Freistadt Berlin

    Had to get the train on Potsdamer Platz.
    You never knew that I could do that.
    (David Bowie: Where are we now?)

    Auf dem Weg nach unten – zusammen mit anderen Deformierten, vorbei an Visionen unserer nahen Zukunft – traf mich der prüfende Blick des einen, der unser aller Anrecht auf Hiersein prüfte. Man würde mich nicht nach eigenem Ermessen gewähren lassen. Mit Glück konnte ich auf Duldung hoffen. Eine Ermahnung leitete unsere Begegnung ein und durch sie trug meine Anwesenheit, hier unten im großen Flur mit dem roten Teppich, das Stigma der Ausnahme. Ich versuchte also mit einer Kinokarte für 23:15 Uhr bereits um 20:00 Uhr in das Kino einzudringen, um dort unten im vorgestellten achten Höllenkreis den Qualen der Welt darüber zu entkommen.
    Wer schon einmal mit Verstand den Potsdamer Platz besehen hat, der kann, so denke ich, sich erschrecken, fürchten, ekeln oder ärgern. Viel mehr gibt er nicht her, dieser Unort, gewachsen an der einst größten innerstädtischen Baustelle Europas. Sehr böse Zungen glaubte ich dort zu hören, die den Potsdamer Platz zum Todesstreifen der Ästhetik erklärten, aber ich höre schlecht und habe mir das womöglich aus dem Gezische und Geplappere vor Ort herausgedacht. Der Grund, der mich vor Wochen zum ersten Mal in die Wüstenei führte, war das Cinestar, das im Keller des Sony-Centers amerikanische Produktionen im amerikanischen Englisch laufen lies. Dessen Clientel, so dachte ich mir, musste sich aus den pubertierenden Abkömmlingen der Diplomatenhaushalte ergeben, die um fünf aus der Privatschule mit viel Geld und jugendlicher Langeweile zu McDonalds, Star Bucks und eben ins Cine-Star gingen. (und tatsächlich ist es so, und nur mit Touristen und ein paar ex-Au-Pairs müssen sie sich diesen Platz teilen, bis sie in den Star Bucks von Harvard, Oxford oder der Business School of London weiterziehen) So habe ich das Sony Center schnell liebgewonnen, als das selbstgewählte Exil, als Fluchtpunkt in einer Stadt, deren Publikum immerzu und ungefragt mit Lederstiefeln, Single Speed Rädern und frisch restaurierten Oldtimern die Geschichte des guten Geschmacks ins Pflaster schreibt. Wie viele Fragen muss ich an jeden dieser ungeschnürten Stiefel stellen, und an die Fahrer und Reiter der antiken Karossen, die direkt und ungedämpft den Komfort einer eben geteerten Straße erfahren. Das Sony Center kennt auch so einen Hütchentrick. Es tut so, als habe es ein Haus überbaut, ein Stück hundert Jahre alte Architektur, nämlich den Kaisersaal des Hotel Esplanade, den es im Inneren unter Glas verwahrt und herzeigt. Immerhin kann der Trick auf einer Schautafel nachgelesen werden. Das Sony Center schützt dieses Stück Haus aber gar nicht, es hat es sich einverleibt. In mir unverständlicher Verteilung der Kräfte wurde der Steinquader auf Eisenwalzen dorthin geschoben, wo er jetzt steht. Berlin fordert so ein Verfahren geradezu heraus, denn die Bauherren vergangener Jahrhunderte planten oft kurzfristig. Man darf sich wundern, was Hitler dazu bewogen haben konnte, den Reichstag so nahe an die Berliner Mauer zu setzen. (so erzählt es ein alter Witz auf Kosten des amerikanischen Touristen). Ganz real wird der Humor der Stadt in Form der East-Side Gallery oder der Königskolonnaden im Kleist-Park. Schon 1910 entschied sich der preußische Staat die Postmoderne einzuführen und versetzte das Fragment der Königsbrücke zwei Kilometer nach Süden in den Kleistpark, wo es zwischen wuchtigen Gebäuden verschwindet. Anstatt zu exponieren und protzig in etwas einzuführen, dient dieses imposante Tor jetzt einigen rauchenden Schülern der Sophie Scholl Schule als Sichtschutz. Auf der Schwelle zum Erwachsenwerden verdeckt es die spastischen Zuckungen des jungen Körpers beim ersten Kuss oder der ersten Zigarette, und auch nach über hundert Jahren seit ihrer Versetzung, behaupten die Königskolonnaden, dass hier etwas nicht stimmt.
    Anders verhält es sich mit der East-Side Gallery von der die meisten Besucher annehmen, sie habe als Teil der Mauer auch schon zu Kennedys Zeiten da am Ufer der Spree getanden. Wer sich den Grenzverlauf der Mauer vor Augen führt, könnte den im Hinblick auf die Ökonomie absolut blödsinnigen Standort des antifaschistischen Schutzwalls, da am Spreeufer, bemerken, aber die Implikationen dieses Blicks greifen zu weit aus. Er ist als alltäglicher nicht mehr zu leisten und das nicht, weil die Menschen den Grenzverlauf nicht kennen würden, also vollkommen ungebildet wären, sondern weil der Tourist politisch ahnungslos ist. Was eine Grenze bedeutet, lässt sich nur über den Umweg ins 20. Jahrhundert begreifen. Der wäre auch nachzulesen, wie die Geschichte mit dem Königssaal, aber das fordert die EastSide Gallery nicht und sie wird als Garant des echten historischen Berlin zwischen die O2-World und die Mediaspree gebaut werden, wie einst Hitlers Reichstag zwischen Kanzleramt und Mauer.
    Derart ist es mit der Geschichte in Berlin und ich wurde Zeuge, wie es sich auch das Sony Center ein weiteres Mal öffnete, um eine neue Reliquie in sich aufzunehmen. Es entrollte einen roten Teppich und Cameron Diaz wurde auf ihm präsentiert, die ja dort weder geboren noch verstorben ist. Das Sony Center wird sie nicht wieder hergeben und ihren Auftritt auf den Bildschirmen in seinem inneren konservieren, bis jemand diese Bildschirme ins Museum stellt: auf ihnen lief einst Cameron Diaz, wie sie durch das Sony Center lief, vom Potsdamer Platz kommend, wo einmal die Mauer stand.
    Das Sony Center ist billig, es will nur 8.50 für eine Kinokarte, 3.45 für einen grande latte und dass ich zu Gunsten von Cameron Diaz, den Bildschirm im Auge behalte. Sozusagen als Miete im vollkommen begärtnerten öffentlichen Raum. Wer willens ist, sich strengeren Regeln zu unterwerfen, kann natürlich in die Natur oder eine Kirche gehen. Dort, so scheint mir, fällt das Schummeln schwerer, als hier, wo ich seit nunmehr drei Stunden, ohne jedes Vorwissen, nur mit dem Training des konsumierenden Staatsbürgers den Durchgangsraum vor den Kinosälen zum Arbeitsraum erklärt habe. Zwischendurch ertrage ich ein Zwinkern, des einen, der meine Karte Abriss und der weiß, dass ich hier über die Gebühr besetze, und wenn er mal wieder vorbeiläuft, geschäftig in den nächsten Saal rennt und den Müll herauskehrt und bei der Rückkehr etwas schnippisch oder gar ganz vergisst mir zuzuzwinkern, dann kaufe ich ein Eis zu 3,50, um es ostentativ zu essen. Schwarz und Weiß trägt das uniformierte Dutzend seiner Helfer, das hinter dem Müllberg meines vergangenen Konsums die Sünde der Gegenwart nicht mehr sieht und mich dabei belässt. Einen Bären hätte ich erschießen, dem Priester beichten müssen.
    Diese Hölle ist womöglich dem neuen Stadtschloss vorzuziehen, wo nur Humboldt-Fellows und Angestellte der Stadt Berlin drin leben dürfen. In der Werbesprache des Sony Centers wäre das Exklusivität – und nichts anderes hat wohl die vollkommen verblödete, wenn nicht korrupte politische Elite dieser Stadt im Sinne, wenn sie dem Vorgängerunternehmen seinen Lampenladen zerschmettert um eine dreifach vergrößerte, exklusiv unbewohnbare Fläche ins Herz der Stadt zu dreschen. Mythisch verlängert sich ihr Anspruch auf Repräsentation in eine Vorvergangenheit – als sei etwas in der der Barabarei der DDR verloren gegangen und müsse nun wiedererrichtet werden. Dreist wird die Fassade des neuen alten Stadtschlosses verdecken, dass sie nichts anderes ist als eine brutale Fortsetzung des Palasts der Republik. Nur Menschen mit eigenem Hubschrauber, werden beim Überflug Trost im Anblick der Architektur finden. Auch dieser Anblick ist eben exklusiv, so wie der Hubschrauberlandeplatz und der Hangar am neuen Berliner Flughafen, dank derer Cameron Diaz schneller vom Sony Center zur O2 World kommt.
    Jeder echte Fan wird sich für sie freuen.

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