Im Café auf der Goltzstraße sitzen am Vormittag dieselben Figuren auf den immer selben Plätzen. Die meisten von ihnen lesen Zeitung, oder machen sich Notizen. Eine Frau schreibt auf kleinem Laptop und schaut vielleicht nachdenkend in den Raum und aus dem Fenster, so wie ich. Die Gäste reden nicht miteinander, Zeitungen rascheln, Kaffeetassen werden angehoben und wieder aufgesetzt, zwischendrin die Zeichen des Barrista von Welt, Buenos Aires, Bremen, Trieste, egal: Milchaufschäumen und Kaffeemahlen
    Die Zeitungsleser haben eine bestimmte Routine. Die Sueddeutsche ist immer umkämpft, die FAZ kennt Ruhepausen auf der Fensterbank, der Freitag liegt draußen bei den Rauchern. Wer die Sueddeutsche mit nach draußen nimmt und nach dem Lesen auf einem Stuhl versteckt, ist ein ganz großer Schweinehund.
    Am Wochenende ändert sich alles, weil dann Kleingruppen zum Frühstücken kommen. Sie unterhalten sich und lachen, auch haben manche von ihnen Kinder dabei. Der Raum hat kahle Wände und einen Fliesenboden. Er ist, wie ich finde, wunderschön, besitzt aber keine akustischen Reserven. Frühstücksgebrabbel, ein lachendes Kind, ein vorbeifahrender Müllwagen, schon er ist voll, wie ein Eimer Beifang auf dem Fischkutter. Die harten, wettergegerbten Zeitungsleser und ich tun so, als sei das kein Problem. Manchmal lache ich zurück, wenn so ein Kind uns alle anschreit. Auch die anderen Stammgäste sind Meister der dreisten Lüge des Ausdrucks. Irgendwann nach eins frühstückt niemand mehr.
    Dann kommt einer, der macht nichts von alldem, deswegen ist er ein bisschen suspekt. Er schreit nicht, lacht nicht, liest nicht, schreibt nicht. Er sitzt einfach nur da. Das Sitzen bedarf allerdings der Arbeit.
    Ein Mann, knapp sechzig Jahre alt, mit fast weißem Vollbart und einer Strickmütze auf. Er trägt den sportlichen look von jemandem, der in den nuller Jahren dreißig war. Er wirkt etwas starr und seine Bewegungen unentschlossen – dabei muss er ein ungeheuer zielstrebiger Mensch sein. Er will sich in dieses Café setzen und dort eine Traubensaftschorle trinken – im Winter ist es Früchtetee. Ungeheure Widerstände scheinen ihn davon abzuhalten. Oft tritt er vier oder fünfmal ein, bleibt hinter der Tür stehen, pustet aus vollen Backen einen leisen Seufzer in den Raum und geht wieder heraus, kommt wieder rein, seufzt, wieder raus, rein, raus, rein. Bis er es zum Tisch geschafft hat vergehen Minuten. Am Tisch (der zweite, rechts an der Bank, immer) setzt er sich zu einem Viertel und steht wieder auf, ein Viertel, wieder auf, zur Hälfte, wieder auf, … . So wie er reinkommt und sich hinsetzt, trinkt er auch: In konzentrischen Kreisen, sozusagen. Auch wer ihn zuvor nicht kannt, gewöhnt sich an seine Routine. Die Stammgäste haben sie längst akzeptiert, er liest ihnen weder die Sueddeutsche noch den Freitag weg.
    Wenige, meist Damen und Herren fortgeschrittenen Alters, blicken ihn während seiner Kür böse an. Da wandern starre Augen über die Brille und den Rand der Zeitung zu ihm, der sich gerade zur Hälfte gesetzt und wieder aufgestreckt hat. Sie nehmen ihm vielleicht übel, dass er fürs Einfachste im Leben Üben und Anläufe nehmen muss, oder er wirft sie aus der eigenen exzentrischen Bahn, stört beim dreifachen Zeitungsfalten, Hemd Glattstreichen, Brille Zurechtrücken, beim Haltung Bewahren allgemein.

    in Neukölln: Bircher-Müsli, braun von Zimt. Wegen Hungers aufgegessen. Die Welt ist schlecht.

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