Dihydrogenmonoxid ist die chemisch korrekte Bezeichnung für Wasser. Sie könnte auch im Kontext einer akuten Bedrohung auf die Komponente einer Bombenmischung hinweisen. In den Nachrichten wäre die Nennung von “Dihydrogenmonoxid” in der Nähe von “ISIS” oder “Terror” geradezu fahrlässig. Wer hat die Ressource und wie könnten die digital vernetzten Gewalttäter da herankommen? Welche Schritte kann die internationale Gemeinschaft unternehmen, damit der Zugang zu Dihydrogenmonoxid beschränkt wird? Welche Orte in meiner unmittelbaren Umgebung könnten Ziel einer Dihydrogenmonoxid-Atacke werden? Flughäfen, Fußballstadien, Wochenmärkte. Die Bevölkerung sollte sich bewusst machen: wie sieht Dihydrogenmonoxyd aus? Welche Handhabung des Stoffes kann als verdächtig gelten? Kann ein Sprengsatz mit Dihydrogenmonoxid entschärft werden? Haben die westlichen Nationen genug Experten? Wird es eine Dihydrogenmonoxid Task Force geben? [D-H-M-O-T-F? Doch Obacht, Verwechslungsgefahr besteht mit der beliebten Grußformel in Briefen: „Dear Husband, Motherfucker,… „]
    Von der Regierung gut bezahlte Journalisten werden abwiegeln. Die öffentlich rechtlichen Sender und subventionierten Printmedien werden ihre üblichen Verzerrer und Verdreher ans Werk setzen. Herablassend die Sorgen der Bürger als Spinnerei abtuend, wird behauptet werden, es sei doch blos Wasser. Manch einer wird gar noch einen Witz entwickeln, der die Subjekte der Sorge der Lächerlichkeit preisgeben soll: “Prost!” könnte einer schreiben und damit natürlich nichts Gutes meinen für das Gegenüber des Grußes. (irrational, versoffen, Schnapsidee, Prekariat, bildungsfern). Dann ist es soweit.
    Einzelne Politiker sehen sich genötigt, die Bedenken bezüglich des Dihydrogenmonoxids in ihre Reden aufzunehmen. Ja, noch ist kein Fall eines Dihydrogenmonoxid-Anschlags bekannt geworden. Und wir arbeiten hart daran, dass es so bleibt. Die Gefahr ist erkannt.
    Ein letztes Aufbäumen der Jubelperser, ehe die erhitzte Debatte den Kern des Dihydrogenmonoxids verdampft und noch den letzten Blick vernebelt. Sie versuchen jene Politiker ebenfalls der Lächerlichkeit preiszugeben, oder ihnen Populismus zu unterstellen.
    Ein ehemaliger Universitätsprofessor, Doktor der Chemie und Verfasser des Buches: ‚Der Osiris-Faktor. Wege zum Glück‘, gibt zu bedenken: Wasser – Wasserstoff – Wassserstoffbombe. An der Reihe sieht man, wohin es führt. Linguisten springen ihm bei, machen aber Einschränkungen für nicht agglutinierende Sprachen. Die Debatte wird auch von Intellektuellen getragen, heißt es in der internationalen Presse. Von diesem Echo inspiriert, endet in der Politik die Zurückhaltung. Deutschland darf seine Führungsrolle in dieser Sache nicht ohne Not verspielen.
    Ein Historiker vor schwarzer Wand erinnert an die ariden Landschaften, aus denen die monotheistischen Religionen hervorgegangen sind. Taufe, Weihwasser, Begräbnisrituale: alles flüssig, auch der Tod, der Mensch kann ihn nicht fassen, sagt ein Theologe. Ein Philosoph schreibt schnell sein neues Buch: ‚Sand auf die Mühlen des Denkens‘. Seinetwegen gehen viele Dichter ins Exil und studieren Chemie. Sie tun einiges für das geistige Ansehen Deutschlands, indem sie an ihren Metaphern arbeiten.

    Die Quelle der Produktivität ist das individuelle Gewissen, doch ist sein Produkt politisch. Es kommt im Wort schon an die Oberfläche, wird von allen getrunken.

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