Die Kirchengemeinde der Stadt Isselburg, in der ich vor recht genau zwanzig Jahren hätte gefirmt werden müssen, hat schon lange keine reguläre Seelsorge mehr anzubieten. Wirtschaftliches Denken ist der katholischen Kirche sicherlich nicht vom Spätkapitalismus beigebracht worden. Dennoch wurde die sakrale Sphäre vom bedingungslosen Anspruch der Ökonomie auf neue Weise durchbrochen: auch das Kerngeschäft muss sich nun lohnen. Die kleine Schar katholischer Kirchgänger der Gemeinde hat die kritische Masse des ‘sich lohnens’ schon vor über einem Jahrzehnt unterschritten und wird nun in Teilzeit von einem tingelnden Pfarrer bedient, der seine sonntägliche Vorlesung in den zig Teilkrichen drei-viermal wiederholen darf. Da auch das nicht reicht, um alle Dörfer zu bedienen, findet der Gottesdienst bisweilen nur alle zwei Wochen statt, oder bekommt einen anderen Namen, damit auch Laien der mittleren Laufbahn ihn für die Restgemeinde anbieten können. Wie weit diese Praxis mitlerweile gediehen ist und das Problem der Eucharestiefeier umgeht, kann ich nicht mehr beurteilen, ich wohne ja nicht mehr dort.
    Schon als die Stadt noch einen Priester für sich hatte, gehörte der Kirchbesuch für unsere Familie nicht zu den Pflichten sondern zur Kür möglicher Sonntage. Die ästhetisch-moralische Schulung fand stattdessen im Reichswald oder bei Auto Becker statt, beides regionale Wallfahrtsorte: ersterer für Liebhaber sorgsam eingefriedeter Natur, letzterer für unbezahlbare Luxusautomobile aus aller Welt. Im Reichswald wuchsen die Bäume zudem auf Erhebungen, die der Niederrheiner gerne Berge nennt – auch wenn sie selten hundert Meter über das Meer ragen. Das ist schön und groß anzusehen und der den Spaziergang begleitende Hund kann unangeleint ins Gehölz schießen. Das düsseldorfer Autohaus aber gibt es heut nicht mehr. Die unvorstellbaren Schätze, die es einst über viele Etagen in sich barg, sind in alle Winde verstreut, wenn nicht von potenten Kunden vor die Wand gefahren worden. Darunter befanden sich Modelle, die einzeln anzutreffen unwahrscheinlich, ihre Koexistenz an einem Ort praktisch auszuschließen war – so etwa ein Porsche 459 und ein Ferrari F-40. Aus der Zeit gefallen wie Austin Powers Minimi, kosteten diese Technologie-Fetische Ende der achtziger Jahre tatsächlich “Eine Million Dollar!”
    An manchen Sonntagen allerdings bestand meine Mutter auf einen Kirchenbesuch, dann aber nicht in Isselburg, wo man auf dem Rückweg vom Altar die Hostie unter Beobachtung schlucken und mit den Augen die verhassten Mitmenschen grüßen musste, sondern im linksrheinischen Kevelaer. Dort gab es mindestens drei Dinge, die es in den Isselburger Krichen nicht gab: rot-goldene Innenausstattung, Weihrauchschwaden und einen wahnsinningen Organisten. Alles gemeinsam zog die Register der katholischen Reizüberflutung. In Verbindung mit sehr deutlich mahnenden Worten des irgendwie berühmten Pfarrers, war das eine ganz andere Show, als das traurig triste Beieinander in der Kleinstadtkirche, und ich erinnere mich, dass die Menschen die Basilika bis in die Eingänge hinein verstopften, um irgendwie daran teil zu haben. Mir als Kind wurde von Weihrauch meist schlecht, und auch das das Ende des Gottesdienstes war schwer verdaulich, wenn die vom irren Organisten entfesselte Gewalt der größten deutsch-romantischen Orgel der Welt in mein Innerstes eingriff. Erst als ich älter wurde und auch nachgelesen hatte, dass es die größte der Welt ist, konnte ich das als schaurig schön empfinden. Manchmal blieb, zum Unmut vieler, der die Kirchenbänke ganz unmetaphorisch bewegende Donner aus. Ein Großteil des Publikums wartete, wie wir, auf das Konzert, doch der irre Organist, den ich nie gesehen hatte – zunächst dachte ich, es handle sich um Professor Fate aus Blake Edwards The Great Race, später dann, stellte ich mir Harald Schmidt vor, wie er dort oben vornübergebeugt wild um sich schlagend und tretend alles aus den Pfeiffen holte –  dieser Organist also, war wie der Pfarrer auch irgendwie berühmt und wurde deswegen oft an andere Orgeln ausgeliehen. Ich weiß, dass er heute nur noch an Feiertagen in Kevelaer das Instrument bedient.
    Vieles war also zu bedenken, als ich in die St. Matthias Kirche in Schöneberg ging, deren Orgel, wie ich wusste, von der Firma Seifert aus Kevelaer stammt. Sie ist auch hier irgendwie die größte, wenn auch nur die größte Orgel in einem katholischen Gotteshaus in Berlin. Gekommen war ich auch wegen der zehn Kupferplatten, die dort den Kreuzweg beschreiben. (für den irritierten Besucher: es sind natürlich 14 Kupferplatten, und der Verdacht liegt nahe, dass Wikipedia die Kirche noch nie von innen gesehen hat). Ich las, der verantwortliche Künstler sei ein Expressionist gewesen und ging voller Neugier am frühen Sonntag Morgen die 200 Meter zum Winterfeldplatz, nur um pünktlich zur 8:00 Uhr Messe dort anzukommen. Kein Glockenläuten hatte sie angekündigt.
    Der Dollarschein im Klingelbeutel und der portugiesische Friedensgruß meiner Banknachbarin ließen den Schluss zu, dass ich nicht der einzige Gast im Hause war, und ich fragte mich, was diese beiden wohl hereingelockt hatte. Der Pfarrer war in meinem Alter und predigte locker von Zöllnern und Huren, machte liberale Exegese für die schöneberger Fahrradfahrer mit Eigentumswohnung, wobei, dachte ich, die größtenteils siebzigjährige Kundschaft gern härtere Worte gegen die Unzucht der Gegenwart gehört hätte. Auch die ersten beiden Fürbitten waren ungewöhnlich: für den Papst Franziskus und die dritte Bischofssynode, auf dass sie die Kirche fit für die Herausforderungen des hier und jetzt machen. Die Orgel wurde bei allem wohl bedient und schauerte vielstimmig über die singende Kleingruppe, immer sowohl zuvorkommend als auch hinterherhängend, um auch den Letzten und Zaghaftesten beim Singen von Andrew Lloyd Webber noch mitzunehmen.
    Sie spielte auch noch, als ich schon die Stationen des Leidenswegs auf den Kupferplatten abging und ein modernes Stück Kunst entdeckte, das dem Löwen von Münster gewidmet ist. Der Kardinal von Galen war einst Pfarrer dieser Gemeinde, daran erinnert diese sekundär-Reliquie, direkt neben der goldenen Schatulle mit St. Matthias’ Gebeinen, dem Zeugen der Auferstehung. Aber da war noch mehr zu wissen. Auch der aktuelle, locker flockige Pfarrer stammt aus Münster, wie überhaupt alle Pfarrer von St. Matthias zu allen Zeiten vom Bistum Münster entsandt worden waren. Sogar der Jesus am Kreuz kommt, wie die Orgel, aus Kevelaer, aber anders als die 14 Kupferplatten, ist das beim Besuch der Kirche gar nicht auszumachen, und ich ließ von all dem ab.
    Auf dem Rückweg sah ich noch einen uralten Merzedes SL am Straßenrand stehen und einen angeleinten Hund, der an einen Baum pinkelte.

    Ich aß einen Kuchenrest, den ein Gast am Cafétisch hinterließ. Es waren drei Viertel des eigentlichen Stückes vom Zitronenkuchen, der dem Gast allem Anschein nach nicht gemundet hatte. Schon des öfteren hatte ich beobachtet, wie Kuchenesser im Cuccuma, den Teil der übergroßen Stücke verschmähten, der so ganz ohne Glasur auskommen muss und sich als saftig süßes Brot präsentiert. Dieser Gast aber hatte, im Gegenteil, gerade die Glasur verschmäht und nur wenig vom Süßen darunter zum Kaffee gegessen.
    Mich erinnert dieser Kuchen sehr an den meiner Großmutter väterlicherseits. Anders als eine proustsche Madeleine, schießt der Zitronenkuchen des Cuccuma mich jedoch mit Vorwarnung ins Kindesalter zurück. Schon sein Anblick bereitet mich auf mein zwölfjähriges ich an Omas Küchentisch vor und auf alles, was damit einhergeht. So brachte ich auch dieses Stück, das dem Nachbarn im Café so wenig bedeutete, seiner Bestimmung zu und fühlte mich dabei, als hätte ich einen Bruch begangen.

    Auf einem weißen Sattel waren zwei Hände zu sehen. Die Hände gehörten einer Frau mit langen, dunklen, lockigen Haaren, die allem Anschein nach, neben ihrem Fahrrad stehend, auf jemanden wartete. Ich sah sie von meinem Stuhl im Café aus. Sie stand wenige Meter von mir auf dem Bürgersteig, und den spärlichen Rest, den ich zu ihrer Beschreibung hier anführen kann, verdanke ich der letzten Sekunde, in der ich von ihren Händen ablassen konnte. Es waren die Hände von jemandem, den ich einmal sehr gut kannte.

    uaa uaa. guu guu.
    Die auto-complete Funktion von google ist der Traum des überforderten Erwachsenen. Er darf nun wie in einer Vorzeit, an die er sich nur unbewusst erinnert, durch Stöhnen und Stottern das bekommen, was er will. Schon nach kurzer Zeit weiß google, ob es der Schnuller oder das Fläschchen ist. Erst wenn der Algorhythmus uns um sieben ins Bett bringt und behauptet, es sei zu unserem Besten, wird man sich wieder zu ganzen Sätzen durchringen müssen.

    Freistadt Berlin

    Had to get the train on Potsdamer Platz.
    You never knew that I could do that.
    (David Bowie: Where are we now?)

    Auf dem Weg nach unten – zusammen mit anderen Deformierten, vorbei an Visionen unserer nahen Zukunft – traf mich der prüfende Blick des einen, der unser aller Anrecht auf Hiersein prüfte. Man würde mich nicht nach eigenem Ermessen gewähren lassen. Mit Glück konnte ich auf Duldung hoffen. Eine Ermahnung leitete unsere Begegnung ein und durch sie trug meine Anwesenheit, hier unten im großen Flur mit dem roten Teppich, das Stigma der Ausnahme. Ich versuchte also mit einer Kinokarte für 23:15 Uhr bereits um 20:00 Uhr in das Kino einzudringen, um dort unten im vorgestellten achten Höllenkreis den Qualen der Welt darüber zu entkommen.
    Wer schon einmal mit Verstand den Potsdamer Platz besehen hat, der kann, so denke ich, sich erschrecken, fürchten, ekeln oder ärgern. Viel mehr gibt er nicht her, dieser Unort, gewachsen an der einst größten innerstädtischen Baustelle Europas. Sehr böse Zungen glaubte ich dort zu hören, die den Potsdamer Platz zum Todesstreifen der Ästhetik erklärten, aber ich höre schlecht und habe mir das womöglich aus dem Gezische und Geplappere vor Ort herausgedacht. Der Grund, der mich vor Wochen zum ersten Mal in die Wüstenei führte, war das Cinestar, das im Keller des Sony-Centers amerikanische Produktionen im amerikanischen Englisch laufen lies. Dessen Clientel, so dachte ich mir, musste sich aus den pubertierenden Abkömmlingen der Diplomatenhaushalte ergeben, die um fünf aus der Privatschule mit viel Geld und jugendlicher Langeweile zu McDonalds, Star Bucks und eben ins Cine-Star gingen. (und tatsächlich ist es so, und nur mit Touristen und ein paar ex-Au-Pairs müssen sie sich diesen Platz teilen, bis sie in den Star Bucks von Harvard, Oxford oder der Business School of London weiterziehen) So habe ich das Sony Center schnell liebgewonnen, als das selbstgewählte Exil, als Fluchtpunkt in einer Stadt, deren Publikum immerzu und ungefragt mit Lederstiefeln, Single Speed Rädern und frisch restaurierten Oldtimern die Geschichte des guten Geschmacks ins Pflaster schreibt. Wie viele Fragen muss ich an jeden dieser ungeschnürten Stiefel stellen, und an die Fahrer und Reiter der antiken Karossen, die direkt und ungedämpft den Komfort einer eben geteerten Straße erfahren. Das Sony Center kennt auch so einen Hütchentrick. Es tut so, als habe es ein Haus überbaut, ein Stück hundert Jahre alte Architektur, nämlich den Kaisersaal des Hotel Esplanade, den es im Inneren unter Glas verwahrt und herzeigt. Immerhin kann der Trick auf einer Schautafel nachgelesen werden. Das Sony Center schützt dieses Stück Haus aber gar nicht, es hat es sich einverleibt. In mir unverständlicher Verteilung der Kräfte wurde der Steinquader auf Eisenwalzen dorthin geschoben, wo er jetzt steht. Berlin fordert so ein Verfahren geradezu heraus, denn die Bauherren vergangener Jahrhunderte planten oft kurzfristig. Man darf sich wundern, was Hitler dazu bewogen haben konnte, den Reichstag so nahe an die Berliner Mauer zu setzen. (so erzählt es ein alter Witz auf Kosten des amerikanischen Touristen). Ganz real wird der Humor der Stadt in Form der East-Side Gallery oder der Königskolonnaden im Kleist-Park. Schon 1910 entschied sich der preußische Staat die Postmoderne einzuführen und versetzte das Fragment der Königsbrücke zwei Kilometer nach Süden in den Kleistpark, wo es zwischen wuchtigen Gebäuden verschwindet. Anstatt zu exponieren und protzig in etwas einzuführen, dient dieses imposante Tor jetzt einigen rauchenden Schülern der Sophie Scholl Schule als Sichtschutz. Auf der Schwelle zum Erwachsenwerden verdeckt es die spastischen Zuckungen des jungen Körpers beim ersten Kuss oder der ersten Zigarette, und auch nach über hundert Jahren seit ihrer Versetzung, behaupten die Königskolonnaden, dass hier etwas nicht stimmt.
    Anders verhält es sich mit der East-Side Gallery von der die meisten Besucher annehmen, sie habe als Teil der Mauer auch schon zu Kennedys Zeiten da am Ufer der Spree getanden. Wer sich den Grenzverlauf der Mauer vor Augen führt, könnte den im Hinblick auf die Ökonomie absolut blödsinnigen Standort des antifaschistischen Schutzwalls, da am Spreeufer, bemerken, aber die Implikationen dieses Blicks greifen zu weit aus. Er ist als alltäglicher nicht mehr zu leisten und das nicht, weil die Menschen den Grenzverlauf nicht kennen würden, also vollkommen ungebildet wären, sondern weil der Tourist politisch ahnungslos ist. Was eine Grenze bedeutet, lässt sich nur über den Umweg ins 20. Jahrhundert begreifen. Der wäre auch nachzulesen, wie die Geschichte mit dem Königssaal, aber das fordert die EastSide Gallery nicht und sie wird als Garant des echten historischen Berlin zwischen die O2-World und die Mediaspree gebaut werden, wie einst Hitlers Reichstag zwischen Kanzleramt und Mauer.
    Derart ist es mit der Geschichte in Berlin und ich wurde Zeuge, wie es sich auch das Sony Center ein weiteres Mal öffnete, um eine neue Reliquie in sich aufzunehmen. Es entrollte einen roten Teppich und Cameron Diaz wurde auf ihm präsentiert, die ja dort weder geboren noch verstorben ist. Das Sony Center wird sie nicht wieder hergeben und ihren Auftritt auf den Bildschirmen in seinem inneren konservieren, bis jemand diese Bildschirme ins Museum stellt: auf ihnen lief einst Cameron Diaz, wie sie durch das Sony Center lief, vom Potsdamer Platz kommend, wo einmal die Mauer stand.
    Das Sony Center ist billig, es will nur 8.50 für eine Kinokarte, 3.45 für einen grande latte und dass ich zu Gunsten von Cameron Diaz, den Bildschirm im Auge behalte. Sozusagen als Miete im vollkommen begärtnerten öffentlichen Raum. Wer willens ist, sich strengeren Regeln zu unterwerfen, kann natürlich in die Natur oder eine Kirche gehen. Dort, so scheint mir, fällt das Schummeln schwerer, als hier, wo ich seit nunmehr drei Stunden, ohne jedes Vorwissen, nur mit dem Training des konsumierenden Staatsbürgers den Durchgangsraum vor den Kinosälen zum Arbeitsraum erklärt habe. Zwischendurch ertrage ich ein Zwinkern, des einen, der meine Karte Abriss und der weiß, dass ich hier über die Gebühr besetze, und wenn er mal wieder vorbeiläuft, geschäftig in den nächsten Saal rennt und den Müll herauskehrt und bei der Rückkehr etwas schnippisch oder gar ganz vergisst mir zuzuzwinkern, dann kaufe ich ein Eis zu 3,50, um es ostentativ zu essen. Schwarz und Weiß trägt das uniformierte Dutzend seiner Helfer, das hinter dem Müllberg meines vergangenen Konsums die Sünde der Gegenwart nicht mehr sieht und mich dabei belässt. Einen Bären hätte ich erschießen, dem Priester beichten müssen.
    Diese Hölle ist womöglich dem neuen Stadtschloss vorzuziehen, wo nur Humboldt-Fellows und Angestellte der Stadt Berlin drin leben dürfen. In der Werbesprache des Sony Centers wäre das Exklusivität – und nichts anderes hat wohl die vollkommen verblödete, wenn nicht korrupte politische Elite dieser Stadt im Sinne, wenn sie dem Vorgängerunternehmen seinen Lampenladen zerschmettert um eine dreifach vergrößerte, exklusiv unbewohnbare Fläche ins Herz der Stadt zu dreschen. Mythisch verlängert sich ihr Anspruch auf Repräsentation in eine Vorvergangenheit – als sei etwas in der der Barabarei der DDR verloren gegangen und müsse nun wiedererrichtet werden. Dreist wird die Fassade des neuen alten Stadtschlosses verdecken, dass sie nichts anderes ist als eine brutale Fortsetzung des Palasts der Republik. Nur Menschen mit eigenem Hubschrauber, werden beim Überflug Trost im Anblick der Architektur finden. Auch dieser Anblick ist eben exklusiv, so wie der Hubschrauberlandeplatz und der Hangar am neuen Berliner Flughafen, dank derer Cameron Diaz schneller vom Sony Center zur O2 World kommt.
    Jeder echte Fan wird sich für sie freuen.

    An den eigenen Hacken.
    Zunächst schien es mir, als hinge etwas schwer in der Luft, das sich mit einem Zug wieder verabschieden würde. Wer vom Lande kommt, weiß, dass das nicht stimmt, dass es die Luft selbst ist, die sich schwer macht. Für jene, die Zugriff auf diesen Erfahrungsschatz haben, kann ich kurz und knapp die heutige Berliner Luft benennen: ausgefahrene Jauche. Nicht das Beißen der frischen, noch in Tümpeln und Rinnen nicht versickern wollenden Jauche, sondern der Geruch wenige Stunden nach dem Ende der Sudelei. Die zum Aerosol aufgestiegene Scheiße steht dumpf in den Höfen, kriecht langsam über die Wege. Alles bedeckende Schwere, die so langsam weicht, dass sie die Hoffnung auf eine Welt ohne sie erstickt.
    Die Verzweiflung gleicht womöglich jenem, der einmal, ohne es zu wissen, in einen Hundehaufen mittlerer Konsistenz und heller Farbe getreten ist. Es muss ein Hundehaufen sein, denn jener beste Freund des Menschen verdaut, ebenso wie das Schwein und der Mensch selbst, durch Verfaulungsprozesse und gerade nicht jene der Fermentation. Das olfaktorische Ergebnis ist bekannt und nicht vergleichbar mit den weit weniger ätzenden Ausscheidungen von Kuh oder Pferd.
    Den Tag über sucht der Betretene immer wieder nach Gründen und Mitteln der Abhilfe für die Belästigung. Er glaubt sich zwischendurch im Wahn des Triumphes, wenn er den Gestank dem Gegenüber zuschreiben und sich entfernen kann – nur um kurz darauf von ihm eingeholt zu werden. Fenster werden geöffnet, Orte gemieden, gewechselt, ausweglos die Mine verzogen, bis der Leidensweg ein Ende findet und der Träger des Gestanks den Grund für sein Leid feste in den Teppich des Hausflures tritt. Damit bekommt der flüchtige Sinnesindruck eine ganz neue Dauer: Tage, sofern er den Fehltritt jetzt bemerkt. Wochen, falls Schuh und Teppich unbehandelt im Flur die Arbeit des Hundedarmes, sozusagen blind, fortsetzen.
    (Anmerkung. auch während ich dies schrieb, machte Berlin keine Anstalten, die faule Unbeweglicheit durch eine Brise zu ersetzen.)

    Gestern im Park zwischen Mariannen- und Adalbertstraße sah ich einen jungen Mann in meinem Alter mit Tättowierungen womöglich ‘pazifisch’ zu nennender Ästhetik, Rastalocken und löchrigem T-Shirt, der mit Freunden im Gras des Parks einen durchzog und die letzten Sonnenstrahlen des Tages genoss. Sein kleiner Hund machte den Besitzer auf die Anwesenheit einer Menge anderer Hunde aufmerksam, die von einem Hundesitter an mindestens acht Leinen aufs Gras der Wiese geführt wurden. Wild um-sich-defäkierend verleideten sie, die Hunde und ihr temporärer Halter, dem Mann in meinem Alter den Aufenthalt im Gras, und es kam zur Diskussion.
    Durch den kleinbürgerlichen Wortwechsel wieder ins Vertraute eingeholt, wurde mir sofort klar, dass der Mann in meinem Alter sich nur wenige Meter von seinem zu Hause befand, einem ebenfalls nicht mehr ganz jungen und allem Anschein nach auf Dauer fest eingerichteten Ford Transit, der Park also sein Vorgarten und die Massendefäkade eine Verletzung von Eigentumsrechten darstellte. So wurde aus dem nur schwer zu vermittelnden öffentlichen Ärgernis ein privates und da hört es bekanntlich auf.

    Der Sex des Alters, oder: The Autumn Years.
    Die grammatische Unzulänglichkeit mit der mich die kubanische Bedienung fragt, ob es denn geschmeckt habe, obwohl ich doch erst so recht begonnen hatte zu essen, trifft den Nagel auf den Kopf. Auf halbem Wege durch den Teller, bis zur Übelkeit abgekämpft und die Frage des guten Geschmacks längst hinter mir gelassen, werde ich kurz darauf aufgeben.
    Später am Tisch stelle ich mir vor, ich hätte geantwortet, es habe mir derart gemundet, dass ich gegen den Widerstand meines Körpers bis zu jenem Punkte weiteraß, den sie nun vor sich sehe, und dass ich trotz aller Bemühungen vom Projekt der Gesamt-Vertilgung abgelassen habe, um nicht dauerhafte Schäden davonzutragen. Ich stellte mir auch ihr Gesicht vor und wie der beim Servieren und Abkassieren immer kurz und frech aufblitzende Witz mir daraufhin ein Minz-Plättchen vorsetzen würde.

    An etwas muss ich damals dran gewesen sein, als ich den Dezember über auf dem eingeschneiten Campus Werner Herzog und Wim Wenders auf die Wand prjojeziernd meine Zeit unendlich streckte. Lange Spaziergänge in den gleichen Schuhen und mit den schon gleich kaputten Gelenken wie heute. Es ergaben sich mir Landschaften, in denen Menschen wohnten, dicht gesiedelt und geschäftig wohinfahrend, wo ich als Ausnahme umherlief.
    Dieses reduzierte Leben hatte seine Vorgänger in Wochen im friesischen Marschland, Radtouren am Wattenmeer und in Nordspanien, ausgedehnten Wanderungen an der kroatischen Küste und vielen kurzen Momenten in kleiner Gesellschaft, die bereits darauf hinwiesen, dass die Einsamkeit für mich noch etwas bereit hielt.
    Wie immer machte ich den Fehler, mir jemanden einzuladen, der für die Einsiedelei nichts übrig hatte, sodass ich sie aus Rücksicht auf das andere Gemüt unterbrach und achtlos ins touristische Chicago mit ihm fuhr. Werner Herzog und Wim Wenders hielten es dort nur kurz mit uns aus und verließen mich. Ich erinnere mich, dass ich in einem nächtlichen Anfall von Panik, einen narzistischen Wutausbruch zum Besten gab, den mein armer, grundguter Freund ratlos über sich ergehen ließ. Die masochistische Ignoranz der eigenen Disposition schlug so nach außen, und es blieb nur noch Hysterie, die auf keinen formenden Geist mehr traf. Dann ist es weg, das, woran man dran war.

    “Das kann ich nicht tun, Dave”
    Das karge Inventar zu ordnen, ist die leichtere Aufgabe. Sie verlangt nicht viel. Die gestellte Aufgabe, den Urwald mit meinem Blick zu kolonisieren, sucht sich immer wieder die Erfahrung einer spärlichen, durch wenige Markierungen zu identifizierenden Umgebung – um nicht den Verstand zu verlieren.
    Aber auch das Spärliche, das Reduzierte wird irgendwann unbewohnbar; wenn sich keine Anhaltspunkte mehr bieten, wo man sich befindet. Kurz bietet noch die ‚Leere‘ eine Chance, sich einen Überblick zu bewahren. Sie muss sich aber bei Zeiten fürs Auge auflösen, sonst droht Identitätsverlust. Einen Menschen zum Mars zu schicken ist daher weniger eine Frage der technischen und finanziellen Mittel, sondern die Suche nach dem großen Zauber, der die psychologischen Ressourcen der Reisenden in Proportion zum Weltall bringt – um nicht den Verstand zu verlieren.
    Wie notwendig und zugleich schnell überfordert der Formtrieb ist, haben die Entdecker der Leere und der Überfülle bewiesen. Sie sahen sich genötigt, es dabei zu belassen und sich nicht weiter am Begriff für ihren ganz spezifischen Blick abzuarbeiten. Doch: der neue Mensch übt sich als Bewohner ehemaliger Hafenspeicher, der Ikea-Wohnlandschaft und des Hyperlinks bereits fleißig im Außhalten der Beliebigkeit. In Interaktion mit Bildschirmen sein Verhalten und die Körperfunktionen überwachend und in Statistiken übersetzend, trainiert die Mittelschicht den Verlust von allem und wie man das Trauma dieses Verlustes mit Blick auf sich selbst unendlich aufschiebt.
    So empfehlen sich zukünftige Generationen auch als Bewohner des Urwaldes, des offenen Meeres und der Wüste und bieten der Landschaft an, sie im Sinne nachhaltiger Bewirtschaftung mit nichts als einer Breitbandverbindung zu überformen. Dann jedoch, vermute ich, wird dieser obszöne Körper sich melden und in Erinnerung an Sprudelwasser und Sitzecke, dem mobil gewordenen Geist den Umzug verleiden.

    Schon mittelschweres Hungergefühl besorgt schwer fragwürdige Entscheidungen.

    Es gibt Landschaften, die eingeübt werden müssen, soll ein Trauma verhindert werden. Das norwegische Fjöll, hart an der Baumgrenze, fordert vom Betrachter viel. Will er zum Bewohner werden, muss er den unbarmherzigen Blick des Himmels und der Berge ertragen. Nur wenig erinnert das Hochplateu an den Planeten Erde und ebenso wenig erinnert sich der Einzelne an sein gewohntes Leben auf ihr. So vielleicht hängt das Überleben an der Fähigkeit, in der Umwelt die Landschaft zu erkennen – das Englische kennt den Zusammenhang von ‚habit‘ und ‚habitat‘.
    Ich stelle mein Zelt in den schroffen Wind. Die Sorgfalt des Baus, die weiter unten das Einrichten auf längere Zeit bedeutet, ist weiter oben nur der Preis dafür, nicht schon in der ersten Stunde ausgekehrt zu werden.

    Ein guter Freund zur Finanz- und Sozialpolitik der Europäischen Union: “Euer Verzicht ist unser Rausch.”

    Trotzdem ich den Großteil meiner Zeit im öffentlichen Raum verbringe, steht doch fest, dass ich kein geselliger Mensch bin. Gesellschaftsspiele wollen mir nicht einfallen und werden sie dann vorgeschlagen, entferne ich mich aus dem Kreis, den sie einnehmen.

    Beten gen Osten.
    Poseidons schlechte Laune äußert sich in ausgeprägtem Wellengang, der so manches Schiff und manche Küstenstadt auf Grund legt. Ob er seinen erweiterten Körper gezielt auf Segel und Deiche wirft, ist nicht bekannt. Seine persönliche Haltung zu menschlichen Verlusten spielt für die verlustig Gehenden auch keine Rolle, fest steht, dass da einer in Rage ist und ein anderer leidet.
    Bisweilen wird versucht, ihm etwas anzubieten, worüber man sich selber freuen würde, je nach Zeit und Ort, womöglich eine nackte Frau, ein Sack Reis, oder einen Eimer Nüsse. Poseideon zeigt sich verschiedentlich von diesen Opfern beeindruckt, aber ganz sicher ist man sich nicht, denn womöglich war er zufällig müde, hat sich betrunken und hat sich nur zufällig beruhigt. Die schöne Jungfrau und der Eimer gingen dann umsonst baden. Worauf meines Wissens noch niemand gekommen ist: den Verärgerten zu streicheln. Die Bewohner z.B. Hamburgs könnten sich bei der nächsten Flut allesamt zärtlich zugetan ins Wasser begeben und Poseidon so recht liebhaben. Wer würde sich da nicht freuen?
    Sie bemerken, das ist fast so schief, wie einem Nationalstaat das Recht auf Selbstverteidigung einzuräumen. Dahinter steckt gar keine Metapher, sondern ein knallharter Begriff von der Welt und deren natürlichen sowie kulturellen Prozessen. Der jämmerliche Zustand der Phantasie, die nichts als anthropologische Ähnlichkeiten in das Sichtbare hineinlegen kann, benebelt letztlich auch den analytischen Blick, dem vor lauter Selbstverständlichkeit und Natürlichkeit seine Schärfe zur Trennung abhanden kommt.
    So muss der unversehrte Volkskörper herhalten, um komplexeste Vorgänge zu beschreiben – ein Witz des Völkerrechts, der Zeitungssprache, des Bewusstsein. Gar nicht witzig, sondern scharfsinning ist dagegen die folgende Feststellung der Nicht-Identität aus dem Unterhaltungsfernsehen:

    „Nicht das Deutsche Volk erklärt Ihnen hiermit den Krieg, sondern das deutsche Volk ohne Herrn Bernhard Brendel erklärt ihnen hiermit, … falls das nicht zu viele Umstände macht. Ich meine, Sie haben doch fest mit mir gerechnet, oder?“
    (Otto Waalkes, Wehrdienstverweigerung)

    Die Forderung: „Zurück ins Glied!“ tut gerade so, als sei man einst ursprünglich aus ihm hervorgegangen.

    Christina Kirchner und jene, die mit ihr das argentinische Politikgeschäft betreiben, haben sich dazu entschlossen Paul Singer nicht auszubezahlen. Man kann nur hoffen, dass die politische Führung die internationale Rechtslage besser übersieht als Singers Anwälte – davon ausgehen darf man wohl nicht.

    Kapitalismus-Wörterbuch für Anfänger.
    A – Anleihe (Staats-): Sonderform der Steuerzahlung. Wohlhabende Individuen bezahlen ihre Steuern, indem Sie den Betrag mit Zinsen an den Staat verleihen.

    Spiegel vorgehalten.
    Spiegel Online übersetzt einen Teil des Newsweek-Artikels: Behind the Scenes in Putin’s Court, mehr oder weniger Wort für Wort ins Deutsche und setzt die Frechheit an die oberste Stelle der eigenen Seite.
    Mein Vorschlag zur weiteren Ertragssteigerung des Betriebs: Vom google-translator Artikel aus den online-Ausgaben des Guardian, der New York Times und Newsweek übersetzen und einen abgebrochenen Bachelor im unbezahlten Praktikum die Satzstellung zurechtbiegen lassen. Der kann sich dann in den Lebenslauf schreiben: „… sowie Endredaktion im Bereich ‚Politik-Ausland.‘ bei Spiegel Online.“ Allem Anschein nach hat er Aussicht auf einen Job, in dem er diese Form des Qualitätsjournalismus bei später 800 Euro im Monat den Rest seines Lebens weitermachen darf.

    Bei der Spreefahrt vom Hansaviertel zur verhassten Mediaspree kommentiert der Kapitän den Bau des Stadtschlosses:
    „Das Stadtschloss wird an seinem alten Standort wieder aufgebaut. Das alte Stadschoss wurde von der Führung der DDR aus falschem Geschichtsverständnis heraus abgerissen.“
    Mit Blick auf die Carrera-Brillen und die dreifarbig lackierten Finger- und Fußnägel meiner Sitznachbarinnen halte ich ein und erinnere mich, dass wir ja zur Mediaspree fahren. Auf Höhe der Zille-Stube bestellen die Damen im breiten fränkischen Dialekt eine Flasche Prosecco, aber das ist gar kein Gegensatz mehr, denn ich wage zu behaupten, dass die Zille-Stube ihren Gästen zum Blick auf die Spree sogar Champagner serviert.

    Als Barack Obama 2008 der Präsident der Vereinigten Staaten wurde, befand ich mich am Macalester College in St. Paul. Auf ABC-news war zu verfolgen wie nach Auszählung von 16 Prozent der Stimmen und geöffneten Wahllokalen an der Westküste, der Gewinner errechnet wurde. In meiner Erinnerung fällt der entscheidende Moment mit der Dauer eines visuellen Effektes zusammen: das Zeichen des Senders begann sich aus dem zweidimensionalen Bild herauszulösen und zeigte seine virtuelle Rückseite auf der folgendes zu lesen war:

    Obama Elected

    An den meisten der Anwesenden ging das Ereignis vorbei und es dauerte eine Weile bis das unscheinbare und vom Rest der Sendung unkommentierte Zeichen in der Ecke des Fernsehbildes mit Hochrechnungen aus dem Internet und dem Bewusstsein der Sprecher korrelierte. Mit der Verbalisierung des Sieges der Demokraten entstand dann jener enorme Ausbruch, der dem monatelangen emotionalen Wahlkampf angemessen erschien. Menschen fielen sich in die Arme, zogen sich aus und rannten unbekleidet über den Campus. Man diskutierte hoffnungsvoll die Folgen des Wechsels für Menschenrechte, Umweltpolitik und nationales Selbstverständnis, sah sich am Anfang einer neuen Zeit.
    Gestern ist Deutschland Fußball-Weltmeister geworden. Ich habe leider keine Ahnung was bengalisches Feuer, Super -Deutschland und Dosenbier für das utopische Bewusstsein bedeuten können. Auch weiß ich nicht was ein solcher Sieg über das Programm der Parteiischen aussagt.
    Der Politik kann all das egal sein, denn sie wird sich über den großen Kessel Dreifarbiges freuen, der da zwischen Kurfürstendamm und Siegessäule hin und her schwappt und bald ein neues Objekt für seine Disposition suchen wird.

    Die Frankfurter Rundschau dokumentiert: Während des WM-Spiels Brasilien-Deutschland twittert CSU Politikerin Dorothee Bär: „7:0 – jetzt ist die Maut durch! ;-)“ Ich freue mich, dass der Betrieb nun die Entlarvung seiner korrupten Prozesse selbst besorgt. Besser lässt sich die politische Funktion von Sport gar nicht zusammenfassend darstellen.
    Ich stelle der Äußerung noch folgende Attribute zur Seite: ehrlich, zynisch, verblödet, dreist, selbstironisch. Sie alle stecken zumindest im zwinkernden Emoticon. Hätte ein Politiker der LINKEN sich dazu hinreißen lassen, wäre er am nächsten Tag wohl nicht als coole Type ins Frühstücksfernsehen eingeladen, sondern als Polemiker und Nestbeschmutzer beschimpft worden – ganz ohne Augenzwinkern.

    Seit zwei Stunden regnet es immer wieder kurz und heftig und aus dem Nichts. Die Sonne scheint verführerisch und lockt die Besucher in Kreuzberg auf die Straße und ins Café. Der Eindruck des kurzen Schauers erneuert sich wie die nassgeregneten Gesichter auf den Terrassen und Bürgersteigen.

    Morgen gehe ich ins Museum. Von dort aus ist jede Stadt zu ertragen.

    In diesem Sommer ist vom Kapitalismus kein Bedarf an weißen Leinenhemden vorgesehen. Auf Nachfrage hin erfuhr ich im Fachgeschäft, dass der Grund für das verordnete Ende des Leinenhemdes in der Faulheit der nicht bügelwilligen Gesellschaft zu suchen sei. Ja, insbesondere Männer beschwerten sich über ihre nie ganz faltenfreie Erscheinung und trügen bevorzugt alles, nur nicht Leinen. Das schwitzende Münster vergisst den Edelknick, kauft Baumwoll-Polyester Gemisch und stinkt sich faltenfrei ins 21. Jahrhundert.
    In Berlin finde ich ein Sommerhemd aus Hanf für 50 Euro, dass in allem sich verhält wie Leinen.

    Edelkiff.

    Jedes Jahr ein neues Smartphone.

    Damit wirbt allen Ernstes ein deutscher Mobilfunkanbieter. Jeder volle Aschenbecher, ein neues Auto. Das ist ein alter Witz. Ein Witz ist eine Kurzgeschichte, die den Zuhörer überrascht, indem sie zwei Elemente pointiert zusammenbringt, die dem allgemeinen Verständnis nach nicht zusammengehören. Die Autoindustrie wartet noch darauf, dass das Überraschende des Aschenbecherwitzes für den bald absurden Konsumenten nicht mehr lesbar ist.

    But I don’t want a lover
    I just want to be seen, oh
    In the back of your car
    (The Smiths: You’ve Got Everything Now)

    Where do his intentions lay?
    Or does he even have any?
    (The Smiths: Girl Afraid)

    Die Sitte auf dem Smartphone erhaltene, persönlich adressierte Textnachrichten dem gesamten Freundeskreis zugänglich zu machen, um sich die Validität der eigenen Empfindungen bestätigen zu lassen und Ratschläge für das Allerintimste einzuholen, kann auf kein historisches Vorbild zurückblicken. Auch der engste Sozialverbund im entlegendsten Dorfe oder die rigoroseste Staatssicherheit waren nicht zu jener Totalität fähig, die vom Benutzer digitaler Kommunikation freiwillig produziert wird. Wer von sich glaubt, authentische Eindeutigkeiten zu kommunizieren und das von den Äußerungen des Gegenüber erwartet, arbeitet mit der Akrebie der NSA für die Beweisaufnahme im Scharia-Gericht. Kein Wunder, dass sich die Empörung über letztere in Grenzen hält.

    Das ganz und gar Unliterarische von: ‚ich will dich küssen, kann ich gleich rüberkommen?‘ entblöst zu viel vom rauen Unterton, den ein Erzählbrief durch Einsatz der Streicher verdeckte. Die allgemeine Enttäuschung über die wichtigen Dinge im Leben ließe sich vermeiden indem man lesen und schreiben lernte.

    Die Forderung nach Authentizität im Hip Hop knüpft sich an die Biographie des Sängers. Wer nicht im Ghetto aufgewachsen und im Knast gewesen ist, darf sich der Form nicht bedienen. Ein Lied wie ‚Niggas in Paris‘, das die Verschwendung ungeheurer Geldsummen in einer Hotelsuite dokumentiert, kündigt vom Nachleben einer solchen Ghettobiographie, die es zu Geld gebracht hat und in der Lage ist, den neureichen Blödsinn zu inszenieren, den wir aus den Roaring Twenties zu kennen glauben.
    Glücklicherweise ist der allabendliche Triumph des Prekariats durch den Verzehr von zum Beispiel 600 Gramm Grillfleisch allzeit verfügbar und viel billiger.

    Weder ein Rolls Royce noch ein dicker Bauch sind länger als Statussymbole zu begreifen, deswegen ich beides nun verkaufen werde.

    Downfall.
    Tripping ist ein illegales, den meisten Besuchern von Las Vegas verborgenes Spiel, bei dem ein Pferd zunächst durch Schreien und Schlagen scheu gemacht und dann über einen Parkours aus Hindernissen gejagt wird. Durch das abrupte Spannen von Seilen wird der Weg so lange erschwert, bis das Tier zu Fall kommt. Auf Ort und Zeitpunkt des Sturzes kann gewettet werden. Die so physisch und psychisch zugerichteten Tiere entkommen bisweilen ihren Besitzern und rennen durch die Straßen der Stadt, oder werden nach Gebrauch ausgesetzt. Ich erfahre von einer Pferde-Pädagogin in Utah, dass sich die Schäden beheben lassen und Pferde, die dieses Spiel überleben, wieder lernen können, ein Pferd zu sein.
    Zu den geringeren Zivilisationsschäden des gemeinen Pferdes gehört, so lerne ich, die Praxis der Fütterung, die das menschliche Bedürfnis nach einer Mahlzeit, auf Tiere überträgt, die sonst 14 Stunden am Tag grasen. Pferde können bekanntermaßen nicht kotzen, sich aber durchaus überfressen, wenn sie nach langer Pause plötzlich einen Eimer vorgesetzt bekommen. Das Hauptproblem der Fütterung in Mahlzeiten sei die Langeweile. Pferde seien psychisch nicht dafür ausgestattet nichts zu tun. Das in der Pferdebox gelangweilte Tier, das weder fressen noch spielen kann, entwickele Neurosen, die sich unter anderem in zwanghaften Wiederholungen von Sinnlosen Beschäftigungen äußern.

    Es muss Menschen geben, die in Las Vegas morgens aufwachen, sich umsehen und denken, es sei alles in Ordnung, die nach dem Frühstück im Pool baden gehen, nachmittags eine Gondel in Venice besteigen und abends am Mirage vorbeifahren, um die Gasexplosionen zu bewundern. Da allem Anschein nach die psychische Konstitution so etwas gestattet, ist der Beweis erbracht, dass wir als Gattung nicht zu retten sind.

    Das Gewehr, das den Westen gewann.
    Zu Beginn des Letzten Samurai, sieht man einen bösartig betrunkenen Tom Cruise als Werbefigur für Schnelladegewehre in die Menge der potentiellen Käufer schießen. In der Rolle des beschädigten Soldaten trägt die Handlung des Films das Trauma des nordamerikanischen Genozids an den indigenen ’nations‘ in das Japan der Jahrhundertwende, wo, etwas sehr schief, der aristokratische Ritterstand der Samurai analog zum ‚Roten Mann‘ des Wilden Westens als Widerstand zur Moderne entwickelt und letztlich in opulenten Schlachtszenen ins Messer rationalisierter Kriegsführung getrieben wird. Gesättigt vom Pathos der archaischen Werte verbluten zuletzt in aller Ruhe die Verteidiger des Gewohnheitsrechts unter grandios in slow motion umherfliegenden Kirschblüten und schreiben mit ihrem Blutopfer (historisch unsinnig) dem japanischen Kaiserhaus den traditionellen Kurs ins zwanzigste Jahrhundert vor. In diesem Sinne ist der Kaiser ’still Jenny from the Block‘ und darf seine Herkunft nicht vergessen.

    Im Flugzeug nach Las Vegas sitzen die üblichen Verdächtigen, die sich genau wie Denzel Washington in The Flight unauffällig kleine Fläschchen Wodka und Jack Daniels Orangensaft mischen. Während meine Nachbarn sich auf die Ankunft im siebten Höllenkreis vorbereiten – denn das ist Las Vegas zweifellos – sehe ich Winchester ’73, einen Western mit James Stewart, den ich mir für solche Notfälle wohl vor langer Zeit auf die Festplatte geschoben hatte. Die Geschichte des Wilden Westens als Geschichte der Gewalt, folgt den Spuren eines Sondermodells des 32 Schuss Gewehres. Gesetzesbrecher, Siedler, Soldaten, Bürgerkriegsveteranen und native americans kommen durch Geldnot, Mord und Zufall in seinen Besitz. James Stewart als ‚der Gute‘ wird im Verlauf weniger gut, wenn der Fetisch um das ‚one of a thousand‘ die Motivation der gesamten Handlung als Rachefeldzug preisgibt. Während andere dessen Abzug aus Gründen des Besitzerwerbs oder aus gekränkter Ehre drücken und so den Tod bringen, will die Figur Lin McAdam den Mörder seines Vaters, der zugleich sein Bruder ist, um die Ecke bringen, wozu sie inklusive sidekick Wochen-und Monatelang durch die Gegend reitet. Mich würde nicht wundern, wenn der Film regelmäßig auf Treffen der NRA gezeigt würde, um die Verquickung von Waffe und amerikanischer Gesellschaft zu zelebrieren, ohne das jemand den absurden Vernichtungskreislauf erkennt, den der Schießprügel hervorruft. Dazu müssten zuerst Familie, Ehre und Geld als mehr oder weniger abstrakte Größen hinter dem menschlichen ‚business‘ in Rechtfertigungsnot kommen. Aber das ist zu viel verlangt von einem Film, der noch die Abkehr von der Blutrache und den Eingang in das Gesetz darstellen muss. Dass der Bösewicht das Gewehr im Pokerspiel an den Waffenhändler verliert und diesen Verlust nach kurzem Gewaltreflex zu Gunsten eines Tauschhandles akzeptiert, zeugt dabei ebenso vom Zivilisierungsprozess, wie das Waffenmonopol des fetten Wyatt Earp und das Happy End mit Aussicht auf Familiengründung.
    Das ist ein Blick in Amerikas Kinderstube und übertragen, die des Modernen Nationalstaates und seiner Subjekte.
    Erst wenn die historischen Entwicklungen zur mythischen Größe aufgebläht und als Fundament zementiert werden, wird so ein Film unappetitlich. Die Rückkehr zum Wahren, Ursprünglichen erkennt dann die Herkunft als Ziel und verdeckt den Prozess des Werdens. Der American Way wäre dann nichts anderes als das Recht in den archaischen Modus der Selbstjustiz zurückfallen zu dürfen. Ein Gewehr hat den Westen für den geschichtlichen Prozess gewonnen und das Gesetz hat es danach überflüssig gemacht. Wer wieder schießen will, behält sich die Rache am Gesetz vor, das ihm jetzt die süß romantische Lebensgefahr vorenthält.
    Vielleicht fliegt man heute nach Las Vegas, um im Wilden Westen die Knarre am Pokertisch oder im Bordell wiederzufinden. Nach Ostküstenstandard ist Nevada auch heute noch gesetzlos.

    Was die Betrunkenen nach Vegas importieren? Das Trauma der Umweltzerstörung, das sie dort mitten in der Wüste auf dem Golfplatz oder im Nachen auf den Kanälen des nachgebildeten Venedigs unterhaltsam neu aufführen.