12. September | 2021

    Am 11.September 2001 bin ich morgens aufgestanden – so muss es gewesen sein. Woher ich das so genau weiß? Es war ein besonderes Datum. Ich war als Angehöriger der Klasse 12b eines unauffälligen und sehr kleinen niederrheinischen Gymnasiums auf Klassenfahrt in Prag. Meine Freundin war gerade von einem tschechischen Arzt mit Pfeifferschem Drüsenfieber diagnostiziert worden. Ich hatte keine Symptome und erlaubte mir die Annahme, ich sei immun. Die Autoritäten schickten sie aus Angst vor Ausbreitung der Seuche nach Hause, per Zug, zu dem ich sie am 11. September brachte.

    Auf dem Rückweg lief ich alleine durch die Stadt, in Richtung Jugendherberge, hielt die Richtung aber nicht allzu streng ein, ich wollte möglichst lang alleine sein. Vor dem Schaufenster eines Elektrofachgeschäfts schoben sich dutzende Männer in Anzügen von rechts nach links und wieder zurück, um einen kurzen Blick auf die Röhren zu bekommen. Ich dachte mir: Fußball, und ging zur U-Bahn. Im Waggon traf ich zu meinem Verdruss Teile der niederrheinischen Oberstufe, drehte mich noch weg, aber da war ich schon Teil der Weltgeschichte. In Amerika seien Düsenjäger in ein Hochhaus hineingeflogen. Das stimmte so nicht, aber man muss Marissa, die hier erzählte, zugutehalten, dass auch Ulrich Wickert es zu diesem Zeitpunkt nicht viel besser wusste.
    Die nächsten Stunden waren bewegt. Es gab Leute, die hatten mehr Ahnung von Politik als der Schnitt und ließen uns wissen, dass das jetzt irgendwie Folgen haben werde, diese Sache mit den Flugzeugen im Hochhaus. Ich weiß nicht mehr, inwiefern die Lehrer versucht haben, die Ordnung der Dinge für uns beizubehalten, indem sie in diese Diskussionen eingriffen.

    Die Nacht zuvor hatte ich in einer Kneipe zur großen Sorge eben dieser Lehrkräfte viele große Bier und doppelte Bourbon getrunken und im Zuge dieser Getränke den stufeninternen Wettkampf im Dart gewonnen. Schade, dass am Folgetag, der Flugzeuge wegen, sich niemand an meinen Triumph erinnern wollte. Thomas aber, der eigentliche Favorit des Wettkampfes, musste mit mir darüber reden. Die Niederlage hatte sein ohnehin frisches Trauma aufbrechen lassen, ein Sportunfall, ein mehrfach gebrochener rechter Arm. Jetzt konnte er, der Vereinsspieler, nicht einmal gegen einen mittelmäßigen Kneipenspieler wie mich gewinnen. Immerhin wussten wir beide mit Hinblick auf unsere Gefühle, warum die Dinge waren, wie sie waren.

    An diesem Abend blieben die meisten in der Herberge und soffen sich auf den Zimmern in verschiedenen Grüppchen einen an. Wo ich saß, erinnerte sich einer, dass wir uns in einer Kapitale des ehemaligen Warschauer Pakts befanden. Wenn die USA jetzt also Atomraketen losschickten, sei es für uns wenigstens schnell vorbei.
    Ich ging in ein anderes Zimmer, wo man sich im Zeichen der Krise auf sein unveräußerliches Eigentum besann. Dem Körper wurden die verschiedenen Pillen der Notfallapotheke zugeführt und kurz darauf die eigenen Flatulenzen mit Feuerzeugen angezündet. Hier regierte der Wille zur Freiheit, wenn auch zum Preis der Neurose.
    Irgendwann waren, glaube ich, alle Zimmer besoffen und man besprach die Folgen, Es galt das Wort, dass am Dritten Weltkrieg wohl kein Weg vorbeiführte. Jemand fragte, ob Matthias durch die Einnahme der Antibabypille seiner Freundin (unter johlendem Beifall) in ein paar Wochen, größere Brüste bekommen, oder Vater werden würde.

    Am nächsten Morgen war die Welt noch da. Sie war voll mit den eigenen Unzulänglichkeiten und lang und eng zeigte sich der Weg zum Untergang: das eine Jahr bis zum Abitur. Einige erbrachen die Trauer darüber in die Schüssel.

    Im Zug zurück nach Deutschland überkam mich ein aufgeschobener Kater. Schräg gegenüber saß Allia. Sie tat mir weh, weil sie so schön war. Ich schwitzte in der schweren Lederjacke, die ich fast nie und auch jetzt nicht auszog. Die Vorteile des Panzers scheinen unwiderstehlich.

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