Das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit.
    Hinter dem so laut geäußerten Willen, den Flüchtlingen die Solidarität zu entziehen, steht die Weitergabe einer konkret persönlichen Drohung, die uns jeden Morgen beim Aufstehen befällt: Niemand hilft mir. Mutter Merkel wird als Personifikation einer sich kümmernden Struktur zur Anlaufstelle für diese Beschwerde. Mutter, warum liebst Du uns nicht mehr? war schonmal zu hören. Jetzt die endgültige Demütigung durch die sogenannten Flüchtlinge. Mutter hat noch Liebe in sich, nur nicht für mich. Das eifersüchtige Kind befindet das Hartz IV Niveau der Liebe berechtigterweise für ungenügend.
    Wozu diese Infantilisierung? Ja, das frage ich mich auch. Sie ist nichts, was mein kurzer Text erfindet, sondern offensichtlich in Mode, als Lebensführung erwachsener Menschen. Wie sonst lässt sich erklären, dass von allen Seiten her Verständnis aufgebracht wird für den Mangel an analytischer Schärfe und den Exzess an Gewalt? Politiker spielen sich auf als Pädagogen, die zu kämpfen haben mit einer frühen narzisstischen Entwicklungsstufe, derer, die noch auf dem Wege sind zum mündigen Bürger. Dabei verlängern sie den Kindergarten ins Unendliche.
    Vor diesem Pille Palle um den ‚Besorgten Bürger‘ hat man ihn sich doch zurechtgeschossen. Die Agenda 2010 war der Ritterschlag für einen sozial-Chauvinsimus, der strukturell die Arbeit des fiesen ‚bulli‘ übernahm. Im Kindergarten gibt’s auch immer welche, die dem Nachbarn das Brötchen aus der Klappe schlagen. Gar nicht mal aus Hunger, sondern weil es sonst der harte Tobi getan hätte. Alle haben Angst vor Tobi. Tobi hat den Respekt der anderen Jungs Er haut auch aufs Maul, wenn Mutti guckt. Deswegen bekommt er viel Aufmerksamkeit zu besondren Zeiten, wenn alle anderen schon nach Hause müssen. Von Tobi lernen heißt beim Verlieren siegen lernen.
    Jetzt sagen sie nicht, das sei sozial-Darwinismus. Das ist nicht nur vulgär im Hinblick auf die ziemlich ausgefuchste Evolutionstheorie Darwins, sondern versucht auch unsere Gesellschaftsordnung zu naturalisieren. Deswegen an dieser Stelle auch noch mal eine Warnung an die Metapher: ‚Das Kind‘ hat mit Natur nur wenig zu schaffen, sondern mit Sozialisierung. Die Erfindung der Kindheit ist eine Kulturleistung und selbst gar nicht mal so alt. In ihr gestehen wir kleinen Erwachsenen etwas Besonderes zu, weil wir zugleich darauf wetten, dass sie sich im Prozess einer Werdung befinden. Das Ziel dieser Entwicklung ist immer Bestandteil gesellschaftlicher Verhandlung gewesen. Ein frommer Gedanke aus der Vergangenheit, soll hier als Beispiel dienen: Tobi aus dem Kindergarten macht nach 20 Jahren gemeinsame Sache mit seinem damaligen Opfer und alle bauen gemeinsam einen neuen Kindergarten, in dem es nur beiläufig um Butter und Brötchen geht.
    Der ‚Besorgte Bürger‘ hingegen ergeht sich in Hilfslosigkeit. Man schreibt Briefe an Mutti, oder hofft, dass sie grad guckt, wenn mit Stäcken in der Hand einer auf der Straße verfolgt wird, mit Brötchen im Mund, geschmiert, womöglich mit viel Liebe.

    In Bier und Tränen solidarisch, auf ewig,
    Deine kleinen Racker.

    Die Forderung an eine jede, sich nicht dieser Laune hinzugeben, sondern an nächsten Morgen vorm Spiegel kritisch zu bedenken, woher die Sorgenfalten im Gesicht gekommen sind, ob auch mein Nachbar sie hat und wie wir sie in Zukunft vermeiden – davon ist der ‚Besorgte Bürger‘ befreit, sobald wir ihn ernst nehmen.

    Lügenpresse.
    Das Fernsehen zeigt, was wir immer schon wussten. Das Wetter gibt es, darauf kann man sich einigen. Es wertet als Meldung zwischen verschiedenen Meinungen und Kommentaren, seinen Kontext zur Wirklichkeit auf. Dabei zeigt das Wetterfernsehen gar kein Wetter, sondern alle 15 Minuten dessen Vorhersage. Auf Nachrichtensendern läuft sie als Banner durchs Programm, der Nachbar ruft die Vorhersage über den Zaun, auf der Arbeit fragt einer danach. Die Wettervorhersage ist entscheidend!
    Ich erinnere mich an Beschwerden darüber, dass die Vorhersagen nicht stimmten. Am Niederrhein hielt der dicke Fluss die Wolken oft auf einer Seite fest. Dann hatte Kleve den angesagten Regen, aber Bocholt nicht, und die Bocholter sagten: dem Arbeiter das Wochenende vermiesen, das wollen diese Fatzken. So schön Fahrradfahren hätte man können. Stattdessen ist man zu Hause geblieben und hat den ganzen Tag fern gesehen, Nachrichten und Talkshows, denn tagsüber kommt ja nichts Vernünftiges, danke auch, arschloch-scheiß-kack Fernsehen und armes Deutschland. Dafür zahlt man jetzt Gebühren.
    Immerhin war noch zu erfahren: der Ifo-Index, der Sonntagsfrage und Wettervorhersage. „Ich habs gewusst!“, sagt einer, ein anderer meint, „Alles gelogen!“ Beide ziehen den selben Schluss: Morgen aufstehen lohnt sich nicht.

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