Es ist großer Unsinn, aber die enorm zahlreichen Spielplätze in Schöneberg und Kreuzberg weisen allesamt keinerlei zum Klimmzug geeignetes Klettergerüst auf, und ich bin versucht, das persönlich zu nehmen.

    „Listen, Elephant Girl.“
    Ein dem Akzent nach aus England stammendes Pärchen in meinem Alter brachte einen sehr kleinen, sehr jungen Hund mit ins Café. Von den beiden konzentriert Arbeitenden vernachlässigt und von Zahnwachstum geplagt, trug er seinen großen Spieltrieb an mich heran, der meine lesenden Hände und mein Buch immer wieder zu Kauknochen machte. Er wusste ganz genau, wie fest er zubeißen durfte, ohne Gefahr zu laufen meine Sympathie zu verlieren. Das rechnete ich ihm hoch an und wir verbrachten den Rest des Nachmittags zusammen auf der Couch. Eine Sitzung, die ich dringend nötig hatte, denn die Menschen an diesem Ort waren zuvor ein einziges Ärgerniss gewesen. Insbesondere eine junge Frau mitte zwanzig hatte mich durch ihre Existenz stark angegriffen. Jede Geste und jedes ihrer Gesichter waren ein Ausdruck weinerlich dreisten Widerstands gegen die als blankes Unrecht festgestellten Forderungen der Umwelt. Als sie am Telephon dieser widerwärtigen Lebenseinstellung gegenüber einem Dritten auch noch Worte und einen Ton gab, wies ich sie über Gebühr zurecht und erntete das Unverständnis der anderen Kaffeebesucher. Sie hatten Jack Nicholson in ‚As Good as it Gets‘ gar nicht so present wie ich. Auch forderten Sie, so vermutete ich, das Recht auf ein ähnlich respektloses Verhalten für sich selbst ein.

    Ich bin das Establishment, fahr mir an die Karre.
    Dass es mit dem Willen um soziale Gerechtigkeit in Berlin gar nicht weit her ist, erkennt man an den Bewegungen des Fußgänger- und Fahrradverkehrs. Beide Modi der Fortbewegung unterliegen dem vulgär-darwinistischen Gebot des Autoverkehrs. Sie ersetzen die Allmacht der StVO durch die Präsenz ihres Körpers und begreifen sich in keiner Relation zum Nächsten, geschweige denn Übernächsten. Würden nicht einige wenige im Getümmel – sie merken schon hier, wem diese Rolle zukommen wird – auf das Vorrecht ihrer Platzforderung verzichten und im Zick Zack und in stetem Geschwindigkeitswechsel Platz für die Ignoranz schaffen, käme es wohl an jeder Ecke zu Schlägereien.
    Eine zu viert nebeneinander laufende Gruppe am Kottbusser Tor rennt schließlich in mich hinein und wundert sich darüber, dass ich nicht zur Seite gegangen bin – stelle ich mir vor, während ich vor ihnen auf die Straße ausweiche, wo zwei Fahrradfahrerinnen mit Ornament-verziertem Schal ohne zu verlangsamen bei rot über die die Kreuzung wollen und mich beinahe umnieten. Alles ganz easy und so. Vor dem Café bleiben die beiden Räder dann stehen. Genau davor. Dort werden sie mehrmals umfallen, weil der Bürgersteig abschüssig ist und keine der beiden bei Kuchen und Kaffee zu 15 Euro ein Auge für den Winkel ihres Ständers hat. Ich könnte natürlich auf den ersten Rollstuhlfahrer warten, der in die Behindertenwerkstatt nebenan hinein will, oder so tun, als gehöre mir der in Kürze verkratzte Merzedes dahinter, um mich über all das zu wundern. Einfach so, um das soziale Gefälle abzubilden, dem sie gerade auf den Tisch scheißen. Später treffe ich einen sehr betrunkenen Mann mitte fünfzig, dem das Bier den Gleichgewichtssinn verschoben hat und berechne seine weiteren Ausfallbewegungen in Richtung verstelltem Bürgersteig. Gau.

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