Zugfahrt von Berlin nach Münster.
    Die Frau eine Reihe quer hinter mir leidet unter einer narzisstischen Störung. Die Unwägbarkeiten der Reise und, viel gravierender, das gleichzeitige Eintreffen diverser Forderungen kollidieren mit der Selbstverständlichkeit ihrer Bedürfnisse. Das Klingeln ihres Mobiltelephons trifft zusammen mit dem Erscheinen des Schaffners. Letzterer ist ein in sich ruhendes Stück Bahngeschichte, geduldig und zugleich bestimmend. Eine bewundernswerte Kombination, auch ich wäre manchmal gern so ein Typ.
    Schon vor Erscheinen des Schaffners ist die Frau insofern deviant, als sie außergewöhnlich laut und ausführlich mit ihrem Schicksal hadert. Jemand in der S-Bahn habe sie angerempelt, da sei noch eine Schramme am Arm, man solle mal gucken. Wie heiß es sei, heute, da habe sie nicht mit dem Bummelzug fahren können und deswegen notgedrungen den ICE genommen. Sie sei auf Bummelzug eingestellt, hatte sie schon einige male gesagt, ehe auch der Schaffner es erfuhr. Auf Bummelzug sei sie eingestellt, es sei ja heute derart heiß, da habe sie jedoch nicht mit dem Bummelzug fahren können, nein, das sei nicht gegangen, schon heute Morgen sei ihr ganz schwindelig gewesen und sie habe sich beinahe auf der Straße brechen müssen, nein mit dem Bummelzug habe sie nicht fahren können. Notgedrungen habe sie den ICE nehmen müssen, denn der Bummelzug sei ja eine Zumutung, eine Zumutung sei das, den könne sie nicht nehmen: „Den kann ich nicht nehmen, das ist ja eine Zumutung!“
    All das selbstsicher vorgetragen, mit einer Larmoyanz im Ton, dazu fällt mir nur der Abgesandte Roms aus Sieg über Cäsar ein, doch war die Figur für den Vergleich zu niedlich. In den zackig kurzen Pausen, stelle ich mir vor, dass sie einatmet, denn auch das muss dieser Mund noch leisten.
    Sie beantwortet das Klingeln des Telephons, das sei ihre Betreuerin, da müsse sie rangehen, und das erscheint auch mir als absolut notwendig. Die Betreuerin ist bald im Bilde – Zumutung in den Zügen. Die Verbindung bricht ab. Das Ende hier im Waggon weiß nichts von den technischen Zusammenhängen und vermutet eine leere Batterie im Telephon. Ob nicht die Nachbarin mit ihrem Telephon die Betreuerin anrufen könne, doch da klingelt es schon wieder und das allem Anschein nach wenig begeisterte andere Ende produziert aufgeregte kontextualisierende Antworten. Scheinbar gibt es eine Gruppe, die in besagtem Bummelzug sitzt und in der die vereinzelte ICE Fahrerin hätte aufgehen sollen, um nach Bielefeld zu kommen. Die Verbindung bricht wieder ab, ob nicht die Nachbarin, vielleicht habe die ja noch Batterie…
    Der Schaffner informiert, die Verbindung nach Bielefeld koste 67 Euro. Entsetzen, das könne doch gar nicht sein, das habe beim letzten mal doch nur 30 gekostet, außerdem habe sie einen Behindertenausweis und eine Bahncard 25.
    Der Ausweis interessiere ihn nicht, aber die Banhncard solle sie einmal zeigen, und der Schaffner sagt: „42 Euro“.
    „Blödarsch!“
    Das verbittet sich der Schaffner, das mit dem Blödarsch.
    Dann habe sie keinen Schein mehr, gar keinen Schein mehr, ach wie blöd. In Bielefeld gebe es ein Restaurant, da könne man zu zweit für zehn Euro essen gehen, an so einem langen Tag, da müsse man sich ja auch einmal stärken, nicht wahr. Sie sagt „stärken“ und der Schaffner respondiert, dann müsse man sich eben heute für 8 Euro stärken.
    Der Wechsel findet statt und die Betreuerin ruft an. Sie wird abgewimmelt.
    „Jetzt hab ich hier alles auf einmal, oh nein,
    hallo?
    In der einen Hand die Münzen und in der anderen das Telephon,
    in der eine Wechselgeld,
    in der anderen das Telephon,
    die Münzen in der einen,
    das Telephon und sie,
    das ist doch nicht gut,
    so viel auf einmal,
    ich meine,
    das ist doch nicht gut,
    jetzt hab ich hier alles auf einmal,
    hallo?
    meine Batterie ist leer, können sie vielleicht…“

    -die Betreuerin ruft zurück-

    „Ja, nein, vor acht Tagen ja noch nicht wissen konnte, dass es so heiß werden würde, das kann man ja nicht wissen, so acht Tage zuvor, dass es dann anders sein würde, als dann, wenn man es plant, nein, nicht den Bummelzug, der ist ja eine… hallo?“
    Der Schaffner geht seines Weges die Sitznachbarin wird zur Adresse alles weiteren.
    Die Betreuerin hole sie ab, in Bielefeld, vielleicht, ganz sicher sei es nicht, für die Rückfahrt müsse sie dann Bummelzug fahren. So reich sei sie nicht, deswegen auch das mit dem Taxi, also, wenn sie nicht abgeholt werde, dann brauche sie ein Taxi, und dafür fehle ja nun, nachdem der Blödarsch ihr das Geld abgenommen, also da bräuchte sie nochmal ein paar Euro, ob sie ihr das geben würde. So reich sei sie nicht, sie frage das jetzt nicht aus Gier heraus. Die freundliche Verneinung beendet das Anliegen nicht. Weitere Minuten vergehen: Bielefeld, keinen Schein mehr, Taxi blöd, Zumutung… in unendlicher Reihung, laut, fordernd, leidend,…

    Ich will nicht ungehalten sein, das hat keiner der Beteiligten verdient. Das hier ist jetzt so, denke ich, und ich kann nichts zum Guten daran ändern. Ich gehe ins Bordbistro und trinke Kaffee. Meine Liebe zum Menschen erholt sich schnell und ich beschließe die Rückkehr. Ein Zufall jedoch macht meinen Sitz unbewohnbar: „Sehr geehrte Damen und Herren, aufgrund eine Notarzteinsatzes am Gleis entfällt unser Halt in Bielefeld.“ Was das für die Insassen meines Waggons bedeutet, zeigt sich kurz darauf – die Mehrzahl erscheint im Bordbistro und bleibt mit mir im Mief verkochter Erbsensuppe liegen.
    Die Sitznachbarin der narzisstischen Störung kümmert sich – ich sehe sie beim Schaffner im Bordbistro – sie organisiert eine Verbindung nach Bielefeld.

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