Das Gewehr, das den Westen gewann.
    Zu Beginn des Letzten Samurai, sieht man einen bösartig betrunkenen Tom Cruise als Werbefigur für Schnelladegewehre in die Menge der potentiellen Käufer schießen. In der Rolle des beschädigten Soldaten trägt die Handlung des Films das Trauma des nordamerikanischen Genozids an den indigenen ’nations‘ in das Japan der Jahrhundertwende, wo, etwas sehr schief, der aristokratische Ritterstand der Samurai analog zum ‚Roten Mann‘ des Wilden Westens als Widerstand zur Moderne entwickelt und letztlich in opulenten Schlachtszenen ins Messer rationalisierter Kriegsführung getrieben wird. Gesättigt vom Pathos der archaischen Werte verbluten zuletzt in aller Ruhe die Verteidiger des Gewohnheitsrechts unter grandios in slow motion umherfliegenden Kirschblüten und schreiben mit ihrem Blutopfer (historisch unsinnig) dem japanischen Kaiserhaus den traditionellen Kurs ins zwanzigste Jahrhundert vor. In diesem Sinne ist der Kaiser ’still Jenny from the Block‘ und darf seine Herkunft nicht vergessen.

    Im Flugzeug nach Las Vegas sitzen die üblichen Verdächtigen, die sich genau wie Denzel Washington in The Flight unauffällig kleine Fläschchen Wodka und Jack Daniels Orangensaft mischen. Während meine Nachbarn sich auf die Ankunft im siebten Höllenkreis vorbereiten – denn das ist Las Vegas zweifellos – sehe ich Winchester ’73, einen Western mit James Stewart, den ich mir für solche Notfälle wohl vor langer Zeit auf die Festplatte geschoben hatte. Die Geschichte des Wilden Westens als Geschichte der Gewalt, folgt den Spuren eines Sondermodells des 32 Schuss Gewehres. Gesetzesbrecher, Siedler, Soldaten, Bürgerkriegsveteranen und native americans kommen durch Geldnot, Mord und Zufall in seinen Besitz. James Stewart als ‚der Gute‘ wird im Verlauf weniger gut, wenn der Fetisch um das ‚one of a thousand‘ die Motivation der gesamten Handlung als Rachefeldzug preisgibt. Während andere dessen Abzug aus Gründen des Besitzerwerbs oder aus gekränkter Ehre drücken und so den Tod bringen, will die Figur Lin McAdam den Mörder seines Vaters, der zugleich sein Bruder ist, um die Ecke bringen, wozu sie inklusive sidekick Wochen-und Monatelang durch die Gegend reitet. Mich würde nicht wundern, wenn der Film regelmäßig auf Treffen der NRA gezeigt würde, um die Verquickung von Waffe und amerikanischer Gesellschaft zu zelebrieren, ohne das jemand den absurden Vernichtungskreislauf erkennt, den der Schießprügel hervorruft. Dazu müssten zuerst Familie, Ehre und Geld als mehr oder weniger abstrakte Größen hinter dem menschlichen ‚business‘ in Rechtfertigungsnot kommen. Aber das ist zu viel verlangt von einem Film, der noch die Abkehr von der Blutrache und den Eingang in das Gesetz darstellen muss. Dass der Bösewicht das Gewehr im Pokerspiel an den Waffenhändler verliert und diesen Verlust nach kurzem Gewaltreflex zu Gunsten eines Tauschhandles akzeptiert, zeugt dabei ebenso vom Zivilisierungsprozess, wie das Waffenmonopol des fetten Wyatt Earp und das Happy End mit Aussicht auf Familiengründung.
    Das ist ein Blick in Amerikas Kinderstube und übertragen, die des Modernen Nationalstaates und seiner Subjekte.
    Erst wenn die historischen Entwicklungen zur mythischen Größe aufgebläht und als Fundament zementiert werden, wird so ein Film unappetitlich. Die Rückkehr zum Wahren, Ursprünglichen erkennt dann die Herkunft als Ziel und verdeckt den Prozess des Werdens. Der American Way wäre dann nichts anderes als das Recht in den archaischen Modus der Selbstjustiz zurückfallen zu dürfen. Ein Gewehr hat den Westen für den geschichtlichen Prozess gewonnen und das Gesetz hat es danach überflüssig gemacht. Wer wieder schießen will, behält sich die Rache am Gesetz vor, das ihm jetzt die süß romantische Lebensgefahr vorenthält.
    Vielleicht fliegt man heute nach Las Vegas, um im Wilden Westen die Knarre am Pokertisch oder im Bordell wiederzufinden. Nach Ostküstenstandard ist Nevada auch heute noch gesetzlos.

    Was die Betrunkenen nach Vegas importieren? Das Trauma der Umweltzerstörung, das sie dort mitten in der Wüste auf dem Golfplatz oder im Nachen auf den Kanälen des nachgebildeten Venedigs unterhaltsam neu aufführen.

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