erster September | 2021

    Es gibt so einen Geruch, es muss sich um ein Produkt von Verwesung handeln, so ein bestimmter Geruch, ein fieser Geruch, der mir alles verleidet. Nach diesem Geruch kann es nichts mehr geben und auch was davor war, wird durch ihn vergessen gemacht. Vielleicht war ich gerade in den Gedanken woanders, oder fühlte mich beschwingt, war nachdenklich, oder in Eile, und dann kommt dieser Geruch und eine Welt geht zu Ende. Ich nenne ihn Hundezwinger-, oder auch Hähnchenschnitzel-Muff, denn im Kontext dieser beiden habe ich ihn, glaube ich , das erste mal kennengelernt. Ich kann nicht mehr ganz genau sagen, was zuerst da war, der Hundezwinger, oder der Hähnchenschnitzel-Muff, vermute aber dass es so herum war. Ich aß in einem Fernfahrerrestaurant ein paniertes Hähnchenschneschnitzel, schnitt hinein und führte das Stück Geflügel zum Mund, als er mir entgegenschlug: der Hundezwingermuff. „Bah“, dachte ich, „das Hähnchen riecht und schmeckt nach Hundezwinger!“
    Später als Student kaufte ich bisweilen 500 Gramm Hähnchenschnitzel bei Plus zu 1,29€. (Für diesen Satz alleine wird man später mein Leben aus moralischen Gründen verneinen.) Wenn man die Plastikhülle um das Fleisch öffnete und die Schnitzel auftauen ließ, kam er ganz leicht aus der Deckung, aber so recht widerlich wurde der Muff erst, wenn man die Nase direkt an das Fleisch hielt.
    Dann irgendwann traf ich am College eine junge Frau in die ich ganz verliebt war, so wie sie guckte und lachte und sie hatte sehr langes, lockiges, fast schwarzes Haar. Als sie mich zu sich nach Hause einlud, war ich ganz aufgeregt und stand an der Tür der Veranda wie ein dummer Junge und wollte auch, ohne mir das vornehmen zu müssen, als dummer Junge die Nacht dort verbringen. Sie öffnete die Türe, da war gleich die Gelegenheit zum Kuss, und ich roch an ihren Haaren, weil ich konnte und durfte. Nein, es war noch nicht der Muff, sondern der Geruch von roher Zwiebel, der mir entgegenkam. Auch der Zwiebelgeruch ist unangenehm und hat etwas mit der Kombination aus Schweiß und alkoholhaltigen Pflgegeprodukten zu tun, aber darüber muss ein anderer Text Auskunft geben.
    Wir gelangten noch ins Schlafzimmer, ich war schon leicht verwirrt. Jenseits der Zwiebel war da noch etwas, das ich nicht identifizieren konnte. Anstatt sich zu konzentrieren, sich auf einander einzuküssen, konnte ich nur an diesen rätselhaften Rest denken. Ich zog nochmal an den Haaren, atmete tief ein, dann mehrmals kurz hinternander ein und aus, so wie man es macht, wenn man auf der Straße plötzlich von einem Geruch angefallen wird. Wie ein Schlag ins Gesicht war er da, der Muff war mit uns ins Bett gesprungen. Objektiv hatte sich nichts verändert, doch stand jetzt zwischen uns ein nasser Hundezwinger, durch die Streben schlabberte bedrohlich faulendes Hähnchenschnitzel, fiel mir zerfasernd, klatschend vor die Füße, verschob das Begehren nach draußen an den Fluss, wo ich frische Luft vermutete.
    Ich verbog mich und erzählte, dass ich heute nicht bleiben könnte, schaffte es nach draußen.
    Es tat mir alles sehr leid. So wie sie guckte und lachte und auch ihr langes, fast schwarzes Haar war mir nie wieder so wie vor diesem Treffen. Wir grüßten uns danach wie entfernte Bekannte und das blieben wir auch. Niemals kam ich ihr freundschaftlich nah genug, um ihr ehrlich und direkt vom Hundwzingermuff erzählen zu können.
    In den Küchen von Wohngemeinschaften in Berlin hat er mich noch ein paar mal erwischt, der Muff, und dann lange nicht, bis eben heute, wo ich in meiner eigenen Küche sitze, die ich die letzten 4 Monate untervermietet hatte. Vom Tisch einen Meter entfernt, in meinem Rücken, steht der Mülleimer und von dort her erreichen mich zwischendurch Noten von Hundezwinger. Am Boden des Eimers befindet sich eine braune Suppe vor. Sie ist keinen Zentimeter hoch, reicht mir aber bis an den Hals. Nur wenig fehlt dazu, dass ich mich übergebe.
    Ich will den Eimer als Ganzes nach draußen tragen. Darunter erscheint ein Küchentuch mit Resten einer Fleischsauce, und auch diese Tuch kommt als Quelle meines Elends in Betracht. Ich schmeiße es in einen Müllsack, den Müllsack drehe ich luftdicht zu und werfe ihn in einen größeren Müllsack. Im Garten wasche ich den Eimer mit Essigreiniger aus, schütte das Schmutzwasser in die Ecke von der ich weiß, dass die Katzen dort gerne hinscheißen. Der Eimer trocknet drei Tage in der Sonne, ich gehe kein Risiko ein.
    In der Küche denke ich noch zwei, drei mal: „Bah, Hundezwinger!“ Aber das ist nur Zeichen des Traumas. Es geht mir vielleicht wie Leuten, die schon einmal Bettwanzen bei sich zu Hause hatten und mit einem Mückenstich aufwachen. Nach kurzer Inspektion und Fremdversicherung durch Dritte, wischen sie ihre Angsttränen weg und versuchen normal zu funktionieren.
    Als Junge auf dem Land, erinnere ich mich, hatte ich ständig irgendwelche Stiche und Bisspuren auf der Haut und die kratzte ich dann auch auf. Jähzornig war ich und haderte mit dem Schicksal, dass mir solchen Juckreiz zumutete, aber Angst hatte ich keine, und ehe meinen Körper und oder meine Wohnung eine Plage befällt, die mit Juckreiz einhergeht, nenne ich mich in diesem Gebiet einen glücklichen Menschen, weil: erfahrungslos.

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