An etwas muss ich damals dran gewesen sein, als ich den Dezember über auf dem eingeschneiten Campus Werner Herzog und Wim Wenders auf die Wand prjojeziernd meine Zeit unendlich streckte. Lange Spaziergänge in den gleichen Schuhen und mit den schon gleich kaputten Gelenken wie heute. Es ergaben sich mir Landschaften, in denen Menschen wohnten, dicht gesiedelt und geschäftig wohinfahrend, wo ich als Ausnahme umherlief.
    Dieses reduzierte Leben hatte seine Vorgänger in Wochen im friesischen Marschland, Radtouren am Wattenmeer und in Nordspanien, ausgedehnten Wanderungen an der kroatischen Küste und vielen kurzen Momenten in kleiner Gesellschaft, die bereits darauf hinwiesen, dass die Einsamkeit für mich noch etwas bereit hielt.
    Wie immer machte ich den Fehler, mir jemanden einzuladen, der für die Einsiedelei nichts übrig hatte, sodass ich sie aus Rücksicht auf das andere Gemüt unterbrach und achtlos ins touristische Chicago mit ihm fuhr. Werner Herzog und Wim Wenders hielten es dort nur kurz mit uns aus und verließen mich. Ich erinnere mich, dass ich in einem nächtlichen Anfall von Panik, einen narzistischen Wutausbruch zum Besten gab, den mein armer, grundguter Freund ratlos über sich ergehen ließ. Die masochistische Ignoranz der eigenen Disposition schlug so nach außen, und es blieb nur noch Hysterie, die auf keinen formenden Geist mehr traf. Dann ist es weg, das, woran man dran war.

    “Das kann ich nicht tun, Dave”
    Das karge Inventar zu ordnen, ist die leichtere Aufgabe. Sie verlangt nicht viel. Die gestellte Aufgabe, den Urwald mit meinem Blick zu kolonisieren, sucht sich immer wieder die Erfahrung einer spärlichen, durch wenige Markierungen zu identifizierenden Umgebung – um nicht den Verstand zu verlieren.
    Aber auch das Spärliche, das Reduzierte wird irgendwann unbewohnbar; wenn sich keine Anhaltspunkte mehr bieten, wo man sich befindet. Kurz bietet noch die ‚Leere‘ eine Chance, sich einen Überblick zu bewahren. Sie muss sich aber bei Zeiten fürs Auge auflösen, sonst droht Identitätsverlust. Einen Menschen zum Mars zu schicken ist daher weniger eine Frage der technischen und finanziellen Mittel, sondern die Suche nach dem großen Zauber, der die psychologischen Ressourcen der Reisenden in Proportion zum Weltall bringt – um nicht den Verstand zu verlieren.
    Wie notwendig und zugleich schnell überfordert der Formtrieb ist, haben die Entdecker der Leere und der Überfülle bewiesen. Sie sahen sich genötigt, es dabei zu belassen und sich nicht weiter am Begriff für ihren ganz spezifischen Blick abzuarbeiten. Doch: der neue Mensch übt sich als Bewohner ehemaliger Hafenspeicher, der Ikea-Wohnlandschaft und des Hyperlinks bereits fleißig im Außhalten der Beliebigkeit. In Interaktion mit Bildschirmen sein Verhalten und die Körperfunktionen überwachend und in Statistiken übersetzend, trainiert die Mittelschicht den Verlust von allem und wie man das Trauma dieses Verlustes mit Blick auf sich selbst unendlich aufschiebt.
    So empfehlen sich zukünftige Generationen auch als Bewohner des Urwaldes, des offenen Meeres und der Wüste und bieten der Landschaft an, sie im Sinne nachhaltiger Bewirtschaftung mit nichts als einer Breitbandverbindung zu überformen. Dann jedoch, vermute ich, wird dieser obszöne Körper sich melden und in Erinnerung an Sprudelwasser und Sitzecke, dem mobil gewordenen Geist den Umzug verleiden.

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