Bereits nach einer Stunde Autofahrt hatten sie mich wieder als einen der ihren. “Fahr doch, Du Arsch!”, “Rein oder raus!?” konnte man mich sagen hören. Für Menschen, die in Vorstädten leben, ist der öffentliche Raum zunächst einmal Fahr- und Parkplatz. Ich behaupte die in den USA weit verbreiteten four way stops verursachten in Deutschland eine politische Krise, denn sie verlangen ständige Kommunikation der Verkehrsteilnehmer jenseits der blanken Regel. Der Zweifelsfall – wer stoppte die entscheidende zehntel Sekunde vor dem anderen, stand der Wagen bereits, oder rollte er noch, … – ist der Regelfall. Die Verabredung des weiteren gemeinsamen Handelns bedarf der Nachsicht und Vorsicht der Verkehrsteilnehmer. Dergestalt ist der Prozess urdemokratisch, aber auch und gerade deswegen ineffizient und zeitraubend.
    Die dreimonatige Fahrausbildung und Professionalisierung des deutschen Autofahrers bewahrt ihn vor diesem Austausch. Das Regelwerk beschreibt für alles die passende Zwangshandlung. Wir kennen das vom Vater und dessen Tisch. Im Auto hat der Deutsche seinen beweglichen Tisch und er fährt immerzu im Raum der Notwendigkeit, in dem nichts verhandelt oder besprochen wird. Dabei sind es nur seine eigenen Füße, die unter dem Brett für Unruhe sorgen. Dem Handeln anderer Füße folgt die erzieherische Maßnahme: Ein Tritt auf die Bremse ist der Tritt in den Hintern des Vordermannes, der die Straße zum Parken benutzt. Wer kuppelt, beschwert sich bei selbigem tretend über die aufgezwungene Veränderung. Nur beim Gasgeben bleibt der Fuß ruhig liegen und liebkost die Infrastruktur. Freie Fahrt bedeutet, dass man mit ihr alleine ist, dass einem niemand widerfährt.

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    Der Spiegel unterlegt Nazi-Filmchen mit düsterer Musik. Der interessierte Zuschauer sieht den Führer die verlassene Champs-Elysées hinauffahren und fühlt den Schauer. Richtig schrecklich ist es nicht. Wie schön, wenn man nachts auf der A7 alle fünf Spuren für sich hat.

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    Für das Wagnis der Öffentlichkeit muss er sich wappnen.

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