12. September | 2021

    Am 11.September 2001 bin ich morgens aufgestanden – so muss es gewesen sein. Woher ich das so genau weiß? Es war ein besonderes Datum. Ich war als Angehöriger der Klasse 12b eines unauffälligen und sehr kleinen niederrheinischen Gymnasiums auf Klassenfahrt in Prag. Meine Freundin war gerade von einem tschechischen Arzt mit Pfeifferschem Drüsenfieber diagnostiziert worden. Ich hatte keine Symptome und erlaubte mir die Annahme, ich sei immun. Die Autoritäten schickten sie aus Angst vor Ausbreitung der Seuche nach Hause, per Zug, zu dem ich sie am 11. September brachte.

    Auf dem Rückweg lief ich alleine durch die Stadt, in Richtung Jugendherberge, hielt die Richtung aber nicht allzu streng ein, ich wollte möglichst lang alleine sein. Vor dem Schaufenster eines Elektrofachgeschäfts schoben sich dutzende Männer in Anzügen von rechts nach links und wieder zurück, um einen kurzen Blick auf die Röhren zu bekommen. Ich dachte mir: Fußball, und ging zur U-Bahn. Im Waggon traf ich zu meinem Verdruss Teile der niederrheinischen Oberstufe, drehte mich noch weg, aber da war ich schon Teil der Weltgeschichte. In Amerika seien Düsenjäger in ein Hochhaus hineingeflogen. Das stimmte so nicht, aber man muss Marissa, die hier erzählte, zugutehalten, dass auch Ulrich Wickert es zu diesem Zeitpunkt nicht viel besser wusste.
    Die nächsten Stunden waren bewegt. Es gab Leute, die hatten mehr Ahnung von Politik als der Schnitt und ließen uns wissen, dass das jetzt irgendwie Folgen haben werde, diese Sache mit den Flugzeugen im Hochhaus. Ich weiß nicht mehr, inwiefern die Lehrer versucht haben, die Ordnung der Dinge für uns beizubehalten, indem sie in diese Diskussionen eingriffen.

    Die Nacht zuvor hatte ich in einer Kneipe zur großen Sorge eben dieser Lehrkräfte viele große Bier und doppelte Bourbon getrunken und im Zuge dieser Getränke den stufeninternen Wettkampf im Dart gewonnen. Schade, dass am Folgetag, der Flugzeuge wegen, sich niemand an meinen Triumph erinnern wollte. Thomas aber, der eigentliche Favorit des Wettkampfes, musste mit mir darüber reden. Die Niederlage hatte sein ohnehin frisches Trauma aufbrechen lassen, ein Sportunfall, ein mehrfach gebrochener rechter Arm. Jetzt konnte er, der Vereinsspieler, nicht einmal gegen einen mittelmäßigen Kneipenspieler wie mich gewinnen. Immerhin wussten wir beide mit Hinblick auf unsere Gefühle, warum die Dinge waren, wie sie waren.

    An diesem Abend blieben die meisten in der Herberge und soffen sich auf den Zimmern in verschiedenen Grüppchen einen an. Wo ich saß, erinnerte sich einer, dass wir uns in einer Kapitale des ehemaligen Warschauer Pakts befanden. Wenn die USA jetzt also Atomraketen losschickten, sei es für uns wenigstens schnell vorbei.
    Ich ging in ein anderes Zimmer, wo man sich im Zeichen der Krise auf sein unveräußerliches Eigentum besann. Dem Körper wurden die verschiedenen Pillen der Notfallapotheke zugeführt und kurz darauf die eigenen Flatulenzen mit Feuerzeugen angezündet. Hier regierte der Wille zur Freiheit, wenn auch zum Preis der Neurose.
    Irgendwann waren, glaube ich, alle Zimmer besoffen und man besprach die Folgen, Es galt das Wort, dass am Dritten Weltkrieg wohl kein Weg vorbeiführte. Jemand fragte, ob Matthias durch die Einnahme der Antibabypille seiner Freundin (unter johlendem Beifall) in ein paar Wochen, größere Brüste bekommen, oder Vater werden würde.

    Am nächsten Morgen war die Welt noch da. Sie war voll mit den eigenen Unzulänglichkeiten und lang und eng zeigte sich der Weg zum Untergang: das eine Jahr bis zum Abitur. Einige erbrachen die Trauer darüber in die Schüssel.

    Im Zug zurück nach Deutschland überkam mich ein aufgeschobener Kater. Schräg gegenüber saß Allia. Sie tat mir weh, weil sie so schön war. Ich schwitzte in der schweren Lederjacke, die ich fast nie und auch jetzt nicht auszog. Die Vorteile des Panzers scheinen unwiderstehlich.

      vierter September | 2021

        Bei der Fahrt durch den Berufsverkehr kam ich ins ins Grübeln. Ein Krankenwagen hatte mich gerade an die Kante zwischen Straße und Bordstein gedrängt und zu Fall gebracht, et voilà. Die Quart der Sirene und die beschwichtigende Geste des vielleicht 20jährigen Fahrers beruhigten mich nicht. Da war ich beinahe selbst zum Kranken geworden und nahm mir eine kurze Auszeit auf dem Gehsteig. Ich dachte an eine andere Begegnung des Tages mit einer jungen deutschen Frau, die mir am völlig leeren Louvre Court vorhielt, ich würde mich hier zu viel bewegen und immerzu in ihr Bild laufen. Die Lage eskalierte binnen Sekunden. Ich ließ mich hinreißen und nannte ihr Auftreten pampig und anlasslos. Der blanke Hass, der mir dann entgegenschlug, hätte eigentlich nach mehr Pampigkeit von meiner Seite verlangt. Sie sei berühmt auf Instagram, ich sollte das googeln.

        Jetzt auf dem Bürgersteig suchte ich einen Kultur- oder einen mentalitätsgeschichtlichen Zusammenhang dieser beiden Vorgänge, irgendetwas Überpersönliches, vielleicht eine Generationengeschichte, schließlich waren diese beiden Menschen beide in etwa halb so alt wie ich. Der Notfallwagen war von der Feuerwehr, in Frankreich sind die Feuerwehrmänner immer auch Militärangehörige, also Soldaten, da könnte man doch was draus machen. Die junge Influenzerin war, tja, ich weiß nicht, jung vielleicht und bestimmt eine Frau.
        In beiden Fällen stand hinter dem imposanten Auftreten ein Missverhältnis von Erwartungshaltung und Welt, und in beiden Fällen wollten sie mich, mit völlig unterschiedlichem Recht, mit meinem Körper weghaben.

        Ich hatte meinen Zusammenhang gefunden und fuhr weiter.

        Wenige Straßen weiter schnitt mich ein abbiegender Lieferwagen. Ich hatte das irgendwie geahnt und verhinderte den schlimmeren Unfall durch einen Sprung vom Rad. Da kam mir die akute, dringliche Einsicht in einen anderen Zusammenhang vom Herz auf die Zunge und ich schrie sie auf die Straße: „Mensch, Arschloch!“

        Viele davon sind berühmt auf Instagram.

          zweiter September | 2021

            Meine Bibliothek zieht um / Nebenwirkungen.
            Meine Bibliothek zieht um. Ich packte den ersten Teil davon ins Auto und fuhr neun Stunden lang – an den neuen Ort. Auf dem Weg dahin holte ich mir meine zweite Impfdosis ab, schaffte es aber noch gut in die Küche und an den Tisch und lud auch noch alles aus dem Auto in den Flur. Dort standen die vielen Kilos in Koffern und Leinensäcken. Beim Abwasch waren es schon nicht mehr 100% von mir, die abwuschen und mir wurde klar, dass ich heute unmöglich die Leinensäcke mit Büchern in den ersten Stock würde tragen können. So war es am Abend auch, und am nächsten Morgen, und auch am nächsten Abend. Mehrmals hatte ich mir das jetzt vorgenommen, diese an sich lächerliche Arbeit, und ich fand mich einfach nicht in der Lage.
            Nach zwei Tagen war mir die Welt ein einziges Hindernis. Nichts sollte sich mir mehr ergeben, niemals wieder. Zwischen Bett, Kühlschrank und Toilette brach ich in Schweiß aus und setzte mich alle paar Meter hin. Mir fehlte die Phantasie. Ich konnte mir kein Leben vorstellen, in dem ich auf dem Weg nach oben zwei-drei Sack Bücher nehme, so als sei es nichts.

            Am dritten Tag konnte ich wieder. Beim Einräumen der Bücher fiel mir aber auf, wie viele davon ungelesen sind, oder noch schlimmer, mir fiel ein, wo ich sie gelesen hatte und welche Menschen mit ihnen zu tun hatten. Und da konnte ich schon wieder nicht und habe mich hingesetzt, um mich zu impfen.

              erster September | 2021

                Es gibt so einen Geruch, es muss sich um ein Produkt von Verwesung handeln, so ein bestimmter Geruch, ein fieser Geruch, der mir alles verleidet. Nach diesem Geruch kann es nichts mehr geben und auch was davor war, wird durch ihn vergessen gemacht. Vielleicht war ich gerade in den Gedanken woanders, oder fühlte mich beschwingt, war nachdenklich, oder in Eile, und dann kommt dieser Geruch und eine Welt geht zu Ende. Ich nenne ihn Hundezwinger-, oder auch Hähnchenschnitzel-Muff, denn im Kontext dieser beiden habe ich ihn, glaube ich , das erste mal kennengelernt. Ich kann nicht mehr ganz genau sagen, was zuerst da war, der Hundezwinger, oder der Hähnchenschnitzel-Muff, vermute aber dass es so herum war. Ich aß in einem Fernfahrerrestaurant ein paniertes Hähnchenschneschnitzel, schnitt hinein und führte das Stück Geflügel zum Mund, als er mir entgegenschlug: der Hundezwingermuff. „Bah“, dachte ich, „das Hähnchen riecht und schmeckt nach Hundezwinger!“
                Später als Student kaufte ich bisweilen 500 Gramm Hähnchenschnitzel bei Plus zu 1,29€. (Für diesen Satz alleine wird man später mein Leben aus moralischen Gründen verneinen.) Wenn man die Plastikhülle um das Fleisch öffnete und die Schnitzel auftauen ließ, kam er ganz leicht aus der Deckung, aber so recht widerlich wurde der Muff erst, wenn man die Nase direkt an das Fleisch hielt.
                Dann irgendwann traf ich am College eine junge Frau in die ich ganz verliebt war, so wie sie guckte und lachte und sie hatte sehr langes, lockiges, fast schwarzes Haar. Als sie mich zu sich nach Hause einlud, war ich ganz aufgeregt und stand an der Tür der Veranda wie ein dummer Junge und wollte auch, ohne mir das vornehmen zu müssen, als dummer Junge die Nacht dort verbringen. Sie öffnete die Türe, da war gleich die Gelegenheit zum Kuss, und ich roch an ihren Haaren, weil ich konnte und durfte. Nein, es war noch nicht der Muff, sondern der Geruch von roher Zwiebel, der mir entgegenkam. Auch der Zwiebelgeruch ist unangenehm und hat etwas mit der Kombination aus Schweiß und alkoholhaltigen Pflgegeprodukten zu tun, aber darüber muss ein anderer Text Auskunft geben.
                Wir gelangten noch ins Schlafzimmer, ich war schon leicht verwirrt. Jenseits der Zwiebel war da noch etwas, das ich nicht identifizieren konnte. Anstatt sich zu konzentrieren, sich auf einander einzuküssen, konnte ich nur an diesen rätselhaften Rest denken. Ich zog nochmal an den Haaren, atmete tief ein, dann mehrmals kurz hinternander ein und aus, so wie man es macht, wenn man auf der Straße plötzlich von einem Geruch angefallen wird. Wie ein Schlag ins Gesicht war er da, der Muff war mit uns ins Bett gesprungen. Objektiv hatte sich nichts verändert, doch stand jetzt zwischen uns ein nasser Hundezwinger, durch die Streben schlabberte bedrohlich faulendes Hähnchenschnitzel, fiel mir zerfasernd, klatschend vor die Füße, verschob das Begehren nach draußen an den Fluss, wo ich frische Luft vermutete.
                Ich verbog mich und erzählte, dass ich heute nicht bleiben könnte, schaffte es nach draußen.
                Es tat mir alles sehr leid. So wie sie guckte und lachte und auch ihr langes, fast schwarzes Haar war mir nie wieder so wie vor diesem Treffen. Wir grüßten uns danach wie entfernte Bekannte und das blieben wir auch. Niemals kam ich ihr freundschaftlich nah genug, um ihr ehrlich und direkt vom Hundwzingermuff erzählen zu können.
                In den Küchen von Wohngemeinschaften in Berlin hat er mich noch ein paar mal erwischt, der Muff, und dann lange nicht, bis eben heute, wo ich in meiner eigenen Küche sitze, die ich die letzten 4 Monate untervermietet hatte. Vom Tisch einen Meter entfernt, in meinem Rücken, steht der Mülleimer und von dort her erreichen mich zwischendurch Noten von Hundezwinger. Am Boden des Eimers befindet sich eine braune Suppe vor. Sie ist keinen Zentimeter hoch, reicht mir aber bis an den Hals. Nur wenig fehlt dazu, dass ich mich übergebe.
                Ich will den Eimer als Ganzes nach draußen tragen. Darunter erscheint ein Küchentuch mit Resten einer Fleischsauce, und auch diese Tuch kommt als Quelle meines Elends in Betracht. Ich schmeiße es in einen Müllsack, den Müllsack drehe ich luftdicht zu und werfe ihn in einen größeren Müllsack. Im Garten wasche ich den Eimer mit Essigreiniger aus, schütte das Schmutzwasser in die Ecke von der ich weiß, dass die Katzen dort gerne hinscheißen. Der Eimer trocknet drei Tage in der Sonne, ich gehe kein Risiko ein.
                In der Küche denke ich noch zwei, drei mal: „Bah, Hundezwinger!“ Aber das ist nur Zeichen des Traumas. Es geht mir vielleicht wie Leuten, die schon einmal Bettwanzen bei sich zu Hause hatten und mit einem Mückenstich aufwachen. Nach kurzer Inspektion und Fremdversicherung durch Dritte, wischen sie ihre Angsttränen weg und versuchen normal zu funktionieren.
                Als Junge auf dem Land, erinnere ich mich, hatte ich ständig irgendwelche Stiche und Bisspuren auf der Haut und die kratzte ich dann auch auf. Jähzornig war ich und haderte mit dem Schicksal, dass mir solchen Juckreiz zumutete, aber Angst hatte ich keine, und ehe meinen Körper und oder meine Wohnung eine Plage befällt, die mit Juckreiz einhergeht, nenne ich mich in diesem Gebiet einen glücklichen Menschen, weil: erfahrungslos.

                  neunundzwanzigster August | 2021

                    Aus dem Notizbuch.
                    „Ich bin jetzt 32 Jahre alt“, sagte Karoline von Herb zu Haustich. „Ich will auch gesellschaftlich nichts mehr bewegen, ja, nicht einmal mich selbst.“
                    So ganz stimmte das wohl nicht. Wie der Satz sich zeigte, da wa ihr beim Sprechen ganz klar geworden, dass es hier um Wirkung ging und sie hinter diese zurücktreten müsse.

                    An einen dunklen Ort an einem See, in einem Nebel gelegen, ein grüner Nebel und kein grauer – an diesen Ort habe ich mich einmal rudern lassen. Ohne jede Aufregung ging es vor sich, dass ein zweiter mit im Ruderboot saß und für mich ruderte, während ich vorn im Bug Platz genommen hatte. Ich blickte nach hinten. Von Aussicht konnte nicht die Rede sein. Ich zwang mich deswegen dort am Bug eine gute Figur zu machen. Es sollte an mir etwas zu schauen geben. Es lag an mir, mir den Hut tiefer ins Gesicht zu drücken und den Kragen bis zum Anschlag an die Ohren zu legen. Wir schoben uns durchs Wasser, und ein schönes Geräusch begeitete die Ruderbewegung. Ich will vom Geräusch nicht weiter reden. Menschen, die Erfahrung mit Wasser haben, sprechen von glucksen. Doch mein Bild soll mit dem Wort ‚glucksen‘ nichts am Hut haben.

                      vierundzwanzigster August | 2021

                        Nageln Schrauben, oder Kleben?

                        Als ich mit knapp 19 Jahren zu Hause ausgezog, fand ich schnell heraus, dass ich, unter anderem, keine Ahnung und kein Werkzeug hatte. Das mit der Ahnung ging in Ordnung, die Universität zeigte sich da versöhnlich, ja, sogar vorbereitet auf Typen wie mich. Mit dem Werkzeug stand ich alleine da, vereinzelt in den eigenen vier Wänden. Der Privatier besorgte sich die ihm notwendig erscheinenden Objekte: Schraubenzieher, Bohrmaschine, Schraubenschlüssel, Schrauben, Dübel, Hammer, Nägel, WD 40 und Panzerband, verstaut in einem grauen Kasten mit zwei Henkeln zu 8,99€, bzw. 17,58DM.
                        Mit all diesen Objekten konnte ich im besten Fall mittelmäßig umgehen. Im Internet versandte man Faxe und nannte sie Emails, und kein youtube tutorial konnte mich retten. So murkste ich mir einen zurecht. Besonders beschämend: mein Versuch einen Spiegel an der Stahlbetonwand zu befestigen. Beim Bohrversuch tat sich nichts, außer, dass ich unzumutbaren Lärm und Gestank verursachte. Und so klopfte ich für jede Öse drei Haken zwischen Stahl und Beton, unendlich behutsam, langsam, gefühlt über Stunden, dass sie irgendwie ihren Weg in die Wand fänden und sich das Gewicht des Spiegel teilen mochten. Natürlich hing der Spiegel danach leicht schief, und stets fürchtete ich, dass er mir entgegenkommen würde. Vier Jahre lang lebten der Spiegel und ich in Angst zusammen. Wenn ich mich morgens darin besah, war da im Spiegel auch immer ein Mangel an Vertrauen in die Konstruktion als Ganze. Egal ob Hanteltraining, Gel in den Haaren, oder Rasur – es gibt kein richtiges Bild im falsch aufgehängten Spiegel.

                        Viele Jahre später geriet ich auf Facebook einmal in einen Streit mit Stefanie Sargnagel. Das ist natürlich Quatsch, Stefanie Sargnagel wird sich an meinen und ihren Kommentar nicht erinnern. Auch ich weiß nicht mehr genau, worum es ging. Ich forderte Mäßigung in einer Diskussion von Leuten, deren Meinungen mir durchaus vereinbar schienen, die sich aber trotzdem heftigst beleidigten. Die öffentliche Person Stefanie Sargnagel goss, den Regeln entsprechend, einen Eimer Scheiße über mich. Ernsthaft beleidigt, sah ich von weiteren Kommentaren ab. Ich hatte keine Ahnung, wer Stefanie Sargnagel war und auch die berühmte zähflüssige Härte österreichischer Verhältnisse war mir kein Begriff, mit dem ich hätte spielen können.

                        In der Zwischenzeit bin ich mehrfach umgezogen, zuletzt wieder in ein Haus aus Stahlbeton. Auch hatte ich mir aus der Erfahrung heraus irgendwann einen Bohrschlaghammer gekauft. In dieser neuen Stahlbeton-Umgebung konnte ich damit leider nur wenige Arbeitsplatten und Regalbretter anbringen, ehe das Werkzeug auseinanderbrach. Widerständig geworden, fand ich aber meinen alten Bohrer aus der Studentenzeit zwischen all den anderen Dingen, die ich in den letzten 20 Jahren der Bastelei gekauft hatte. Ich bohrte wieder – brutal, unter vollem Einsatz meines Gewichtes, brach Bohrer ab, und machte, gefühlt über Stunden, Löcher in die Wand. In der Luft hing der Gestank von verbranntem Metall, die Nachbarn ballten Fäuste und reckten sie in die Höhe, über den Zaun, damit ich sie auch sehen konnte. Mir selbst zitterten die Hände, und roter heißer Staub hatte sich in meine Haut und Atemwege gebrannt. Er war vielleicht das Zeichen des Tatmenschen?
                        Ich setzte mich kurz, trank ein Bier, und stellte im Angesicht dieser Metapher meiner persönlichen Entwicklung die alles entscheidende Frage: Wie weit würde ich es heute im Internet treiben, damit mich im Spiegel am Morgen ein Sieger erwartet?
                        Ach so, den Spiegel habe ich diesmal mit Tesa-Klettverschlüssen an der Tür befestigt, das hatte ich mal auf youtube gesehen. Ganz ohne Bohren und Nageln und, den Regeln entsprechend, keiner Meldung wert.

                          Dreiundzwanzigster August | 2021

                            „Ahh, this one goes out to all the Big Willies“
                            (Will Smith: Big Willie Style)

                            Fraternisieren mit dem Feind verboten.
                            Ich hatte mal einen Freund, mit dem verstand ich mich bedingt gut. Es gab immer so Momente, da ging es nicht mehr, dann wollte er irgendwas, Respekt oder so, aber für etwas Unsichtbares. Ganz begriffen habe ich das zu Lebzeiten unserer Freundschaft nie. Später, als er einen anderen Freund auf dem Kieker hatte, weil dieser eine Beziehung mit der Partnerin eines wiederum anderen Freundes hatte, da stand er schonmal auf der anderen Straßenseite und machte darauf aufmerksam, dass er im Besitz einer langen schweren Fahrradkette war und dass er sich darauf verstand, diese in der Luft so zu beschleunigen, dass ihr äußerstes Ende zu epidermalen Verletzungen taugte oder das Augenlicht gefährden konnte.
                            In der komplexen Menge von zwischenmenschlichem Durcheinander und sich beschleunigender Kette wurde mir klar, dass das nichts mehr mit uns wird.
                            Gestern Abend in der Bar musste ich an ihn denken. Da besoff sich einer über seine Freunde hinaus, die dann gingen, und so war ich, am langen Ende der Theke mit Bier und Notizbuch, plötzlich die einzige Quelle für positives Feedback. Ich schlug noch ein und machte Konversation, ehe wiederholte Schläge auf die Schulter und so halb-feste Griffe an den Nacken mich in sein Brudi-Universum zu ziehen drohten. Das verbat ich mir ausdrücklich und mehrfach, to no avail.
                            Zu ganz später Stunde erwachte er aus seinem Sekundenschlaf und hob den Kopf vom Tresen. Er sprach, mit Fingerzeig auf die Bedienung hinter der Bar, dass wir ja beide Männer seien, die gerne Dummheiten machten, aber dass er heute derjenige sei, der mit der Dummheit an der Reihe wäre. Ich brach in lautes Gelächter aus. Gerne hätte ich ihm gesagt, er sei ein Dödel, aber mir gehen diese feinen tonalen Unterschiede ab. Im französischen beleidige ich zu derb, unter Arsch geht es sich nicht aus, und so stand ich stattdessen auf und gab ihm drei Schläge zurück auf die Schulter, dem kleinen Arsch, und wünschte ihm übertrieben laut viel Glück.
                            Am nächsten Abend am Tresen sprach ich mit Melanie und sie sagte mir, dass sie es letzte Nacht in das Gebäude gegenüber nach Hause bringen musste, wobei es mehrfach auf der Treppe stürzte, sich am Kopf verletzte, ehe es im Flur erschöpft aufgab und auf dem Boden einschlief, das Patriarchat.
                            Ich hingegen habe aus der ganzen Sache gar nichts gelernt, schließe zur rush hour um sechs Uhr morgens mein Fahrrad auf, als sei nichts dabei. Schon jetzt bin ich vier, fünf Leuten stark im Weg gewesen, ich aber will mein Fahrradschloss nicht zur Waffe erklären. In der Nacht zuvor sind wir mal wieder an unseren lächerlichen Träumen gescheitert, schlag ein.

                              fünfter August | 2021

                                In the dusk of the day under old city walls I howl.
                                And I call for a light
                                And I howl like it’s lust – only the drunks are out.
                                And they know my name
                                And they all like to say, We’re glad that you’re here.
                                We’re glad that you’re here.
                                (Pere Ubu: Babylonian Warehouse)

                                Hinten auf dem Umschlag von Karl Heinz Stierles „Paris Denken“ steht angenehmerweise nur einziger Feuilletonsatz. Zwecks Verkaufsförderung muss dort irgend etwas stehen. Vier Adjektive, mehr nicht. Danke. Das SR2 Kulturradio sagt Folgendes, dass Stierle ein kenntnisreicher, in allen Künsten und Diskursen erprobter, ortskundiger Führer für die „einem Ameisenhaufen gleichende Mega-Stadt“ Paris sei, und zu Stierle will ich dem Saarländischen Rundfunk nicht widersprechen.
                                Aber aus dem deutschen Imaginationsraum heraus kann ich mir im Zentrum Frankreichs keine Megastadt vorstellen. Und auch während ich hier sitze, oder mit dem Fahrrad durchfahre, bringe ich es nicht über mich. Gibt es in Europa eine Mega-Stadt? Es gibt Ballungsräume, einzelne Großstädte, sicherlich. Mexiko-City, Mumbai, Shanghai, Los Angeles sind Strukturen auf die ich die Megastadt werfen kann, ohne mir dabei albern vorzukommen, Paris nicht. Soviel zu mir.
                                Nun gibt es sehr wohl den Begriff ‚Megastadt‘ und der hält sich an der Einwohnerzahl auf. Da wird Paris mit knapp mehr Einwohnern als Wien von jeder vorderasiatischen Mittelstadt in den megastädtischen Schatten gestellt. Aber da gibt es noch die so genannte Metropolregion, und die Metropolregion Paris hat über 12 Millionen Einwohner. Ich sehe ein: Paris ist Metropolregion, ebenso sowie das Ruhrgebiet. Bei Metropolregionen mit x-Einwohnern spricht man auch von Megastädten. Soviel zum Begriff.
                                Letztens habe ich eine Kamera in Bochum abgeholt. Ich lief durch die Fußgängerzone, musste vorher etwa 100 Meter vom Geschäft entfernt in einer Seitenstraße parken. Ich warf gleich zwei Euro rein, damit ich vielleicht noch irgendwo was essen hätte können. Es war früh am Morgen, weiße Kleintransporter, Kellner wuschen Tische, in den Küchen wurden Schnitzel und Buttergemüse aufgetaut, vereinzelte Dackel ohne Not. Ich rief: „Bochum, Megastadt, Du deine Kinder fressender Moloch!“ aber wenn man es genau nahm, waren die Geschäfte und Restaurants noch geschlossen.
                                Ich habe das vierte Adjektiv noch nicht besprochen „gleichend“. Dazu kann ich sagen, nicht ich vergleiche hier Paris mit Bochum, sondern der Saarländische Rundfunk. Ich bin nicht der Saarländische Rundfunk. In meinem Blog leben Dackel ohne Not.

                                Ich will – tba

                                Es war eine lange Nacht, in der ich nicht schlafen wollte und konnte. Eine Mischung aus Hitze und Rastlosigkeit. Ein Uhr, zwei Uhr, bis ich sagte, dass es reicht. Ein letzter Blick aufs Telephon zeigte, dass ein mir lieber Mensch um ein Uhr angerufen hatte. Ich rief zurück, fand aber keine Antwort. Eine Nachricht war hinterlassen worden. Sie war voller Liebe, Hass und Tränen und bewegte mich sehr. Drei Uhr, vier Uhr.
                                Später am Morgen suchte ich wieder Antwort, wollte vieles sagen auf die Liebe, den Hass, die Tränen, die schönen und schrecklichen gesagten Dinge. Den Menschen aus der Nacht zuvor gab es nicht mehr. Die Nummer war vergeben. Ich sprach mit jemandem, der von diesen Gefühlen nichts wusste.
                                Das ist jetzt sieben Nächte her, und ich denke viel darüber nach, bis es reicht.

                                  siebenundzwanzigster Juli | 2021

                                    Rasenmähen.
                                    Es hat mich immer fasziniert, welchen Aufwand Kleingärtner*innen um das Rasenmähen herum betreiben. Das Trum von Gerät benötigt einen Schuppen oder Stellplatz in der Garage, ständiges Schärfen, die Versorgung mit Schmieröl, Superbenzin, Zündkerzenwechsel, Luftfilter, die komplette Reinigung nach jeder Benutzung,… etc.pp. Motorradbesitzer*innen haben weniger zu tun, brauchen dafür aber Nummernschild und Helm.
                                    Dann das Mähen selbst, es kann viel öfter nicht geschehen, als die Stadtbewohner*in glauben mag. An einem Werktag kann gemäht werden, allerdings nicht zu Zeiten an denen Werktätige normalerweise Zeit haben. Die Mittagsstunde und die späte Abendstunde sind in Gegenden, wo es Kleingärten gibt, tabu. Deswegen ist Samstag der Nummer-eins-Mähtag aller Tage, allerdings nur, wenn es sich nicht um einen Feiertag handelt. Sicherlich, im Notfall könnte jetzt gemäht werden, aber mit jedem Meter werden die Schultern verspannter. Sie fühlen, was die Nachbar*in fühlt, die verspannt am Fenster ihren Kopf schüttelt. Noch zwei, drei Minuten, und es kommt die Polizei.
                                    Nun der Idealfall, es ist Samstag, es gibt Zeit und Gelegenheit, das Gerät ist betriebsbereit, ein Kanister mit Kraftstoff steht neben der Plastik-Solar-Led am Rasenrand, jedoch: es regnet. Es kann nicht gemäht werden. Nach dem Samstag kommt der Sonntag, ihr Rasen wächst. Eine weitere Woche geht ins Land. Vielleicht müssen Sie am nächsten Wochenende wohin, es wird wieder nicht gemäht, ihr Rasen wächst. Die Nachbar*in steht kopfschüttelnd am Fenster und fällt das Urteil: dieser Rasen ist jetzt im Vergleich zu lang.
                                    Endlich, eine weitere Woche ist vorbei, es ist Samstag, Sie können mähen. Diesmal hat es am Vorabend geregnet und ihr Rasen ist bereits ein paar Wochen lang und trocknet deswegen nicht ganz auf. Sie mähen trotzdem, alle fünf Meter bleiben Sie stehen, das nasse, lange Gras verklebt den Korb, der Rückstau blockiert das Schnittmesser. Motor aus, Sicherheitshinweise ignorieren, nasses Gras von Hand aus der Maschine greifen, schaben. Motor an, da capo. Durch das ewige an und aus verfettet die Zündkerze, schwarzer Qualm sagt ihnen, dass sie heute nicht mehr mähen werden können. Sie schieben den Mäher in die Garage. Ihr Rasen ist zur Hälfte gemäht, die Nachbarin schüttelt den Kopf, und es fängt zu regnen an.
                                    Aus Trotz gegen die widrigen Umstände zünden Sie ihr Haus an, retten aber in einem klaren Moment den Rasenmäher aus der Garage. Sie wohnen fortan in einem Zelt. Unnötige Hausarbeit entfällt und Sie haben viel mehr Zeit für ihren Rasen. Zunächst mähen Sie jeden Samstag, dann auch jeden Mittwoch, schließlich jeden Tag, außer bei Regen.
                                    Die Zeit vergeht, die Moden wechseln, und ihre Nachbar*in kauft einen elektrischen Rasenmäherroboter. Sie sehen ihre neu erkämpfte Gesellschaftsstellung durch Automation gefährdet und ziehen weg, oder werden nachts von einem Krankenwagen abgeholt, beide Erzählungen existieren nebeneinander fort. So oder so, ihr abgebranntes Haus zerfällt, aus dem Rasen wird Moos, dann Wiese, schließlich sähen sich erste Bäume ein. Eine Taube sitzt darauf, später viele Tauben, Krähenschwärme, wilde Hunde verbreiten Krankheiten.
                                    Unter dem Applaus der Nachbarschaft (leise, hinterm Fenster) kauft ihre Nachbar*in die Ruine zu einem günstigen Preis, planiert, vergößert ihren Garten. Der Roboter mäht Tag und Nacht, auch bei Regen und ohne Not. Ihren Namen hat man vergessen. „Früher war das hier alles mal Wiese.“ sagen Leute, die nicht wirklich Bescheid wissen, sich aber an die Wiese erinnern können

                                  vierundzwanzigster Juli | 2021

                                    Mit den extremen Wettern und den Folgen kommt es zu auch zu katastrophalen medialen Erscheinungen. Live zugeschaltet, im Regen, in den Fluten stehende, gummibestiefelte Absolvent*innen von Journalistenschulen erzählen den Zuschauer*innen, dass es regenet, sie in den Fluten stehen und Gummistiefel tragen. Mir ist nicht mehr klar wer hier wen illustriert, die Bilder das Gesagte? Es geht in jedem Fall nicht über die Illustration hinaus.
                                    Wieder einmal, so scheint es mir, kommt die Blaupause für dieses Format aus den USA, wo die Geilheit am Wetter den Typ ‚Starkregen-Waldbrandreporter‘ schon vor langer Zeit erfinden musste. Stundenlang und alle Viertel Stunde wieder kann man sich die Live-schalten vom Rande der Feuersbrunst oder des Hochwassers geben. Mit der Zunahme von extremen Wetterlagen in Deutschland wird sich dieser industriell verwertbare nicht-Journalismus durchsetzen. Auch dieser Damm ist gebrochen.

                                    Ich fuhr auf dem Weg von der Nordseeküste nach Paris an der belgischen Stadt ‚Brecht‘ vorbei. Kurz darauf habe ich die Katze bei den Untermietern in Aubervilliers abgesetzt und en passant meine Brecht Gesamtausgabe besucht. Auch über die Somme habe ich mit dem Auto übergesetzt. Auf den Straßen stand überall das Wasser und ich fuhr langsamer, um nicht den Halt zu verlieren und mich nicht in die Botanik zu schrauben, wie so viele vor mir.
                                    Jetzt stemmt sich alles gegen die Wassermassen. Nächste Woche fahren wir mit Schweröl im Tank über den Atlantik und wählen CDU. Die Lage wird sich zuspitzen, und es wird sich angenehme Eindeutigkeit einstellen, die des Kriegsspiels: Jetzt geht es ums Überleben, das Abstrakte und die Nuance gehören vergessen. Das Rückenmark treibt, zweifellos.
                                    Es gibt Baupläne für höhere Dämme, aber keine Anleitung für die Stellschrauben des Sozialen, außer man glaubt an die Feinmechanik und spielt, statt Krieg, Theater.

                                  zweiundzwanzigster Juli | 2021

                                    Der klaustrophobische Höhepunkt des Tages: Ein Waschbecken, so klein, dass ich meine Hände darin nicht waschen kann. Die Sitzbank des Cafés hingegen hat eine Höhe, die auch meine Größe verkraftet. Händewaschen oder sitzen können? Es sind ja allgemein schwierige Zeiten. Halten wir zusammen durch. Thilo Sarazin hat auch mal eine Woche lang so getan, als hätte er nur Hartz IV.
                                    In ein paar Tagen brauche ich in dieser Stadt für so ziemlich alles eine Art digitalen Impfpass+Testnachweis. So ganz begreifen habe ich es noch nicht wollen. Vorgestern hatte ich mir ein Konzert herausgesucht. Ein Club in der Nähe der Bastille hat sein Programm in den Park de la Vilette verlegt, und so schrieb ich fleißig mit, wie und wo und unter welchen Umständen ich dieses Event besuchen könnte. Dann war es soweit, und ich habe mich wieder selbst kennenlernen müssen. Ich will auf kein Konzert bei erneut steigender Inzidenz, und ich will auch auf kein Open-Air Konzert bei 30 Grad mit Maskenpflicht, wo man den anderen Leuten beim Tanzen nicht einmal ins Gesicht gucken kann.
                                    Für das Waschbecken habe ich dagegen eine Lösung gefunden, mir einfach die Hände darüber eingeseift und sie dann einzeln abgespült. Damit ist für mich klar, welcher Teil unserer Kultur diese Epidemie besser überstehen wird.

                                    Ich lese die Informationen zur neuen Virusvariante. Aus der Erfahrung der letzten 18 Monate erschließt sich mir, dass es spätestens zum Herbst hin das wieder war, und damit meine ich das öffentliche Leben, das meinen Beruf und mein privates Dasein zwischen zwei Staaten ermöglicht. Ein beschissenes Gefühl gegen das ich mich wehren will, ohne ignorant die Fakten mit dem Gefühl auszuschütten.

                                  einundzwanzigster Juli | 2021

                                    La Bruyère:“Die Arbeitsteilung will, dass jene, die die Annehmlichkeiten einer Kunst genießen, verpflichtet sind eine andere auszuüben.“

                                    Ich hatte mir Visitenkarten gemacht. Der ältere Herr im Kopierladen – wir kannten uns bereits, ich hatte hier schon einmal drucken lassen, aber das war lange her – dieser Herr also, half mir mit meinem Anliegen. Ein Farbkopierer, einige Blätter schweren Papiers und ein antikes Schneidegerät reichten dazu aus, um mein zu Hause gebasteltes Design in ansehnliche und (extra schwierig bei Handarbeit) in exakt gleichförmige Visitenkarten zu verwandeln.
                                    Gestern hörte ich im Deutschlandfunk Kultur, dass es in Bayern noch 5 Gletscher gibt. In Wittmund gibt es noch 1 Kopierladen.

                                    Vor einem Tante-Emma-Laden in Reepsholt.
                                    Ich sitze beim Frühstückskuchen mit Kaffee. Ich habe mir angewöhnt in allen Läden dieser Art etwas zu kaufen. Deswegen gibt es jetzt Kuchen zum Frühstück.
                                    Diesen Laden hier kenne ich schon, und der Laden kennt mich. Heute kein Teilchen, es ist zu heiß. Ich esse Erdbeerkuchen, der steht im Kühlschrank.
                                    Draußen auf dem Stuhl sitze ich unweit der Straße, gegenüber die Kirche. Daneben ein überregional bekanntes Geschäft zur Wartung und Instandsetzung von Rasenmähern, Motorsägen, Landmaschinen, und es schiebt sich die norddeutsche Tiefflugwolke vor die Sonne. Sie ärgert alle, die die nur ein Wochenende haben, um sich intensiv zu erholen. Mir macht die Wolke alles angenehmer. Das Telephon fragt mich Phrasen ab.
                                    „J’aimerais t’inviter á diner.“
                                    „On peut aller á n’importe quel restaurant dans la ville.“
                                    „J’ai oublié mon passport.“

                                    Da fällt mir mein Traum von letzter Nacht ein. Nicht der ganze Traum, zu lang, aber die folgende Sequenz.
                                    Ich sitze im Klassenraum. Der Raum ist mir gut bekannt. Ich weiß genau, wo im Gebäude, das meine weiterführende Schule war, dieser Raum sich befindet. Herein tritt ein Offizier der Wehrmacht. Im Traum ist er mir persönlich bekannt. Sein Blick trifft mich und damit auch die Schuld. Er hatte mir zuvor den Auftrag erteilt, die anderen Schüler vorzubereiten. Sie alle sollten ihn mit heruntergelassenen Hosen erwarten. Diese Vorbereitung ist offensichtlich ausgeblieben, dennoch ist der Offizier guter Dinge. Es geht um eine Gesundheitsinspektion. Er hält ein Klemmbrett in der Hand. Noch einmal Normalität für alle. Noch einmal ordentlich verwaltet werden.
                                    In mir die alles zerschindende Angst ist eine andere: Ich habe meine Unterlagen nicht dabei und den Fragebogen vergessen auszufüllen. Meine Entschuldigung ist, ich sei gerade im Umzug begriffen. Mich erreicht ein freundliches Lächeln, es scheint nicht viel zu machen. Ich darf mit den anderen mit.

                                    Der Glastisch blendet, da hat die Erinnerung an den Traum keine Chance.

                                    „Wirf dich wie ein Sperrangel – so weit!
                                    Hab‘ keine Angst, hab Zeit.
                                    Kommt der Kissinger morgen zu Besuch,
                                    Gib ihm keinen Kaffee!
                                    […] retten.
                                    […] Ketten.“
                                    Georg Kreisler: Allein wie eine Mutterseele

                                    Ich weiß noch so ungefähr den Verlauf des Prozesses, wie ich abgestoßen wurde von der Universität, wie ich mich von ihr abstieß. An diesem Anfang steht der Tod einer Idee. Mir war nicht klar, dass sie tatsächlich zu Grunde gehen würde, den Schaden nahm ich für nicht so schwer, und sicherlich war ich mit dieser Einschätzung nicht allein.
                                    Über den Zustand der Institution lässt sich trefflich streiten. über meine persönliche Einschätzung dieses Zustandes und meine Reaktion darauf nicht. Ich war schockiert von der chauvinistischen, großunternehmerischen Herangehensweise jener Manager, die uns verwalteten, und zu denen wir qua Anleitung selber wurden, und auch werden sollten. Der Schock sorgte dafür, dass ich länger blieb als ich hätte sollen.
                                    Ich glaubte an diesen Ort, glaubte offensichtlich, dass er bedingt anders funktionierte. Ich hatte zu diesem Glauben Anlass. Es gab Erfahrungswerte und Erzählungen, die dafür sprachen. Der Chauvinist kann mir darauf nur antworten: Das Leben ist hart, wer erwachsen werden will, verhärtet sich gleich mit. Und: Wer erfolgreich erwachsen werden will, verhärtet sich schneller als die anderen. Dann kann er der Konkurrenz eins reindrücken.
                                    Die Ängste meiner Kollegen, ihre Anpassung zu beobachten und zu begreifen, was mit mir selber geschah, nahm einen Großteil meiner Aufmerksamkeit in Anspruch. Jede Universität und Grad School kochte ihr Süppchen. In allen Töpfen, schien es mir, bissen Fische, die gemeinsam verreckten, sich gegenseitig die Köpfe ab.
                                    Es gab für mich noch das Seminar, mit Professor*Innen und Kolleg*Innen, die nicht über den Arbeitsmarkt sprachen oder sich überlegten, wem sie bei welchem Empfang irgendwie die Hand schütteln konnten. Und dann gab es noch Menschen, die innerhalb dieser Hackerei sich stark darum bemühten Menschen zu bleiben, und mehr wollte ich damals wie heute von niemandem verlangen. Ich ziehe daraus heute folgenden Gewinn: ich habe mehr Seminare und gute Menschen in mein Leben hineingezogen, als die Marktregeln es für mich vorgesehen hatten. Habe ich den Markt damit geschlagen? Kann so eine floskelige Metapher überhaupt auf meiner Seite sein?
                                    Es bleiben viele Fragen. Jetzt bin ich Freiberufler und beobachte immer noch, was der freie Markt mit uns und mir so macht. Da werde ich bislang nicht enttäuscht. Jeder gewaltfreie Moment beim Marktwirtschaften ist mir positive Überraschung – alles eine Frage der Erwartungshaltung.
                                    Es gibt noch einen anderen Markt, in den hatte die Neuzeit einen utopischen Keim gepflanzt, sodass man heute noch glaubt, er sei gar keiner: das Zwischenmenschliche, die Liebe zwischen Partnern.
                                    Ich kenne mich nur im heterosexuellen Fleischmarkt gut aus, und ich weiß, Männer sollen wissen, was sie wollen, mit beiden Beinen auf dem Boden und im Leben stehen, alles, was sie tun mit Leidenschaft anpacken, Ziele haben, für diese Ziele brennen, Entscheidungen treffen, gegen jeden Widerstand ihr Ding durchziehen, und ohne Altlasten exklusiv für den neuen Liebesgeber arbeiten.
                                    Reden wir lieber nicht davon, was ich alles von einer Frau verlange. Um ehrlich zu sein, ich will es nicht wissen wollen müssen.
                                    Was lässt sich sagen? Der romantischen Liebe ergeht es vielleicht auch so: Aus der heutigen Erfahrung heraus, weiß man nicht mehr, wie sie außerhalb einer kapitialistischen Marktordnung ausgesehen haben könnte. Man muss sich auf die alten Erzählungen verlassen.

                                    Empowerment gefällt mir. Im Alltag sehe ich aber die Fratze eines entgrenzten Indiduums, das sein Recht einfordert, dem Nächsten Gewalt anzutun. Ein gefährliches Missverständnis, dass sich SUVs zulegt, um sich im Straßenverkehr gegen die anderen Autos durchzusetzen. Gefällt mir nicht.

                                  sechsundzwanzigster Juni | 2021

                                    Kürzlich noch: Anger Management.
                                    Die Lethargie ging um, manche impften sich mit Wut dagegen. Das Virus blieb. Die Maßnahmen blieben. Hier im hohen Norden, sah ich nur Letzteres.

                                    Zu Wellen hat man am Meer ein besonderes Verhältnis – gehabt. Seit Generationen steckt das erzählerische Potenzial hinter dem Deich fest. Da liegt, was sich früher Ungeheuer vorstellte, die vor Brasilien mit dem Schwanz schlugen. Angela Merkel und Christian Drosten und Bill Gates schlagen heute angeblich Wellen. Hinter ihnen vermuten besonders quere Denker wieder neue Monster und erzählen sich Geschichten. Männer mit Dreizack und Aggressionsstörungen tauchen in antisemitischer Verkleidung wieder auf.

                                    Die Suche nach den Gründen, kennt keine spekulative Grenze. Hinter Allem, liegt ein Alles, so wie: Hinter jedem Deich kommt irgendwann wieder ein Ufer mit noch einem Deich, denken sie mal drüber nach. („Think about it, I haven’t.“ Stephen Colbert: White House Correspondence Dinner, 29.04.2006)

                                    Beim Tennis gab es einen Skandal, Naomi Osaka hat sich dazu hinreißen lassen, von ihrer psychischen Gesundheit zu sprechen. Spitzensportler haben andere Aufgaben, da ist man sich einig: Freiheit verkörpern. Den Schweiß des Kapitalismus zu Parfüm destillieren. Harte Arbeit + Leidenschaft = Erfolg.
                                    Im Kontext der medialen Reaktion sprach ein Tennismensch von einer Geiergrube. Er sagte das auf Englisch, a „vultures‘ pit“. Will man das begreifen, muss man sich kulturell einfühlen in ein Gebiet, wo sich Geier, Schlange, und Löwe noch gute Nacht sagen.
                                    Und noch eine Metapher: Wer für eine Sache brennt, kann den Vorgang nicht mehr anhalten. „Stop and think!“ (Hannah Arendt, 1964)

                                    Neben mir wird ein Tisch frei, es kommt, für hiesige Verhältnisse, zum Eklat. Ein Paar mit elektrischen Rädern sieht den Tisch, lässt sich rollen, steigt kurz davor ab, redet bereits vom Tisch, markiert ihn verbal. Ein Paar zu Fuß steht knapp dahinter, redet nun auch vom Tisch, hat ihn offensichtlich auch gesehen, aber ohne dabei von mir bei gesehen worden zu sein. Räumlich und zeitlich erscheinen mir die Radfahrer im Recht. Richter sind wir alle, die wir in der Gegend Zeuge werden. Wie verhalten sich die anderen? Ich versichere mich durch einen Schulterblick, niemand interessiert sich bislang für die Sequenz. Die Konkurrenz spitzt sich zu, ein Rad blockiert den Tisch. In einer Gesellschaft von Autofahrern ist diese Form von Menschenverachtung sanktioniert, meine Kritik kann ich mir sparen.
                                    Zusatz: Ich hatte vergessen, dass man an öffentlichen Orten Kopfhörer braucht, um dort schreiben zu können. Die Menschen schwatzen und brauchen meine Liebe für sie auf, je mehr ich davon verstehe. Und: Die Pandemie hat uns kaputtgemacht, niemand weiß mehr, wie man Telephone benutzt, ohne andere in die Benutzung mit hineinzuziehen.

                                    Vor über einem Jahr stand ich in Paris unter Hausarrest. Da war ich baff, denn diese Anweisung, das Haus nicht zu verlassen, außer zum Einkauf von Lebensmitteln, oder zwecks Arztbesuch, traf ungeschützt auf meinen antrainierten Hang zur Gefolgsamkeit („Jawohl, Herr Wachtmeister“). Mit dem Erlass der französischen Regierung war, kusch kusch, der öffentliche Raum ein Raum der Illegalität geworden Ähnlich verkorkst wie jemand, der sich an der Supermarktkasse beim Kauf von Kondomen ehrlich schämt, lief ich nun geduckt und zu schnell durch die Stadt, mich fürchtend, in meiner Devianz ausgemacht und zur Rechenschaft gezogen zu werden. Es soll Menschen geben (bessere Katholiken als ich einer bin), denen die Angst erwischt zu werden einen erotischen Mehrwert verschafft. Mich machte meine Lage einfach nur aggressiv. Die Aggression richtete sich gegen Wände und Kissen, seltener, Porzellan. Lehrreiche Zeit: Keramikkaffeebecherbrechennichtsoleicht.

                                    Gesellschaften sind keine Menschen. So wie VWL kein BWL und das Volk kein Körper. Meine Pariser Umgebung hatte nun ihre Art, mit den strikten Einschränkungen umzugehen, und schnell wurde mir klar, dass der Mensch hier der strikten Verbote bedarf, um sie überhaupt nur wahrzunehmen. Wer im Verkehr auch bei Vollsperrung der rue x mit dem Martinshorn im Nacken die Mitelfinger von Rollerfahrern ignorieren kann, hat eine andere Reizschwelle. Die Vollsperrung meines sozialen und beruflichen Lebens nahm ich als solche hin, während die Pariser sich auf ihren Rollern über Bürgersteige und durchgezogene Fahrbahnmarkierungen, ein Leben und Überleben organisierten. Ich empfand das mitunter als metaphorischen Mittelfinger. In einem Rückfall, weil ich mir das endlich selbst erklären musste, fasste ich es so: Weder die sorgende noch die strafende Hand von Vater Staat reicht in diese Leben.

                                    Ein Aufruf ging zu dieser Zeit durch die Medien, es wurden Jäger gesucht, die die Einhaltung der Coronaregeln überprüfen sollten. Der Rekrutierung von Hilfssherriffs in Frankreich steht in Deutschland gegenüber: die Anordnung große Autohäuser von den Coronaregeln auszunehmen. Sie mögen meinen, dass das eine nichts mit dem anderen zu tun hat. Ich aber sage, dass in frz. Buchhandlungen an der Stelle der Esoterik-Abteilung, ein Regal mit Militärstrategie zu finden ist. Sie meinen vielleicht, dass das nicht stimmt, und ich sage, sie lesen ohnehin die falschen Bücher.

                                    Der Musiker Beck schmiss einst in Kleve vom Balkon des Schlosses Moyland ein Klavier. Ich war nicht dabei und erinnere mich nur an die bewusst skandalisierende Begründung für das tun, er wolle diesen Klang einmal im Leben gehört haben.

                                    Gefährdet wurde niemand, als beschädigt galt danach nur genau ein Klavier. Das Hieven, Schieben und der abgesteckte Perimeter waren Teil einer Performance. Was hätte Jospeh Beuys dazu gesagt, und wenn es davon Bilder gibt, soll man sie recherchieren oder eine Tonaufnahme suchen wollen?

                                    In meinem Regal steht Becks Paper Tigers seit neustem neben Melody Nelson von Serge Gainsbourg. Jetzt mit 38 habe ich beide gehört, und frage mich, ob ich von Paper Tigers noch einen Mehrwert erwarten kann, wenn ich das Album kontrolliert vom Regal herunter auf den Boden fallen lasse.

                                      Notizen aus der Bahn

                                        Einträge vom 10.10.2019
                                        Es spricht die Stimme eines Reisenden. Ihm fielen noch Dinge auf. Er konnte reisen.

                                        Im Zug hat das Personal mir viel zu sagen. Am gesündesten ist es, nur von einer Station zur nächsten zu fahren. Alles weitere, wenn man darüber hinauslangt, ist voll von „Welcome on board“ und „le chef du train est a votre disposition“ und „Das Ettikettieren des Gepäcks ist eine Pflicht.“
                                        Mit der Sprache gut umzugehen ist nicht Pflicht und ebensogut keine, sagt der Duden.

                                        In den Regionalbahnen hören Halbstarke den letzten top ten angry hip hop mit Weltmusikanstrich. Dazu habe ich wenig zu sagen. Im TGV tippen Senioren – endlos affiziert – sich durch Menüpunkte ihres Mobiltelephons. Nur wie man den Tastenton ausschaltet, das wissen sie nicht. Den Alten kann ich diesen Mangel an Sensibilität nicht vergeben. Unsere Sinne sind so mannigfach beleidigt, und wir rotzen selbst noch in die See aus blitzebling und piep piep Kotze.

                                        Und zu lesen erst, was gibt es nicht alles zu lesen! „St.Paul/Minneapolis Team est 1962“ steht auf dem T-Shirt, oder eben: „Der Schaffner bleibt ihr bevorzugter Ansprechpartner während ihrer Reise.“ Ach, was?
                                        Aussagen, die auf Kleidungstücken und Paneelen gleichermaßen dreist durchgehalten werden.
                                        Und dann noch:
                                        „No Filter“
                                        „Laissez vous rever“
                                        „Siège avec vue“
                                        Alles Sprüche die mir auf Augenhöhe ins Fenster geklebt wurden. Verschieden opak zaubert die Folie einen Schleier auf die Landschaft dahinter, sie lässt mich an Photofilter denken und von einem Sitz mit Aussicht träumen.

                                        Man merkt auch gleich, wenn zum Großteil Deutsche um einen rum sind. Diese Aufregung 20 Minuten vor dem Bahnhof, sich schon ausgehfertig in den Gang zu stellen. Draußen wartet schon die Schlange am Taxistand und im Supermarkt. Merke: der Vorteil für die kommenden Schlangen ergibt sich immer in der gegenwärtigen.

                                        Neuer Zug: Mannheim-Osnabrück
                                        An den Hang gepresst oder ins Tal bis an den Rhein gewürfelt: es liegen vor Koblenz die schönsten Städtchen. Sie werden belästigt und am Leben gehalten von Ausflugsdampfern. Ein Größerer trägt den Namen Jane Austin, ein Kleinerer einen germanisierten mit ‚Th‘ am Anfang, so lächerlich, dass ich Jane Austin im Rückblick als akzeptabel durchgehen lasse.
                                        Ich nehme an, mein romantischer Ausblick kostet die Landschaft mehr als die 48€, die ich für das Ticket bezahle. Die Bahntrasse schneidet mitten durch enge Gässchen, an der Rückseite von Kirchen, über den Garagen der alten Häuser entlang. Auf Höhe der ersten oder zweiten Etage kratze ich metallisch in die Lebenswelt der Anwohner. Ähnliches kommt mir auch immer in der Berliner S-Bahn: auf einer Skala von zufrieden über genervt bis krank – wie befindet sich der Mensch dort hinterm Fenster?

                                        Europa ist wiedererkennbar. Die Automaten mit Fettriegeln und Chipstüten zu 11 Gramm drinnen schlucken ebenso wie in Frankreich die Münze, ohne Rücksicht auf meine Auswahl. Statt der #40 mal wieder die #0.

                                        Zwei Frauen laufen den Gang entlang. Es sind Zwillinge. Hinter dieser Feststellung liegen bange Sekunden, in denen ich fürchtete den Verstand verloren zu haben.
                                        Eine Frau läuft den Gang entlang und eine Minute später tut die Selbe noch einmal das Gleiche. Ein Schrecken mit Happy End als ich auf die Spitzfindigkeit verfalle, dass es sich anders zugetragen haben muss, nämlich, dass eine Gleiche bloß das Selbe tat.

                                        Ein dickes Kind isst im Gehen ein Brötchen mit Hähnchenschnitzel drinnen. Ich gratuliere dem Kind, das viele Jahre guten Trost im Essen finden wird.
                                        In Köln steigt viel Köln ein. Auf dem Boden liegt Hähnchenschnitzelrest. Mit jedem Kölner wird mehr davon zu Teppich.

                                        Im Bordrestaurant serviert die Deutsche Bahn ein Frühstück zu 5.80€. Das Angebot ‚Frühstück‘ beinhaltet kein Heißgetränk. Es handelt sich um drei sehr kleine Brötchen mit Butter und Käse, die unter dem Namen ‚Frühstück‘ die zusätzlichen 3.40 für den Kaffee gern verstecken wollen. In der Karte steht auch „Currywurst mit Pommes Frites und Mayonnaise“. Die sprachliche Opulenz von „Mayonnaise“ stimmt mich versöhnlich.

                                        In Duisburg: Ein Glück, ich muss umsteigen, aber es ist schon wie zu Hause. Hier gibt es echte Pommes, niemand schert sich drum, wie man Mayo zu Ende schreibt.

                                      The Baltimore Chronicle of Two Walks

                                        Now that I am grounded, I find my special joy in reading about the good old days, when I would walk the streets, deliberately aimless walk the streets of Baltimore. Here are two accounts of 2017. The first one a night-, the other a day-time walk.

                                        In front of The Grand Hotel, a young woman tries to get rid of her wannabe lover. The attire of the personage is giving away a recently had fancy dinner. She is getting away from him, he stays in touch, laughing. As I am within two feet, he tries to kiss her on the mouth, and she is struggling to deflect his lips. Still, he manages to press his onto hers. Her eyes, I can see her eyes. Slowly walking away from them, I hear her speak up, for me to witness: „No, I have to go home. Goodbye!“.

                                        „Motherfucker, no English, yeah, Motherfucker, no English!“ One of the usual suspects keeps yelling at me. I am turning my head, only a few degrees, so I would see it coming, in case he decides to get physical hold of me. Even from this angle, I can see, he cannot get up from the ground, physically.

                                        I acknowledge a man standing on the corner of Baltimore Street and Charles. We say ‚hello‘ and give each other a smile. I am only passing by, his stench is breathtaking but I don’t want him to know.

                                        At the harbor, book-sellers pack their product back into boxes. It s the last night of the Baltimore book festival. A man makes me stop, I shall take books for free, otherwise they will be recycled. The amount of books to be thrown away is astonishing. Three other people join in, digging deep into the five square foot container. The situation is insane and I keep going.

                                        At the Cross Street Market, four or five people are asking for money, one of them with dignity, declaring he needs it in order to get shitfaced. Young men at the corner are talking way too loud, explaining the world to young girls. A Ravens game has just ended. Apparently they won.

                                        In Locust Point, a middle aged man and a middle aged woman have an argument. Their intoxicated faces cannot clearly pronounce the words addressing the issue. Their intoxicated bodies cross the street, Baltimore style, too slow, at an all too shallow angle. Very few cars on the streets in Baltimore, on a Sunday night, too few to actually endanger their lives. They stop in front of the Southwestern Saloon, he hands a cigarette to a young man, hanging out at the stairs. The third character spends the time admiring his own sneakers until he gets up, following the couple. They meet again around the corner and the transaction process is finished. His friend, partner or competitor for selling dope comes along, I am afraid of being subject to his furor due to my obvious curiosity. He has a cute little dog, I can smile at while passing by.

                                        Next to the Cross Street Market on Light Street, a drunk homeless man trips over a younger drunk homeless man. They yell at each other. Unknown who of them felt better afterwards.

                                        A man on Light-Street is curious about my camera. Upon recognizing my foreign accent, I inform him about my mother tongue. He gives me a pat on the shoulder, fraternizing, while his two friends are closing up. Within thirty seconds, he manages to let me know that Muslims are a real big problem everywhere in the world and that the Germans at least should have the expertise to deal with them – considering how well they handled the Jews. Going home.

                                        Underneath several crossovers, where the Highway meets the city, close to the Farmer’s Market that, every Sunday, bridges parts of the city otherwise being well separated by that very highway: tents. I see a young woman crawling out, scratching her tattooed buttocks. She walks towards another tent. I don’t see how she takes her piss but that’s what she does. A hundred meters further north and south we find vegan soap and the Baltimore Sun. Later, several people asking for money will say thank you, although I will have said: „Sorry, I don’t have any change to spare.“ This, obviously, is a good day. Even if, for example, in the evening hours three guys in front of St. Paul’s church will yell at me: I shall acknowledge their existence.
                                        I am taking a detour. It enables me to see the tents. There is no way to leave the viaduct-like structure. It is leading East and West on a gentle curve, over other streets and misplaced homes, and in between high rises. There is nothing here but a low concrete wall and railings that allow for the view over of city. The railings are expecting the most daring of all subjects – he or she who is desperately trying to flee the scene. Yet an extra foot of wire on top of the fence is supposed to avoid any additional mess 10 meters below.
                                        It all ends at the crossing of Orleans and Gay. To the left, where Gay becomes Ensor Street, I can see the leftovers Old Town Mall. In a seemingly distant past, this pedestrian mall was situated in the middle of things. Its guardian is the Firehouse Tower, a recently refurbished building in almost unethically good shape – compared to the neighboring structures.
                                        Five years ago, when I first found this mall by accident, I was very surprised. None of my acquaintances at that time had ever heard of it, or, if they were Baltimoreans by birth, had forgotten that it exists. They had not set foot into this part of the city for quite a while. I, now, have not seen it for about three years. To my surprise, it might not have changed at all. I do not actually dare to judge, whether anything has changed or not. I still lack the finesse of telling apart the finer grades of degradation. Ah, a barber shop, I remember being open three years ago, now is closed.
                                        What I can tell is that colors of a sign stating ‚change‘ have withered and this – it being a sign, alright – could just be the clue I was looking for.

                                        fsdfs