sechster April | 2018

    In einem Wohnkomplex in Saint-Ouen, nahe der U-Bahnstation Marie de Saint-Ouen, stehen abends Typen rum und sie erscheinen finster. Dieser Eindruck täuscht natürlich, denn es sind Bewohner des großen Gebäudes. Jede Gruppe junger Männer mit Kapuzenpullis, die ohne klaren Auftrag einen Innenhof bevölkert, erscheint dem Einzelnen Wanderer schnell ‚finster‘. Er macht dann Typen draus und wahrscheinlich sieht man ihm diesen Hang zum Vorurteil im Gesicht an:
    „Heda, Wanderer in der anbrechenden Nacht!“
    „Ja bitte?“
    „Was runzelst Du die Stirn und nennst uns Typen? Dafür gibts eins auf die Fresse.“
    „Ha, hatte ich doch recht!“

    Dutzende Male bin ich über diesen Hof gelaufen und nichts dergleichen wurde gesprochen, dennoch erwarte ich mit jedem Mal das Äußerste und das liegt daran: Am Übergang vom Hof zur kleinen Nebenstraße – man läuft durch zwei Unterführungen hindurch, in den Brücken wohnen Menschen – bollert und kracht es ganz fürchterlich. Mein Tritt bewegt die losen Platten. Mit hoher Geschwindigkeit treffen sie auf den Zement, der sie, ich vermute, noch Anfang der 90er Jahre fest im Griff hielt.
    Die Bewegung im Boden macht meinen Gang unsicher, die Schallwellen äußern sich als reiner Druck in meinem Körper. Er wandert, durch die Beete, die Mauern hoch in die Wohnstätten. Ich stelle mir in Küchen- und Schlafzimmerecken ein gewaltvoll verendendes Fumpen vor, oder, nein, noch einmal wird es zurückgeworfen in die Menschen getrieben, die dort ausharren, essend schlafend, unter meinen Tritten.
    Ich kann gar nicht sagen, wie schnell mich dieser Zustand wahnsinnig machen würde, wäre ich dauerhaft Empfänger solcher Botschaften. Es ist mir nun seit zwei Jahren bekannt, dass mein Gang sie mitverursacht.
    Letztlich verachte ich die Bewohner, die nicht mit sofortigem Auszug drohen, die sofortige Besserung vom Vermieter verlangen, oder selbst zur Tat schreiten, für ihren schlechten Geschmack. Und für diese typisch bürgerliche Bewegung meines Geistes erwarte ich alsbald zur Rechenschaft gezogen zu werden.
    Die Jungs auf dem Innenhof kennen mich schon. Besser von ihnen ordentlich durchgelassen werden, als von Irgendwem. Vertraulichkeit ist auch ein Wert.
    Bislang hat noch niemand von mir verlangt, ich solle gefälligst woanders langlaufen, schließlich sind hier die Platten lose.

    Das ist das 21. Jahrhundert.
    Ich sah im Vorbeigehen auf der Brücke Warschauer Straße in Richtung Kreuzberg eine junge Frau mit Tüte. Wir liefen in entgegengesetzter Richtung. Zu ihrem Aussehen kann ich keine Angaben mehr machen, denn auf der Tüte stand geschrieben: „Die Realität ist für diejenigen, die…“ und da hört es eben auf, weil der Verkehr zu schnell und die Aufschriften auf Tüten zu lang geworden sind.

    Ich durchsuche die Spiegel-Online Seite mit dem Artikel zu Ata, dem chilenischen Wüstenskelett nach Kommentaren. Es gibt keine Kommentare. Niemand stellt sich der Behauptung entgegen, neueste Untersuchungen hätten nun jeden Zweifel ausgeräumt, dass es sich dabei um eine menschliche, sprich irdische Mutation handelt. Ich vermute: Die Trolle müssen von Artikeln zur Kugelform der Erde aufgehalten worden sein.

    Ich höre eine ältere Ausgabe der Langen Nacht des DLF zu Jack London. Es kommt das Zitat Londons: “Meine Mutter hatte Theorien” und im Folgenden erfahren wir wie eine rassistisch informierte Menschenkenntnis südländische Messermörder an ihren dunklen Haarschöpfen, durchdringenden Augen und ausgeprägten Zinken erkennen kann. Dass ich etwa 100 Jahre nach Jack London aufgewachsen bin, fällt mir an dieser Stelle nicht mehr auf. Ich will die chauvinistisch motivierte Esoterik und Pseudo-Anthropologie der Küchen- und Stammtische gerne vergessen, aber auch meine Mutter hatte Theorien.

    Volksempfänglich.
    Ich habe in der letzten Woche bei einem meiner Nachhilfeschüler zwei Stunden Geschichtsunterricht zum Thema „Drittes Reich“ improvisieren müssen. Der Anlass war die Aussage der Lehrerin, Hitler sei in den ersten Jahren ein guter Reichskanzler gewesen, der jedem Deutschen ein Auto geschenkt habe. Das hatte sich mein 13-jähriger élève nicht ausgedacht. Das französische Schulsystem legt sehr großen Wert auf das Auswendiglernen und lässt die Schüler noch immer alles von der Tafel abschreiben.
    Zum Glück habe ich trotz improvisierter Natur der Rede nur wenig moralisiert. Im Nachhinein fand ich folgenden sehr prägnanten Artikel, bei dem ich mich rückversicherte, keine phantastische Erzählung abgeliefert zu haben.
    Mit Schrecken muss ich seitdem feststellen, dass sich der Mythos von Versailles und der Wirtschftsboom-Autobahnquark in Frankreich dem Anschein nach hartnäckiger gehalten hat als in Deutschland.