Notizen aus der Bahn

    Einträge vom 10.10.2019
    Es spricht die Stimme eines Reisenden. Ihm fielen noch Dinge auf. Er konnte reisen.

    Im Zug hat das Personal mir viel zu sagen. Am gesündesten ist es, nur von einer Station zur nächsten zu fahren. Alles weitere, wenn man darüber hinauslangt, ist voll von „Welcome on board“ und „le chef du train est a votre disposition“ und „Das Ettikettieren des Gepäcks ist eine Pflicht.“
    Mit der Sprache gut umzugehen ist nicht Pflicht und ebensogut keine, sagt der Duden.

    In den Regionalbahnen hören Halbstarke den letzten top ten angry hip hop mit Weltmusikanstrich. Dazu habe ich wenig zu sagen. Im TGV tippen Senioren – endlos affiziert – sich durch Menüpunkte ihres Mobiltelephons. Nur wie man den Tastenton ausschaltet, das wissen sie nicht. Den Alten kann ich diesen Mangel an Sensibilität nicht vergeben. Unsere Sinne sind so mannigfach beleidigt, und wir rotzen selbst noch in die See aus blitzebling und piep piep Kotze.

    Und zu lesen erst, was gibt es nicht alles zu lesen! „St.Paul/Minneapolis Team est 1962“ steht auf dem T-Shirt, oder eben: „Der Schaffner bleibt ihr bevorzugter Ansprechpartner während ihrer Reise.“ Ach, was?
    Aussagen, die auf Kleidungstücken und Paneelen gleichermaßen dreist durchgehalten werden.
    Und dann noch:
    „No Filter“
    „Laissez vous rever“
    „Siège avec vue“
    Alles Sprüche die mir auf Augenhöhe ins Fenster geklebt wurden. Verschieden opak zaubert die Folie einen Schleier auf die Landschaft dahinter, sie lässt mich an Photofilter denken und von einem Sitz mit Aussicht träumen.

    Man merkt auch gleich, wenn zum Großteil Deutsche um einen rum sind. Diese Aufregung 20 Minuten vor dem Bahnhof, sich schon ausgehfertig in den Gang zu stellen. Draußen wartet schon die Schlange am Taxistand und im Supermarkt. Merke: der Vorteil für die kommenden Schlangen ergibt sich immer in der gegenwärtigen.

    Neuer Zug: Mannheim-Osnabrück
    An den Hang gepresst oder ins Tal bis an den Rhein gewürfelt: es liegen vor Koblenz die schönsten Städtchen. Sie werden belästigt und am Leben gehalten von Ausflugsdampfern. Ein Größerer trägt den Namen Jane Austin, ein Kleinerer einen germanisierten mit ‚Th‘ am Anfang, so lächerlich, dass ich Jane Austin im Rückblick als akzeptabel durchgehen lasse.
    Ich nehme an, mein romantischer Ausblick kostet die Landschaft mehr als die 48€, die ich für das Ticket bezahle. Die Bahntrasse schneidet mitten durch enge Gässchen, an der Rückseite von Kirchen, über den Garagen der alten Häuser entlang. Auf Höhe der ersten oder zweiten Etage kratze ich metallisch in die Lebenswelt der Anwohner. Ähnliches kommt mir auch immer in der Berliner S-Bahn: auf einer Skala von zufrieden über genervt bis krank – wie befindet sich der Mensch dort hinterm Fenster?

    Europa ist wiedererkennbar. Die Automaten mit Fettriegeln und Chipstüten zu 11 Gramm drinnen schlucken ebenso wie in Frankreich die Münze, ohne Rücksicht auf meine Auswahl. Statt der #40 mal wieder die #0.

    Zwei Frauen laufen den Gang entlang. Es sind Zwillinge. Hinter dieser Feststellung liegen bange Sekunden, in denen ich fürchtete den Verstand verloren zu haben.
    Eine Frau läuft den Gang entlang und eine Minute später tut die Selbe noch einmal das Gleiche. Ein Schrecken mit Happy End als ich auf die Spitzfindigkeit verfalle, dass es sich anders zugetragen haben muss, nämlich, dass eine Gleiche bloß das Selbe tat.

    Ein dickes Kind isst im Gehen ein Brötchen mit Hähnchenschnitzel drinnen. Ich gratuliere dem Kind, das viele Jahre guten Trost im Essen finden wird.
    In Köln steigt viel Köln ein. Auf dem Boden liegt Hähnchenschnitzelrest. Mit jedem Kölner wird mehr davon zu Teppich.

    Im Bordrestaurant serviert die Deutsche Bahn ein Frühstück zu 5.80€. Das Angebot ‚Frühstück‘ beinhaltet kein Heißgetränk. Es handelt sich um drei sehr kleine Brötchen mit Butter und Käse, die unter dem Namen ‚Frühstück‘ die zusätzlichen 3.40 für den Kaffee gern verstecken wollen. In der Karte steht auch „Currywurst mit Pommes Frites und Mayonnaise“. Die sprachliche Opulenz von „Mayonnaise“ stimmt mich versöhnlich.

    In Duisburg: Ein Glück, ich muss umsteigen, aber es ist schon wie zu Hause. Hier gibt es echte Pommes, niemand schert sich drum, wie man Mayo zu Ende schreibt.

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