen, ein paar Elephanten aus Holz, eine alte Fleischwaage (bei aller Schwere des Gusses, wiege ich letztere mit ironischer Heiterkeit) Doch bald vergeht es mir: Was tun mit den Möbeln?
    Die Aufgabe ist unlösbar. Mein Wille scheitert an den Möglichkeiten. Ich muss mit Schätzwerten arbeiten, sie nehmen dem Ergebnis seine Autorität. Ein letzter Gedanke, ehe ich mich aufs ungewogene Sofa setze: wie die Kofferwaage selbst wiege, Fleischwaage, google, amazon hat die Waage gewogen. Jedoch, wurde das Paket mitsamt Zettelei gewogen?… Ich setze mich. Im Fernsehen kommt: Hitlers Bunker, danach: Hitlers Panzer. Guido Knopp, diese sadistische Bestie. Ich und wechsle den Kanal. Alexander Kluge hat nachgerechnet, auf Halberstadt sind über 1.400.000 Kilogramm Bombenmaterial abgeworfen worden. Ich schalte den Fernseher aus, den Computer dafür an. Auf der Startseite meines Email-Betreibers erscheint die Sensation des Tages: Detlef D Soest hat 2.000 Tonnen abgenommen.
    Derartige Häufungen trieben dei Menschen in den Nervenzusammenbruch, denke ich. Mich treiben sie an den Kühlschrank. Ich esse eine Tafel Ritter Sport zu 100g und ein Glas Milch, Inhalt: 350ml. Ohne Angst vor weiterem Übergewicht benenne ich die der kurzen Orgie folgende Ruhe. Es ist die aso genannte Bettschwere.

    Die letzte Sendung Maischberger vor der Sommerpause. Eingeladen waren: eine Ehrenamtliche, mehrere Politiker, ein Terrorismusexperte und kein Journalist. Claus Strunz, ehemaliger Chef der Bild Am Sonntag, gab aber preis, wofür er Experte und Lehrer ist, nämlich die zeitgenössische journalistische Schule: „In Twitter veritas“ und „Googlen Sie mal ‚Grüne gegen…‘, was da alles kommt.“
    Wenn ich ‚Claus Strunz‘ google, finde ich Videos mit seinen Äußerungen gerne und oft bei pi-news verlinkt. Das hingegen war jetzt echte Recherche und zeigt womöglich einen Trend?

    Ganz junger Typ in Chucks und T-Shirt, neben mir im Café, am Tisch zu seinem gleich gewandeten Kollegen: „Wenn man Künstler sein will, muss es nach außen tragen, sonst wirst Du überrannt. Es gibt auch normale Künstler, aber wenn man erfolgreich sein will, ist man besseer ein ordentlich spacy“

    Es gibt Menschen, denen bei nicht-gelingen alltäglicher Aufgaben ihre Selbstkontrolle abhanden kommt. Das Schloss klemmt, das Gefäß lässt sich nicht öffnen, der Hund wird nicht stubenrein. Bei allzu großem Widerstand der Objektwelt gegen den eigenen Willen kommt, so glaube ich ein frühkindliches Trauma zum Ausbruch. Es ist das blanke Entsetzen darüber, dass sich niemand bereit erklärt diese Aufgabe für mich zu übernehmen.

    Das Problem wenn man überall nur kurze Zeit wohnt:

    Ostfiresland
    Blatimore
    Brelin
    Isselbrug

    „Erdo-Gone“
    titelte the daily beast und berief sich auf NBC-News, diese hätten Informationen von offizieller Seite, dass sich der türkische Präsident Tayyip Erdoğan nicht mehr in der Türkei aufhalte. Ein Asylgesuch an Deutschland sei verneint worden, nun suche man nach Alternativen, am liebsten England.
    So sehr man sich eine ironische Wendung der Geschichte auch herbeisehnt, sollte doch für die Schönheit der Meldung nicht der journalistische Standard unter ständigem Rühren in den Ausguss zu gegossen werden. Die meisten deutschen Sender, Zeitungen und Portale (außer heise und der dolle kopp-Verlag) haben sich an die Grundregel gehalten, mindestens eine zweite unabhängige Quelle abzuwarten und sich nicht nur auf NBCs Rolle und Ruf verlassen. Das gab mir ein wenig Trost, dass die Freude an der real-time Apokalypse nicht um jeden Preis mit pulp gefüttert wird.

    Dallas.
    George Bush wurde mit seiner Tanzeinlage zu Unrecht der Lächerlichkeit preisgegeben. Ich stelle dagegen: wer beim ordentlich feist gestampften Glory Glory Hallelujah im Sessel offiziöser Zurückhaltung verbleibt, der hat kein Herz.
    Andererseits: Die Tea Party besteht aus lauter fröhlichen Tänzern, die zum beat von Glory Glory Hallelujah alles fahren lassen. Dass da einer kommen wird und viele werden brennen müssen, wenn er dann kommt, schafft es nicht bis in den Fuß. George Bush hat die Apokalypse jüngst durchgespielt und weiß, dass das Feuer nicht für ihn bestimmt ist. Es zündelt sich entsprechend ungeniert. Die rechte Andacht gelingt ohnehin nur denen, die wissen, dass es ihre Stunde ist, die bald schlägt.

    Avengers, X-Men, Star-Trek,… you name it.
    Wir erleiden Erzählarmut. Entweder durch die Impotenz der Stückschreiber, oder den Unwillen der nachfolgenden Glieder in der Produktionskette, Verleger, Studios, etc. Sie setzen immer auf den einen Zug, dessen Kraft sich speist aus der Notwendigkeit. Notwendig erscheinen im Disney Kino vor allem die Rache und das Überleben. Beide haben nur ein Objekt: die Familie. Man beachte: auch wenn es um die Drohung globaler Versklavung geht, verhandelt ein Klan die Frage über Leben und Tod.
    Emotionalität besteht nicht ohne ihren Ausdruck. Dieser ist geschichtlich. Immer wieder zum Schweinetrog mit den Resten alter Identifikationsangebote getrieben zu werden, voll mit albern verkürzten Zuständen von (Film-) Figuren, ihren zweifellosen Motivationen und archaischen Lernprozessen- ich empfinde das als tiefe Beleidigung meiner utopischen Seele.
    Science Fiction könnte, sollte, müsste Ausblicke generieren, Visionen die vom mythischen Kern basaler Emotionalität abstrahieren. ‚Entwicklung‘ wird ansonsten nur anschaulich im Technologieporno, den wir so gerne in 3D herumlasern sehen. Wenn uns schon abgeht eine andere Natur zu imaginieren, so möchte ich doch nicht schon bei der Kultur kapitulieren müssen. Mit aktivierter Phantasie,
    hieße extraterrestrisch, durch andere Welten sozialisierte Wesen,
    hieße futuristisch, durch andere Zeiten sozialisierte Wesen.
    Einen Weltraum denken, der nicht ans Niederste appelliert, sich nicht auf den kleinsten Nenner zurückzieht, den vulgären Darwinismus nicht zusammenfasst in permanenter Todesdrohung. So ein Entwurf wäre Ausdruck echter Menschenliebe. Er bedürfte des Glaubens, dass wir noch bewegbar sind – ganz ohne Waffengewalt.

    A quick guide to subtitles for the deaf and the hard-hearing. Today: Soccer.

    a) audio from players and trainers on field: indistinct chatter
    b) audio from commentator: bla bla bla. read statistic online.
    c) audio from interviews after the game: we won / we lost / drawn

    Sprachliche Besonderheiten in Schöneberg. In ihnen steckt, glaube ich, die Hoffnung des Konsumenten, man habe immerzu die Wahl.
    a) Ein Anschlag wegen entlaufener Katze: “Suche Katze”
    b) Der Name einer Schneiderei: “Veränderungsatelier”

    Am Telephon mit meinem alten Professor, sein Kommentar zu den biographischen Herausforderungen mitte dreißig:
    “Manchmal braucht es in der Schlacht den ganzen Mann, da darf man sich nicht zerteilen lassen. Du müsstest jetzt umsteigen, weg vom divertissemente, hin zur Wagner-Oper.”
    Ich: “Am Ende alle tot?”
    “Das sowieso.”

    Der Glaube überall Leben zu können steht hinter mir. Er schubst den ansonsten Unwilligen noch über jede Schwelle.

    And I am so very tired Of doing the right thing. Dear God, Please Help Me; Morrissey.
    Der kategorische Imperativ beim Konsum und beim Denken in Begriffen lautet: Ich muss mein Verhalten ändern, weil es Bestandteil unterdrückerischer Praxis ist. Ich habe versucht ihn auch auf meinen Blick und das Berühren der Welt anzuwenden. Die Folgen, glaube ich, sind verheerend. Die Angst davor, dass mein Zugriff aufs Subjekt, dieses immer objektiviert, führte zur sozialen Verblödung.
    Niedergedrückt widmet man sich nur noch den leblosen, ohnehin schon versteinerten Dingen, um nicht eine weitere Ikone für den weißen europäischen Mann abzugeben. Die dahinter liegende Prämisse: in meinem Blick und meiner Berührung stecken keine Menschenliebe, sondern das Alte Testament, Kolonialismus und Bill Cosby. Sie weiter der Welt zuzumuten, spricht gegen die Vernunft.

    The Way of Life.
    These: eine Ethik ohne humanistischen Rest führt zur Selbstauslöschung. Eine ordentliche Revolution muss Lebensqualität neu definieren, nicht zum kollektiven Selbstmord bestimmter Gruppen oder der Spezies aufrufen, als gelte es die restliche Schöpfung vor unserer oder fremder Schuld zu bewahren.

    Bud Spencers Kommentar zum sozialen Umgang in Berlin.
    „Ihren Kotzbalken lassen Sie lieber kalt, sonst fliegen wir alle in die Luft.“
    außerdem:
    „Hand geb‘ ich nicht, kann leicht festkleben!“

    Marc Jongen, philosophischer Notnagel der AfD im Interview mit D-Radio Kultur, mit der entlarvenden Metapher.
    “Und die Verantwortung der Politik würde nun eigentlich darin bestehen zu versuchen, diese Gräben, die hier aufgeschüttet sind, nicht immer weiter zu vertiefen, indem man jetzt nur sozusagen der einen Seite Recht gibt und mit Nazi-Keulen und was da alles noch so an Waffen zur Verfügung steht, auf die andere Seite einzuschlagen, sondern man müsste die Berechtigung anerkennen, die auch auf der anderen Seite liegt.”

    Gespräche nach Stadtteil geordnet.

    NEUKÖLLN. Spanier. Heavy Metal Gitarrist auf Ausstellungseröffnung: „I am totally ignorant about this artsy thing. My grandmother can do this, I mean and then, what, four thousand million dollars?“

    WEDDING. Poststelle, Mitarbeiter: “Muss selbs draufkleben. Da vorne, andere Kasse, gibs Tesa, 4,50.”

    SCHÖNEBERG. Poststelle Mitarbeiterin: „Das dürfte ich Ihnen eigentlich gar nicht wieder aushändigen, aber machen Sie mal in Ruhe.“

    MITTE. Künstlerin, 20, mit teurem Hut: “Heute hab ich sonne Sache geschrieben, also, da gehts um Tod. Da ist die eine line, die find ich super geil. Da könnte man nen Kurzfilm draus machen.”
    Reicht Notizbuch mit ‚line‘ herüber, nach kurzem Lesen das Gegenüber: “Schön.”

    Brite, besoffen: “the reason the american economy is in decline are the labour unions.”

    Ein Süppchen kochen.
    Vor einiger Zeit las ich auf der Internetseite einer bekannten Wochenzeitung ein Rezept. Eine Gans war daran beteiligt, wurde gestopft, um sich in zwei oder mehr Stunden bei vielen hundert Grad in eine Delikatesse zu verwandeln. Die Details, wie mit dem Brocken Fleisch umzugehen sei, habe ich vergessen, während der Kommentarbereich großen Eindruck auf mich gemacht hat.
    Kommentarbereiche sind Ausdruck demokratischer Gesinnung der vierten Gewalt, glaube ich. „Das Braten der Gans bedarf, soll sie lecker saftig werden, der Zuführung von Flüssigkeit“ könnte in einem Kochforum für Köche stehen. Der Sender dieser Botschaft hätte ein Versäumnis des Rezeptes aufgefunden und wäre bemüht, eine im Rahmen seines Erfahrungshorizontes formulierte Lösung anzubieten. Sicherlich könntena andere Köche ihm schlicht mangelhafte Erfahrung unterstellen, andere Lösungen anbieten, oder das Problem selbst in Frage stellen. Derlei könnte stehen im Kommentarbereich eines Forums für Köche.
    Die Anzahl ausgebildeter Köche in online-Foren ist begrenzt. Die professionellen Kräfte müssen auch mal schlafen. Es kommt meist zum Ausbruch der Amateure. Sie besprechen nicht die Details des Vorgangs, sondern variieren nur einen einzigen Vorwurf: das Gegenüber hat einen schlechten Geschmack. Dieser Vorwurf ist ein moralischer: „120 Minuten bei 250 Grad und das in Zeiten von Fukushima! Ich glaube mir wird schlecht.“
    Die Prämisse dieses Eintrags ist im Hinblick auf unsere Lebenspraxis radikal: Kochen ist nicht Kulturleistung, sondern Verbrechen. Katholiken können hier schnellen Anschluss finden. Geradezu zwingend die Schlussfolgerung: das Brot zu brechen beinhaltet schon, dass ein sündhafter Mensch es gebacken hat.
    Durch den Beitrag inspiriert, erinnere mich an den großelterlichen Haushalt. Jeden Tag, drei Stunden, vier Kochplatten, dann noch der Kuchen für zwei Stunden im Backofen. Meine Erinnerung wird menschheitlich universell und ich rechne hoch. Wenn jetzt sieben Milliarden Menschen Omas Kuchen essen wollten… die Dimension erhält apokalyptische Ausmaße. Woher käme die Enerige, woher das Getreide, das Aroma Vanillin, wenn die Chinesen Omas Kuchen wollten? Das übergroße Begehren nach Kuchen, schaffte den Kuchen für mich schließlich ab. Oma könnte die Zutaten nicht mehr bezahlen (ein Kilo chinesisches Mehl: 84,99, ein Liter Milch, das weiße Gold, pam pam pam, so funktioniert der Markt, Handelskrieg, nuklearer Fallout.) Noch, denke ich, kostet die Stange Palmin 59 cent. Nach dem Kaffee legen wir uns eine Stunde hin – wenn das alle täten! Wir duschen, manch einer fährt zur Schaumparty nach Duisburg. 10.000 Liter Schaum denke ich noch, während mein Urin mit sechs Litern Wasser scheinbar auf dem Weg nach China ist. Ich habe mir viele Rezepte von Oma aufgeschrieben, zum nachkochen.
    Ich schreibe selbst ins Forum.

    Liquify: „Nicht nur den Ofen auf volle Pulle, sondern auch noch Flüßigkeit hinzufügen. Die Sahra wächst und wächst.“

    JohannR: „Wer ist den diese Sahra“?

    DezemberNietzsche: „Das mangelnde Wissen, um die Anwendung der neuen deutschen Rechtschreibung zeitigt auch in ihrem Fall wieder tolle Blüten. Das scharfe ‚ß‘ ist nicht etwa abgeschafft worden, sondern … [mehr lesen]

    MettForEver: „’zeitigt Blüten,‘ haha, ich sage mal, Rechtschreibung ist nicht alles.“

    Liquify: „Der Mangel an Respekt vor der Natur, der hier offen gezeigt wird, erschüttert mich.“

    Ich lasse mehrere Aufrufe zu Sachlichkeit und Besonnenheit folgen. Sie sind Teil meiner Arbeit am Distinktionsvorteil. Niemand macht bislang den Vorwurf des Faschismus, entsprechend, muss ich auch das noch selber leisten.

    Liquify: „Wer seine Pisse mit sechs Liter Wasser wegspült wär auch Wachmann im KZ geworden.“

    Alternative18: „Ich kann es nicht glauben, wie hier das Erbe unserer Väter … [Anm. der Redaktion: die Leugnung des Holocausts steht in Deutschland unter Strafe. Vielen Dank]

    wombat92: „Die Amerikaner geben mehr für Rüstung aus als der Rest der Welt zusammen. Wir werden uns noch umgucken, wenn denen das Wasser ausgeht!!!

    Ab hier in Ruhe abwarten. Bei Bedarf durchs Ofenfenster nachsehen, ob noch genug Flüssigkeit drinnen ist, damit alles lecker saftig bleibt. Bei Bedarf nachgießen, ein kleines, rhetorisches Mittel im Kampf ums letzte Wort vielleicht.

    Liquify: „Es lohnt sich nicht! Perlen vor die Säue!“

    Guten Appetit.

    Empörung I. Im Sinne eines berühmten Fragebogens verfasste Fragen mit Hinblick auf die Diskussion um die Verschärfung des Sexualstrafrechts, den Austritt GB aus der EU und das Ende des Abendflandes (AfD).

    Sind Sie als Mann verletzbar und wenn ja, bleibt dann der Deutsche in Ihnen von dieser Verletzung unbehelligt?

    Sind Sie als Frau verletzbar und wenn ja, bleibt dann die Deutsche in Ihnen von dieser Verletzung unbehelligt?

    Empfinden Sie die beiden letzten Fragen als gleichrangig? und wenn nicht, wo würden Sie diese Ungerechtigkeit zur Meldung bringen?

    Mit welchen Gruppen halten Sie sich solidarisch?

    Mit welchen Personen des öffentlichen Lebens halten Sie sich solidarisch?

    Engagieren Sie sich sozial und falls nein, warum nicht?

    Engagieren Sie sich politisch? und wenn ja, inwiefern?

    Vertritt die von Ihnen favorisierte Partei ein Gesellschaftsbild in dem Sie sich wiederfinden und wenn ja, auf welcher Seite stehen Sie?

    Ist die von ihnen favorisierte Partei an der Regierung beteiligt? Falls nein, benennen Sie drei Dinge, die bei einer eventuellen Beteiligung als Verbesserung zu erwarten sind.

    Halten Sie es für richtig, sich auch gegen die eigenen Interessen für eine gerechtere Gesellschaft einzusetzen?

    Gehen Sie wählen?

    Halten Sie den Postkolonialismus ebenso für ein Problem der Gegenwart wie gesellschaftliche Diskriminierung im Hinblick auf Geschlecht und Ethnie und falls ja, mit wem reden Sie über Postkolonialismus?

    Spenden Sie Geld für gemeinnützige Organisationen und falls ja, wann?

    Benennen Sie in Stichpunkten: was ist Geschlecht?

    Waren Sie Charlie und wenn ja, warum?

    Hat Sie die letzte Frage empört und falls nein, glauben Sie, dass man Sie deswegen für einen schlechten Menschen halten könnte?

    Wenn jemand sie für eine Meinung zur Rechenschaft ziehen will, sind Sie zu einem Gespräch bereit und wenn ja, wann haben Sie sich das letzte Mal auf Augenhöhe gestritten?

    Halten Sie es für notwendig in sozialen Netzwerken auf Klarnamen zu bestehen und sollten persönliche Daten (Religion, Geschlecht, Nationalität, etc.) verifiziert werden? Falls nein, warum nicht?

    Äußern Sie sich in Internetforen und falls ja, korrigieren Sie Rechtschreibung und Syntax von Menschen, denen Sie inhaltlich zustimmen?

    Wenn Sie einen Film, oder eine Reportage schauen, identifizieren Sie sich eher mit dem Schicksal von Frauen oder dem von Männern?

    Wenn Sie einen Film, oder eine Reportage schauen, empören Sie sich mehr über das Leid von Menschen, oder das von Tieren?

    Zitate aus Herzogs Buch zur Eroberung des Nutzlosen, auf die Rückseite einer alten Postkarte gekritzelt. Das Buch mitsamt den eigentlichen Notizen darin, mir so identitär wichtig geworden, ist verschollen.
    S. 18: „Die Menschen verbringen hier die Tage damit, dem Fluss zuzusehen.“
    S. 20: „Bleierne, ausweglose Labyrinthe der Müdigkeit.“
    S. 21:  „Die Enten stehen draußen im Regen, stumm und reglos, und denken intensiv an nichts.“

    Ich habe mich früher sehr über die Heute Show aufgeregt, weil sie als komisches Prinzip eben nicht die Starken sich zur Brust nimmt, sondern bloß auf eine Stufe mit den Schwächsten der Gesellschaft stellt. Die Script-Schreiber verblödeln immer wieder ihre Stoßrichtung, wenn sie Politiker als altersschwach, oder als sich prostituierend dem Gelächter preisgeben wollen.
    Heute weiß ich, dass ich sie mitsamt dem Mario Barth einfach nur in ihrem Traditionsbewusstsein unterschätzt habe. Sie berufen sich auf den Altherren-Witz. Das geht durch, weil wir vor lauter politischer Korrektheit des Kabarets jedes nur kernig genug vorgetragenes mille mille mille als Befreiung empfinden.

    Zum Aufstieg der AfD.
    Was wie vernünftig ist, entscheidet die psychische Ökonomie.

    Norman Nodge hat zu seinem eigenen Vortrag an der FU vor knapp zwei Jahren folgendes gesagt: “Ich finde das Thema wissenschaftlich schwierig, es ist so primitiv”. Vielleicht habe ich das sogar schon einmal irgendwo erwähnt, aber mit Ausblick auf den Sommer in Berlin, kommt so einiges hoch.

    Vorübergehende Beobachtung.
    Die saisonale Vernachlässigung der Körperhygiene zeigt den Sommer an – Graduation-period, der Endspurt, das intensive Versumpfen. Eitelkeit fordert die Erholung. Der fett und schmierig gewordene Student macht sich wieder fit für den Markt, sofern er nicht pausenlos übergeht durch zusätzliche Tätigkeiten, Sommer-jobs, die statt Strand, Camp oder Countryclub ihn weiterhin in tiefe Höhlen führen. Forschung, Vorbereitungen auf Aufnahmeprüfungen etc., standardized Tests.
    Dann aber: das Ausbleiben des nächsten Schritts, drei Jobs, zur Aushilfe, Leben vom Trinkgeld und nicht schlecht, keine Türe, die sich öffnet, viele Katzenklappen. Philosophieren mit esoterischer Rechthaberei gegenüber den Gleichen. Drogen-Gebrauch mit Kurzweil beim Warten auf.

    Das bleibt jetzt so.
    Schief geschnittene, schwarz am Fleisch verzierte Fingernägel, angebräunte, brüchig gewordene Pfosten im Zahnfleisch, verädert, rote Netze auf der Haut, beim Kauen am eingerissenen Nagelbett, die jugendlich kippende Stimme, will irgendwann nochmal zur Kunstakademie: „The arts’n stuff, that’s totally my shit.“ und erzählt sich ihr Potenzial, bis Träume und Tag ganz unvereinbar werden. Bis dahin bleibt das so mit den Fingernägeln.

    Die Sterne besuchen.
    Eine Reise zu den Sternen hat wohl nichts mehr mit Raumfahrt zu tun. Reizlos, sich auf ein Abenteuer zu begeben, bei dem die Konflikte so vollständig im Rahmen einer Gegenwart stattfinden, deren Zukunfstaussichen nur aus planetaren und persönlichen Weltuntergängen besteht. Wen drängt es denn in den Umgebungen von ‚Gravity‘ ‚Martian‘ und ‚Star Wars‘ zu neuen Welten aufzubrechen, wenn jeder Ortswechsel nur illustriert, was wir schon von uns zu wissen glauben? Diesen surivival outdoor Trips fehlt jedes utopische Vermögen. Auch der letzte Star Trek relaunch nimmt uns den Ausblick auf ein Universum nicht regiert von archaisch emotionaler Triebkraft. Es gilt: Überleben um den Preis jedeweder abstrakter Ethik. Stattdessen rechtfertigt Rache den Mord am Fremden, wenn nur ausreichend eigene Verluste zu beklagen sind.
    Das ist dieser mitreißende Moment, die Szene, wenn der Priester, der Wissenschaftler, der Hippie, der Pazifist im Angesicht des Bösen slebst zur Shotgun greift. Endlich fällt die unerträgliche Spannung ab, der mühsam gebändigte Zerstörungstrieb darf  die Handlung motivieren. (oft reicht auch großer Satz: „Heute feiern wir unseren Independence Day!“-„Macht sie fertig!“ -mit grimmigem Augenpaar, dazu Cellos von Hans Zimmer).

    Auf dem Parkplatz verteilt ein schwer vermittelbarer Mensch Flyer an die Mehrheitsgesellschaft, die ein Auto und die Parkgebühr bezahlen kann. Ich will ihn ansprechen, dass er mir seinen Arbeitgeber zeige. Diesen dann zu schlagen erscheint mir als die gute Tat des Tages, und wenn nicht schlagen, ihn zur Einsicht zwingen in die Schweinerei: in den Pool der Jungen, Schönen und Liquiden einen schicken, der nicht schwimmen kann, ist vorsätzlicher Mord.

    Es gibt ein Denken, das Hundeköttel und Zigarettenstummel nur in die Erde drücken kann. Es tut so, als hänge es an einer der zivilisatorischen Ehrfurcht vor der schönen, glatt künstlichen Oberfläche. Dabei opfert es noch jedes kleine Beet der Stadt – nicht etwa zum Schutz von Steinen und Zement, sondern – um sich zu entsorgen. Unsichtbar im Dreck tritt meine Hinterlassenschaft sich fest. Auf dem Pflaster liegend fordert sie, dass ich tätig werde.

    Der lackierte Stoßfänger enthält ein wunderbares Versprechen: mit einem Unfall ist nicht zu rechnen.

    Tatsächlich war noch kein Mensch auf dem Mond. Der Flug erfolgte durch hochspezialisierte Typen, die, ähnlich wie Fahrer der Tour de France, sich nur im Nachhinein, in Aufnahmen als Teil der Landschaft begreifen konnten. Ich kann mir vorstellen, dass, wer einmal auf dem Mond und bei der Tour de France geackert hat, sich sehr nach Orten sehnt, die er nie sah.

    Erwartungsschäden.
    Ich erinnere mich gerne an einen Ort, den es nicht mehr gibt. Sich gerne erinnern bedeutet, sich Anlässe parat zu halten. Es gab dafür Photokisten, oder die weniger schöne Form des Albums, wo sich irgendwer irgendwann Gedanken zur Ordnung der Bilder gemacht hat. Mit ihr musste man, dank Alleskleber, ein Leben lang auskommen. (es wurde wohl bemerkt, dass so ein schwer stabiles Album nicht zur eigenen Sehnsucht passt und fand Klebealternativen).
    Sich gerne erinnern meint vielleicht noch etwas anderes. Es kann bedeuten: ich erinnere mich oft und dem Anschein nach ganz ohne Anlass. Hat die Erinnerung sich eingestellt, so affiziert sie mich im Guten, ist angenehm, doch dass sie kommt, dafür kann ich nichts. Als Geschenk hat die Erinnerung etwas Wunderbares.
    In meinem Fall, der vielleicht der normale ist, provoziert sie Gesten, die mich im Ganzen auch nach rückwärts wenden. Ich atme tief ein und gucke mit der Erinnerung aus dem Fenster. Mein Auge sieht dann geradeaus im Fenster auch noch das andere Bild, weit hinter mir. Ich weiß dann für einen Moment lang: ich stehe mittendrin.
    Das ist die Ruhe des Melancholikers. Ihn motiviert die eine, blitzschnelle Pause von der Ungewissheit.In ihr ist der Blick in die Zukunft, zugleich der in die Vegangenheit.  Beim Versuch die Geste nachzuahmen, um den Genuss zu wiederholen, muss er oft lachen. Er wundert sich über all die neuen Bilder, die dabei entstehen.
    Die Bilder scheinen außer Kontrolle. Das stört den Melancholiker nicht. Er sehnt sich nur nach dem Moment in dem sie sich einstellen und seinen Schatz vermehren.
    Ganz willensstarke ältere Semester, gehärtet vom eigenen Erfolg, mit verkümmerndem Organ, sie finden sich mit ihr nicht ab. Ihnen ist der Erlös der Pause zu gering. Gegen ihre kurze Dauer regt sich dann der Wille des Tyrannen. Er sammelt all die unwillkürlichen Gesten und bringt sie bei Bedarf vor Publikum zur Aufführung. So ein Mensch bedarf keiner Anlässe mehr. Mit geschlossenen Augen beschreibt seine Vision mit größter Sicherheit ein unveränderliches Bild. Die Wechselwesen um ihn rum, die stürmend, innehaltend Atmenden, noch Lebenden darf er belehren: da vorne gibt es nichts zu sehen.
    Bleibt er für sich zu Hause, richtet sich nostalgisch ein, oder drängt es ihn in Amt und Würden? Er strebte nach der Diktatur.

    Last Man Standing.
    Ich kann den Quatsch nicht mehr hören, die Generation der ‚millennials‘ mache nur noch, was ihr Freude bereite und halte sich im Müßiggang geschäftig. Dem wäre so, wenn nicht hinter jeder sogenannten Freizeithandlung die Professionalisierung stünde. Niemand schwimmt und joggt aus Freude, sondern auf Zeit oder zum Abnehmen. Das gute Körpergefühl ‚unserer‘ Generation entsteht stehend vorm Spiegel, nicht im Wasser. Wer gerne musiziert, präsentiert sich online mit zweiter Karriere und die Computerspielerin bekommt auf ein Dutzend Klicks 7/8 cent Werbeeinnahmen. Der neoliberale Müßiggang schüttet nur dem ambitioniertesten der Amateure den kalten Eimer Endoprhin ins Zentrum seiner, unserer Angst. Mit Ausblick auf die Profiliga distinguiert sich, gegen weitren Abstieg, jedes fleißige Ding. Die freie Zeit unterliegt den Forderungen des Berufs, und wer nicht richtig Tango kann, wiederholt nur einen Mangel.
    Es gibt eine Freizeitindustrie, sie hat vor den Naturgenuss die Ausbildung von leadership gestellt. Das outdoor-bootcamp-seminar für die Führungskraft von morgen vertilgt die zivilisatorische Ruhe. So ein in Friedenszeiten militarisiertes Individuum vertraut nur noch dem Stamm, den es selbst beherrschen kann. Es gibt auch kaum Computerspiele, die ohne heroische Landschaften auskommen und sich trotzdem gut vekaufen.

    Clean family fun.
    Der Wetterbericht war nur so lange gutes Entertainment, wie niemand etwas für die Ereignisse konnte.

    „Yet another night,…“
    Nur seiner Vertrautheit wegen taugt die Platitüde überhaupt zur Einleitung des Satzes. Der Preis: er tut nicht mehr so, als könne er einer Erfahrung gerecht werden. In ihm kommt kein Einzelfall zur Sprache. Dem Satz zuliebe muss der Einzelfall getilgt werden.

    Schusterjungen.
    „The indians were much better riders than the white man“

    „My dead corpse is livin‘ proof that you don’t even care“

    „When a man don’t use good judgement, […]
    They haunt me to this day.“

    Das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit.
    Hinter dem so laut geäußerten Willen, den Flüchtlingen die Solidarität zu entziehen, steht die Weitergabe einer konkret persönlichen Drohung, die uns jeden Morgen beim Aufstehen befällt: Niemand hilft mir. Mutter Merkel wird als Personifikation einer sich kümmernden Struktur zur Anlaufstelle für diese Beschwerde. Mutter, warum liebst Du uns nicht mehr? war schonmal zu hören. Jetzt die endgültige Demütigung durch die sogenannten Flüchtlinge. Mutter hat noch Liebe in sich, nur nicht für mich. Das eifersüchtige Kind befindet das Hartz IV Niveau der Liebe berechtigterweise für ungenügend.
    Wozu diese Infantilisierung? Ja, das frage ich mich auch. Sie ist nichts, was mein kurzer Text erfindet, sondern offensichtlich in Mode, als Lebensführung erwachsener Menschen. Wie sonst lässt sich erklären, dass von allen Seiten her Verständnis aufgebracht wird für den Mangel an analytischer Schärfe und den Exzess an Gewalt? Politiker spielen sich auf als Pädagogen, die zu kämpfen haben mit einer frühen narzisstischen Entwicklungsstufe, derer, die noch auf dem Wege sind zum mündigen Bürger. Dabei verlängern sie den Kindergarten ins Unendliche.
    Vor diesem Pille Palle um den ‚Besorgten Bürger‘ hat man ihn sich doch zurechtgeschossen. Die Agenda 2010 war der Ritterschlag für einen sozial-Chauvinsimus, der strukturell die Arbeit des fiesen ‚bulli‘ übernahm. Im Kindergarten gibt’s auch immer welche, die dem Nachbarn das Brötchen aus der Klappe schlagen. Gar nicht mal aus Hunger, sondern weil es sonst der harte Tobi getan hätte. Alle haben Angst vor Tobi. Tobi hat den Respekt der anderen Jungs Er haut auch aufs Maul, wenn Mutti guckt. Deswegen bekommt er viel Aufmerksamkeit zu besondren Zeiten, wenn alle anderen schon nach Hause müssen. Von Tobi lernen heißt beim Verlieren siegen lernen.
    Jetzt sagen sie nicht, das sei sozial-Darwinismus. Das ist nicht nur vulgär im Hinblick auf die ziemlich ausgefuchste Evolutionstheorie Darwins, sondern versucht auch unsere Gesellschaftsordnung zu naturalisieren. Deswegen an dieser Stelle auch noch mal eine Warnung an die Metapher: ‚Das Kind‘ hat mit Natur nur wenig zu schaffen, sondern mit Sozialisierung. Die Erfindung der Kindheit ist eine Kulturleistung und selbst gar nicht mal so alt. In ihr gestehen wir kleinen Erwachsenen etwas Besonderes zu, weil wir zugleich darauf wetten, dass sie sich im Prozess einer Werdung befinden. Das Ziel dieser Entwicklung ist immer Bestandteil gesellschaftlicher Verhandlung gewesen. Ein frommer Gedanke aus der Vergangenheit, soll hier als Beispiel dienen: Tobi aus dem Kindergarten macht nach 20 Jahren gemeinsame Sache mit seinem damaligen Opfer und alle bauen gemeinsam einen neuen Kindergarten, in dem es nur beiläufig um Butter und Brötchen geht.
    Der ‚Besorgte Bürger‘ hingegen ergeht sich in Hilfslosigkeit. Man schreibt Briefe an Mutti, oder hofft, dass sie grad guckt, wenn mit Stäcken in der Hand einer auf der Straße verfolgt wird, mit Brötchen im Mund, geschmiert, womöglich mit viel Liebe.

    In Bier und Tränen solidarisch, auf ewig,
    Deine kleinen Racker.

    Die Forderung an eine jede, sich nicht dieser Laune hinzugeben, sondern an nächsten Morgen vorm Spiegel kritisch zu bedenken, woher die Sorgenfalten im Gesicht gekommen sind, ob auch mein Nachbar sie hat und wie wir sie in Zukunft vermeiden – davon ist der ‚Besorgte Bürger‘ befreit, sobald wir ihn ernst nehmen.

    Lügenpresse.
    Das Fernsehen zeigt, was wir immer schon wussten. Das Wetter gibt es, darauf kann man sich einigen. Es wertet als Meldung zwischen verschiedenen Meinungen und Kommentaren, seinen Kontext zur Wirklichkeit auf. Dabei zeigt das Wetterfernsehen gar kein Wetter, sondern alle 15 Minuten dessen Vorhersage. Auf Nachrichtensendern läuft sie als Banner durchs Programm, der Nachbar ruft die Vorhersage über den Zaun, auf der Arbeit fragt einer danach. Die Wettervorhersage ist entscheidend!
    Ich erinnere mich an Beschwerden darüber, dass die Vorhersagen nicht stimmten. Am Niederrhein hielt der dicke Fluss die Wolken oft auf einer Seite fest. Dann hatte Kleve den angesagten Regen, aber Bocholt nicht, und die Bocholter sagten: dem Arbeiter das Wochenende vermiesen, das wollen diese Fatzken. So schön Fahrradfahren hätte man können. Stattdessen ist man zu Hause geblieben und hat den ganzen Tag fern gesehen, Nachrichten und Talkshows, denn tagsüber kommt ja nichts Vernünftiges, danke auch, arschloch-scheiß-kack Fernsehen und armes Deutschland. Dafür zahlt man jetzt Gebühren.
    Immerhin war noch zu erfahren: der Ifo-Index, der Sonntagsfrage und Wettervorhersage. „Ich habs gewusst!“, sagt einer, ein anderer meint, „Alles gelogen!“ Beide ziehen den selben Schluss: Morgen aufstehen lohnt sich nicht.