ching chon ding dong.
    Der türkische Ministerpräsident als Opfer von Rassismus: „Grübününglück…“
    Das hat Erdogan so natürlich nie gesagt. Wie auch die Worte ‚Knüppel‘ und ‚Prügel‘, jeweils ein ‚ü‘ enthalten, aber niemals von ihm in den Mund genommen wurden.

    Vorsetzliche Tötung.
    Steven Colbert – die Medienfigur, die es kein zweites Mal gibt, die sich deswegen nicht als eine Mischung aus … und von … beschreiben lässt – Steven Colbert hört auf. Seit mehreren Wochen, kann sich der Zuschauer darauf einstellen, dass Steven Colbert der Moderator, Steven Colbert die Figur um die Ecke bringen wird. Das ist verständlich, denn Steven Colbert will den Stuhl von David Letterman nicht mit Steven Colbert teilen. Man sollte eine Umfrage unter Fox-News Zuschauern starten, wie viele das Ende des Colbert-Reports bedauern, weil sie bis heute die phantastische Groteske nicht erkannt und stattdessen das Zerrbild des phrasendreschenden egomanen Multimillionärs wohlwollend als ihren Spiegel begriffen haben.

Gedanken zum Ortswechsel.

Bald wird wieder niemand zuhören. Kein Publikum. Nur verpennte Köpfe, denen die Kissen ins Ohr gewachsen sind. Sie öffnen ihre Münder weit – und gähnen. Tief im Hals ist auch schon Kissen zu sehen. Das kleben sie dir an die Backe, damit es dich bewächst und Du ebenso gut schläfst. Sirenenhaft, das Versprechen: Wir wecken dich – ein, bis auf Weiteres, für später. Dann hat man ohnehin nichts mehr zu sagen und kommt in guter Gesellschaft zu liegen.

    Elvis Presley starb nicht durch Drogenmissbrauch, sondern an den Folgen einer angeborenen Verengung des Darmes. Zu den typischen Symptomen gehört auch das aufgedunsene Erscheinungsbild, dass Presley ab Mitte der siebziger Jahre auf die Bühnen mitbrachte. Das wahrscheinlichste Szenario zur Beschreibung seiner letzten Minuten liest sich nicht Rock’n’Roll: Durch erhöhten Druck versuchte Elvis, glaubt man den Internisten, seinen enorm verspäteten und dadurch verhärteten Stuhl aus sich heraus zu pressen, wobei er sein Herz überanstrengte und tot zu Boden glitt. Eine OP habe Elvis 1975 aus Karrieregründen abgelehnt – die hätte ihn wohl für ein Jahr aus dem Geschäft genommen.
    Wie beim Icarus darf hier, wer will, den Tod auf einen moralischen Begriff hin deuten. Interessanter scheint mir der geschärfte Blick für das Leben, das Presley dieser demobilisierenden Pathologie abgerungen hat.

    Während des Erlebens kann man nicht schreiben. Man erfährt entsprechend wenig und schiebt den Rückblick vor sich her. Das Vergnügen der Rückschau wird aber noch kommen.
    So entwickelt der gesunde Utopist immer eine Vorfreude auf den Genuss des Vergangenen, auch dann, wenn diese Freude der gegenwärtigen Lage völlig unangemessen ist.

    Die ersten drei Meldungen heute morgen auf Spiegel Online:
    I Eskalation in der Ukraine. Was man jetzt wissen sollte.
    II
    Flüchtlingsansturm in Italien.
    III
    Boom auf Pump. Das Ende des China-Wunders.

    Daraus jeweils ein Satz:
    Was will Putins Kreml? Für Deutschland ist das keine gute Nachricht. CSU Generalsekretär Andreas Scheuer:“ „Wir können nicht das Leid der ganzen Welt auf unseren Schultern tragen.“

    Lebenshilfe-Rhetorik, Naturkatastrophen-Metapher, Personifizierung von Herrschaft, Atlas und Jesus: Diese Welt ist erklärt.

    Dinge zu deren Wertschätzung ein bestimmter Grad an Beschädigung erreicht werden muss: Spinat, Elvis Presley, Zahnseide.

    Der ‚Sommer‘ ist in Baltimore ein Ereignis. Es verdient die Metapher des ‚Hereinbrechens‘.
    Noch saugen die Bewohner jeden Schwall und Strahl begierig in sich auf. Wenn es dann fließt und fließt, nicht mehr weiß wohin und sich sehr bald wieder über einem staut – wird alles zum Ärgernis. Anfang September ist die verfaulte Luft schließlich nur noch Nährboden für das Übelste. Camus‘ L’Étranger müsste den Richtern in Baltimore zu denken geben. (mildernde Umstände, so scheint es mir, bekämpften zugleich Symptom und Ursache)

    „Oh, wie schön ist Baltimore.“ Der Ausblick auf mein Jahr in Berlin verliert durch die in voller Blüte stehenden Kirschbäume vor meinem Fenster deutlich an Attraktivität. Baltimore sagt: „Bleibe doch, ich bin so schön, Du hattest es vergessen“. Wenn dann im Juni die Fische in der Bucht verenden und man den Sommer satt und ungeheuer fett im Nacken hat, ist das sirenenhafte Versprechen der Kirschblüten allerdings als Betrug erkannt. Niemand will die Zeit zwischen den Semestern in Baltimore verbringen. Die Sehnsucht nach dem anderen Ort wäre dann von Berlin aus eigentlich die Sehnsucht nach der anderen Zeit am anderen Ort – nämlich nach dem Frühling in Baltimore.
    Was mir blühen wird: geschwollene Augen und verengte Atemwege im Kontakt mit der deutschen Landschaft. Somnambule Begegnungen in schwülen Nächten voller Antihistaminica werden mir die Sehnsucht auf die birkengelb verstaubte Wange treiben. Dann lese ich durch den Tränenschleier im Spiegel die sich stets erneuernden Linien, das Muster aus Salz und Pollen und wasche mir die Zeichnung des Allergikers vom Gesicht. Der getrübte Blick zurück wird der Vorfreude auf meine Rückkehr allerdings sehr gut tun.

    Anerkennung. Eine flüchtige Bekanntschaft wiederzusehen kann Grund zur Freude sein. Ganz unerwartet ist mir genau das in einem Café geschehen. Vertieft in das Gespräch mit der Gesellschaft am eigenen Tisch war mir der Mangel an Überschwang meiner Begrüßung zunächst unangenehm gewesen. Ich hätte auch aufstehen und kurz herübergehen können, so dachte ich mir und hielt es eine Viertel Stunde lang für sehr wahrscheinlich, dass ich das Formelle später nachholen würde. Erst durch den Anblick der Schweißflecken auf dem Hemdrücken ihres Tischgesprächs, erinnerte ich mich: diese ungeheure Anstrengung, die jemand verlangt, dessen Habitat die Schlangengrube ist.

    Der gemeine Doktorand und Habiliterende unterscheidet sich nur wenig vom Erstesemester. Der verzweifelte Versuch des 18-jährigen im Betrieb an den unbekannten Diskurs anzudocken erscheint – als traumatische Wiederholung – im zwanghaften Krampf des Jungakademikers seinen Senf wann immer möglich zu veröffentlichen. Die aus dem Proseminar bekannten Kunstgriffe:  „Das erinnert mich an meine Oma.“ und „Ist das nicht auch bei Marx…“ werden dann seitenweise zwischen Buchdeckel geschmiert.

    Oftmals bestimmt die Erinnerung an einen angenehmen oder fürchterlichen Traum die Disposition bis in die Abendstunden des nächsten Tages. Ich erinnere mich an den Fall, wie ein albtraumhaftes Erlebnis mich einen ganzen Tag lang daran hinderte, etwas zu essen: Meine Großmutter mütterlicherseits zwang mich zum Verzehr eines Griespuddings. Am Folgetag vermeldeten meine Sinne beim Anblick jeder Speise Duft und Konsistenz des geträumten Puddings und brachten meinen Magen in enorme Unruhe.

     –

    Zu Gast war Gerhard Neumann, der einen Vortrag zu Kafkas Betrachtungen hielt. Seine Darlegungen zum Standort eines wahrnehmenden ‚ich‘ und die intertextuelle Entwicklung von Motiven schlossen sehr direkt an meine eigene Arbeit zu Peter Weiss an. Der Grund für meine Freude war jedoch ein anderer. Die Offenheit seines Dialogs mit den Studenten kam aus einer anderen Welt, da aus dem satten Wiesengrün. Dort mangelt es keinem. Wortlos lässt man dem Nachbarn sein Stück Gras und blickt mit ihm gemeinsam in die Wolken.
    So eine Begegnung wirkt nach. Man hofft das Gespräch weiter in alles hineinzutragen, was künftig geschrieben wird.

    Die Angst vor religiösem Fundamentalismus kann es so eigentlich nicht geben. Auch vor der Ideologie kann sich niemand ernsthaft fürchten. Die Abneigung ist ganz und gar nicht prinzipiell, sondern streng inhaltlich. Die offizielle Stelle ermutigt uns nicht, es einmal ganz ohne Buch zu versuchen, sondern verweist mit Nachdruck auf das richtige.

    Festgestelltes Provisorium: Das Wort ‚Grundgesetz‘ erinnert stärker an die Notwendigkeit der Exegese als der selbstverständliche Eindruck einer ‚Verfassung‘. Dazu Grimms Wörterbuch: „seine (des Odysseus) klage klang so rührend, seine bitte war so bescheiden, dasz sie (Nausikaa) ihn ungeachtet seiner ekelhaften verfassung (er war nackt und schmutzig) liebgewann.“

    Auf dem Weg nach Kansas City, Missouri, wurde das Unvorstellbare Gewissheit: die Aussprache nach Landesart setzt den Akzent auf die erste Silbe und spricht das doppelte ’s‘ als einzelnes. Unhörbar ist der Unterschied zu ‚misery‘. Mit Blick auf graubraun braunes Grünbraun, dass die flache Landschaft voller Fortschrittsruinen dominiert, stellt sich wieder die lächerliche Frage nach der Etymologie.

    Auf der Suche nach einem geeigneten Rastplatz in der endlich schneefreien und leidlich sonnigen großen Ebene wartet der Reisende auf die Horde von Untoten, die im ebenso nur scheinbar leblosen Gestrüpp des Mississippi-Ufers auf ihn warten.
    Im rechten Sinne ‚unheimlich‘ ist diese Landschaft nur für Bewohner des mittleren Westens, denn die Bildsprache der Apokalypse stammt aus ihrer Nachbarschaft. Für den deutschen Blick ist sie nur schrecklich fantastisch. Hollywood bedient sich umgekehrt mit Vorliebe der Projektion eines grimmschen Märchen-Schwarzwalds, um dort Sleepy Hollow oder Hansel und Gretel 3D unterzubringen. Die Landschaften von The Road oder Omega Man dagegen besitzen für den in Nordamerika sozialisierten Zuschauer das Potenzial der unerträglichen Nähe durch Verfremdung.
    Der Blick stromaufwärts trifft die meilenweit enfernte Skyline von Kansas, die sich mühsam von Treibgut und Schrotthalden am Ufer des dukelbraunen Flusses abhebt. Die Überraschung ist in etwa die Charlton Hestons bei Entdeckung der versunkenen Freiheitsstatue. Hier steht Amerika halbwegs begraben.

    Der tiefe Fall des Ulli Hoeneß fand heute seinen Höhepunkt, soll heißen: von jetzt an geht es nur noch bergab.
    Christian Rickens meint im Online-Spiegel, dass das Urteil eine große gesellschaftliche Wirkung haben wird, dass Steuerhinterziehung nun endgültig als Straftat begriffen werde. Wie sehr sich das Verhältnis des Staatsbürgers zu seinem Habitat verändert, bleibt offen.
    Das Phänomen ‚Manager‘ ließ sich auch durch die lange Haftstrafe von Peter Graf nicht beindrucken. Wer über lange Zeit in der Badewanne des fensterlosen Einzelabteils sein Plastikböötchen erfolgreich zwischen die eigenen Beine steuert, vergisst, dass er sich an Bord des Staatsschiffs befindet.

    Lange vor meiner Geburt war mein Großvater Verkäufer im Außendienst einer Firma, die er gemeinsam mit seinen zwei Brüdern führte. Den Erzählungen und Photos nach zu urteilen, fuhr er dazu schnelle Schiffe mit Heckflossen aus Rüsselsheim und verbrachte die Wochen im Auto, auf Messen oder in Hotels. Seine Vorliebe auf Reisen hauptsächlich Schokolade zu sich zu nehmen, habe ich allem Anschein nach geerbt, denn an Flughäfen und im Mietwagen führe ich, wie er damals, stets mehrere Tafeln mit mir. Davon abgesehen hielt ich unsere Gemeinsamkeiten jedoch stets für überschaubar.
    Wenn er von langer Reise am Wochenende nach Hause kam, war er berüchtigt dafür sich, ohne ein Wort zu verlieren, an die Hammond Orgel im Wohnzimmer zu setzen und für mehrere Stunden das Haus mit allen Registern zu fluten. Erst danach soll er für das weitere Leben wieder zur Verfügung gestanden und mit der Familie zu Abend gegessen haben.
    Eine Studie auf dem Hopkins Campus stellt nun fest, dass sich etwa achtzig Prozent der Doktoranden in psychologischer Behandlung befinden. Das sogenannte Counseling-Center wächst und gedeiht entsprechend und die in Bezug auf ihren Tablettenkonsum sehr mitteilsamen Amerikaner lassen mich wissen, dass sich die Behandlung nicht auf das beratende Gespräch beschränkt. Wer David Foster Wallace gelesen hat, kann sich diesbezüglich nicht überrascht geben.
    Erschreckend sind weniger die Zahl und das Ausmaß der Störungen, denn schon bei Caddyshack ist die völlige Normalität der Angstattacke des Golf-Club-Stipendiaten ein Grund zum Lachen. Erschreckend ist die Tatsache, dass niemand auf die Idee kommt, vor der Behandlung mit Prozac oder Ritalin eine Runde Orgel zu spielen. Für die Handlungsanweisung entscheidend ist vielleicht, dass der Orgelspieler weniger einfach zu ignorieren ist, als ein apathisch in der Ecke vor sich hinlernender funktionaler Soziopath. Auch sind ausgesprochen agressives Wettkampfverhalten und selbstausbeuterischer Perfektionismus eher gewünschter Effekt als Nebenwirkung. Besonders dramatisch: wer stundenlang Orgel spielt kann währenddessen nicht arbeiten. Ich vermute daher, dass auch Yogakurse und Halbmarathonlauf nur vorübergehende Erscheinungen der Selbstoptimierung darstellen, die darauf warten durch die Einnahme einer Pille ersetzt zu werden.

    Der neuseeländische Kurzfilm 43.000 Feet nimmt sich acht Minuten Zeit, um einen 4 1/2 minütigen freien Fall psychologisch zu illustrieren. Die verschiedenen Überlegungen des theoretisch aus dem Flugzeug fallenden Erzählers laufen auf Walter Benjmains Engel der Geschichte hinaus. Zu Gunsten esoterischer Anschlussfähigkeit wird das Bild jedoch durch den Spruch eines fernöstlichen Philosophen ersetzt, (There is nothing but the past) der eine Variation des Großvaterparadoxons emblematisch ergänzt.
    Interessanter waren da die konkreten Überlebensvorschläge. Für den vielfliegenden Zuschauer versprechen die verschiedenen Anweisungen für korrektes Fallen aus 13 Kilometern Höhe großen Erkenntisgewinn. Bei 200 km/h maximaler Fallgeschwindigkeit, so die Rechnung, lassen sich die auf den Kopf wirkenden Kräfte beim Ausprall in etwa auf die bei 150 km/h herrschenden Kräfte reduzieren. Im Körper trifft es zunächst verschiedene Knochen des Fußes, der Beine und schließlich des Torsos, bevor die unnachgiebige Erde den Weg durch den Schädel des Unglücklichen findet.
    Man könnte sagen, dass durch die geplante Vernichtung der unteren Extremitäten ein Lustgewinn entsteht, nämlich die Hoffnung, den Denkapparat bis zum ‚Ende‘ hinüberretten zu können. Wer sonst käme auch als Zuschauer für die Persönliche Vernichtung in Frage?
    Ganz außer Acht gelassen wird dabei die für Neuseeländer sehr naheliegende Möglichkeit eines Sturzes ins Meer. Wie interessiert war ich doch über eine mögliche Verringerung des Widerstandes durch Optimierung von Eintrittswinkel und Oberfläche zu hören, kurz: wie ich vom Fliegen ans Schwimmen komme. Aus der Perspektive des Schwimmers erschiene der Ausblick: „Land in Sicht!“ in einem viel freundlicheren Horizont als für den Sturzfliegenden.
    Damit tue ich dem utopischen Potenzial von 43.000 Feet allerdings Unrecht. Auch das Nacheinander des zerschmettert-Werdens löst noch die Wette auf eine Zukunft ein – solange der Betroffene nur den Kopf hochhält.

    Im Campus-bookstore der University of Minnesota habe ich einmal ein Buch gekauft. ‚Used‘ natürlich und der Menge nach zu urteilen, die dort auf Vorrat gehalten wurde, war das Buch wohl auf der Leseliste eines gut besuchten Seminars. God is Red stand vorne drauf, über einem native american, photographiert im Zwielicht des Lagerfeuers.
    Von Kollegen und Studenten hatte ich erfahren, dass die – wie die Deutschen sie in der FAZ oder auch der TAZ gerne noch nennen: Indianer – dass also diese amerikanischen Ureinwohner die in den USA am meißten diskriminierte Minderheit darstellen. Bis in die jüngste Vergangenheit wurden auch im Namen der Wissenschaft ganz unglaubliche Dinge gegen diese Minderheit ins Feld geführt. Die Anthropologie war allem Anschein nach noch in den neunziger Jahren an Skelettfunden interessiert, die dann, anstatt sie den Angehörigen des ortsansässigen Stammes zur Bestattung zu übergeben, in Laboratorien zur Untersuchung verschwanden. Die aus amerikanischer Perspektive antiken Knochenreste (spätes 18. Jahrhundert) gaben sicherlich großen Aufschluss über dieses und jenes, und welche Fragen da genau an so ein Skelett vom wilden Mann herangetragen wurden und werden, soll unberührt bleiben.
    Auf der Reise im Auto durch South Dakota fuhr ich durch verschiedene Reservate und sah, dass die geschändeten Gräber der Väter nicht das größte Problem der elenden Nachkommen waren. Ich kam auch an den Ort der historischen Schlacht von ‘Wounded Knee’, an dem ein sehr großes und sehr verrostetes Schild die Geschichte von der Schlacht erzählte, sodass wer es las, am Ende wusste, dass die Schlacht ein Massaker gewesen ist. Die unterfinanzierte alternative Geschichtsschreibung hat auch ein kleines Besucherzentrum zu bieten, dass einem noch mehr dazu sagen kann, sofern es denn geöffnet ist. Pompöser und – zwingend – ebenso affig wie sein Conquistadoren-Pendant mit den vier Köpfen ist das Crazy Horse Memorial, aber das ist ein ganz anderes Thema.
    So hatte ich allerhand Grund mich mit dem Schicksal der native americans auseinanderzusetzen und erfuhr aus God is Red, dass die Dinge in der Verständigung zwischen weißem Mann und rotem Mann ganz fundamental schief stehen. Die lineare Zeit der Weißen sei mit der mythischen Zeit der Roten einfach völlig inkompatibel. Ebenso sei das Verhältnis der europäischen Kolonisatoren zu Grund und Boden, sprich Grundbesitz, absolut unverständlich. Kant hatte, so wie ich das las, zwar noch immer Recht, aber die Konzepte von Zeit und Raum waren dennoch zu verschieden, als dass man sich gegenseitig etwas von Bedeutung hätte sagen können. Zudem enthielt das Buch einige obskure Theorien anderer Wissenschaftler, die zu beweisen versuchten, dass die Erde tatsächlich erst 7000 Jahre alt sei. (Hier haben sich christliche und nordamerikanische ‘native’- Mythologie womöglich einiges zu erzählen.) Als astronomische Ereignisse des Ursrpungsnarrativs mussten ein Einschlag plaetarischen Ausmaßes auf Jupiter herhalten und auch die Venus spielte eine Rolle in der Schaffung unseres Weltraumvehikels.
    Ich sage ‚enthielt‘ – Leider kann ich das nicht mehr nachhalten, da das Buch in einer jener Bücherkisten gelegen hat, die der DHL im Hurricane Sandy über dem Antlantik verloren hat. Der Untergang von God is Red ist immerhin gut dokumentiert und mein göttlich-menschlicher Bund mit Hermes wurde damals durch eine Entschädigung in Höhe von 180 Euro erneuert. Entweder liest nun Poseidon in dem Buch, oder ein variierter Tom Hanks hat es auf seiner Insel bei sich und schöpft Hoffnung aus der Einsicht, dass nichts vergeht und sich alles immer erneuert.
    Das Interessanteste an dem Buch war nun eigentlich das Lesezeichen, dass ich hineingelegt hatte – ein sehr alter zwei Dollarschein, auf dessen Rücken wir die Gründungsväter beim Unterzeichnen der Unahängigkeitserklärung bestaunen können. Eine Szene, die, wie John Adams mir 2008 auf HBO selbst einmal gesagt hat, so niemals stattgefunden hat.
    Warum ich God is Red gekauft habe, kann mir im Rückblick aber nur der Indianer am Lagerfeuer auf dem Cover erklären. Und auch nach South Dakota bin ich nur wegen Alfred Hitchcock und Kevin Costner gefahren, deren Bilder die Landschaft für mich darstellten.

    Steven Colbert zum hochumstrittenen Bau der Exxon-Keystone pipeline: „Its inevitable and whenever something is inevitable, we Americans should be the ones doing it.“
    Der Weltgeist zu Pferde als Reiter der Apokalypse.

    Das von allen Doktoranden des Departments gemeinsam genutzte Büro oszilliert immer zwischen illustrer Schaubude und in Schweigen gehülter Klause. Irgendwo dazwischen höre ich jemanden vom Asthma-Anfall eines anderen reden und lerne, dass „Wieder einer Tod?“ nicht als Ausdruck von Anteilnahme verstanden wird. Im Kino wäre gelacht worden.

    Die persönliche Enttäuschung über das politsche Handeln enger Vertrauter ist grenzenlos – habe ich gehört, soll es sein, kann ich mir vorstellen. Was hier auf niederer Ebene eingeübt wird, hat von der großen Politik gelernt und wird auch wieder Vorbild für die große Politik. Wie soll der Betrieb politisches Handeln ermöglichen, wenn er Aussicht auf eine politsche Karriere bietet? Karriere sollten nur Begriffe und Ideen machen dürfen und die der Demokratie hat ihren Anfang und ihr Ende wohl in der Ideologie des Individuums gefunden.

    Birne. Birne war oder ist der nicht ganz schmeichelhafte Spitzname für Dr. Helmut Kohl. Ich vermute, er sucht die Gemeinsamkeit von Obst und Kohl in der Form. Ob der Ausdruck: ‚Das ist doch total Birne‘ älter ist als Helmut Kohl, spielt für die Assoziationskette überhaupt keine Rolle.

    Heute lese ich von Steuerhinterziehung (Alice Schwarzer, André Schmitz, Uli Hoeneß), der Elephantenjagd eines thüringischen Umweltministers und den unerfreulichen Vorgängen beim ADAC. Wie schnell für einen finanziellen Vorteil, die eigene Großmutter verkauft wird, darf ich auch auf unterster Ebene der Universitätspolitik immer wieder beobachten. Mit den Potenzen scheint dann der Wille, sich am Gemeinwohl zu beteiligen, exponentiell abzunehmen.

    Allem Anschein nach brauchte der Umweltminister weitere 19 Schüsse, um das nach dem ersten Treffer waidwunde Tier zu Fall zu bringen. In einer Kurzgeschichte von Hemingway hätte der Erzähler dem Herrn Minister noch in der selben Nacht die Frau abspenstig gemacht.

    Robinson Crusoe. Das Robinson Crusoe Konzert hieß Rainald Grebes erste Platte. Putin – so Grebe, zwischen zwei Nummern fabulierend – Putin sei kein Lupenreiner Demokrat. Dafür sei Russland viel zu groß.

    Obwohl synonym verwendet, haben ‚verdienen‘ und ‚erwirtschaften‘ wohl wenig gemeinsam.

    Beim Department-Meeting zur taktischen Lage im Kampf mit der Administration, gibt Sarah Castro Claren aus der spanischen Abteilung zu bedenken: man müsse den Menschen klarmachen, dass die Geisteswissenschaften für die Demokratie überlebensnotwendig sind.
    Leider hat das gute Leben mit Überleben nichts zu tun Für Letzteres ist Demokratie nicht notwendig, wahrscheinlich sogar hinderlich. Im Notwendigkeits-Diskurs gewinnen wir keine Blumentöpfe, es sei denn wir pflanzten Reis in ihnen an.

    Telephon. Aus Abneigung gegen vieles, dass sich mit ihm verbindet, benutze ich noch immer kein smartphone. Mein fast ein Jahrzehnt altes Mobiltelephon eines einst den Markt dominierenden skandinavischen Herstellers, hat unter anderem den Vorteil überlegener Ausdauer – ich kann es in der Tasche vergessen und es wird auch nach einer Woche noch freudig nach mir klingeln. Das allerdings will ich gar nicht, denn jeder Anruf bedeutet einen Einbruch ins so mühsam stabiliserte Leben. Jeder Ton, den es von sich gibt, kann den völligen Kontrollverlust bedeuten. Walter Benjamin beschrieb das Schrillen des Fernsprechers in der Berliner Kindheit sehr richtig als Gefährdung des bürgerlichen Haushalts. Jetzt gefährdet das Mobiltelephon konkret die unbelehrbare Seele, die trotz fortgesetzter Enttäuschung, mit jedem Anruf und jedem Text auf die gute Nachricht wartet.
    Dennoch behalte ich das Telephon nah bei mir. Es gehörte ursprünglich meiner gleichaltrigen Cousine mütterlicherseits. Bevor sie es gegen das damals ungeheuer gutaussehende und ansprechend zu bedienende Statussymbol unserer Generation eintauschte und mir das Altgerät zur weiteren Verwendung überließ, malte sie auf die Rückseite noch ein Herz aus pinkem Nagellack. Das Herz löste sich langsam vom Metall der Hülle, auch ersetzte ich für einstellige Dollarbeträge jeweils die Batterie und die verkratzte Bildschirmabdeckung, sodass Funktionalität und Erscheinungsbild es als neu ausweisen würden, wäre nicht seine Existenz als Telephon bereits der eigentliche Anachronismus. Nehme ich das Gerät in die Hand, fällt mir sofort ein, wie ich es vor der Tür eines guten Freundes fallengelassen habe und alles, was der Abend danach noch brachte. Auch das Herz meiner Cousine bleibt unvergessen und wie ich damit nach Düsseldorf gefahren bin, um exzessiv ihren Geburtstag zu feiern.
    Will ich mit ihm etwas schreiben, so verlangt es von mir sprachliche Stringenz. Die Eingabesprache des mitlerlweile fast vergessenen T9 will von mir wissen, ob es französosch, deutsch oder englisch ergänzen und mutmaßen soll. Die Veränderung bedarf eines tiefen Eingriffs in die Menüstruktur, die ich mir oft erspare und das Eingestellte dem Empfänger einfach zumute – ungeachtet seiner oder ihrer Muttersprache und meiner Kompetenz das Gewollte auch wirklich auszudrücken. Im Englischen geschehen dabei immer wieder Zufälle, die man vielleicht als digitale Homonyme bezeichnen kann. Durch drücken der Bedienfelder in exakt gleicher Folge, übersetzt T9 zum Beispiel ‘dont’ in ‘food’. Ebenso erscheint, wenn ich 4663 wähle, notwendig ein ‘good’ vor ‘home’. Aus ‘coffeeshop’ wird ‘coffeesin?’ und mein angestrebtes ‘night’ wirft es mir vielsagend als ‘might’ zurück. Diese und viele andere Nachrichten des durchschnittlichen Benutzers schickt mir mein Telephon. Am anderen Ende verhandelt der Leser dann mit sich, was es wohl bedeutet, wenn ich schreibe. ‚I food go good. Come over to the coffeesin?‘
    Tagelang liegt mein Telephon dann schwer in meiner linken Tasche und wartet lautlos, dass ich das Echo meiner Einbrüche in den Haushalt anderer zur Kenntnisse nehme. Manchmal legen wir uns gemeinsam schlafen und schalten uns aus Energiemangel ab. ‚home might‘. Und doch: Um 2000 erwische ich mich meist bei etwas anderem. Ich schaue es ungeduldig an und hoffe, dass es die unerträgliche Stille durchbricht.

    In einem Raum mit etwa 80 Menschen, allesamt mit akdademischem Titel, erhält sich während einer mehrstündigen Diskussion um die Zukunft der Graduate-Studies der Ausdruck ‘Ombudsperson’. Die Komik der politisch korrekten Überkorrektur erstickt in meinen Tränen.