Die Kirchengemeinde der Stadt Isselburg, in der ich vor recht genau zwanzig Jahren hätte gefirmt werden müssen, hat schon lange keine reguläre Seelsorge mehr anzubieten. Wirtschaftliches Denken ist der katholischen Kirche sicherlich nicht vom Spätkapitalismus beigebracht worden. Dennoch wurde die sakrale Sphäre vom bedingungslosen Anspruch der Ökonomie auf neue Weise durchbrochen: auch das Kerngeschäft muss sich nun lohnen. Die kleine Schar katholischer Kirchgänger der Gemeinde hat die kritische Masse des ‘sich lohnens’ schon vor über einem Jahrzehnt unterschritten und wird nun in Teilzeit von einem tingelnden Pfarrer bedient, der seine sonntägliche Vorlesung in den zig Teilkrichen drei-viermal wiederholen darf. Da auch das nicht reicht, um alle Dörfer zu bedienen, findet der Gottesdienst bisweilen nur alle zwei Wochen statt, oder bekommt einen anderen Namen, damit auch Laien der mittleren Laufbahn ihn für die Restgemeinde anbieten können. Wie weit diese Praxis mitlerweile gediehen ist und das Problem der Eucharestiefeier umgeht, kann ich nicht mehr beurteilen, ich wohne ja nicht mehr dort.
    Schon als die Stadt noch einen Priester für sich hatte, gehörte der Kirchbesuch für unsere Familie nicht zu den Pflichten sondern zur Kür möglicher Sonntage. Die ästhetisch-moralische Schulung fand stattdessen im Reichswald oder bei Auto Becker statt, beides regionale Wallfahrtsorte: ersterer für Liebhaber sorgsam eingefriedeter Natur, letzterer für unbezahlbare Luxusautomobile aus aller Welt. Im Reichswald wuchsen die Bäume zudem auf Erhebungen, die der Niederrheiner gerne Berge nennt – auch wenn sie selten hundert Meter über das Meer ragen. Das ist schön und groß anzusehen und der den Spaziergang begleitende Hund kann unangeleint ins Gehölz schießen. Das düsseldorfer Autohaus aber gibt es heut nicht mehr. Die unvorstellbaren Schätze, die es einst über viele Etagen in sich barg, sind in alle Winde verstreut, wenn nicht von potenten Kunden vor die Wand gefahren worden. Darunter befanden sich Modelle, die einzeln anzutreffen unwahrscheinlich, ihre Koexistenz an einem Ort praktisch auszuschließen war – so etwa ein Porsche 459 und ein Ferrari F-40. Aus der Zeit gefallen wie Austin Powers Minimi, kosteten diese Technologie-Fetische Ende der achtziger Jahre tatsächlich “Eine Million Dollar!”
    An manchen Sonntagen allerdings bestand meine Mutter auf einen Kirchenbesuch, dann aber nicht in Isselburg, wo man auf dem Rückweg vom Altar die Hostie unter Beobachtung schlucken und mit den Augen die verhassten Mitmenschen grüßen musste, sondern im linksrheinischen Kevelaer. Dort gab es mindestens drei Dinge, die es in den Isselburger Krichen nicht gab: rot-goldene Innenausstattung, Weihrauchschwaden und einen wahnsinningen Organisten. Alles gemeinsam zog die Register der katholischen Reizüberflutung. In Verbindung mit sehr deutlich mahnenden Worten des irgendwie berühmten Pfarrers, war das eine ganz andere Show, als das traurig triste Beieinander in der Kleinstadtkirche, und ich erinnere mich, dass die Menschen die Basilika bis in die Eingänge hinein verstopften, um irgendwie daran teil zu haben. Mir als Kind wurde von Weihrauch meist schlecht, und auch das das Ende des Gottesdienstes war schwer verdaulich, wenn die vom irren Organisten entfesselte Gewalt der größten deutsch-romantischen Orgel der Welt in mein Innerstes eingriff. Erst als ich älter wurde und auch nachgelesen hatte, dass es die größte der Welt ist, konnte ich das als schaurig schön empfinden. Manchmal blieb, zum Unmut vieler, der die Kirchenbänke ganz unmetaphorisch bewegende Donner aus. Ein Großteil des Publikums wartete, wie wir, auf das Konzert, doch der irre Organist, den ich nie gesehen hatte – zunächst dachte ich, es handle sich um Professor Fate aus Blake Edwards The Great Race, später dann, stellte ich mir Harald Schmidt vor, wie er dort oben vornübergebeugt wild um sich schlagend und tretend alles aus den Pfeiffen holte –  dieser Organist also, war wie der Pfarrer auch irgendwie berühmt und wurde deswegen oft an andere Orgeln ausgeliehen. Ich weiß, dass er heute nur noch an Feiertagen in Kevelaer das Instrument bedient.
    Vieles war also zu bedenken, als ich in die St. Matthias Kirche in Schöneberg ging, deren Orgel, wie ich wusste, von der Firma Seifert aus Kevelaer stammt. Sie ist auch hier irgendwie die größte, wenn auch nur die größte Orgel in einem katholischen Gotteshaus in Berlin. Gekommen war ich auch wegen der zehn Kupferplatten, die dort den Kreuzweg beschreiben. (für den irritierten Besucher: es sind natürlich 14 Kupferplatten, und der Verdacht liegt nahe, dass Wikipedia die Kirche noch nie von innen gesehen hat). Ich las, der verantwortliche Künstler sei ein Expressionist gewesen und ging voller Neugier am frühen Sonntag Morgen die 200 Meter zum Winterfeldplatz, nur um pünktlich zur 8:00 Uhr Messe dort anzukommen. Kein Glockenläuten hatte sie angekündigt.
    Der Dollarschein im Klingelbeutel und der portugiesische Friedensgruß meiner Banknachbarin ließen den Schluss zu, dass ich nicht der einzige Gast im Hause war, und ich fragte mich, was diese beiden wohl hereingelockt hatte. Der Pfarrer war in meinem Alter und predigte locker von Zöllnern und Huren, machte liberale Exegese für die schöneberger Fahrradfahrer mit Eigentumswohnung, wobei, dachte ich, die größtenteils siebzigjährige Kundschaft gern härtere Worte gegen die Unzucht der Gegenwart gehört hätte. Auch die ersten beiden Fürbitten waren ungewöhnlich: für den Papst Franziskus und die dritte Bischofssynode, auf dass sie die Kirche fit für die Herausforderungen des hier und jetzt machen. Die Orgel wurde bei allem wohl bedient und schauerte vielstimmig über die singende Kleingruppe, immer sowohl zuvorkommend als auch hinterherhängend, um auch den Letzten und Zaghaftesten beim Singen von Andrew Lloyd Webber noch mitzunehmen.
    Sie spielte auch noch, als ich schon die Stationen des Leidenswegs auf den Kupferplatten abging und ein modernes Stück Kunst entdeckte, das dem Löwen von Münster gewidmet ist. Der Kardinal von Galen war einst Pfarrer dieser Gemeinde, daran erinnert diese sekundär-Reliquie, direkt neben der goldenen Schatulle mit St. Matthias’ Gebeinen, dem Zeugen der Auferstehung. Aber da war noch mehr zu wissen. Auch der aktuelle, locker flockige Pfarrer stammt aus Münster, wie überhaupt alle Pfarrer von St. Matthias zu allen Zeiten vom Bistum Münster entsandt worden waren. Sogar der Jesus am Kreuz kommt, wie die Orgel, aus Kevelaer, aber anders als die 14 Kupferplatten, ist das beim Besuch der Kirche gar nicht auszumachen, und ich ließ von all dem ab.
    Auf dem Rückweg sah ich noch einen uralten Merzedes SL am Straßenrand stehen und einen angeleinten Hund, der an einen Baum pinkelte.

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