January 20 | 2017

    „Are you a native?“
    „I’m not a native, I was born here.“ (Blake Edwards, The Great Race. 1961)

    Bernd Höckes Bemerkungen zum Holocaust-Mahnmal sind im Kontext seines Aufrufs zum „totalen Sieg“ zu Ende zu denken. „Eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ wird bedeuten: eine Geschichtsschreibung, die sich von ihren Opfern ab- und ihren Siegern zuwendet.
    Bernd Höcke, der Geschichtslehrer, weiß es wohl: Chauvinismus setzt Energien frei. Die ohnehin halbherzigen Versuche ihn zu Unterdrücken, sollen der angespannt am Weltmarkt sich alltäglich zu verkaufenden Seele zukünftig erspart bleiben.
    Gesprochen werden soll wieder vom Ruhm, von der Häme, und auch die Schlachtbeschreibung, war sie ach nie ganz verschwunden, wird wieder zu neuer Blüte gelangen. Für Zweifel, Empathie und Rückzug hat der Chauvinismus keine Form. Sie finden keinen Ausdruck. Letzteres ist die Kurzdefinition von ‘Trauma’. Es wird gut verdeckt durch eben jenes Sprechen vom Ruhm, der Häme und dem Fetisch des Details: Angaben zu Material und Stellung, Bewegungspfeile auf Karten sind beliebt, sowie Informationen zu Art und Menge des Frühstücks, das der General am Tage der Entscheidung zu sich nahm. Vom so genannten Neoliberalismus sturmreif geschossen, freut sich die Psyche über solch erfrischendes trallala.
    Erinnerungskultur, das war der Nachfolgeterminus für Vergangenheitsbewältigung. Auch das weiß Bernd Höcke, der Geschichtslehrer, jedoch führt er die beiden Begriffe für seine Sache ungeschickt zusammen. Er hätte es nicht nötig Vergangenheitsbewältigung negativ zu besetzen. Sie ist als ‘Bewältigung’ ganz in seinem Sinne. Sie fordert einen Abschluss der Arbeit an der Vergangenheit. Diese Forderung hat immer schon lautstarke Vertreter gefunden.
    Besonders laut war ein auf Bundesebene erfolglos polternder bayrischer Export, der in vielem Ähnlichkeiten aufwies zu dem 45sten Präsidenten der Vereinigten Staaten. Donald Trumps Vereidigung liegt noch einen Tag entfernt. Die Bedeutung als politische verschwindet hinter seinem orangenen Haar, den zu kurz geratenen Fingern und Phantasien über russischen Natursekt – des Generals Frühstück eben. Die Opfer seiner zukünftigen Politik sind bekannt. Niemand kann überrascht tun, wenn in der Folge des 21. Januars den so genannten Minderheiten elementare Menschenrechte entzogen werden.Eine Vielheit will das Erbe der Katastrophe abschütteln. Wer auch nur in Kneipen und auf Kindergeburtstagen ein offenes Ohr behalten hat, weiß schon davon, dass so ein ‘Richtungswechsel’ großen Zuspruch findet.
    Der Begriff Erinnerungskultur sollte, entgegen der missverständlichen Vergangenheitsbewältigung, auf eine lebendige Praxis hinweisen. Ein Leben mit den Toten, wenn Sie so wollen. Doch Wovon sprechen wir, wenn wir vorm ‘Denkmal’ stehen? Die in jedem Dorf vorhandenen Denkmäler zum Gedenken an die Gefallenen aus den Kriegen 70-71, 14-18 und 39-45 sind gut versteckt. Charmant verwachsen mit den Sträuchern und Bäumen ihrer Erbauungszeit erscheinen sie als Landschaftsteile und gemahnen an nichts. Sie gehören, ohne zweite Botschaft, als Detail zum Naturraum.
    Als Strategie einer um den Menschen besorgten Ethik ist das Denkmal alleine nutzlos. Dazu bedarf es der Arbeit – eben jene Verbindung von Text, Ritual und Präsenz, die am Holocaust Mahnmal dafür sorgen soll, dass die Geschichte, dass die Erinnerung an das Leben und Sterben der Vorfahren, unsere Vorstellungen einer wünschenswerten Zukunft informiert.
    Bernd Höcke hat Recht. Nichts davon kann der Chauvinist gebrauchen. Wenn das große Opfer ausbleibt, wer wird später vom Tag der Entscheidung berichten? Klar ist, der so begriffene ‘Deutsche’, als geborener Sieger der Geschichte, wird sich erst “wiederhaben”, wenn es nach dem Frühstück nicht mehr um die Frage Aldi oder Lidl, sondern um Leben oder Tod geht.