sechster April | 2018

    In einem Wohnkomplex in Saint-Ouen, nahe der U-Bahnstation Marie de Saint-Ouen, stehen abends Typen rum und sie erscheinen finster. Dieser Eindruck täuscht natürlich, denn es sind Bewohner des großen Gebäudes. Jede Gruppe junger Männer mit Kapuzenpullis, die ohne klaren Auftrag einen Innenhof bevölkert, erscheint dem Einzelnen Wanderer schnell ‚finster‘. Er macht dann Typen draus und wahrscheinlich sieht man ihm diesen Hang zum Vorurteil im Gesicht an:
    „Heda, Wanderer in der anbrechenden Nacht!“
    „Ja bitte?“
    „Was runzelst Du die Stirn und nennst uns Typen? Dafür gibts eins auf die Fresse.“
    „Ha, hatte ich doch recht!“

    Dutzende Male bin ich über diesen Hof gelaufen und nichts dergleichen wurde gesprochen, dennoch erwarte ich mit jedem Mal das Äußerste und das liegt daran: Am Übergang vom Hof zur kleinen Nebenstraße – man läuft durch zwei Unterführungen hindurch, in den Brücken wohnen Menschen – bollert und kracht es ganz fürchterlich. Mein Tritt bewegt die losen Platten. Mit hoher Geschwindigkeit treffen sie auf den Zement, der sie, ich vermute, noch Anfang der 90er Jahre fest im Griff hielt.
    Die Bewegung im Boden macht meinen Gang unsicher, die Schallwellen äußern sich als reiner Druck in meinem Körper. Er wandert, durch die Beete, die Mauern hoch in die Wohnstätten. Ich stelle mir in Küchen- und Schlafzimmerecken ein gewaltvoll verendendes Fumpen vor, oder, nein, noch einmal wird es zurückgeworfen in die Menschen getrieben, die dort ausharren, essend schlafend, unter meinen Tritten.
    Ich kann gar nicht sagen, wie schnell mich dieser Zustand wahnsinnig machen würde, wäre ich dauerhaft Empfänger solcher Botschaften. Es ist mir nun seit zwei Jahren bekannt, dass mein Gang sie mitverursacht.
    Letztlich verachte ich die Bewohner, die nicht mit sofortigem Auszug drohen, die sofortige Besserung vom Vermieter verlangen, oder selbst zur Tat schreiten, für ihren schlechten Geschmack. Und für diese typisch bürgerliche Bewegung meines Geistes erwarte ich alsbald zur Rechenschaft gezogen zu werden.
    Die Jungs auf dem Innenhof kennen mich schon. Besser von ihnen ordentlich durchgelassen werden, als von Irgendwem. Vertraulichkeit ist auch ein Wert.
    Bislang hat noch niemand von mir verlangt, ich solle gefälligst woanders langlaufen, schließlich sind hier die Platten lose.

    Das ist das 21. Jahrhundert.
    Ich sah im Vorbeigehen auf der Brücke Warschauer Straße in Richtung Kreuzberg eine junge Frau mit Tüte. Wir liefen in entgegengesetzter Richtung. Zu ihrem Aussehen kann ich keine Angaben mehr machen, denn auf der Tüte stand geschrieben: „Die Realität ist für diejenigen, die…“ und da hört es eben auf, weil der Verkehr zu schnell und die Aufschriften auf Tüten zu lang geworden sind.

    Ich durchsuche die Spiegel-Online Seite mit dem Artikel zu Ata, dem chilenischen Wüstenskelett nach Kommentaren. Es gibt keine Kommentare. Niemand stellt sich der Behauptung entgegen, neueste Untersuchungen hätten nun jeden Zweifel ausgeräumt, dass es sich dabei um eine menschliche, sprich irdische Mutation handelt. Ich vermute: Die Trolle müssen von Artikeln zur Kugelform der Erde aufgehalten worden sein.

    Ich höre eine ältere Ausgabe der Langen Nacht des DLF zu Jack London. Es kommt das Zitat Londons: “Meine Mutter hatte Theorien” und im Folgenden erfahren wir wie eine rassistisch informierte Menschenkenntnis südländische Messermörder an ihren dunklen Haarschöpfen, durchdringenden Augen und ausgeprägten Zinken erkennen kann. Dass ich etwa 100 Jahre nach Jack London aufgewachsen bin, fällt mir an dieser Stelle nicht mehr auf. Ich will die chauvinistisch motivierte Esoterik und Pseudo-Anthropologie der Küchen- und Stammtische gerne vergessen, aber auch meine Mutter hatte Theorien.

    Volksempfänglich.
    Ich habe in der letzten Woche bei einem meiner Nachhilfeschüler zwei Stunden Geschichtsunterricht zum Thema „Drittes Reich“ improvisieren müssen. Der Anlass war die Aussage der Lehrerin, Hitler sei in den ersten Jahren ein guter Reichskanzler gewesen, der jedem Deutschen ein Auto geschenkt habe. Das hatte sich mein 13-jähriger élève nicht ausgedacht. Das französische Schulsystem legt sehr großen Wert auf das Auswendiglernen und lässt die Schüler noch immer alles von der Tafel abschreiben.
    Zum Glück habe ich trotz improvisierter Natur der Rede nur wenig moralisiert. Im Nachhinein fand ich folgenden sehr prägnanten Artikel, bei dem ich mich rückversicherte, keine phantastische Erzählung abgeliefert zu haben.
    Mit Schrecken muss ich seitdem feststellen, dass sich der Mythos von Versailles und der Wirtschftsboom-Autobahnquark in Frankreich dem Anschein nach hartnäckiger gehalten hat als in Deutschland.

fünfter April | 2018

    Die SZ veröffentlicht einen kurzen Text zur ‚Straßburger Tanzwut‘. Das Phänomen: Zunächst Einzelpersonen, dann Menschenmassen können oder wollen ohne ersichtlichen Grund nicht aufhören zu tanzen. Als wäre ich nicht schon überrascht genug, steht noch folgender Satz darin: “1463 soll es zu einer Choreomanie im Eifelgebiet gekommen sein.”

    Johann Dean, der Bruder von James Dean.
    In den den Ebay Kleinanzeigen finde ich unter der Verkaufstext zu einer Kamera noch folgende Angabe: “Selbstabholung Delmenhorst, Nähe Deichhorst”

    In der TAZ gibt es einige merkwürdige Berufskommentatoren, die jeden Artikel, sei er noch so öde, mit ein paar Zeilen veredeln. Dazu gehört der Nutzer ‚lowandorder‘, dessen Sprech mit Dialekt-Fragmenten die stets aggressive Anrede jovial verdeckt. So zum Beispiel:

    Na Servus.

    Vllt – geschätzter Stefan Wackwitz –
    Wäre es ratsam – vor der Schreibe –
    Die Midas-Mütze – mal auf oder abzusetzen!
    Jedenfalls auf jedenfall mal zum Abgewöhnen –
    Anprobiert haben – eh’s Promibrei wird – gell!
    Das kann frauman – wenn manns kann.
    &
    Zur Freiheitsmütze wird sie deswegen noch –
    Alllang nicht! Newahr.
    Auch wieder wahr!;)(

    oder auch:

    Ja wie? Das könnte bi lütten im Trainingskamp aber auch der letzte –
    Balltreter & Pistolero letaldiskursiv gespahnt haben ~>
    Nu. Wennste heiße Kartoffeln mit nem Rüttelsieb sortierst – bleibt dir nur –
    Genau. Genau. – Pampe aufm Teller! Wollnichwoll.

    kurz – Klar. Soon Hals. Aber da knippt dir k’eine Maus den Faden ab.
    Nö. Da kannste wedeln so viel de willst – newahr.
    No. Wie arm is dat dann.

    Er ist sich sicher, wir sollten ihn verstehen, und für diese 5-10 mal täglich zur Schau gestellte Sicherheit bewundere ich ihn ein bisschen, während mein Kopf sich schüttelt, von Phrasen verdroschen. Wer will schon derart belehrt werden? Ich könnte mich freuen, dass ich nicht gemeint bin, gell?
    Doch auch mir geschieht Gewalt: „Wollnichwoll“ und „Neuwahr“, nur ein Dutzend Mal gelesen, bleiben bereits hängen.

achtundzwanzigster Januar | 2018

    Hier in Paris hat doch einer, man soll es nicht glauben, alle Bände Lenin von vorn bis hinten durchgelesen.

    Oma hatte recht. Iss erstmal was, dann sieht die Welt schon anders aus. Oder eben: Sieh dir auf Instagram Essen an, und eine Kochsendung im Fernsehen; nur im Notfall noch selber machen.

    Selbsterklärende Mafiapaten-Sprichwörter: “Mutter bei die Fische.”

    Im Standesamt, dem Kind einen guten Start verschaffen.
    Sein Name ist Glück Geld Besitz Jesus Candy Love Schmidt junior.

    Verschreiber des Tages: Nobster statt Monster

    An actual conversation overheard between me and a Snickers:
    me: „You are evil!“
    Snickers: “I’m not evil, you are weak.”

    „In the early morning rain, I miss my loved ones so“ heißt es in einem Lied, doch das kann ich mir nicht vorstellen. Der frühe Morgen – So er ihn besingt, steht der Sänger an anderen Tagen später auf. So einer ist kein Bäcker, Müllmann, Tankstellenwart. Er kann durch frühes Aufstehen noch bequem und vor allem preisgünstig in der eigenen Stadt Urlaub machen.

    Benjamin: nur amtlich mit 6 Zylindern.
    In den Museen werde ich keine die Kunstwerke kontextualisierenden Texte mehr lesen. Als Gründe nenne ich

    erstens: Sie haben sich die grauenerregende Werbesprache von Auto- und Musikzeitschriften angewöhnt. Mit technischen Details und Adjektiven werden da Fahrgefühle und Höreindrücke vermittelt Hier nun müssen Namen für Diskurse herhalten. Gleich den Prospekten und Zeitschriften, wissen eigentlich nur Ingenieure, was dahinter steckt – aber meine Gefühle, sind doch ‚echt‘!?

    zweitens: Auch die großen Institutionen geben keine müde Mark für Übersetzungen aus an. Im Monnaie de Paris und im Centre Pompidou fehlen Punkt und Komma! Ja, sogar Kunstwerke, die mit Sprache arbeiten, sind im französischen Raum vom ungebührlichen Druck korrekter englischer Syntax und des idiomatischen Ausdrucks befreit. Auf jedem verdammten scheiß-Schild muss man mehr Fehler dulden als Galaxien im Haar der Berenike.

    Müsste man, wenn man denn der Aufforderung zum lesen noch nachkäme. Daher gilt der Totalitätsanspruch meines Urteils nur bis heute, den 28.01.2018. Ab Morgen wird alles besser sein.

    P.S.: Scheiß-Schild soll heißen: die Texte haben höchstens drei Zylinder.

    He who is without error, throwe den firsten stone.

    I am proposing you informations to a traduction.

fünfter Oktober | 2017

    „Auch Versailles ist irgendwie gebaut worden, und es waren wohl kaum die Hände der Architekten und Goldschmiede, die Erde und Stein bewegt haben.“ So könnte ein tief verärgertes Stück Text zum Thema ‚Unsichtbarkeit des Proletariats in vor-revolutionärer Zeit‘ beginnen. Fest steht: im heutigen Versailles wird gar nichts erklärt, ja nicht einmal beschrieben. Der Besucher befindet sich in einem Luxus-Ikea, gefeiert in der Sprache oberflächlicher Fernseh-Innenarchitekten, die nichts mit Kunst oder Design im Sinne habe, ja, nicht einmal mit Mode. Vieles an Versailles ist in der Tat schön – schön trotz des Goldes und der Spiegel.
    Politisch ist die touristische Führung durch Versailles ein Desaster. Grund und Zweck jenseits königlichen Wollens bleiben ungenannt. Solche celebrity-Begegnung mit der Geschichte, kann nicht folgenlos bleiben. Sie betrifft unser Verhältnis zu Architektur, Orten, Namen, Bildern, – „…den Faschismus erst ermöglichende Verblödung!“ müsste irgendwo in diesem ungeschriebenen Text stehen.

September 26 | 2017

    inconspicuous.
    In A Bout de Souffle, Michel Poiccard manages to not pay for his beer by ordering an entire meal.
    It is one great example of how increased consumption does render us less suspicious. This and properly displayed signs of hurry make the respectable man.

    Watch The Throne.
    Gangster rap’s product is usually called ‚authenticity‘. Perhaps we do expect the more authenticity the stronger the emphasis on the spoken word. Daft Punk Justice and Trentemoller can hide themselves as much as words in their works are reduced to instrumental ornament.
    We need to believe the rapping gangster that his words properly describe the artist’s way of life, knowing all too well that by buying his product, we alienate the producer from these illegal ways. Therefore I believe, the authentic core of the gangster rap message is very much the same of the royal family: We might be popular and rich but we are also sometimes jealous, get hungry and do pee and we will let you watch it happen. While for other celebrities, this kind of fame-marketing and identification-building is only a side effect of another product they have sold before or are currently selling, gangster rappers and the royal family’s only real merchandise is a mise en scene of their alleged life.
    For both groups aristocrats and gangster rappers it is also true that, if we stop financing this very life-style, they might turn to their violent past and just take it from us.
    This came to my mind when I found out about the work of Judith Deschamps who is selling certificates for an already cleaned up graffiti. While I initially thought this was quite gangster, my second thought was more to the point – that it was probably more of a gangster rap.

September 9 | 2017

    Preise ausgezeichnet.
    An der Kasse im lidl steht für sich alleine an, eine Menge Leute. Da ist einer, der weiß auch nicht, wie ihm geschieht. Zwei Meter groß und stets im Wege vorbei sich schleichender, biegsamer Körper. Uns fehlt es an Übung, wir werden gerammt. Er erkennt unsere Verwandschaft und wir tauschen aus eine Geste der Frendlichkeit. Noch während ich leise herüberlächle, werde ich ein ein weiteres Mal geschüttelt. Ein vitaler, sehr kleiner Mann, knapp doppelt so alt wie ich und mir in allem überlegen. Er entschuldigt sich und lächelt ebenfalls. Was man mir über Pariser sagte, stimmt bedingt. Es gibt die Zeichen guten Willens, nur ausgesprochen werden sie nicht.
    Da wirft sich eine Frau zu Boden. Ich hatte sie gar nicht gesehen. Als ich sie dann sehe, liegt sie bereits. Sie belegt mit ihrem Körper die Schneise zwischen zwei Kassen. Mein Französosisch reicht nicht aus, um auch nur im Ansatz die Zusammenstellung der Worte zu begreifen. Die wilden Gesten jedoch lassen auch den Dummen wissen, dass da jemand für die Lage verantwortlich gemacht werden soll. Ein anderer großer Mann, weiter hinten an der Kasse, soll sie geschubst haben. Er streitet dies ab. Weil er sich im Abstreiten sehr ruhig verhält, ist das Sicherheitspersonal auf seiner Seite. Auf ihren Knöchel verweisend, liegt doch die Kränkung der Frau woanders und ist hier und jetzt irreperabel. In den Gesichtern der immer noch Wartenden steht ausdrücklich die Aufforderung zur Beendigung der Klage. Ein brutal resignatives Wissen steht dahinter: Im Ernstfall ist es die Menge, die rammt. Ihrer kann kein Geschrei habhaft werden.
    So dachte ich mir das, als ich zwei Stunden später zu Hause anfing zwischen meinen Zeilen über das frisch Erlebte nachzudenken. In der Situation, im lidl an der Kasse, war die Lage eine andere. Ich erahnte zunächst einen elaborierten Ablenkungsversuch und versicherte mich meiner Brieftasche, und kurz darauf dachte ich mir, es handle sich eher um eine generelle Anklage, denn die Frau war ihrer Kleidung nach vielleicht arm und der Mann seiner Kleidung nach vielleicht reich, ebenso war sie schwarz und dem Akzent nach afrikanischer Abstammung und überhaupt, wer im lidl die Trockensalami zu 89 cent kauft, ist sicher ein Verbrecher.

    Es sind die sehr kleinen Dinge, die man nicht sieht. Oder die ganz enorm großen. Vor mir auf dem Trottoir der Rue de Temple macht sich jemand an seinem Ausblick zu schaffen. Er will offenbar ein in die Mauer eingelassenes Stück Glasmalerei photographieren. Es misst im Querschnitt vielleicht 15 Zoll. Zum Ablichten tritt er nicht näher, bleibt stattdessen mit mir auf der anderen Straßenseite, zoomend und kadrierend, die alte schwere Tür aus Hols muss auch noch mit hinein.
    Von dort aus nennt er sich, noch heute und zurecht, wann immer er das Bild besieht, einen Entdecker kleiner Dinge. (Anmerkung: Womöglich handelt es sich beim Kunstwerk auch um ein Mosaik, man müsste nochmal hin).

    Nachzuholendes Gemaule.
    Der konsumierend die Innenstadt verstopfende Münsteraner sieht JETZT aus wie ich mir FRÜHER einen Bewohner Hannovers vorgestellt habe. Mein Urteil hat sicherlich Konsequenzen, aber ich bin viel zu gerne dort, um mir etwas davon anzunehmen.

    Die Lust beim Bildermachen, beim Video, der Photographie zieht nach sich den Rattenschwanz der vielen Schritte. Dem Einzelnen und einer Öffentlichkeit das Ausgewählte zugänglich zu machen, vervielfacht die Entscheidungen. Wer hat diese Kraft? Eine Ermüdungserscheinung der Betrachter und Produzenten ist vielleicht der Kitsch.

    Selten sind Berichte von Autoren, die in ihren eignen Texte schwelgend, die Lust zu neuer Arbeit glatt verloren haben. Mutwillig müsste man sich unter großem Aufwand gegen jede neue Praxis in das Alte wieder lesen. Hingegen jeder Bildbetrachter den Moment zu fürchten lernt in dem ein altes Selbst aufsteigt. So wie’s gefühlt, gerochen und dagestanden hat. Nach diesem Selbst besteht womöglich Sehnsucht und schon ist es mit der Distanz dahin. Derart von der eignen Mythologie ins Mark getroffen zu werden – dagegen hilft nur die Verwandlung ins Produkt.

    Hier könnte Ihre Übersetzung stehen.

    Hier könnte Ihre Übersetzung stehen.

neunzehnter August | 2017

    Strasbourg, Place Gutenberg.
    Dieses Karrussel, die Fassaden mittelalterlich, als Stube, heimlich im Hintergrund der 13xhochn Bilder pro Sekunde, die der Tourist vom Dom, dem Gässl schießt. Weiter, wie schrecklich die Erkenntnis, persönlich habe ich hier noch nie etwas Neues gesehen.
    Ich ist zum kotzen modern. Ihm fällt nichts ein als seinen Mangel festzustellen, ihn dann aufs Gesicht der Welt zu drucken. „Hier, nichts mehr zu entdecken.“

    Bouquet-list.
    Hier könnte mein Gedanke von vor vier Mintuen stehen, wäre nicht die Bedienung durchs Bild gelaufen. Im Blick auf das verstörend attraktive Paar am Nebentisch tritt die Zeit ins Blumenbeet.

    Noch während es ihn traf, …
    Einer im Café erklärt mir in strasbourgien, dass der Tod durch Blitzschlag ein schrecklicher sei. Ich entgegne, zu ertrinken oder Siechtum durch Krebs stelle ich mir schlimmer vor. Seine Theorie: Der Moment des Blitzschlags dehnt sich ins Unendliche aus. So außergewöhnlich ist das Ereignis, unser Bewusstsein kann gar nicht genug davon bekommen. Statt der sprichwörtlichen Blitzesschnelle erscheint ihm eine grausam lichte Spanne in derer man Zeuge des eignen Verbrennens wird.

    Naturliebe.
    Wenn man alle Netzspinnen im Raum gewähren lässt, in der Hoffnung sie mögen sich im Tausch der Moskitos annehmen…

    July 15 | 2017

    Definition ‚Mob‘.
    Während der common sense an den Biertischen der Nation sich das N.Wort nicht verbieten lassen will – armes Deutschland, danke Merkel, was dürfen wir als nächstes nicht mehr? Autofahren? – ist er nach dem G20 Gipfel bereit seine Freiehit im öffetnlichen Raum weiter preiszugeben. Nach einer örtlich begrenzten, kurzzeitigen, seit Jahren vorbereiteten und an dieser Vorbereitung gemessen, in ihren Ausmaßen lächerlichen Aussetzung der öffentlichen Ordnung, sollen jetzt noch mehr Überwachung und eine stärkere Exekutive jeden Schritt zum Aldi hin begleiten.
    Videos und Bildzeitungs-Aufrufe haben uns ermächtigt: Wenn hier einer den öffentlichen Raum in Brand steckt, dann ich, der ordentlich besorgte Steuerzahler. Ordnung muss sein.

    Revolutionstheorie.
    Dass Schanzenviertel anzuzünden, um der Welt zu zeigen, wie der künftige Bürgerkrieg aussehen wird, zeugt von erstaunlicher Weitsicht. In der Tat werden es die ökonomisch Schwächeren sein, deren Umfeld in Flammen aufgehen und diesen überlassen werden wird.

    Seite beziehen.
    Der Pressesprecher der Roten Flora braucht dringend einen Pressesprecher. Als er sagte, man habe Sympathien für die Individuen, die dort randalierten, war die Sache verloren.

    der wichtige Kampf zur richtigen Zeit.
    Riefe Greenpeace dazu auf alle in Paris stehenden Fahrradstationen anzustecken – so lange, bis die Fahrräder umsonst ausgegeben werden und niemandem mehr gehören,…

    April 21 | 2017

    Gelungene Integration.
    Die Empörung der ihrem Selbstverständnis nach Biodeutschen über das Wahlverhalten der so genannten Deutschen mit türkischem Migrationshintergrund verwundert. Man ist sich doch in Vielem einig. Rechtssicherheit verhindert das gerechte Urteil und Gewaltenteilung ist störendes Hindernis auf dem Weg zur großen Tat. Als Lösung in aller Munde: Die durchgreifende Hand des guten Königs. Er ist das Ende der auf korrupte Weise impotenten Politikerkaste.
    Auch zur Todesstrafe höre ich eigentlich nur Gutes. Kinderschänder, Vergewaltiger, Bänker und Merkel kommen nach drei, vier Bier alle an die selbe Wand.
    Dass man sich dennoch nicht leiden mag, muss andere Gründe haben.

    German values.
    I found the public outrage over the results of the Turkish elections surprising. It is the outrage of the otherwise often silent majority of people who consider themselves indigenous due to their seemingly homogeneous white, Christian, working class ancestry whose proper secluded intercourse, over centuries, finally, gave birth to the present specimen of pure breeding.
    Because the idea of being indigenous to a nationality is laughable and Germany’s infamously fascist tradition, individuals displaying this attitude are called ‚Biodeutsche‘. A lot of people use the term to describe themselves – thus missing the point, successfully disemboweling the wit to make room for some righteously felt German-ness.
    Having no background of migration in 2017(to be indigenous) means that your ancestors crossed the German/Prussian/Saxonian/,… border before 1948. This was a necessary hat-trick of the all new German Republic that was following the 12-year time period we widely consider to have been the one-man-show of an unsuccessful Austrian painter, wearing a – at the time – fashionable, not too bushy mustache. After WWII, once the borders were re-drawn, about 12 million individuals with German papers were displaced and found themselves in foreign territory. Unfortunately, these Germans have been treated as ‚Germans‘ and it took a number of new minorities to immigrate before these people could bolster their own identity with a sense of German-ness. It must have been quite a relief to be considered less alien than the Croatian and Turkish workforce, refugees from the GDR, the Kurdish, and recently the Syrian refugees. The language regime provided necessary help, disguising the disgrace of ’not being from here‘, an assumption that might seem ridiculous to Americans. My grandfather, despite having arrived in town in 1948. For a short time he was a POW in a soviet camp, them, unable to return to his home town that is now situated in Poland, he found his way to the very west, looking for work that would sustain his life. Later on his family, mother, sister, brother would follow him to the Dutch border. Regularly at the coffee table, at the bar, he was called out for ’not being from here‘. In retrospect, this made me understand why he would join every club and team there was before taking himself back and refraining from public activities altogether yes, kitchen psychology, at best. Whoever has ancestors among those 12 million and talked with them about something else than the weather will know that my grandfather was not a statistical anomaly. So much for the art of being more German than other Germans.
    The Turkish-German population often has two passports and therefore has the right to vote in Germany and Turkey. Dual-citizenship, in general, is a problematic construct. A lot of Russian-Germans, Polish-Germans have it. But the debate is only getting fiery when it comes to the Turkish case. The attempts of the government to force a decision upon individuals for either one or the other are numerous and applauded by loyal non-dual citizens. (As the the German idiom tellingly goes: one cannot serve two masters.) The underlying dispute is a lawful one and reflects a lot of the confusion over what it means to be a citizen. Until the year 2000, like many other European states until today, Germany only knew the ius sanguini that determines nationhood by bloodline. By then, rather liberal government tried to catch up with the reality of immigration by implementing the ius territorialis that determines nationality by birthplace. The conditions of the latter are fierce and the matter does require more discussion than the space allotted here allows.
    These roughly 500 000 German-Turkish Dual citizens are outnumbered by the 1.5 Million Turkish Citizens, living on German soil, who cannot even partake in the local elections because they are not citizens of the EU. One can imagine how weakly affiliated this body of people is to the German Republic and its public and political life. Instead of relying on empathy and imagination, one can read the numerous studies and statistics dealing with this kind of structural discrimination and its fallout.
    Also, there would be a lot to say about the role of the military in Turkey and how Erdogan manages to harvest the fear of a coup d’état, how Kurdish independence plays into the rational of the AKP (Erdogan’s Party) voters and the question of religious identity in Turkey – none of which I am going to attempt, though it should be mentioned that these complexities lurk in the background of the bigger picture, in order not to seem more ignorant than necessary.
    Still, I am surprised with the outrage of German Germans without ‚migration background‘ because they do have much in common with those who voted for Erdogan.
    German German common sense tells me that the rule of law is only hindering real justice while checks and balances keep the good king form acting out the interest of the people. A rather primitive understanding of democracy, one might think, without knowledge or patience for the political processes, yet shared across all strata of society. Creating a strong man, given the means to take drastic measures is considered a relief from political impotence. Also, after a couple of drinks the German German likes to talk about the death penalty. Child abusers, rapists, bankers and Angela Merkel are put up against the very same wall.
    I dare to conclude: Being angry with the Turkish community in Germany must have other reasons.

    On the term ‚Aufrecht-Deutscher.
    People of all political colors are asking for more spine. I am calling for more brain. Albert Einstein („who is being recognized more and more…“) recently told me over a beer:
    “He who joyfully marches to music rank and file has already earned my contempt. He has been given a large brain by mistake, since for him the spinal cord would surely suffice.“

    April 13 | 2017

    Bwlmr.
    Wenn es warm geworden ist, führt die Stadt
    Am Straßenrand und mitten drauf, ihr Repertoire
    Ins freie.
    Kein Vagand, ganz unromantisch Vollkaputte
    Beim Ballett
    Verbeugen sich zu Crystal Meth.
    Drei entlang der Straße, Rufen schwer um Hilfe
    – Rechts –
    Und fünf entlang der nächsten
    Wirken im Quadrat:
    „Hier bewohne ich in Tätlichkeit ein Stück Gewalt,
    Das mich mit Nichts bedroht.“

    March 06 | 2017

    Shared calamity.
    Alienation may not surpass the threshold. At one point, the individual chooses the apocalypse over its private downfall.

    On the farmer’s market, a charming man in his mid fifties makes me buy a communist newspaper. He is standing next to the grumpy seller of slightly overpriced tomatoes. I buy them every week. His grumpiness makes up for the all too friendly average farmer’s market participant.
    I add him to my social diet for reasons of diversity and nostalgia, nostalgia for grumpy old German people who give you the evil look for reasons, I will yet have to explore, by getting older myself.
    Standing in the thick fumes of bbq-ed buffalo chunks and beef patties the size of a buffalo, I hear and see a black senior masterfully playing a saxophone made of plastic drainpipes. My bag full of tomatoes and about to buy the paper, I get to realize that I do not miss the absence of principles.

    I saw the Batman of the 50s driving his Batmobil in fast motion, all colors vibrant. A candy cane stage travelling with him, extending miles and miles into an otherwise all too realistic wasteland.

    Never eat alone.
    I tried to order a sesame beagle – causing myself and the girl behind the counter to share some laughter. The beautiful moment later would trouble my imagination: how to depict a sesame beagle?

    typo of the day: nagelus novus

    Similar to this, in Fitzgerald’s ‚This Side of Paradise‘.
    – „I’m in love with change and I’ve killed my conscience.“
    – „So, you’ll go along crying that we must go faster.“

    to be ahead of the game
    does put you in front of the
    one who is already being hunted

    February 24 | 2017

    Während der diesjährigen Doktoranden-Konferenz unseres Departments kam mir einmal mehr zu Bewusstsein, dass die Mehrzahl meiner Kolleginnen ihrem Autor allzu nahe sein will. Das wird man ja noch fragen dürfen: „Was will x uns damit sagen?“
    Ich gab mir Mühe skizzenhaft mein Glaubensbekenntnis aufs Papier zu bringen – die eigene Methode irgendwo zwischen Struktursemiotik, Diskursanalyse und close reading. Die Schnittmenge ist ein kleines Fleckchen Erde. Es vegetieren dort vor sich hin: ich und wenige Kolleginnen. Alles in allem scheint die Insel unbewohnbar. Ein paar große Namen und Bücher könnte man dort anhäufen, so wie sie auf Nodseeinseln versuchen Meeressand an Land zu pumpen. Ich war beschäftigt mit dem coastal geo-engineering neuer heuristischer Metaphern (War gar das geo-engineering selbst die Metapher; Abbildung vom Verhältnis Material zu Methode?).
    Im Hintergrund hörte ich die Rede vom idealen Leser. Der ideale Leser, so hieß es, sei derjenige, der die Wiederherstellung der originalen Bedeutung sich zum Ziele setze. Ich wurde Zeuge, wie Text und Leser in einen Zusammenhang gebracht wurden, der das gesundes Miteinander nicht erlaubt: die Intentionalität.
    Ein Jahrhundert nach Saussure ist die Sprache in den Köpfen noch immer ein Werkzeug. Ein halbes Jahrhundet nach Barthes ist das Verlangen des (akademischen!) Lesers ungebrochen: wenn schon tanzen, dann vom Vater geführt.
    Wir sollten uns dazu entschließen wenigstens zum status quo der theologischen Lektüren aufzuschließen, d.h. rechtschaffene Theologen zu werden, statt weiter so zu tun als sei das Erkenntnisinteresse auf ‚Kultur‘ gerichtet.

    Werden wir später, wenn wir die Werke der Künstler und allgemeine Schaffenden der eigenen Generation lesen und betrachten, werden wir dann Sachen sagen wie: Mir gefällt ihr verspielteres Werk, das frühe, aus der Zeit als sie noch kein Xanax genommen hat.
    https://www.youtube.com/watch?v=B1AG87vNjms

    Mögliche Romananfänge
    „Im Alter von 16 Jahren verkaufte Sara eine ihrer zuvor getragenen Unterhosen an einen mittelmäßig gelangweilten Lehrer. Nach kurzer Verhandlung einigte man sich auf einen Verkaufspreis von 174 Dollar. Er wollte seine Karriere aufs Spiel setzen, nur ein bisschen, um den Genuss nicht zu gefährden“

    Over the course of our allover inspiring grad student conference on ‚Antagonisms‘, I came to realize that a lot of literary scholars of my generation celebrate the author like it’s 1968. „Me, as a modern follower of x, trying to find out what x wanted to do, etc.“
    I was trying to get my method together, producing labels for my own school of thought, and found myself marooned on an island with a few other colleagues, hardly large enough to sustain life. Structural semiotics, discourse analysis and close reading added some sand to my precarious landmass. „Perhaps it is rather a promontory than an island, then I would be considered avantgarde. That image allows for retreat – the only comfort in times when everything is war.“
    While I was caught up in the Geo-engineering of new heuristic metaphors, the crowd was discussing a reader whose ideal function was to retrieve something called ‚original meaning‘. I could not help myself but to commiserate this reader and its text as to the burden that was layn on their shoulders. The burden of the hunt. AS if the author-god was still alive.
    More than a century after Saussure, we think of language as a tool. Almost 50 years after Barthes, even the academic reader is fond of being abused by a transcendental will, wielding the pen.
    We shall rather be righteous theologians than fake cultural historians.

    Will we, one day, look back at the achievements of our contemporaries and think and write and read: „I prefer the more playful style during her pre-xanax-phase?“ https://www.youtube.com/watch?v=B1AG87vNjms

    The first line of a novel?
    „At the age of 16, Sara sold her used underwear to one of her teachers for 174 Dollars. He wanted to risk his career – just little bit, not too much.“

    Not Coming of age.
    Sean Hannity knows how to appeal to one’s identity, as he is telling his audience: „As an American, you should be outraged.“ It reminds me of my early teenage years when somebody yelled over the schoolyard: „ehh, Thomas is gay!“ Which meant: „Everybody who’s a real man, show your disgust, now!“
    I would like to yell over the courtyard: „Grow up, Sean, and shed your juvenile trauma!“ I don’t know if that is American but totally saw that in a movie.

    I watched ‚The Handmaid’s Tale‘ directed by Schloendorff and it did not feel like dystopian science fiction, at all. The depicted society followed a canon of values we can see re-emerge with the so called ‚alt right‘, and Schloendorf’s images convey what that wet dream – a dream of men who get aroused by reading the old testament – does to every inch of the human fabric.
    https://www.youtube.com/watch?v=oCZVCTBWy7U&feature=youtu.be&t=2m59s

    February 12 | 2017

    Ich habe nicht das Training, um im Gespräch den Anderen effektiv in seinen Äußerungen zu desavouieren. Auch fehlt mir die Motivation diese Praxis nachzuholen.
    Die im beruflichen Umfeld anzutreffende Gesprächskunst ist keine. Die Entschuldigung für diesen Missstand lautet: Professionalisierung. Der Profi weiß schon alles Notwendige. Die Gymnasitk seines Gegenüber betrachtet er als Zier, die, um seinen Monolog zu schmücken, er gelegentlich erlaubt.

    Disney und Prozac. The Healthy Choice.
    Um die Handlung des Helden verfolgen zu können, muss dieser am Leben bleiben. Ihn deswegen jedes Kreuzfeuer überleben zu lassen geht auf Kosten der Wahrscheinlichkeit. Begegnet er uns als Untoter, oder nur als Stimme aus dem off, ist der Naturalismus ohnehin am Ende. Dass uns das kaum stört, sondern im Gegenteil sehr gut gefällt, hat zu tun mit Gewöhnung, sicherlich. Wie eine Unwucht hat die Heldenhandlung eine Kerbe in den Kopf geschlagen. In ihr, so die Idee, will man später selbst zur Ruhe kommen. (Zuvor stand dort im Knochen: der Zufall. Der Erinnerung an sein Vorhandensein ist wiederum nur chemisch beizukommen.)

    Gewalt.
    Der Zynismus ist ausgeleiert. Die Seele hält er nicht mehr zusammen. Zu offen sichtlich die Gewalt gegen andere. Die Hoffnung war: sie ernstzunehmen heißt, sie zu verhindern suchen.
    Dem Anschein nach geht alle Kraft darauf sie zu rechtfertigen.

    I do lack the training to eloquently expose the shortcomings of the other. Furthermore, I have no inclination to catch up on it.
    Whenever you go to the market, there is no need for the art of conversation. Negotiation is the appropriate skill. The common excuse for this inadequacy is that you are a professional. The professional already possesses the necessary knowledge. He does allow for the contortions of his alleged partner, if they serve as proper ornament for a price tag.

    Disney and Prozac. The Healthy Choice.
    In order to have the old fashioned plot deploy it deems necessary to have the hero survive. He happens withstand the most intense crossfire and it should make us suspiscious: in how far can I identify with him? Improbability does not bother us too much, as doesn’t an invisible, time-warped narrator. We are used to these tricks. It’s repetitive deception with good intent.
    A sweet heavy spot has been carved out in our head. Right there, where the exception of the hero gets to work, we hope to get to settle down our self, one day. (Earlier this part of the skull contained the memory of coincidence. Erasure of this memory requires a different kind of medium, capable, of heavy chemical impact.)

    Violence.
    Cynicism is worn, worn out. It no longer can bind the soul. Violence against the other has become too obviously visible. Anybody is anybody’s neighbor now. Indeed, it has become impossible to look away, only the ethical consequences were rather unexpected. The attempts trying to justify violence seem to outweigh the attempts to prevent it from happening.

    February 03 | 2017

    Er war sehnsuchtskrank,
    Was nur hieß, dass er Sehnsucht hatte.
    Krank daran
    Sich dem Naheliegenden zu verweigern.
    Sein Produkt ist defamiert
    Als Wucherung.

    Stark trifft die Bezeichnung
    Einen Faulen.

    Stehen bleiben, Polzei.
    Detektiv sein bedeutet
    die Spuren nachgehen
    Gleich an Gewalt
    Verschieden
    Abstrakt
    die Zwecke.

    Das Missverständnis.
    Vorbild sein
    Als –
    Davor stehen bleiben
    Sich identisch
    Annehmen.

    Im frühen Film verzögerte ein ‚Händehoch‘ den Helden.
    Später musste sich ergeben: die Handlung.

    January 20 | 2017

    „Are you a native?“
    „I’m not a native, I was born here.“ (Blake Edwards, The Great Race. 1961)

    Bernd Höckes Bemerkungen zum Holocaust-Mahnmal sind im Kontext seines Aufrufs zum „totalen Sieg“ zu Ende zu denken. „Eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ wird bedeuten: eine Geschichtsschreibung, die sich von ihren Opfern ab- und ihren Siegern zuwendet.
    Bernd Höcke, der Geschichtslehrer, weiß es wohl: Chauvinismus setzt Energien frei. Die ohnehin halbherzigen Versuche ihn zu Unterdrücken, sollen der angespannt am Weltmarkt sich alltäglich zu verkaufenden Seele zukünftig erspart bleiben.
    Gesprochen werden soll wieder vom Ruhm, von der Häme, und auch die Schlachtbeschreibung, war sie ach nie ganz verschwunden, wird wieder zu neuer Blüte gelangen. Für Zweifel, Empathie und Rückzug hat der Chauvinismus keine Form. Sie finden keinen Ausdruck. Letzteres ist die Kurzdefinition von ‘Trauma’. Es wird gut verdeckt durch eben jenes Sprechen vom Ruhm, der Häme und dem Fetisch des Details: Angaben zu Material und Stellung, Bewegungspfeile auf Karten sind beliebt, sowie Informationen zu Art und Menge des Frühstücks, das der General am Tage der Entscheidung zu sich nahm. Vom so genannten Neoliberalismus sturmreif geschossen, freut sich die Psyche über solch erfrischendes trallala.
    Erinnerungskultur, das war der Nachfolgeterminus für Vergangenheitsbewältigung. Auch das weiß Bernd Höcke, der Geschichtslehrer, jedoch führt er die beiden Begriffe für seine Sache ungeschickt zusammen. Er hätte es nicht nötig Vergangenheitsbewältigung negativ zu besetzen. Sie ist als ‘Bewältigung’ ganz in seinem Sinne. Sie fordert einen Abschluss der Arbeit an der Vergangenheit. Diese Forderung hat immer schon lautstarke Vertreter gefunden.
    Besonders laut war ein auf Bundesebene erfolglos polternder bayrischer Export, der in vielem Ähnlichkeiten aufwies zu dem 45sten Präsidenten der Vereinigten Staaten. Donald Trumps Vereidigung liegt noch einen Tag entfernt. Die Bedeutung als politische verschwindet hinter seinem orangenen Haar, den zu kurz geratenen Fingern und Phantasien über russischen Natursekt – des Generals Frühstück eben. Die Opfer seiner zukünftigen Politik sind bekannt. Niemand kann überrascht tun, wenn in der Folge des 21. Januars den so genannten Minderheiten elementare Menschenrechte entzogen werden.Eine Vielheit will das Erbe der Katastrophe abschütteln. Wer auch nur in Kneipen und auf Kindergeburtstagen ein offenes Ohr behalten hat, weiß schon davon, dass so ein ‘Richtungswechsel’ großen Zuspruch findet.
    Der Begriff Erinnerungskultur sollte, entgegen der missverständlichen Vergangenheitsbewältigung, auf eine lebendige Praxis hinweisen. Ein Leben mit den Toten, wenn Sie so wollen. Doch Wovon sprechen wir, wenn wir vorm ‘Denkmal’ stehen? Die in jedem Dorf vorhandenen Denkmäler zum Gedenken an die Gefallenen aus den Kriegen 70-71, 14-18 und 39-45 sind gut versteckt. Charmant verwachsen mit den Sträuchern und Bäumen ihrer Erbauungszeit erscheinen sie als Landschaftsteile und gemahnen an nichts. Sie gehören, ohne zweite Botschaft, als Detail zum Naturraum.
    Als Strategie einer um den Menschen besorgten Ethik ist das Denkmal alleine nutzlos. Dazu bedarf es der Arbeit – eben jene Verbindung von Text, Ritual und Präsenz, die am Holocaust Mahnmal dafür sorgen soll, dass die Geschichte, dass die Erinnerung an das Leben und Sterben der Vorfahren, unsere Vorstellungen einer wünschenswerten Zukunft informiert.
    Bernd Höcke hat Recht. Nichts davon kann der Chauvinist gebrauchen. Wenn das große Opfer ausbleibt, wer wird später vom Tag der Entscheidung berichten? Klar ist, der so begriffene ‘Deutsche’, als geborener Sieger der Geschichte, wird sich erst “wiederhaben”, wenn es nach dem Frühstück nicht mehr um die Frage Aldi oder Lidl, sondern um Leben oder Tod geht.