siebenundzwanzigster Juli | 2021

    Rasenmähen.
    Es hat mich immer fasziniert, welchen Aufwand Kleingärtner*innen um das Rasenmähen herum betreiben. Das Trum von Gerät benötigt einen Schuppen oder Stellplatz in der Garage, ständiges Schärfen, die Versorgung mit Schmieröl, Superbenzin, Zündkerzenwechsel, Luftfilter, die komplette Reinigung nach jeder Benutzung,… etc.pp. Motorradbesitzer*innen haben weniger zu tun, brauchen dafür aber Nummernschild und Helm.
    Dann das Mähen selbst, es kann viel öfter nicht geschehen, als die Stadtbewohner*in glauben mag. An einem Werktag kann gemäht werden, allerdings nicht zu Zeiten an denen Werktätige normalerweise Zeit haben. Die Mittagsstunde und die späte Abendstunde sind in Gegenden, wo es Kleingärten gibt, tabu. Deswegen ist Samstag der Nummer-eins-Mähtag aller Tage, allerdings nur, wenn es sich nicht um einen Feiertag handelt. Sicherlich, im Notfall könnte jetzt gemäht werden, aber mit jedem Meter werden die Schultern verspannter. Sie fühlen, was die Nachbar*in fühlt, die verspannt am Fenster ihren Kopf schüttelt. Noch zwei, drei Minuten, und es kommt die Polizei.
    Nun der Idealfall, es ist Samstag, es gibt Zeit und Gelegenheit, das Gerät ist betriebsbereit, ein Kanister mit Kraftstoff steht neben der Plastik-Solar-Led am Rasenrand, jedoch: es regnet. Es kann nicht gemäht werden. Nach dem Samstag kommt der Sonntag, ihr Rasen wächst. Eine weitere Woche geht ins Land. Vielleicht müssen Sie am nächsten Wochenende wohin, es wird wieder nicht gemäht, ihr Rasen wächst. Die Nachbar*in steht kopfschüttelnd am Fenster und fällt das Urteil: dieser Rasen ist jetzt im Vergleich zu lang.
    Endlich, eine weitere Woche ist vorbei, es ist Samstag, Sie können mähen. Diesmal hat es am Vorabend geregnet und ihr Rasen ist bereits ein paar Wochen lang und trocknet deswegen nicht ganz auf. Sie mähen trotzdem, alle fünf Meter bleiben Sie stehen, das nasse, lange Gras verklebt den Korb, der Rückstau blockiert das Schnittmesser. Motor aus, Sicherheitshinweise ignorieren, nasses Gras von Hand aus der Maschine greifen, schaben. Motor an, da capo. Durch das ewige an und aus verfettet die Zündkerze, schwarzer Qualm sagt ihnen, dass sie heute nicht mehr mähen werden können. Sie schieben den Mäher in die Garage. Ihr Rasen ist zur Hälfte gemäht, die Nachbarin schüttelt den Kopf, und es fängt zu regnen an.
    Aus Trotz gegen die widrigen Umstände zünden Sie ihr Haus an, retten aber in einem klaren Moment den Rasenmäher aus der Garage. Sie wohnen fortan in einem Zelt. Unnötige Hausarbeit entfällt und Sie haben viel mehr Zeit für ihren Rasen. Zunächst mähen Sie jeden Samstag, dann auch jeden Mittwoch, schließlich jeden Tag, außer bei Regen.
    Die Zeit vergeht, die Moden wechseln, und ihre Nachbar*in kauft einen elektrischen Rasenmäherroboter. Sie sehen ihre neu erkämpfte Gesellschaftsstellung durch Automation gefährdet und ziehen weg, oder werden nachts von einem Krankenwagen abgeholt, beide Erzählungen existieren nebeneinander fort. So oder so, ihr abgebranntes Haus zerfällt, aus dem Rasen wird Moos, dann Wiese, schließlich sähen sich erste Bäume ein. Eine Taube sitzt darauf, später viele Tauben, Krähenschwärme, wilde Hunde verbreiten Krankheiten.
    Unter dem Applaus der Nachbarschaft (leise, hinterm Fenster) kauft ihre Nachbar*in die Ruine zu einem günstigen Preis, planiert, vergößert ihren Garten. Der Roboter mäht Tag und Nacht, auch bei Regen und ohne Not. Ihren Namen hat man vergessen. „Früher war das hier alles mal Wiese.“ sagen Leute, die nicht wirklich Bescheid wissen, sich aber an die Wiese erinnern können

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