Mit gemischten Gefühlen erinnere ich mich an den allerletzten in der Reihe unserer Familienhunde. Der massige Schäferhund war jedem Menschen außerhalb des eng gezogenen Kreises um Vater-Mutter-Kind Drohung und Ärgernis. Wer wollte, konnte im plötzlichen Umschlagen seines ansonsten haustiergerecht infantilen Verhaltens den Spaß an seiner Rolle erkennen. Als Satiriker am Stammtisch geriet er nur scheinbar außer sich und hatte Freude am Eklat. Doch in der Gewalt mit der er sich beim Angriff auf Außenstehende in Leinen legte und an Zäune warf, steckte, noch als Erbe, die Schizophrenie des Beschützers.
Das Alte Testament rügt den Mord am Anderen nur, wenn er vom gleichen Stamme ist. Menschenrecht gilt nur innerhalb des Rudels. Viel weiter hat die Zivilisation den Wolf noch nicht gebracht, und uns war vorzuwerfen, dass wir diesen hier besonders exklusiv verzogen hatten. Später, als ihn eine Krankheit in sich selbst zurückzog, nahm er schließlich die Liebe aus dem engsten Kreise und konzentrierte sich auf den Selbsterhalt. Erst dann erschien sein Verhalten als Rückschritt ins Tierische, und das verziehen wir ihm nicht.
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Drei PolizistInnen steigen in die U2. Womöglich wollen sie in Richtung Theodor-Heuss-Platz fahren, um dort weiter ihrer Arbeit nachzugehen. Vielleicht dient die Fahrt nur dem Transport an einen Ort, wo die Dinge im Argen liegen. Irgendwo zwischen Alexanderplatz und Theodor Heuss Platz sind die drei von Nöten und wurden angefordert, denke ich mir, bis ich bemerke, dass sie bei jeder Haltestelle aufstehen, zwei, drei Bänke weiterlaufen, um sich erneut niederzulassen.
Sie besitzen den gefährlich hündischen Blick unterdrückter Männer um die 20, nachts, in der Bar, auf der Straße, oder eben in der U-Bahn. Sie warten auf den, der nicht schnell genug wegguckt, um ihm die Fresse zu polieren. Alle wissen es, und lassen die kleinen troublemaker gewähren, um ihrer ungelenkten Wut kein Ziel zu geben. Oft rauchen solche Typen angestrengt eine Zigarette, hören Musik über kleine Lautsprecher, oder üben sich in Gesten der Autorität, die sie bei den Alten und ganz Alten gesehen haben. Weil niemand von ihnen ein Ticket gezogen hat, verschwinden solche Kleingruppen nach wenigen Stationen wieder. Ganz besoffen vom Erfolg der Probe, versuchen sie sich am nächsten Level, ehe ihr Endgegner zu Hause am Küchentisch, im Gotteshaus oder in der Schule sie wie gewohnt vernichtet.
Immerhin werden sie selbst einmal am Kopf des Küchentisches sitzen, überlegen, alle anderen in der Hand oder in der Tasche. Die PolizistInnen tragen Uniform, jeweils eine eine Handfeuerwaffe, Schlagstock, diverse Kleinst-Taschen deuten auf weitere Instrumente. Sie steigen nicht aus, nur um.
Brüderlich geteilt.
Netto appelliert an das große Herz des Konsumenten. Der solle aufrunden, einen Cent-Betrag verflüssigen, um die organisierte Rettung der Welt voranzutreiben. Mitreißend der Slogan: Kaufen sei das neue Helfen, hängt dort, als Schild von der Decke, bewegt vom sanften Wind des Warenverkehrs. Mit noch mehr Schwung will man es klein machen und herrunterreißen. Auftraggeber wie Werbefachmann bekommen es dann zu fressen – zu gleichen Teilen, damit sie das Tauschprinzip verinnerlichen.
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Auch Heuschrecken müssen schlafen.
HRS gibt sich keine Blöße und hüllt den Kapitalismus ins menschliche Antlitz. Wer viel erreicht, dürfe auch viel erwarten, erfährt man beim Umsteigen am Alexanderplatz. Fürsorglich streichelt das Hotelgewerbe die schwarze Seele des anspruchsvoll erschöpften Geschäftsreisenden. Am nächsten morgen erwacht dieser in Geberlaune und poliert sich das Gewissen an der Kasse vom Netto auf. In gewissen Kreisen von Wirtschaftstheorie heißt das ‚Trickle Down – Economy‘.
Ein fetter Brecht läuft am Fenster vorbei. Zigarre im Mund, mit Bart und Arbeitermütze, trägt er, neben der fett gespannten Jacke, eine Plastiktüte mit Äpfeln. Er tat das ohne jeden Zweifel an seiner Form, und so hielt ich ihn für einen fetten Brecht.
Honig im Kopf / Butter im Bauch.
Nun steht es in den Zeitungen, Helmut Kohl isst gerne Butter. Während seiner Regierungszeit – es sei daran erinnert, eine sehr lange Zeit – nahm der Kanzler in Momenten großer Anstrengung gerne etwas vom sämigen Schmelz auf die Gabel, pur und ungesalzen, um sich in Ordnung zu bringen. Ob er das schon immer tat? Und wie ungeheuer beleidigt wäre er stets erscheinen, hätte nicht ein Tellerchen mit Butter-Happen, im Notfall, ihn streichzart gemacht? (Leberwurst, falls Sie sich noch fragen.)
Was geeignet war dem larmoyanten Schlachtschiff der CDU den Druck vom Kessel zu nehmen, muss auch für andere langen, die womöglich vor der Wahl stehen: Gehe ich noch einmal in mich und betrachte in Ruhe den Grund meiner tief bewegten Seele? Hält mein Groll der Überprüfung stand, habe ich den wahren Feind erkannt und verschütte den richtigen? Oder lasse ich einfach fahren und veröffentliche diesen Kommentar im Stern? (Til Schweiger, falls Sie sich noch fragen.)
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Beim Gang durch Schöneberg sollte man immer eine leere Bierflasche, und einen redundanten Schlüssel mit sich führen. Dann, immer abwechselnd und ohne viel Umstände, einen Mercedes oder einen Boesendorfer demolieren.
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Wer glaubt, er kämpfe an der Fleischtheke, oder bei der Parkplatzsuche ums Überleben, ist ein guter Staatsbürger.
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Bin ich einmal persönlich geworden, bestaune ich den Zierrat meiner Rhetorik, denn mehr ist das Linkische und Bissige nicht. Nie ist es aus der Not geboren, bestenfalls aus Freude an der Variation, oftmals aus Überforderung und schlimmstenfalls aus Missgunst. Doch der immerzu Überforderte kann sich die Notwehr zurechtlegen, für den Notfall sozusagen, falls er angehalten wird, sich für sein Verhalten zu rechtfertigen.
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„Hallo, mein Name ist Anastacia…“
In der U2 werden Stationsansagen jetzt abwechselnd von Prominenten und polizeilich gemeldeten BerlinerInnen gemacht. Leider nicht Bono, nein, Udo Lindenberg und Matthias Schweighöfer teilen uns mit, dass wir am Potsdamer oder Alexanderplatz ankommen. Aber auch unbekannte, schöne Stimmen aus Moabit oder Mitte dürfen einmal „Hausvogteiplatz“ und „Gleisdreieck“ sagen. Manchmal sind die Ansagen so lang, dass man den Stationsnamen verpasst, manchmal auch einfach zu leise. (Vorbildlich dagegen, Dieter Hallervoorden. „Ihr nächster Halt ist: Mohrenstraße“ (im Ton von: ‘palim, palim‘). Insbesondere nicht-Muttersprachler sind vermehrt dazu angehalten, den Fahrplan im Auge zu behalten. Die potenzierte Angst touristischer Kleingruppen, sich jetzt verfahren zu haben, füllt die Abteil- und Schlauchwagen mit Angstschweiß. Gestandene Weltbürger vergessen sich, fragen nach dem Weg, ohne dem Gefragten hernach auch nur guten Tag zu wünschen. Nach der Wende geborene googlen Anastacia und Matthias Schweighöfer…
Ich schlage vor, zeitgleich noch die neueste Platte oder Schmonzette des Prominenten auf die Werbebildschirme zu werfen, dann will ich gar nicht mehr aussteigen. Am Arsch, öffentlicher Raum!
Womöglich ist Unruhe gar kein Gefühl, sondern nur ein Behelf, ein Ausdruck dafür, sich über seine Gefühlswelt nicht im Klaren zu sein. Wenn so eine Unruhe einmal da ist – sagen wir, sie überrascht einen auf dem Klo, oder am Küchentisch, oder im Bett und sorgt dafür, dass man sich vor der Zeit erhebt und sein Geschäft vernachlässigt, wenn also die Unruhe um die Ecke kommt und man seinen Schritt anpasst, oder nervös ausweicht, um ihr damit umso frontaler in die Arme zu laufen – dann kann sie einem nicht einmal Auskunft davon geben, wer sie geschickt hat und warum. Womöglich ist man dann unruhig.
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In der kurzen Spanne zwischen Wachen und Schlafen, kurz bevor ich das Bewusstsein verliere, sammeln sich Bilder in wunderschöner Ordnung. Der Wille, sie zu betrachten zwingt mich aus dem Schlaf. Ich ziehe mich aus der Reihe und sie zerspringt. Einzelne greife ich noch heraus, so viele wie ich tragen kann und nehme sie mit sehr viel Glück und Ausdauer kann ich sie wieder zusammensetzen.
Die neue Ordnung ist dabei niemals die alte. Als gelungen gilt sie, produziert sie ein Gleiches.
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Mitten in der Nacht begegnete mir ein Fuchs. Er lief entlang einer mit Efeu bewachsenen Hausfassade an der Yorkstraße. Ich war beeindruckt und blieb stehen, wurde jedoch ignoriert. Der Fuchs suchte weiter im Bewuchs, wonach er schon zuvor gesucht hatte. Ich wollte seine Aufmerksamkeit und machte Faxen, die ich zuvor an Eichhörnchen erprobt hatte. Erst als ich einige Schritte auf ihn zutat, blickte er zu mir auf. Jetzt bereute ich meinen Mut und erinnerte mich: „Tollwütige Füchse besonnen ansprechen…“, auch dieser Witz kam aus Berlin.
Beide blieben wir stehen, bis er von mir abließ. Seine Beute raschelte im Efeu, das war wichtiger.
Es verstrich noch eine lange Zeit, ohne dass ich ein Photo von ihm schoss.
Killing-Spree.
So recht wollte ich nicht aufwachen, irgendwie war ich gefangen im dullen uninspirierten Gedenk des blutleeren Schreibers, bis mich das Vorprogramm im Eiszeitkino zurückholte ins polemische Hier.
Die Werbung eines regionalen Produzenten von in Plastikflaschen gefüllten, mit Bubbelbläschen angereicherten Grundwassers ist kaum zu ertragen. Kaum einer der Protagonisten hat die Pubertät hinter sich. Alte Menschen dürfen kerngesund in die Linse lachen und ihre Erfahrung beim Schachspiel zur Geltung bringen. Ein muskulöser Familienvater im bloßen Oberkörper nutzt zwei Kinder als Hanteln und bedenkt uns und seine Frau mit dem vielsagenden Lachen des optimierenden Kleinbürgers: Seht, wie ich, Odysseus in Berlin, mir in der Freizeit mein Bettchen baue!
Ich rufe ihnen laut entgegen: „Ich bin alt und fett, da muss ich wohl wegziehen, ihr Arschlöcher!“
Tokyo-Ga.
Wim Wenders beschreibt das Phänomen des Identitätsverlust von Traum und Aufzeichnung. Wer am nächsten Morgen auf die Kritzeleien des Somnambulen blicke, der mitten in der Nacht versucht hat, ein Traumbild zu fixieren, werde darin nichts mehr erkennen. Das Bild sei schon derart weit entfernt, dass die Aufzeichnungen nicht entzifferbar, die eines Fremden geworden seien.
Das ist womöglich die déformation professionelle einer bestimmten Art von Bildermachern, die auch im Erinnerten eine transzendente Wahrheit suchen, anstatt sich vom Detail zum Aufblitzen eines verwandten Bildes reizen zu lassen.
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Spiritualität von und für dummies.
Im Café Cinema sprach ich mit den Leuten, die so freundlich waren mir und meinem Freund im ansonsten voll besetzten Raum zwei Stühle an ihrem Tisch anzubieten. Recht unerwartet stand eine Frage im Raum, was denn der Unterschied sei zwischen Spiritualität und Esoterik?
Zu meiner eigenen Überraschung sagte ich ungefähr Folgendes: „Esoterik entsteht, wenn jemand versucht seine spirituellen Erfahrungen zu vermarkten. Dann besteht der Anspruch auf ein System. Esoteriker sind also Menschen, die der Spiritualität entweder zynisch oder anmaßend gegenüberstehen.“
Dabei hatte ich einige Nerven getroffen. Dennoch benahm man sich mir gegenüber weiterhin freundlich, beschloss, es gut sein zu lassen und die Chakren ins Gleichgewicht zu trinken.
Was man niemals aus dem eigenen Mund hören möchte:
– „Du musst zur Teatime ins Ritz Carlton, das ist die beste Teatime von Berlin.“
– „Entschuldigen Sie bitte die Störung, meine Damen und Herren, mir geht es im Moment nicht so gut und ich lebe auf der Straße.“
– „Ich habe in den Siebzigern mal ein Buch gekauft das hieß: Denken, Lernen, Vergessen.“
„Ich bin Unternehmer. Ich habe es zu was gebracht. So, nu kennen se mich.“
Werner Herzog und Wim Wenders sind in der der Stadt und keiner von beiden hat es für nötig gehalten. mal eben durchzurufen und sich mit mir zum Kaffee zu verabreden. Dieses Jahr werde ich 33, gnadenlos nagelt Berlin meine sorglos vertane Jugend ans Kreuz und verlangt nach dem Werk.
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Komm, wir gehen da ein halbes Hähnchen essen, sagte er hungrig. Vor den Kopf gestoßen, blickte sie auf das Schild des Schnellrestaurants und wies den Vorschlag ab. Da habe sie vor drei Monaten noch Farbbeutel draufgeworfen, da könne sie jetzt nicht einfach so essen gehen.
So wird’s ein Tor.
Das dumme Geschwätz muss erst eingeübt werden. Wer in frühester Kindheit beginnt und geflissentlich am Ball bleibt, kann schon im Kindergarten Sachen sagen wie: „So wird das nix, das hätt ich dir gleich sagen können!“
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In den Sack hauen ist immer riskant. Nachher hängt einem nach, man habe süßen Katzenbabies ohne Ansehen eins verpasst.
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Ich habe auch mit dem Klomann darüber gesprochen, aber der Klomann hat nicht viel Zeit. Er haust nicht in der Toilette, sondern hat sein eigenes Häuschen davor. Darin sitzt er, und sieht durchs Fenster zu, wie andere sich ein schönes Süppchen und Allerlei kochen. Edelste Weine, feines Gebäck, Kaffee, Kobe-Rind, vegetarische Currywurst – es landet alles irgendwann bei ihm in der Schüssel.
Manchmal muss er aktiv werden, wenn wieder einer mit dem Kopf auf die Schüssel aufgeschlagen und der relativen Niedrigpreisigkeit erlegen ist. Im Vollrausch stammeln sie von Schokopudding zu 19 cent und er muss die Schweinerei dann aufwischen. Dabei ist der Klomann selbst kein Feinschmecker und behandelt den ganzen Scheiß unterschiedslos. Darin noch herumzustochern und das Beste herauszupicken hat er nicht nötig. Der Klomann hat schon zu viel Erfahrung, um sich noch zum vergleichenden Konsumenten erniedrigen zu lassen.
Die neue Bedienung tut alleine Dienst. Niemand hält ihr Spotify Radio auf. Es brandet die vierte Welle ‚Girl of Ipanema‘ an das Ufer gepflegter Melancholie und gefährdet das gute Leben.
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In einem Burgerladen in Neukölln packen sie eine angemessene Menge Jalapenos auf die Bulette. Die grünen Scheiben liegen erst eine Weile auf der Zunge, bevor ich sie zur Seite gebe und langsam zerkleinere, dann wieder schnell auf die Zunge, damit es so recht brennt und mir die Tränen kommen. Die Auswahl meiner Begleitung war fahrlässig geschehen – das ist für diese Nacht alles, was ich an Scharfsinn erwarten kann.
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Klaus kam in den Laden, und es war das erste Mal in diesem Jahr, dass man Klaus überhaupt irgendwo sah. Ich kaufte seine Motz und seine Geschichte der letzten acht Wochen.
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Juan Les Pins, so heißt ein Ort an der französischen Mittelmeerküste. Ich erinnere mich sehr gut an diesen Namen. In einem Reisebüro sprach ich ihn einmal spanisch aus und erntete kundenfreundlichen Spott. C&A druckt ‚Juan Les Pins‘ auf T-Shirts und Hemden, wie auch ‚St.Paul 1982‘, oder ‚Ohio State xx‘. Groß stehen die Namen von Städten, Universitäten, Rennstrecken auf den Rücken und Brüsten der Konsumenten. Sie sind gemeinsam mit Schriftzeichen-Tattoos der Ausweis des Kosmopoliten. Ahnungslos stochert er im Nebel auch seiner nächsten Nachbarschaft und ist tatsächlich überall gleich zuhause.
Im Selbstgespräch blicken Fußgänger auf die Ampel und reden scheinbar hörerlos auf die Menge ein. Rot. Ein Radfahrer wird umgemäht. Der im Auto verlängert twitter zuliebe den Bremsweg – #krassamverbluten. Der feiste Jan-Torben schickt der Gruppe ’10b rules‘ ein Video mit hektisch koppulierenden Säugetieren. Grün. Ein Teenager läuft gesenkten Blicks einem zweiten vor die Füße – anders als Abraham, erkannte er sie nicht. Die Bevölkerung nimmt nur noch virtuell am Verkehr teil.
Die harmlosen Exibitionisten erzählen ihrem Telephon und uns allen von der Vasektomie, der Therapiesitzung, dem Ergebnis des letzten Abstrichs. Ein lächerlich geringer Preis für so ein Fortschreiten. Unhöflich ist, wer die Midiversion von La cucaracha und Living on a Prayer als mp3 auf die Straße wirft. Menschen an der Peripherie, die dem Äther gerade entstiegen, oder ihm bald wieder als Asche zugeführt werden, können für sich technologische Unmündigkeit geltend machen. “Take my hand we will make it, I swear…”
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Der untersetzte Peter Pan mit Napoleon-Komplex hier im Café singt sein neo-realistisches Filmprojekt stilecht italienisch ins Telephon. Ich möchte ihn würgen, diesen eitel laut Schwätzenden, würdelos Alternden – allem ein Ende machen. Ich könnte aufstehen, ihn greifen und werfen, viel Widerstand wäre von seinen Freunden nicht zu erwarten. Er flöge auf den nächstbesten Tisch, aus seiner Hose fielen zwei Paar Tennissocken, angeklebtes Brusthaar löste sich. Beim zweiten Wurf, klirrendes Glas, er fiele krachend aus dem ersten Stock in seinen Scheiterhaufen aus brennendem Zelluloid. Die vielen Zeugen im Café würden zu meinen Gunsten aussagen, dass der Gewürgte ein exaltierter Arsch und der Welt ein Ärgernis gewesen. Ich käme damit durch.
In diesem Moment, auf der Kippe zum Straftatbestand, setzt sich eine Freundin neben mich auf die Treppe. Sie darf das, sie arbeitet hier. Mit ihrer dortmunder Schnauze zersägt sie den Singsang des elaborierten Filmemachers. Angestrengt zwecklos verdeckt er Ohr und Hörer mit der freien Hand. Unschuldig verschüttet ihr Lachen sein Anliegen.
Ich möchte sie leidenschaftlich küssen, um meiner Begeisterung für die Sache Ausdruck zu verleihen. Aber das macht man nicht, mitten im Café.
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Retroaktive Erbsünde.
Wer Recht sprechen will, muss ein Unrecht bekämpfen, dachte sich der liebejott und hängte seinen Subjekten nachträglich den Apfel an. Völlig überrascht von den Sünden ihrer Urahnen, spurten diese nicht schlecht, ließen sich aber nicht nehmen, aus der Erfahrung zu lernen und bereicherten ihr Gemeinwesen um Anwalt und Beweisführung.
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Du sollst dich nicht vergehen.
Opa hatte den Enkelmann so recht beim Schlawittchen, und schmiss ihn mitsamt der Mischpoke aus der warmen Hütte. Da sitzt er seitdem und befragt frierend die weisen Worte des Alten, getan als dieser ihn dereinst würgte, an der urväterlichen Tafel, im Angesicht des Herrn: “Datt hab ich nun von wovon und von wem?”
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Im Falle des Bankrotts des Patriarchats.
Nach Abschluss des Insolvenzverfahrens kann das Erbe ohne Gefahr für das eigene Vermögen angetreten werden.
Oh je!
Angepflaumt.
Im Ruhe-Abteil der ersten Klasse erwischt mich a lady of a certain age beim Telephonieren. Zurecht werde ich zurechtgewiesen und entschuldige mich mit dem Hinweis, dass das Telephonat beinahe beendet sei. Sie setzt sich wieder hin und die Brille zurück, beugt sich über ihre Zeitung und lässt von mir ab. Ich lege auf und wundere mich über den wirschen Ton der Dame. Später werden andere Herrschaften fortgeschrittenen Alters hemmungslos das Telephon zücken und manch Konversation über Wetter und Reiseverlauf in ihren vergoldeten Computer brüllen. Sie bleiben unbehelligt und ich schöpfe Verdacht. Bin ich das Opfer des Generationenkrieges geworden? Ist meine Erscheinung zu jugendlich? Bin ich das Opfer sozialer Ausgrenzung? Ist mein Jutebeutel zu arm? Sollte ich in die zweite Klasse flüchten, damit mir widerfährt, wie mir gebührt? Ich ermanne mich und sage: wohl kaum, runzlige Alte, schließlich habe ich ein Ticket erster Klasse erwerben können. Ich bin einer von euch, ihr überreifen Bürgerpflaumen!
Beim Blick aus dem Fenster fällt mir die Erklärung vom Abteil-Tisch schließlich in den Schoß. Die Titelseite der Bildzeitung handelt vom wirren Volk in Dresden und davon handelte auch mein letzter Satz am Telephon, bevor ich angepflaumt wurde: „Da kann er ja gleich bei PEGIDA mitmarschieren“, hatte ich in den Hörer polemisiert. Das muss die Alte erschreckt haben. Sie fand ihr Habitat in der ersten Klasse durch mich verunreinigt und stand dagegen auf.
Nichts wollte in dieser Kneipe Vertrautheit herstellen. Abstoßend jedes Detail, Football-Cheerleader im Fernseher, Werbung, die ewiges Leben verspricht auf einem zweiten, darunter ein Haufen Käse-Zwiebel-Bretzel-Brocken in snackfreundlicher Verpackungsgröße. Erst der Blick entlang des völlig verranzten Tresens, vorbei an Erdnuss-Vorräten, Plastik-Sandwiches und einer Gallone Senf-Imitat ließ das Auge zur Ruhe kommen: Rohre eines Waschbeckens, heiß, kalt und Abfluss, führten hinunter in die zersprungenen Bodenfliesen und den Dreck der achtziger Jahre. Stabilität und Vertrauen verströmte diese Nische, in der die Vergangenheit, vom Mopp ungestört, sich erhalten konnte. Da unten zwischen Waschmittelresten, Spinnenkadavern und einer Mausfalle spürte ich, wie meine ländliche Herkunft wieder Besitz von mir ergriff.
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Sicher ist sicher.
Ich hatte die letzte Nacht vergeben und zwar leichtfertig und ohne Not. Zu Leiden bekam ich erst durch meine Weigerung, das Gebot der Stunde auch nur zu überfliegen. Stattdessen vergrub ich den Kopf in billig schrillen Bildern.
Ich verbot der Welt, mich in Versuchung zu führen und bezahlte dafür mit einem kleinen Tod.
Beim Essen von Gaeng Panang Gai und mit Blick auf den Wittenbergplatz erinnerte ich mich an den Brief eines guten Freundes, in dem stand ungefähr: “Im Übrigen musst Du es nicht allen recht machen.” Da wurde mir das Herz ganz leicht und der Weg hinaus – auf den Wittenbergplatz, über die Pallasstraße, die Goltzstraße entlang – in meine Wohnung schien angenehm unbestimmt.
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Wrappierende Empörung.
Sie fraß den Schokoladenkuchen wie nach langem Hungerleiden. Der Hunger des Wolfes im Winter, des Bären im Frühling, oder des Spaziergängers im feuchtkalten Herbst. Vor Anstrengung leicht glühend, betrat sie das Café Savo, setzte sich zweimal um und bestellte, dann am rechten Platz, Schokoladenkuchen und heiße Schokolade. Ohne jede Sorgfalt zerteilte sie das schwere Stück mit der Gabel. Zerstückelung, Hiebe begleitet von gewaltigen Schlucken Schokoladenmilch – drei, um genau zu sein – dann war alles vorbei.
Mit der Schokolade war es vorbei. Der letzte Bissen alarmierte die Bedienung und brachte einen Teller mit Hähnchen und Ruccola im Teigmantel. Dieser Wrap leistete unerwarteten Widerstand, widerstand dem unkoordinierten Gehacke der Gabel in der rechten Hand, sodass die linke das Messer zur Hilfe nehmen musste, um das zu zerkleinernde Röllchen, weniger durch Schneiden als durch Applizierung vertikalen Drucks, in seiner strukturellen Integrität zu überwinden. So lehnte sich die kleine Person gegen das Essen auf, drückte sich selbst nach oben anstatt das Messer nach unten. Das zu Vertilgende zwang sie erst, sich zu erhöhen: “Oh widerwärtige Teigrolle, unnachgiebig, starr Einheit behauptendes Stück. Du Brocken an dem die Welt will, dass ich zu Grunde gehe. Du Nachweis meiner Impotenz und göttlicher Feindschaft. Komplize jeder Übermacht, als ob es deiner noch bedurfte!”
Die zu schwachen Finger nahmen das Messer schließlich in die Hand. Unbeholfene, brutale Gesten der geschlossenen Faust, Rucken und Stechen begleiteten jetzt die seltsame Nebentätigkeit der Bewohnerin des Nebentisches: das Lesen der Speisekarte. Halb auf Mütze und Handschuhe gelehnt, stand die Karte lesefreundlich vor dem Teller, und mir war nicht ganz klar, ob diese Aussicht die Essende nun motivierte, oder vollends in Verzweiflung stürzte. Ihr gut gefülltes Portemonnaie schien den ungestörten Konsum nicht zu garantieren. Die krampfende Hand, die hochgezogene Schulter, der angespannte Rücken – sie versagten schon beim zweiten Gang.
Die Lust muss ihr vegangen sein, dachte ich. Die unendlichen Möglichkeiten sind ihr zur Last geworden. Statt der Hoffnung, im Nächsten die Erfüllung zu erfressen, türmt sich vor ihr ein Berg an Aufgaben. Sie verließ, so schien es mir, das Lokal als gebrochene Person, die sich draußen von der wohlverdienten Stärkung würde wieder erholen müssen.