siebenundzwanzigster Juli | 2021

    Rasenmähen.
    Es hat mich immer fasziniert, welchen Aufwand Kleingärtner*innen um das Rasenmähen herum betreiben. Das Trum von Gerät benötigt einen Schuppen oder Stellplatz in der Garage, ständiges Schärfen, die Versorgung mit Schmieröl, Superbenzin, Zündkerzenwechsel, Luftfilter, die komplette Reinigung nach jeder Benutzung,… etc.pp. Motorradbesitzer*innen haben weniger zu tun, brauchen dafür aber Nummernschild und Helm.
    Dann das Mähen selbst, es kann viel öfter nicht geschehen, als die Stadtbewohner*in glauben mag. An einem Werktag kann gemäht werden, allerdings nicht zu Zeiten an denen Werktätige normalerweise Zeit haben. Die Mittagsstunde und die späte Abendstunde sind in Gegenden, wo es Kleingärten gibt, tabu. Deswegen ist Samstag der Nummer-eins-Mähtag aller Tage, allerdings nur, wenn es sich nicht um einen Feiertag handelt. Sicherlich, im Notfall könnte jetzt gemäht werden, aber mit jedem Meter werden die Schultern verspannter. Sie fühlen, was die Nachbar*in fühlt, die verspannt am Fenster ihren Kopf schüttelt. Noch zwei, drei Minuten, und es kommt die Polizei.
    Nun der Idealfall, es ist Samstag, es gibt Zeit und Gelegenheit, das Gerät ist betriebsbereit, ein Kanister mit Kraftstoff steht neben der Plastik-Solar-Led am Rasenrand, jedoch: es regnet. Es kann nicht gemäht werden. Nach dem Samstag kommt der Sonntag, ihr Rasen wächst. Eine weitere Woche geht ins Land. Vielleicht müssen Sie am nächsten Wochenende wohin, es wird wieder nicht gemäht, ihr Rasen wächst. Die Nachbar*in steht kopfschüttelnd am Fenster und fällt das Urteil: dieser Rasen ist jetzt im Vergleich zu lang.
    Endlich, eine weitere Woche ist vorbei, es ist Samstag, Sie können mähen. Diesmal hat es am Vorabend geregnet und ihr Rasen ist bereits ein paar Wochen lang und trocknet deswegen nicht ganz auf. Sie mähen trotzdem, alle fünf Meter bleiben Sie stehen, das nasse, lange Gras verklebt den Korb, der Rückstau blockiert das Schnittmesser. Motor aus, Sicherheitshinweise ignorieren, nasses Gras von Hand aus der Maschine greifen, schaben. Motor an, da capo. Durch das ewige an und aus verfettet die Zündkerze, schwarzer Qualm sagt ihnen, dass sie heute nicht mehr mähen werden können. Sie schieben den Mäher in die Garage. Ihr Rasen ist zur Hälfte gemäht, die Nachbarin schüttelt den Kopf, und es fängt zu regnen an.
    Aus Trotz gegen die widrigen Umstände zünden Sie ihr Haus an, retten aber in einem klaren Moment den Rasenmäher aus der Garage. Sie wohnen fortan in einem Zelt. Unnötige Hausarbeit entfällt und Sie haben viel mehr Zeit für ihren Rasen. Zunächst mähen Sie jeden Samstag, dann auch jeden Mittwoch, schließlich jeden Tag, außer bei Regen.
    Die Zeit vergeht, die Moden wechseln, und ihre Nachbar*in kauft einen elektrischen Rasenmäherroboter. Sie sehen ihre neu erkämpfte Gesellschaftsstellung durch Automation gefährdet und ziehen weg, oder werden nachts von einem Krankenwagen abgeholt, beide Erzählungen existieren nebeneinander fort. So oder so, ihr abgebranntes Haus zerfällt, aus dem Rasen wird Moos, dann Wiese, schließlich sähen sich erste Bäume ein. Eine Taube sitzt darauf, später viele Tauben, Krähenschwärme, wilde Hunde verbreiten Krankheiten.
    Unter dem Applaus der Nachbarschaft (leise, hinterm Fenster) kauft ihre Nachbar*in die Ruine zu einem günstigen Preis, planiert, vergößert ihren Garten. Der Roboter mäht Tag und Nacht, auch bei Regen und ohne Not. Ihren Namen hat man vergessen. „Früher war das hier alles mal Wiese.“ sagen Leute, die nicht wirklich Bescheid wissen, sich aber an die Wiese erinnern können

vierundzwanzigster Juli | 2021

    Mit den extremen Wettern und den Folgen kommt es zu auch zu katastrophalen medialen Erscheinungen. Live zugeschaltet, im Regen, in den Fluten stehende, gummibestiefelte Absolvent*innen von Journalistenschulen erzählen den Zuschauer*innen, dass es regenet, sie in den Fluten stehen und Gummistiefel tragen. Mir ist nicht mehr klar wer hier wen illustriert, die Bilder das Gesagte? Es geht in jedem Fall nicht über die Illustration hinaus.
    Wieder einmal, so scheint es mir, kommt die Blaupause für dieses Format aus den USA, wo die Geilheit am Wetter den Typ ‚Starkregen-Waldbrandreporter‘ schon vor langer Zeit erfinden musste. Stundenlang und alle Viertel Stunde wieder kann man sich die Live-schalten vom Rande der Feuersbrunst oder des Hochwassers geben. Mit der Zunahme von extremen Wetterlagen in Deutschland wird sich dieser industriell verwertbare nicht-Journalismus durchsetzen. Auch dieser Damm ist gebrochen.

    Ich fuhr auf dem Weg von der Nordseeküste nach Paris an der belgischen Stadt ‚Brecht‘ vorbei. Kurz darauf habe ich die Katze bei den Untermietern in Aubervilliers abgesetzt und en passant meine Brecht Gesamtausgabe besucht. Auch über die Somme habe ich mit dem Auto übergesetzt. Auf den Straßen stand überall das Wasser und ich fuhr langsamer, um nicht den Halt zu verlieren und mich nicht in die Botanik zu schrauben, wie so viele vor mir.
    Jetzt stemmt sich alles gegen die Wassermassen. Nächste Woche fahren wir mit Schweröl im Tank über den Atlantik und wählen CDU. Die Lage wird sich zuspitzen, und es wird sich angenehme Eindeutigkeit einstellen, die des Kriegsspiels: Jetzt geht es ums Überleben, das Abstrakte und die Nuance gehören vergessen. Das Rückenmark treibt, zweifellos.
    Es gibt Baupläne für höhere Dämme, aber keine Anleitung für die Stellschrauben des Sozialen, außer man glaubt an die Feinmechanik und spielt, statt Krieg, Theater.

zweiundzwanzigster Juli | 2021

    Der klaustrophobische Höhepunkt des Tages: Ein Waschbecken, so klein, dass ich meine Hände darin nicht waschen kann. Die Sitzbank des Cafés hingegen hat eine Höhe, die auch meine Größe verkraftet. Händewaschen oder sitzen können? Es sind ja allgemein schwierige Zeiten. Halten wir zusammen durch. Thilo Sarazin hat auch mal eine Woche lang so getan, als hätte er nur Hartz IV.
    In ein paar Tagen brauche ich in dieser Stadt für so ziemlich alles eine Art digitalen Impfpass+Testnachweis. So ganz begreifen habe ich es noch nicht wollen. Vorgestern hatte ich mir ein Konzert herausgesucht. Ein Club in der Nähe der Bastille hat sein Programm in den Park de la Vilette verlegt, und so schrieb ich fleißig mit, wie und wo und unter welchen Umständen ich dieses Event besuchen könnte. Dann war es soweit, und ich habe mich wieder selbst kennenlernen müssen. Ich will auf kein Konzert bei erneut steigender Inzidenz, und ich will auch auf kein Open-Air Konzert bei 30 Grad mit Maskenpflicht, wo man den anderen Leuten beim Tanzen nicht einmal ins Gesicht gucken kann.
    Für das Waschbecken habe ich dagegen eine Lösung gefunden, mir einfach die Hände darüber eingeseift und sie dann einzeln abgespült. Damit ist für mich klar, welcher Teil unserer Kultur diese Epidemie besser überstehen wird.

    Ich lese die Informationen zur neuen Virusvariante. Aus der Erfahrung der letzten 18 Monate erschließt sich mir, dass es spätestens zum Herbst hin das wieder war, und damit meine ich das öffentliche Leben, das meinen Beruf und mein privates Dasein zwischen zwei Staaten ermöglicht. Ein beschissenes Gefühl gegen das ich mich wehren will, ohne ignorant die Fakten mit dem Gefühl auszuschütten.

einundzwanzigster Juli | 2021

    La Bruyère:“Die Arbeitsteilung will, dass jene, die die Annehmlichkeiten einer Kunst genießen, verpflichtet sind eine andere auszuüben.“

    Ich hatte mir Visitenkarten gemacht. Der ältere Herr im Kopierladen – wir kannten uns bereits, ich hatte hier schon einmal drucken lassen, aber das war lange her – dieser Herr also, half mir mit meinem Anliegen. Ein Farbkopierer, einige Blätter schweren Papiers und ein antikes Schneidegerät reichten dazu aus, um mein zu Hause gebasteltes Design in ansehnliche und (extra schwierig bei Handarbeit) in exakt gleichförmige Visitenkarten zu verwandeln.
    Gestern hörte ich im Deutschlandfunk Kultur, dass es in Bayern noch 5 Gletscher gibt. In Wittmund gibt es noch 1 Kopierladen.

    Vor einem Tante-Emma-Laden in Reepsholt.
    Ich sitze beim Frühstückskuchen mit Kaffee. Ich habe mir angewöhnt in allen Läden dieser Art etwas zu kaufen. Deswegen gibt es jetzt Kuchen zum Frühstück.
    Diesen Laden hier kenne ich schon, und der Laden kennt mich. Heute kein Teilchen, es ist zu heiß. Ich esse Erdbeerkuchen, der steht im Kühlschrank.
    Draußen auf dem Stuhl sitze ich unweit der Straße, gegenüber die Kirche. Daneben ein überregional bekanntes Geschäft zur Wartung und Instandsetzung von Rasenmähern, Motorsägen, Landmaschinen, und es schiebt sich die norddeutsche Tiefflugwolke vor die Sonne. Sie ärgert alle, die die nur ein Wochenende haben, um sich intensiv zu erholen. Mir macht die Wolke alles angenehmer. Das Telephon fragt mich Phrasen ab.
    „J’aimerais t’inviter á diner.“
    „On peut aller á n’importe quel restaurant dans la ville.“
    „J’ai oublié mon passport.“

    Da fällt mir mein Traum von letzter Nacht ein. Nicht der ganze Traum, zu lang, aber die folgende Sequenz.
    Ich sitze im Klassenraum. Der Raum ist mir gut bekannt. Ich weiß genau, wo im Gebäude, das meine weiterführende Schule war, dieser Raum sich befindet. Herein tritt ein Offizier der Wehrmacht. Im Traum ist er mir persönlich bekannt. Sein Blick trifft mich und damit auch die Schuld. Er hatte mir zuvor den Auftrag erteilt, die anderen Schüler vorzubereiten. Sie alle sollten ihn mit heruntergelassenen Hosen erwarten. Diese Vorbereitung ist offensichtlich ausgeblieben, dennoch ist der Offizier guter Dinge. Es geht um eine Gesundheitsinspektion. Er hält ein Klemmbrett in der Hand. Noch einmal Normalität für alle. Noch einmal ordentlich verwaltet werden.
    In mir die alles zerschindende Angst ist eine andere: Ich habe meine Unterlagen nicht dabei und den Fragebogen vergessen auszufüllen. Meine Entschuldigung ist, ich sei gerade im Umzug begriffen. Mich erreicht ein freundliches Lächeln, es scheint nicht viel zu machen. Ich darf mit den anderen mit.

    Der Glastisch blendet, da hat die Erinnerung an den Traum keine Chance.

    „Wirf dich wie ein Sperrangel – so weit!
    Hab‘ keine Angst, hab Zeit.
    Kommt der Kissinger morgen zu Besuch,
    Gib ihm keinen Kaffee!
    […] retten.
    […] Ketten.“
    Georg Kreisler: Allein wie eine Mutterseele

    Ich weiß noch so ungefähr den Verlauf des Prozesses, wie ich abgestoßen wurde von der Universität, wie ich mich von ihr abstieß. An diesem Anfang steht der Tod einer Idee. Mir war nicht klar, dass sie tatsächlich zu Grunde gehen würde, den Schaden nahm ich für nicht so schwer, und sicherlich war ich mit dieser Einschätzung nicht allein.
    Über den Zustand der Institution lässt sich trefflich streiten. über meine persönliche Einschätzung dieses Zustandes und meine Reaktion darauf nicht. Ich war schockiert von der chauvinistischen, großunternehmerischen Herangehensweise jener Manager, die uns verwalteten, und zu denen wir qua Anleitung selber wurden, und auch werden sollten. Der Schock sorgte dafür, dass ich länger blieb als ich hätte sollen.
    Ich glaubte an diesen Ort, glaubte offensichtlich, dass er bedingt anders funktionierte. Ich hatte zu diesem Glauben Anlass. Es gab Erfahrungswerte und Erzählungen, die dafür sprachen. Der Chauvinist kann mir darauf nur antworten: Das Leben ist hart, wer erwachsen werden will, verhärtet sich gleich mit. Und: Wer erfolgreich erwachsen werden will, verhärtet sich schneller als die anderen. Dann kann er der Konkurrenz eins reindrücken.
    Die Ängste meiner Kollegen, ihre Anpassung zu beobachten und zu begreifen, was mit mir selber geschah, nahm einen Großteil meiner Aufmerksamkeit in Anspruch. Jede Universität und Grad School kochte ihr Süppchen. In allen Töpfen, schien es mir, bissen Fische, die gemeinsam verreckten, sich gegenseitig die Köpfe ab.
    Es gab für mich noch das Seminar, mit Professor*Innen und Kolleg*Innen, die nicht über den Arbeitsmarkt sprachen oder sich überlegten, wem sie bei welchem Empfang irgendwie die Hand schütteln konnten. Und dann gab es noch Menschen, die innerhalb dieser Hackerei sich stark darum bemühten Menschen zu bleiben, und mehr wollte ich damals wie heute von niemandem verlangen. Ich ziehe daraus heute folgenden Gewinn: ich habe mehr Seminare und gute Menschen in mein Leben hineingezogen, als die Marktregeln es für mich vorgesehen hatten. Habe ich den Markt damit geschlagen? Kann so eine floskelige Metapher überhaupt auf meiner Seite sein?
    Es bleiben viele Fragen. Jetzt bin ich Freiberufler und beobachte immer noch, was der freie Markt mit uns und mir so macht. Da werde ich bislang nicht enttäuscht. Jeder gewaltfreie Moment beim Marktwirtschaften ist mir positive Überraschung – alles eine Frage der Erwartungshaltung.
    Es gibt noch einen anderen Markt, in den hatte die Neuzeit einen utopischen Keim gepflanzt, sodass man heute noch glaubt, er sei gar keiner: das Zwischenmenschliche, die Liebe zwischen Partnern.
    Ich kenne mich nur im heterosexuellen Fleischmarkt gut aus, und ich weiß, Männer sollen wissen, was sie wollen, mit beiden Beinen auf dem Boden und im Leben stehen, alles, was sie tun mit Leidenschaft anpacken, Ziele haben, für diese Ziele brennen, Entscheidungen treffen, gegen jeden Widerstand ihr Ding durchziehen, und ohne Altlasten exklusiv für den neuen Liebesgeber arbeiten.
    Reden wir lieber nicht davon, was ich alles von einer Frau verlange. Um ehrlich zu sein, ich will es nicht wissen wollen müssen.
    Was lässt sich sagen? Der romantischen Liebe ergeht es vielleicht auch so: Aus der heutigen Erfahrung heraus, weiß man nicht mehr, wie sie außerhalb einer kapitialistischen Marktordnung ausgesehen haben könnte. Man muss sich auf die alten Erzählungen verlassen.

    Empowerment gefällt mir. Im Alltag sehe ich aber die Fratze eines entgrenzten Indiduums, das sein Recht einfordert, dem Nächsten Gewalt anzutun. Ein gefährliches Missverständnis, dass sich SUVs zulegt, um sich im Straßenverkehr gegen die anderen Autos durchzusetzen. Gefällt mir nicht.

sechsundzwanzigster Juni | 2021

Kürzlich noch: Anger Management.
Die Lethargie ging um, manche impften sich mit Wut dagegen. Das Virus blieb. Die Maßnahmen blieben. Hier im hohen Norden, sah ich nur Letzteres.

Zu Wellen hat man am Meer ein besonderes Verhältnis – gehabt. Seit Generationen steckt das erzählerische Potenzial hinter dem Deich fest. Da liegt, was sich früher Ungeheuer vorstellte, die vor Brasilien mit dem Schwanz schlugen. Angela Merkel und Christian Drosten und Bill Gates schlagen heute angeblich Wellen. Hinter ihnen vermuten besonders quere Denker wieder neue Monster und erzählen sich Geschichten. Männer mit Dreizack und Aggressionsstörungen tauchen in antisemitischer Verkleidung wieder auf.

Die Suche nach den Gründen, kennt keine spekulative Grenze. Hinter Allem, liegt ein Alles, so wie: Hinter jedem Deich kommt irgendwann wieder ein Ufer mit noch einem Deich, denken sie mal drüber nach. („Think about it, I haven’t.“ Stephen Colbert: White House Correspondence Dinner, 29.04.2006)

Beim Tennis gab es einen Skandal, Naomi Osaka hat sich dazu hinreißen lassen, von ihrer psychischen Gesundheit zu sprechen. Spitzensportler haben andere Aufgaben, da ist man sich einig: Freiheit verkörpern. Den Schweiß des Kapitalismus zu Parfüm destillieren. Harte Arbeit + Leidenschaft = Erfolg.
Im Kontext der medialen Reaktion sprach ein Tennismensch von einer Geiergrube. Er sagte das auf Englisch, a „vultures‘ pit“. Will man das begreifen, muss man sich kulturell einfühlen in ein Gebiet, wo sich Geier, Schlange, und Löwe noch gute Nacht sagen.
Und noch eine Metapher: Wer für eine Sache brennt, kann den Vorgang nicht mehr anhalten. „Stop and think!“ (Hannah Arendt, 1964)

Neben mir wird ein Tisch frei, es kommt, für hiesige Verhältnisse, zum Eklat. Ein Paar mit elektrischen Rädern sieht den Tisch, lässt sich rollen, steigt kurz davor ab, redet bereits vom Tisch, markiert ihn verbal. Ein Paar zu Fuß steht knapp dahinter, redet nun auch vom Tisch, hat ihn offensichtlich auch gesehen, aber ohne dabei von mir bei gesehen worden zu sein. Räumlich und zeitlich erscheinen mir die Radfahrer im Recht. Richter sind wir alle, die wir in der Gegend Zeuge werden. Wie verhalten sich die anderen? Ich versichere mich durch einen Schulterblick, niemand interessiert sich bislang für die Sequenz. Die Konkurrenz spitzt sich zu, ein Rad blockiert den Tisch. In einer Gesellschaft von Autofahrern ist diese Form von Menschenverachtung sanktioniert, meine Kritik kann ich mir sparen.
Zusatz: Ich hatte vergessen, dass man an öffentlichen Orten Kopfhörer braucht, um dort schreiben zu können. Die Menschen schwatzen und brauchen meine Liebe für sie auf, je mehr ich davon verstehe. Und: Die Pandemie hat uns kaputtgemacht, niemand weiß mehr, wie man Telephone benutzt, ohne andere in die Benutzung mit hineinzuziehen.

Vor über einem Jahr stand ich in Paris unter Hausarrest. Da war ich baff, denn diese Anweisung, das Haus nicht zu verlassen, außer zum Einkauf von Lebensmitteln, oder zwecks Arztbesuch, traf ungeschützt auf meinen antrainierten Hang zur Gefolgsamkeit („Jawohl, Herr Wachtmeister“). Mit dem Erlass der französischen Regierung war, kusch kusch, der öffentliche Raum ein Raum der Illegalität geworden Ähnlich verkorkst wie jemand, der sich an der Supermarktkasse beim Kauf von Kondomen ehrlich schämt, lief ich nun geduckt und zu schnell durch die Stadt, mich fürchtend, in meiner Devianz ausgemacht und zur Rechenschaft gezogen zu werden. Es soll Menschen geben (bessere Katholiken als ich einer bin), denen die Angst erwischt zu werden einen erotischen Mehrwert verschafft. Mich machte meine Lage einfach nur aggressiv. Die Aggression richtete sich gegen Wände und Kissen, seltener, Porzellan. Lehrreiche Zeit: Keramikkaffeebecherbrechennichtsoleicht.

Gesellschaften sind keine Menschen. So wie VWL kein BWL und das Volk kein Körper. Meine Pariser Umgebung hatte nun ihre Art, mit den strikten Einschränkungen umzugehen, und schnell wurde mir klar, dass der Mensch hier der strikten Verbote bedarf, um sie überhaupt nur wahrzunehmen. Wer im Verkehr auch bei Vollsperrung der rue x mit dem Martinshorn im Nacken die Mitelfinger von Rollerfahrern ignorieren kann, hat eine andere Reizschwelle. Die Vollsperrung meines sozialen und beruflichen Lebens nahm ich als solche hin, während die Pariser sich auf ihren Rollern über Bürgersteige und durchgezogene Fahrbahnmarkierungen, ein Leben und Überleben organisierten. Ich empfand das mitunter als metaphorischen Mittelfinger. In einem Rückfall, weil ich mir das endlich selbst erklären musste, fasste ich es so: Weder die sorgende noch die strafende Hand von Vater Staat reicht in diese Leben.

Ein Aufruf ging zu dieser Zeit durch die Medien, es wurden Jäger gesucht, die die Einhaltung der Coronaregeln überprüfen sollten. Der Rekrutierung von Hilfssherriffs in Frankreich steht in Deutschland gegenüber: die Anordnung große Autohäuser von den Coronaregeln auszunehmen. Sie mögen meinen, dass das eine nichts mit dem anderen zu tun hat. Ich aber sage, dass in frz. Buchhandlungen an der Stelle der Esoterik-Abteilung, ein Regal mit Militärstrategie zu finden ist. Sie meinen vielleicht, dass das nicht stimmt, und ich sage, sie lesen ohnehin die falschen Bücher.

Der Musiker Beck schmiss einst in Kleve vom Balkon des Schlosses Moyland ein Klavier. Ich war nicht dabei und erinnere mich nur an die bewusst skandalisierende Begründung für das tun, er wolle diesen Klang einmal im Leben gehört haben.

Gefährdet wurde niemand, als beschädigt galt danach nur genau ein Klavier. Das Hieven, Schieben und der abgesteckte Perimeter waren Teil einer Performance. Was hätte Jospeh Beuys dazu gesagt, und wenn es davon Bilder gibt, soll man sie recherchieren oder eine Tonaufnahme suchen wollen?

In meinem Regal steht Becks Paper Tigers seit neustem neben Melody Nelson von Serge Gainsbourg. Jetzt mit 38 habe ich beide gehört, und frage mich, ob ich von Paper Tigers noch einen Mehrwert erwarten kann, wenn ich das Album kontrolliert vom Regal herunter auf den Boden fallen lasse.

Notizen aus der Bahn

    Einträge vom 10.10.2019
    Es spricht die Stimme eines Reisenden. Ihm fielen noch Dinge auf. Er konnte reisen.

    Im Zug hat das Personal mir viel zu sagen. Am gesündesten ist es, nur von einer Station zur nächsten zu fahren. Alles weitere, wenn man darüber hinauslangt, ist voll von „Welcome on board“ und „le chef du train est a votre disposition“ und „Das Ettikettieren des Gepäcks ist eine Pflicht.“
    Mit der Sprache gut umzugehen ist nicht Pflicht und ebensogut keine, sagt der Duden.

    In den Regionalbahnen hören Halbstarke den letzten top ten angry hip hop mit Weltmusikanstrich. Dazu habe ich wenig zu sagen. Im TGV tippen Senioren – endlos affiziert – sich durch Menüpunkte ihres Mobiltelephons. Nur wie man den Tastenton ausschaltet, das wissen sie nicht. Den Alten kann ich diesen Mangel an Sensibilität nicht vergeben. Unsere Sinne sind so mannigfach beleidigt, und wir rotzen selbst noch in die See aus blitzebling und piep piep Kotze.

    Und zu lesen erst, was gibt es nicht alles zu lesen! „St.Paul/Minneapolis Team est 1962“ steht auf dem T-Shirt, oder eben: „Der Schaffner bleibt ihr bevorzugter Ansprechpartner während ihrer Reise.“ Ach, was?
    Aussagen, die auf Kleidungstücken und Paneelen gleichermaßen dreist durchgehalten werden.
    Und dann noch:
    „No Filter“
    „Laissez vous rever“
    „Siège avec vue“
    Alles Sprüche die mir auf Augenhöhe ins Fenster geklebt wurden. Verschieden opak zaubert die Folie einen Schleier auf die Landschaft dahinter, sie lässt mich an Photofilter denken und von einem Sitz mit Aussicht träumen.

    Man merkt auch gleich, wenn zum Großteil Deutsche um einen rum sind. Diese Aufregung 20 Minuten vor dem Bahnhof, sich schon ausgehfertig in den Gang zu stellen. Draußen wartet schon die Schlange am Taxistand und im Supermarkt. Merke: der Vorteil für die kommenden Schlangen ergibt sich immer in der gegenwärtigen.

    Neuer Zug: Mannheim-Osnabrück
    An den Hang gepresst oder ins Tal bis an den Rhein gewürfelt: es liegen vor Koblenz die schönsten Städtchen. Sie werden belästigt und am Leben gehalten von Ausflugsdampfern. Ein Größerer trägt den Namen Jane Austin, ein Kleinerer einen germanisierten mit ‚Th‘ am Anfang, so lächerlich, dass ich Jane Austin im Rückblick als akzeptabel durchgehen lasse.
    Ich nehme an, mein romantischer Ausblick kostet die Landschaft mehr als die 48€, die ich für das Ticket bezahle. Die Bahntrasse schneidet mitten durch enge Gässchen, an der Rückseite von Kirchen, über den Garagen der alten Häuser entlang. Auf Höhe der ersten oder zweiten Etage kratze ich metallisch in die Lebenswelt der Anwohner. Ähnliches kommt mir auch immer in der Berliner S-Bahn: auf einer Skala von zufrieden über genervt bis krank – wie befindet sich der Mensch dort hinterm Fenster?

    Europa ist wiedererkennbar. Die Automaten mit Fettriegeln und Chipstüten zu 11 Gramm drinnen schlucken ebenso wie in Frankreich die Münze, ohne Rücksicht auf meine Auswahl. Statt der #40 mal wieder die #0.

    Zwei Frauen laufen den Gang entlang. Es sind Zwillinge. Hinter dieser Feststellung liegen bange Sekunden, in denen ich fürchtete den Verstand verloren zu haben.
    Eine Frau läuft den Gang entlang und eine Minute später tut die Selbe noch einmal das Gleiche. Ein Schrecken mit Happy End als ich auf die Spitzfindigkeit verfalle, dass es sich anders zugetragen haben muss, nämlich, dass eine Gleiche bloß das Selbe tat.

    Ein dickes Kind isst im Gehen ein Brötchen mit Hähnchenschnitzel drinnen. Ich gratuliere dem Kind, das viele Jahre guten Trost im Essen finden wird.
    In Köln steigt viel Köln ein. Auf dem Boden liegt Hähnchenschnitzelrest. Mit jedem Kölner wird mehr davon zu Teppich.

    Im Bordrestaurant serviert die Deutsche Bahn ein Frühstück zu 5.80€. Das Angebot ‚Frühstück‘ beinhaltet kein Heißgetränk. Es handelt sich um drei sehr kleine Brötchen mit Butter und Käse, die unter dem Namen ‚Frühstück‘ die zusätzlichen 3.40 für den Kaffee gern verstecken wollen. In der Karte steht auch „Currywurst mit Pommes Frites und Mayonnaise“. Die sprachliche Opulenz von „Mayonnaise“ stimmt mich versöhnlich.

    In Duisburg: Ein Glück, ich muss umsteigen, aber es ist schon wie zu Hause. Hier gibt es echte Pommes, niemand schert sich drum, wie man Mayo zu Ende schreibt.

The Baltimore Chronicle of Two Walks

    Now that I am grounded, I find my special joy in reading about the good old days, when I would walk the streets, deliberately aimless walk the streets of Baltimore. Here are two accounts of 2017. The first one a night-, the other a day-time walk.

    In front of The Grand Hotel, a young woman tries to get rid of her wannabe lover. The attire of the personage is giving away a recently had fancy dinner. She is getting away from him, he stays in touch, laughing. As I am within two feet, he tries to kiss her on the mouth, and she is struggling to deflect his lips. Still, he manages to press his onto hers. Her eyes, I can see her eyes. Slowly walking away from them, I hear her speak up, for me to witness: „No, I have to go home. Goodbye!“.

    „Motherfucker, no English, yeah, Motherfucker, no English!“ One of the usual suspects keeps yelling at me. I am turning my head, only a few degrees, so I would see it coming, in case he decides to get physical hold of me. Even from this angle, I can see, he cannot get up from the ground, physically.

    I acknowledge a man standing on the corner of Baltimore Street and Charles. We say ‚hello‘ and give each other a smile. I am only passing by, his stench is breathtaking but I don’t want him to know.

    At the harbor, book-sellers pack their product back into boxes. It s the last night of the Baltimore book festival. A man makes me stop, I shall take books for free, otherwise they will be recycled. The amount of books to be thrown away is astonishing. Three other people join in, digging deep into the five square foot container. The situation is insane and I keep going.

    At the Cross Street Market, four or five people are asking for money, one of them with dignity, declaring he needs it in order to get shitfaced. Young men at the corner are talking way too loud, explaining the world to young girls. A Ravens game has just ended. Apparently they won.

    In Locust Point, a middle aged man and a middle aged woman have an argument. Their intoxicated faces cannot clearly pronounce the words addressing the issue. Their intoxicated bodies cross the street, Baltimore style, too slow, at an all too shallow angle. Very few cars on the streets in Baltimore, on a Sunday night, too few to actually endanger their lives. They stop in front of the Southwestern Saloon, he hands a cigarette to a young man, hanging out at the stairs. The third character spends the time admiring his own sneakers until he gets up, following the couple. They meet again around the corner and the transaction process is finished. His friend, partner or competitor for selling dope comes along, I am afraid of being subject to his furor due to my obvious curiosity. He has a cute little dog, I can smile at while passing by.

    Next to the Cross Street Market on Light Street, a drunk homeless man trips over a younger drunk homeless man. They yell at each other. Unknown who of them felt better afterwards.

    A man on Light-Street is curious about my camera. Upon recognizing my foreign accent, I inform him about my mother tongue. He gives me a pat on the shoulder, fraternizing, while his two friends are closing up. Within thirty seconds, he manages to let me know that Muslims are a real big problem everywhere in the world and that the Germans at least should have the expertise to deal with them – considering how well they handled the Jews. Going home.

    Underneath several crossovers, where the Highway meets the city, close to the Farmer’s Market that, every Sunday, bridges parts of the city otherwise being well separated by that very highway: tents. I see a young woman crawling out, scratching her tattooed buttocks. She walks towards another tent. I don’t see how she takes her piss but that’s what she does. A hundred meters further north and south we find vegan soap and the Baltimore Sun. Later, several people asking for money will say thank you, although I will have said: „Sorry, I don’t have any change to spare.“ This, obviously, is a good day. Even if, for example, in the evening hours three guys in front of St. Paul’s church will yell at me: I shall acknowledge their existence.
    I am taking a detour. It enables me to see the tents. There is no way to leave the viaduct-like structure. It is leading East and West on a gentle curve, over other streets and misplaced homes, and in between high rises. There is nothing here but a low concrete wall and railings that allow for the view over of city. The railings are expecting the most daring of all subjects – he or she who is desperately trying to flee the scene. Yet an extra foot of wire on top of the fence is supposed to avoid any additional mess 10 meters below.
    It all ends at the crossing of Orleans and Gay. To the left, where Gay becomes Ensor Street, I can see the leftovers Old Town Mall. In a seemingly distant past, this pedestrian mall was situated in the middle of things. Its guardian is the Firehouse Tower, a recently refurbished building in almost unethically good shape – compared to the neighboring structures.
    Five years ago, when I first found this mall by accident, I was very surprised. None of my acquaintances at that time had ever heard of it, or, if they were Baltimoreans by birth, had forgotten that it exists. They had not set foot into this part of the city for quite a while. I, now, have not seen it for about three years. To my surprise, it might not have changed at all. I do not actually dare to judge, whether anything has changed or not. I still lack the finesse of telling apart the finer grades of degradation. Ah, a barber shop, I remember being open three years ago, now is closed.
    What I can tell is that colors of a sign stating ‚change‘ have withered and this – it being a sign, alright – could just be the clue I was looking for.

    fsdfs

neunundzwanzigster April | 2020

    Der Gürtel des Elon.
    Gestern Abend genoss ich im Garten den kurzen Eindruck etwas Außergewöhnliches zu sehen. Im Blick nach oben zeigten sich nicht nur der Mond und die Venus, sondern auch eine Reihe von Flugobjekten, die scheinbar in Linie den Himmel überquerten – eines nach dem anderen, alle mit der selben Geschwindigkeit und entlang der Ekliptik, dem Löwen durch den Kopf.
    So etwas hatte ich noch nie gesehen. Außerirdische oder geheime Militärmanöver – eine sensationsgeile Sekunde wollte gern verlängert werden, aber ich widerstand und fragte das Internet.

    ‚Satelliten‘, ‚Reihe‘, ‚ungewöhnlich‘, ‚Europa‘. Sehr schnell fand sich die vernünftige Erklärung für das Phänomen, nur hatte die Information keine beruhigende Wirkung auf mich.
    Es handelt sich um mehrere Dutzend Satelliten, die Elon Musk im Rahmen des sogenannten Starlink Projektes ins All schießen lässt. 43 000 solcher Satelliten sind geplant, 12 000 bereits genehmigt. Diese Zahlen haben mich sehr betroffen gemacht. Denn meinen Himmel gibt es dann nicht mehr, und, ja, das ist mein Himmel. Jeder von uns hat einen eigenen, wenn man nur nach oben guckt, zack, schon ist er da.

    Es waren dort schon zuvor Satelliten zu sehen, die das Sonnenlicht ins Auge warfen, und natürlich die ISS Raumstation. Am Namen dieser Station kann man schon erklären, worin nun der große Unterschied besteht, zu ihrem Auftreten und dem der Starlink-Satelliten. Die International Space Station ist ein kollektives Unterfangen, sicherlich dominiert von der NASA, aber auch die NASA ist ein komplexes Ding, deren Widerständigkeit gegen direkte Weisung der jetzige US Präsident zu bestätigen weiß. Die Raumstation ISS verstellt den Blick ins All nicht. Ihre Existenz, wie auch ihr Potenzial im Hinblick auf den Menschheitstraum „Weltall“, gehört uns allen. —

    Als Elon Musk einen Tesla Roadster mit Webcams auf der Windschutzscheibe ins All in Richtung Mars geschossen hat, schien mir das eine ungeheure Verschwendung an Ressourcen einerseits, aber andererseits auch eine angenehme Spinnerei. Eine Spinnerei, die einen durchaus inspirieren kann. Das war die Geste des Besoffenen, der aus Überschwang in die Luft schießt, oder der Looping eines Piloten, aus Freude an der Maschine und ihrem Erfinder. Man kann das für eine Dummheit halten, oder sich mit dem Spinner am Menschsein erfreuen. Die reine Spinnerei bedroht kein Menschenleben, außer das eigene.

    Nun haben diese Satelliten einen ganz praktischen Wert, sie sollen die Welt mit ungekannt schnellem Internet versorgen, flächendeckend. Mit den ersten 500 Satelliten soll bereits das Festland der Vereinigten Staaten bespielt werden können. Man kann versuchen sich vorzustellen, was 43 000 Satelliten im Hinblick auf unser Kommunikationspotenzial und Verhalten ausrichten werden. Ehrlich gesagt, ich kann es mir noch nicht vorstellen. Starlink ist vielleicht – im Guten, wie im Schlechten – ein Gürtel. Er schnallt die Welt enger zusammen.

    Festhalten kann ich zunächst: Die Masse an Objekten verstellt nicht nur den objektiven Horizont, wie Astronomen aller Länder bereits beklagen, sondern auch meinen persönlichen Zugriff auf den Himmel. Jedes Blinken und rotieren steht fortan für ein Privatunternehmen, ist Werbung, oder Antiwerbung, wie man will, aber es wird fortan unmöglich sein, sich mit bloßem Auge einen Himmel ohne Starlink zu erarbeiten. Er ist endgültig privatisiert worden. —

    Ich habe mich immer für den Nachthimmel interessiert, fand es aber sehr schwierig die Konstellationen mit dem Auge nachzuzeichnen. Mein Problem war grundlegend: ich konnte die Verbindungen ohne Hilfsmittel nicht herstellen. Ein Wiedererkennen war mir nur möglich, wenn das Vorbild als Photographie oder Zeichnung direkt verfügbar war. Und auch dieser Erfolg blieb kurzlebig. Schon nach wenigen Minuten hatte ich alles vergessen und der Himmel war wieder ohne Struktur. Erst mit Einübung der Formen und einer Disziplin des Auges, dass nicht mehr wanderte, sondern auf der Stelle blieb, bis es selbst die Linie gezogen hatte, konnte ich die Sternbilder ‚sehen‘. Man kann man sich erst dann über Erscheinungen wundern, wenn der fixe Hintergrund bekannt ist.

    Ein Komet, ein Planet, ein Flugzeug, die Raumstation ISS waren vor diesem Himmel Wunder. Die 43 000 Satelliten von Elon Musk verlangen nach einer neuen Methode, um ihrer Herr zu werden. Mit den kurzfristigen Konstellationen, die diese Satelliten mit ihrem Hintergrund bilden, kann ich nichts anfangen. Zugleich wird ihr Eingriff in die alten Bilder zu häufig und damit selbstverständlich sein, um Aufsehen zu erregen. Es wird hineingemalt werden, über Jahrzehnte, über meine eigene Lebenszeit hinaus, aber doch in keiner Weise regelmäßig, oder überhaupt einer Vorhersage würdig.

    Die Satelliten leben nicht lange, sie werden abstürzen, aus der Umlaufbahn fliegen, verbrennen, zerschellen, den Strahlentod sterben. Der Raum jenseits der Atmosphäre ist ein brutaler. Auch wird der Mensch den Zweck dieser Lichter nicht vergessen können, um sie poetisch neu zu fassen. Wer soll sich mit einem solchen zugleich ephemeren, wie allgegenwärtigen Phänomen auf ästhetischer Ebene beschäftigen? —

    Ich habe einen wiederkehrenden Traum, in dem ich tief am Horizont ein Sternenmeer entdecke, einen Haufen von Sternen, unendlich, so hell und blau und strahlend, dass mir noch im Traum Zweifel kommen, ob der Anblick echt ist. Später im Traum fliege ich, glaube ich, in dieses Meer hinein. In Standing Rock hatte ich dann ein déjà vue und sah einen Himmel, der mich an den Traum erinnerte. Ich konnte das Wunder aber nicht konservieren. Es war Minus 17 Grad kalt und die Einmaligkeit erschien mir relativ: dieser Himmel sollte auch morgen noch da sein.

    Am Himmel hängt jetzt Elon Musks Traum. Er handelt nicht vom Himmel an sich, sondern nutzt ihn als Ressource im Hinblick auf einen konkreten Nutzen. Auf Anfrage hin, hat Musks Unternehmen, Space X bekanntgegeben, dass die nächsten zigtausend Satelliten mit einer matten, dunklen Oberfläche ausgestattet werden und weniger Sonnenlicht reflektieren. Sie sollen weniger auffällig ihre Runden drehen. Es nützt mir wenig. Ich weiß, dass sie da sind. Der Himmel dreht sich weiter, aber vor den Konstellationen rasen die Satelliten, vielfach und eng. Besonders belasten sie die Zwischenräume, die dunklen, unendlich tiefen Stellen, in denen der eigentliche Traum vom Weltall Platz hatte.

    Ich muss von meinem Himmel absehen, er ist nicht zu retten. Tag und Nacht fliegt Elon Musk durch den Kopf des Löwen. Was aber muss ich versuchen festzuhalten? Was steht da geschrieben, wenn ich die Linien zwischen all den neuen Lichtern verbinde?
    H-i-e-r s-t-e-h-t unter Anderem: Die Ressourcen für 43 000 Satelliten und die Infrastruktur Internet dürfen weder einem Unternehmen, noch einer Privatperson gehören.

achter Februar | 2020

    Es sind meist erinnerte, ganz kleine Szenen, eine Landschaft, die einem in den Sinn kommen. Als Ballast oder Geschenk über-tragen sie die Atmosphäre der erinnerten Welt mit.
    Die Gefühlswelt eines vergangenen Ich stellt dann Forderungen: Was wollte man damals, oder in diesem erinnerten Traum? Wusste der alte M. vielleicht intuitiv mehr von der Welt, als der spätere von ihr in Erfahrung gebracht hat?

    Uralte Einträge von gelben oder vergilbten Zetteln
    – driving by gps is like watching movies by subtitles
    – Filme in denen Leute schreiben sind immer voller Ruhe. In sie passt kein einziges Mobiltelephon hinein. Man ruft sich höchstens zuhause an. Wichtiger noch: der Schreibende im Film hat ein Zuhause. Nicht die blödsinnig behauptete Heimat im Schreiben, sondern vier Wände, gut beheizt mit gutem Tisch und gutem Stuhl. Der Kühlschrank des Schreibenden ist ein Füllhorn. Er hungert aus äthetischen Gründen, damit er mehr Zeit hat zum Rauchen und Trinken.
    – Meine Bilder brechen sich durchs Papier, in brennendem Weiß oder einer Spitzhacke schwarz. Bilder können sich auch durch-rauschen, so wie das Licht stehengebliebener Projektoren es gerne täte. Es rechnet nicht mit der Schwäche des Materials. So geblendet, bleibt nur die Augen zu schließen.
    – Ich hatte, so muss ich annehmen, mal einen Traum, in dem kamen ein Arm und Oskar Wilde vor. So steht es auf dem Zettel. Schuld an diesem Traum hatte sicherlich Stephen Fry. Mehr habe ich zu dieser alten Notiz nicht zu sagen.
    – Im Fnac Les Halles konnte ich Pearl Jam nicht finden. Der Verkäufer wusste Rat, ich sollte unter ‚Metal‘ nachschauen. Das fanden wir beide sehr komisch und lachten gemeinsam. Völkerverständigung

    Dann gibt es Zettel, die sind Artefakte. Ich könnte was auf ihnen steht abschreiben, aktualisieren, aber das wäre grundfalsch. Stattdessen muss ich den Zettel abwechslend archi- und dann wieder kuratieren. Auf einem steht zum Beispiel: tu files aussi vite qu’un pet de nonne sur une toile linée.

    Lernen von Monsieur Gustave, leçon 1.
    In der Metro, wo man sich mit dem Arsch nicht anguckt, es sei denn, man will etwas vom Anderen, in diesem verwüstetsten Teil der sozialen Pampa – und das ist Paris, da können Sie jeden auf der Straße fragen, viel Glück dabei – hier also in den Tunneln wo Füchs und Ase sisch nichts zü sagen aben, bestehe ich dreist auf zwischenmenschliche Wärme. Anstatt diese nur zu halluzinieren, empfehle ich folgenden Trick. Es ist einfach, jeder kann es mir nachmachen:
    Stellen Sie sich, ganz egal wie leer der Wagen, auch wenn Sie bequem hätten Platz nehmen können, stellen Sie sich in die Mitte mit dem Rücken vor den Mechanismus zur Öffnung der Türe. Wie sie dabei stehen, bleibt Ihnen überlassen. Sie können ihren Stand der Notwendigkeit oder Komfortbedürfnis nach variieren.
    Sehen Sie sich um, seien Sie wachsam, denn bald wird der erste Blick Sie treffen. Und dann schon ein zweiter, und ein dritter. So es Ihnen gefällt, erwidern Sie die Blicke mit einem Lächeln, zwinkern Sie ihren Mitmenschen, die Sie so lieben, zu. Seien Sie nicht scheu, die anderen sind es ja auch nicht. Beinahe schamlos werden Sie nun angeblickt. Genießen Sie ihre Lage. Nehmen Sie nach jedem Halt, die Position in der Mitte der Tür wieder ein. Immer neue, neugierige Augen warten auf Ihren Einsatz. Sie liegen vor Ihnen wie Munition in der Schublade Ihres Begehrens. Laden Sie durch, stehen Sie aufrecht, schauen Sie, werden Sie geschaut!
    Zwischendrin drehen Sie sich um und vergewissern Sie sich auf dem Halteplan über Ihnen, dass Sie ihr Ziel nicht verpassen.

    Da sitzt ein attraktiver Mensch am anderen Ende der der Kneipe an einem Tisch. Das Blickfeld ist unverstellt, niemand dazwischen könnte sich vom Blick missverständlicherweise angesprochen fühlen. Ich sehe öfter mal hin, um herauzufinden, ob man sich zufällig füreinander interessieren könnte. Schließlich sitzt man schonmal wie man sitzt und muss das Beste daraus machen.

    Am Baum der Neugier wächst Die Ranke der Erfahrung und macht Schluss mit dem fluffig jungen Grün. Sie rankt skrupellos wie doofe Metaphern in den aufgeklärten Geist.
    All die Menschen, die ich schon kenne, tragen Schuld daran, dass der da vorn auch nur wieder ein Gleicher ist.
    Hier beginnt das Beschreiben kleiner Unterschiede und will gerne einen Weg finden aus dem eingeschränkten Erleben, derer, die im Leben stehen wie verholzt

sechster April | 2018

    In einem Wohnkomplex in Saint-Ouen, nahe der U-Bahnstation Marie de Saint-Ouen, stehen abends Typen rum und sie erscheinen finster. Dieser Eindruck täuscht natürlich, denn es sind Bewohner des großen Gebäudes. Jede Gruppe junger Männer mit Kapuzenpullis, die ohne klaren Auftrag einen Innenhof bevölkert, erscheint dem Einzelnen Wanderer schnell ‚finster‘. Er macht dann Typen draus und wahrscheinlich sieht man ihm diesen Hang zum Vorurteil im Gesicht an:
    „Heda, Wanderer in der anbrechenden Nacht!“
    „Ja bitte?“
    „Was runzelst Du die Stirn und nennst uns Typen? Dafür gibts eins auf die Fresse.“
    „Ha, hatte ich doch recht!“

    Dutzende Male bin ich über diesen Hof gelaufen und nichts dergleichen wurde gesprochen, dennoch erwarte ich mit jedem Mal das Äußerste und das liegt daran: Am Übergang vom Hof zur kleinen Nebenstraße – man läuft durch zwei Unterführungen hindurch, in den Brücken wohnen Menschen – bollert und kracht es ganz fürchterlich. Mein Tritt bewegt die losen Platten. Mit hoher Geschwindigkeit treffen sie auf den Zement, der sie, ich vermute, noch Anfang der 90er Jahre fest im Griff hielt.
    Die Bewegung im Boden macht meinen Gang unsicher, die Schallwellen äußern sich als reiner Druck in meinem Körper. Er wandert, durch die Beete, die Mauern hoch in die Wohnstätten. Ich stelle mir in Küchen- und Schlafzimmerecken ein gewaltvoll verendendes Fumpen vor, oder, nein, noch einmal wird es zurückgeworfen in die Menschen getrieben, die dort ausharren, essend schlafend, unter meinen Tritten.
    Ich kann gar nicht sagen, wie schnell mich dieser Zustand wahnsinnig machen würde, wäre ich dauerhaft Empfänger solcher Botschaften. Es ist mir nun seit zwei Jahren bekannt, dass mein Gang sie mitverursacht.
    Letztlich verachte ich die Bewohner, die nicht mit sofortigem Auszug drohen, die sofortige Besserung vom Vermieter verlangen, oder selbst zur Tat schreiten, für ihren schlechten Geschmack. Und für diese typisch bürgerliche Bewegung meines Geistes erwarte ich alsbald zur Rechenschaft gezogen zu werden.
    Die Jungs auf dem Innenhof kennen mich schon. Besser von ihnen ordentlich durchgelassen werden, als von Irgendwem. Vertraulichkeit ist auch ein Wert.
    Bislang hat noch niemand von mir verlangt, ich solle gefälligst woanders langlaufen, schließlich sind hier die Platten lose.

    Das ist das 21. Jahrhundert.
    Ich sah im Vorbeigehen auf der Brücke Warschauer Straße in Richtung Kreuzberg eine junge Frau mit Tüte. Wir liefen in entgegengesetzter Richtung. Zu ihrem Aussehen kann ich keine Angaben mehr machen, denn auf der Tüte stand geschrieben: „Die Realität ist für diejenigen, die…“ und da hört es eben auf, weil der Verkehr zu schnell und die Aufschriften auf Tüten zu lang geworden sind.

    Ich durchsuche die Spiegel-Online Seite mit dem Artikel zu Ata, dem chilenischen Wüstenskelett nach Kommentaren. Es gibt keine Kommentare. Niemand stellt sich der Behauptung entgegen, neueste Untersuchungen hätten nun jeden Zweifel ausgeräumt, dass es sich dabei um eine menschliche, sprich irdische Mutation handelt. Ich vermute: Die Trolle müssen von Artikeln zur Kugelform der Erde aufgehalten worden sein.

    Ich höre eine ältere Ausgabe der Langen Nacht des DLF zu Jack London. Es kommt das Zitat Londons: “Meine Mutter hatte Theorien” und im Folgenden erfahren wir wie eine rassistisch informierte Menschenkenntnis südländische Messermörder an ihren dunklen Haarschöpfen, durchdringenden Augen und ausgeprägten Zinken erkennen kann. Dass ich etwa 100 Jahre nach Jack London aufgewachsen bin, fällt mir an dieser Stelle nicht mehr auf. Ich will die chauvinistisch motivierte Esoterik und Pseudo-Anthropologie der Küchen- und Stammtische gerne vergessen, aber auch meine Mutter hatte Theorien.

    Volksempfänglich.
    Ich habe in der letzten Woche bei einem meiner Nachhilfeschüler zwei Stunden Geschichtsunterricht zum Thema „Drittes Reich“ improvisieren müssen. Der Anlass war die Aussage der Lehrerin, Hitler sei in den ersten Jahren ein guter Reichskanzler gewesen, der jedem Deutschen ein Auto geschenkt habe. Das hatte sich mein 13-jähriger élève nicht ausgedacht. Das französische Schulsystem legt sehr großen Wert auf das Auswendiglernen und lässt die Schüler noch immer alles von der Tafel abschreiben.
    Zum Glück habe ich trotz improvisierter Natur der Rede nur wenig moralisiert. Im Nachhinein fand ich folgenden sehr prägnanten Artikel, bei dem ich mich rückversicherte, keine phantastische Erzählung abgeliefert zu haben.
    Mit Schrecken muss ich seitdem feststellen, dass sich der Mythos von Versailles und der Wirtschftsboom-Autobahnquark in Frankreich dem Anschein nach hartnäckiger gehalten hat als in Deutschland.

fünfter April | 2018

    Die SZ veröffentlicht einen kurzen Text zur ‚Straßburger Tanzwut‘. Das Phänomen: Zunächst Einzelpersonen, dann Menschenmassen können oder wollen ohne ersichtlichen Grund nicht aufhören zu tanzen. Als wäre ich nicht schon überrascht genug, steht noch folgender Satz darin: “1463 soll es zu einer Choreomanie im Eifelgebiet gekommen sein.”

    Johann Dean, der Bruder von James Dean.
    In den den Ebay Kleinanzeigen finde ich unter der Verkaufstext zu einer Kamera noch folgende Angabe: “Selbstabholung Delmenhorst, Nähe Deichhorst”

    In der TAZ gibt es einige merkwürdige Berufskommentatoren, die jeden Artikel, sei er noch so öde, mit ein paar Zeilen veredeln. Dazu gehört der Nutzer ‚lowandorder‘, dessen Sprech mit Dialekt-Fragmenten die stets aggressive Anrede jovial verdeckt. So zum Beispiel:

    Na Servus.

    Vllt – geschätzter Stefan Wackwitz –
    Wäre es ratsam – vor der Schreibe –
    Die Midas-Mütze – mal auf oder abzusetzen!
    Jedenfalls auf jedenfall mal zum Abgewöhnen –
    Anprobiert haben – eh’s Promibrei wird – gell!
    Das kann frauman – wenn manns kann.
    &
    Zur Freiheitsmütze wird sie deswegen noch –
    Alllang nicht! Newahr.
    Auch wieder wahr!;)(

    oder auch:

    Ja wie? Das könnte bi lütten im Trainingskamp aber auch der letzte –
    Balltreter & Pistolero letaldiskursiv gespahnt haben ~>
    Nu. Wennste heiße Kartoffeln mit nem Rüttelsieb sortierst – bleibt dir nur –
    Genau. Genau. – Pampe aufm Teller! Wollnichwoll.

    kurz – Klar. Soon Hals. Aber da knippt dir k’eine Maus den Faden ab.
    Nö. Da kannste wedeln so viel de willst – newahr.
    No. Wie arm is dat dann.

    Er ist sich sicher, wir sollten ihn verstehen, und für diese 5-10 mal täglich zur Schau gestellte Sicherheit bewundere ich ihn ein bisschen, während mein Kopf sich schüttelt, von Phrasen verdroschen. Wer will schon derart belehrt werden? Ich könnte mich freuen, dass ich nicht gemeint bin, gell?
    Doch auch mir geschieht Gewalt: „Wollnichwoll“ und „Neuwahr“, nur ein Dutzend Mal gelesen, bleiben bereits hängen.

achtundzwanzigster Januar | 2018

    Hier in Paris hat doch einer, man soll es nicht glauben, alle Bände Lenin von vorn bis hinten durchgelesen.

    Oma hatte recht. Iss erstmal was, dann sieht die Welt schon anders aus. Oder eben: Sieh dir auf Instagram Essen an, und eine Kochsendung im Fernsehen; nur im Notfall noch selber machen.

    Selbsterklärende Mafiapaten-Sprichwörter: “Mutter bei die Fische.”

    Im Standesamt, dem Kind einen guten Start verschaffen.
    Sein Name ist Glück Geld Besitz Jesus Candy Love Schmidt junior.

    Verschreiber des Tages: Nobster statt Monster

    An actual conversation overheard between me and a Snickers:
    me: „You are evil!“
    Snickers: “I’m not evil, you are weak.”

    „In the early morning rain, I miss my loved ones so“ heißt es in einem Lied, doch das kann ich mir nicht vorstellen. Der frühe Morgen – So er ihn besingt, steht der Sänger an anderen Tagen später auf. So einer ist kein Bäcker, Müllmann, Tankstellenwart. Er kann durch frühes Aufstehen noch bequem und vor allem preisgünstig in der eigenen Stadt Urlaub machen.

    Benjamin: nur amtlich mit 6 Zylindern.
    In den Museen werde ich keine die Kunstwerke kontextualisierenden Texte mehr lesen. Als Gründe nenne ich

    erstens: Sie haben sich die grauenerregende Werbesprache von Auto- und Musikzeitschriften angewöhnt. Mit technischen Details und Adjektiven werden da Fahrgefühle und Höreindrücke vermittelt Hier nun müssen Namen für Diskurse herhalten. Gleich den Prospekten und Zeitschriften, wissen eigentlich nur Ingenieure, was dahinter steckt – aber meine Gefühle, sind doch ‚echt‘!?

    zweitens: Auch die großen Institutionen geben keine müde Mark für Übersetzungen aus an. Im Monnaie de Paris und im Centre Pompidou fehlen Punkt und Komma! Ja, sogar Kunstwerke, die mit Sprache arbeiten, sind im französischen Raum vom ungebührlichen Druck korrekter englischer Syntax und des idiomatischen Ausdrucks befreit. Auf jedem verdammten scheiß-Schild muss man mehr Fehler dulden als Galaxien im Haar der Berenike.

    Müsste man, wenn man denn der Aufforderung zum lesen noch nachkäme. Daher gilt der Totalitätsanspruch meines Urteils nur bis heute, den 28.01.2018. Ab Morgen wird alles besser sein.

    P.S.: Scheiß-Schild soll heißen: die Texte haben höchstens drei Zylinder.

    He who is without error, throwe den firsten stone.

    I am proposing you informations to a traduction.

fünfter Oktober | 2017

    „Auch Versailles ist irgendwie gebaut worden, und es waren wohl kaum die Hände der Architekten und Goldschmiede, die Erde und Stein bewegt haben.“ So könnte ein tief verärgertes Stück Text zum Thema ‚Unsichtbarkeit des Proletariats in vor-revolutionärer Zeit‘ beginnen. Fest steht: im heutigen Versailles wird gar nichts erklärt, ja nicht einmal beschrieben. Der Besucher befindet sich in einem Luxus-Ikea, gefeiert in der Sprache oberflächlicher Fernseh-Innenarchitekten, die nichts mit Kunst oder Design im Sinne habe, ja, nicht einmal mit Mode. Vieles an Versailles ist in der Tat schön – schön trotz des Goldes und der Spiegel.
    Politisch ist die touristische Führung durch Versailles ein Desaster. Grund und Zweck jenseits königlichen Wollens bleiben ungenannt. Solche celebrity-Begegnung mit der Geschichte kann nicht folgenlos bleiben. Sie betrifft unser Verhältnis zu Architektur, Orten, Namen, Bildern, – „…den Faschismus erst ermöglichende Verblödung!“ müsste irgendwo in diesem ungeschriebenen Text stehen.

September 26 | 2017

    inconspicuous.
    In A Bout de Souffle, Michel Poiccard manages to not pay for his beer by ordering an entire meal.
    It is one great example of how increased consumption does render us less suspicious. This and properly displayed signs of hurry make the respectable man.

    Watch The Throne.
    Gangster rap’s product is usually called ‚authenticity‘. Perhaps we do expect the more authenticity the stronger the emphasis on the spoken word. Daft Punk Justice and Trentemoller can hide themselves as much as words in their works are reduced to instrumental ornament.
    We need to believe the rapping gangster that his words properly describe the artist’s way of life, knowing all too well that by buying his product, we alienate the producer from these illegal ways. Therefore I believe, the authentic core of the gangster rap message is very much the same of the royal family: We might be popular and rich but we are also sometimes jealous, get hungry and do pee and we will let you watch it happen. While for other celebrities, this kind of fame-marketing and identification-building is only a side effect of another product they have sold before or are currently selling, gangster rappers and the royal family’s only real merchandise is a mise en scene of their alleged life.
    For both groups aristocrats and gangster rappers it is also true that, if we stop financing this very life-style, they might turn to their violent past and just take it from us.
    This came to my mind when I found out about the work of Judith Deschamps who is selling certificates for an already cleaned up graffiti. While I initially thought this was quite gangster, my second thought was more to the point – that it was probably more of a gangster rap.

September 9 | 2017

    Preise ausgezeichnet.
    An der Kasse im lidl steht für sich alleine an, eine Menge Leute. Da ist einer, der weiß auch nicht, wie ihm geschieht. Zwei Meter groß und stets im Wege vorbei sich schleichender, biegsamer Körper. Uns fehlt es an Übung, wir werden gerammt. Er erkennt unsere Verwandschaft und wir tauschen aus eine Geste der Frendlichkeit. Noch während ich leise herüberlächle, werde ich ein ein weiteres Mal geschüttelt. Ein vitaler, sehr kleiner Mann, knapp doppelt so alt wie ich und mir in allem überlegen. Er entschuldigt sich und lächelt ebenfalls. Was man mir über Pariser sagte, stimmt bedingt. Es gibt die Zeichen guten Willens, nur ausgesprochen werden sie nicht.
    Da wirft sich eine Frau zu Boden. Ich hatte sie gar nicht gesehen. Als ich sie dann sehe, liegt sie bereits. Sie belegt mit ihrem Körper die Schneise zwischen zwei Kassen. Mein Französosisch reicht nicht aus, um auch nur im Ansatz die Zusammenstellung der Worte zu begreifen. Die wilden Gesten jedoch lassen auch den Dummen wissen, dass da jemand für die Lage verantwortlich gemacht werden soll. Ein anderer großer Mann, weiter hinten an der Kasse, soll sie geschubst haben. Er streitet dies ab. Weil er sich im Abstreiten sehr ruhig verhält, ist das Sicherheitspersonal auf seiner Seite. Auf ihren Knöchel verweisend, liegt doch die Kränkung der Frau woanders und ist hier und jetzt irreperabel. In den Gesichtern der immer noch Wartenden steht ausdrücklich die Aufforderung zur Beendigung der Klage. Ein brutal resignatives Wissen steht dahinter: Im Ernstfall ist es die Menge, die rammt. Ihrer kann kein Geschrei habhaft werden.
    So dachte ich mir das, als ich zwei Stunden später zu Hause anfing zwischen meinen Zeilen über das frisch Erlebte nachzudenken. In der Situation, im lidl an der Kasse, war die Lage eine andere. Ich erahnte zunächst einen elaborierten Ablenkungsversuch und versicherte mich meiner Brieftasche, und kurz darauf dachte ich mir, es handle sich eher um eine generelle Anklage, denn die Frau war ihrer Kleidung nach vielleicht arm und der Mann seiner Kleidung nach vielleicht reich, ebenso war sie schwarz und dem Akzent nach afrikanischer Abstammung und überhaupt, wer im lidl die Trockensalami zu 89 cent kauft, ist sicher ein Verbrecher.

    Es sind die sehr kleinen Dinge, die man nicht sieht. Oder die ganz enorm großen. Vor mir auf dem Trottoir der Rue de Temple macht sich jemand an seinem Ausblick zu schaffen. Er will offenbar ein in die Mauer eingelassenes Stück Glasmalerei photographieren. Es misst im Querschnitt vielleicht 15 Zoll. Zum Ablichten tritt er nicht näher, bleibt stattdessen mit mir auf der anderen Straßenseite, zoomend und kadrierend, die alte schwere Tür aus Hols muss auch noch mit hinein.
    Von dort aus nennt er sich, noch heute und zurecht, wann immer er das Bild besieht, einen Entdecker kleiner Dinge. (Anmerkung: Womöglich handelt es sich beim Kunstwerk auch um ein Mosaik, man müsste nochmal hin).

    Nachzuholendes Gemaule.
    Der konsumierend die Innenstadt verstopfende Münsteraner sieht JETZT aus wie ich mir FRÜHER einen Bewohner Hannovers vorgestellt habe. Mein Urteil hat sicherlich Konsequenzen, aber ich bin viel zu gerne dort, um mir etwas davon anzunehmen.

    Die Lust beim Bildermachen, beim Video, der Photographie zieht nach sich den Rattenschwanz der vielen Schritte. Dem Einzelnen und einer Öffentlichkeit das Ausgewählte zugänglich zu machen, vervielfacht die Entscheidungen. Wer hat diese Kraft? Eine Ermüdungserscheinung der Betrachter und Produzenten ist vielleicht der Kitsch.

    Selten sind Berichte von Autoren, die in ihren eignen Texte schwelgend, die Lust zu neuer Arbeit glatt verloren haben. Mutwillig müsste man sich unter großem Aufwand gegen jede neue Praxis in das Alte wieder lesen. Hingegen jeder Bildbetrachter den Moment zu fürchten lernt in dem ein altes Selbst aufsteigt. So wie’s gefühlt, gerochen und dagestanden hat. Nach diesem Selbst besteht womöglich Sehnsucht und schon ist es mit der Distanz dahin. Derart von der eignen Mythologie ins Mark getroffen zu werden – dagegen hilft nur die Verwandlung ins Produkt.

    Hier könnte Ihre Übersetzung stehen.

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