Would you mind if I shit here?
    Als Vorbereitung für meinen ersten Job als Teaching Assistant hatte ich vor dem Abflug nach Minnesota Kopien kanonischer deutscher Filme gekauft, die englische Untertitel aufwiesen. Darunter auch Große Freiheit Nummer 7, einer der wenigen nach Ferstigstellung zensierten Filme des Dritten Reiches. Mit dem historischen Ballast, bunten Lokalkolorit und La Paloma Oh he hatte ich mir eine gutbesuchte Vorführung versprochen. Leider waren die Übersetzern vom norddeutschen Sprachgebrauch überfordert und die Untertitel bis zur Unkenntlichkeit falsch, in etwa so falsch wie die automatic captions einiger streaming-Dienste heute im Jahre 2015. Das war damals 2008 und seitdem habe ich viel dazu gelernt. Ich bin besser vorbereitet auf Unzulänglichkeiten, ja, sensibler für die Abgründe des Kulturausstausches.
    Hitchcock soll einmal gesagt haben, sagte Truffaut, glaube ich, dass ein Film durch Untertitel immer 15% seiner Qualität einbüße, durch gute Untertitel aber nur 10%, weswegen er, Htichcock, die guten Synchronisationen gegenüber Untertiteln bevorzuge. In der Tat sind mir sogar Fälle bekannt in denen das Produkt durch die deutsche Synchronisation deutlich an Qualität gewonnen hat. Berühmt in dieser Hinsicht sind die sogenannten Bud Spencer und Terence Hill Filme, aber auch die Serien MASH 4077 und The Persuaders. Alles dies Produktionen, für deren Übersetzung das ZDF kein Geld hatte und einem damals völlig unbekannten, aber im Rahmen des Budgets bezahlbaren Team alle künstlerische Freiheit gelassen hat. Rainer Brandt bewies hohe Meisterschaft, übersetzte grandios den schwarzen Humor von MASH und ergänzte nach Herzenslust den müden Schlagabtausch der Prügel- und Agentenfilmchen. Das war natürlich ein Phänomen für sich, diese glückliche, aus der Not geborene Kunst.
    Glücklich aber auch: die Übersetzung des 13. Kriegers, der im Original zum Exotismus der Bilder auch noch den unbestimmt ‚orientalischen‘ Akzent des Hauptsdarstellers hinzustellt. Antonio Banderas spielt einen Perser, der eine Fremdsprache lernt: die frühmittelalterliche Form des Dänischen die hier als ‚Nordmannsprache‘ herhalten muss. Für den Zuschauer allerdings spricht er durchgehend Englisch mit jenem unsäglichem Akzent. Nun ist nicht bekannt ob die Verfasser des deutschen Scripts einfach nicht wussten, wie sie diesen amerikanischen Rassismus in einen deutschen übertragen sollten, oder ob ihnen das ganze unangenehm war und sie deswegen auf die Transferleistung verzichteten. Anders als beim Hans Albers Film kann hier anstelle von Inkompetenz auch gute Absicht unterstellt werden.
    Jetzt wohne ich schon eine ganze Weile hier. Meist finde ich mich zurecht. Kleinere Irritation verbleiben, so zum Beispiel wenn ich frage, ob ich mich wo dazusetzen kann. Eigentlich eine reine Formalität mit entsprechender Floskel. „Would you mind me sitting here?“ Analog aus dem Deutschen heraus begriffen, ist das die Frage, ob es einem was ausmacht, wenn… , und tatsächlich ist auch im Englsichen die korrekte Antwort darauf: „No, I dont mind, have a seat.“ oder eben “Yes, I do mind, go away!” Nun liegt aber das kritische dieser Antwort in der Verneinung. Der feundlich gesinnte Geist will nicht nein sagen, wenn er den anderen als Sitznachbarn begrüßen möchte. Die übliche Antwort auf: “Do you mind, …?“ beginnt also mit “Yes,…” und ich erschrecke mich, versuche verzweifelt das freundliche Gesicht mit der unfreundlichen Antwort zu verbinden, bis eine zusätzliche Bewegung der Hand oder eine Geste des Platz-Machens mich doch noch willkommen heißt. Das sind kurze Momente der Fremdheit, wie sie einer empfindet, der Knollenblätterpilze nicht von Champignons unterscheiden kann und deswegen beim Spaziergang sich streng an die ausgetreteten Wege hält. Der daraus erwachsende Mangel an Freiheit, nun, der Wald kann nichts dafür.
    Und noch etwas nehme ich mitunter persönlich. Wider besseres Wissen begreife ich es als es Angriff auf meine Person, wenn jemand eine Tür zuschlägt. Wer nicht weiß, wie man Türen schließt, wird auch Faschist, sagte Adorno, sagte Hitchcock, glaube ich.
    Dabei handelt es sich blos um ein allgemeines Phänomen der Gewöhnung. Türen schließen sich im allgemeinen automatisch. Die amerikanische Tür sieht den, der hindurch geht in keiner Verantwortung, ja, sie übernimmt in vielen Fällen sogar die Öffnung selbsttätig. Der Konsument des Durchgangsangebotes ist ein typischer Kunde. Im Folgenden einige Worte zu den Umweltschäden dieses Konsums. (Die automatische Türöffnung verbraucht tatsächlich Energie, aber davon will ich gar nicht sprechen.) Eine durch ihre Hydraulik automatisch schießende Tür muss eingestellt und gewartet werden. Zwei Dinge, die einen sensiblen Geist erfordern. Es braucht jemanden, der sich kümmert, der in die Lage versetzt ist, den Mangel zu identifizieren und zu beseitigen. Letzteres erfordert eine gewisse technische Schulung, ersteres eine sinnliche, und genau dort liegt das Problem des öffentlichen Raumes in dieser Stadt. Sie ist so ungeheuer laut und grell, dass ihre Bewohner sinnlich verkrusten.
    Im Rauschen der Klimaanlagen, den tief brutalen Vibrationen der Polizeihubschrauber, den Hochton-sägenden Sirenen verliert sich der Mensch mit seiner lächerlichen Äußerung. Hysterisches Lachen, lautes Telephonieren und über Jesus erzählen reicht doch kaum vom eigenen Mund bis an das nächste Ohr, und wenn wenn der Marc Train seine Kurve nimmt und der Peterbilt am Hang sein grünes Licht bekommt, hört doch niemand, wie ich gerade, sagen wir, das Gurren einer Taube nachmache.
    Die Schwierigkeit sich Gehör zu verschaffen, hat auch unbestrittene Vorteile. Man wird nicht so häufig zurechtgewiesen. Ich zum Beispiel mache, wie angeklungen, gerne Tiergeräusche, auch unvermittelt und in der Öffentlichkeit. Eine gute Freundin hat mir einmal gesagt, dass sie das an ihren Vater erinnere und dass ihr der von meinem Tiergeräusch aufgewühlte Kontext jedes mal mit Gewalt durch die Knochen fahre. Wenn sie am Tisch sitzt, mache ich deswegen nur ganz selten Tiergeräusche, eigentlich nur, wenn ich mich vernachlässigt fühle.
    Den Zugewinn an Freiheit kann überprüfen, wer am Sonntag um die Mittagszeit in die Vororte der maerikansichen Stadt fährt. Im Betrieb der Rasenmäher stellt sich mir die Frage, wann denn Oma und Opa eigentlich ihren Mittagsschlaf halten. Oma und Opa teilen meine Bedenken nicht, sie mähen gerade Rasen. Auch zwischen zwei und vier kann man hier auf der Terasse sitzen und Iron Maiden hören. Eine in meiner Jugend einst so heiß ersehnte Freiheit, die jetzt ihren Sexappeal verloren hat.
    An der Ecke St. Paul and North Avenue sitzen immer drei zu Kartenspielen. Die Kreuzung ist ein Knotenpunkt zweier dicker Stränge Blech, die von Nord nach Süd, von West nach Ost und Ost nach West wollen. (St. Paul ist hier Einbahnstraße) Zwischen den von mir gemessenen 90 bis 100 Dezibel sitzen die Spieler. Von zwei Seiten schwere Diesel- und V8- Motoren und vom Haus her kommend, ein potentes Kofferradio, dessen Tieftöner ihrer Aufgabe nicht gewachsen sind. Verzerrt, gequält, verzweifelt teilen sie ihren Schmerz und fahren hart ins Ohr. Die Straße kennt als einzig vergleichbaren Ausdruck den abgefahrenen Bremsbelag. Die steilen durch keine Serpentine entschärften Straßenverläufe und die schwache Motorbremse der Automatikgetriebe lässt den Bremsstaub aus den Felgen wehen, getragen vom Kreischen wunder Zangen, die blank versuchen tonnenschwere Lasten stillzustellen. Die Abwesenheit einer dem TÜV vergleichbaren Institution tut in Baltimore besonders weh.
    So sind die Kartenspieler und das Radio gar nicht der Feind. Es mangelt ihnen nicht an Höflichkeit und Mitgefühl, sondern schlicht an der sinnlichen Schulung. Bürgerliche Autoren nannten das früher ‚Geschmack‘.
    Dieser Einsicht folgend erkläre ich mir die eigene Lage im Café. Die, die gerade die Türe hat zuschlagen lassen, derart dass die Tassen im Regal zu scheppern begannen und das Fenster aus dem Kitt sprang, die da, die soeben mein Trommelfell und meinen ganzen Körper angeschossen hat – … Ich sage mir, dass sie mich nicht hasst, dass sie mich nicht unbedingt und ganz vernichten will. Doch haben meine Sinne mich schon zu sehr aufgebracht. Emotional verloren an die tiefe Abneigung gegen diesen Unmenschen will auch ich mir ein Gehör verschaffen.
    Wie aber meinen Unmut übersetzen? Wie dem anderen das Ausmaß der Verletzung deutlich machen, ohne doch nur selber die Quelle weiteren Unmuts zu werden? Guruuuh, guruuuuh!

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