Anerkennung. Eine flüchtige Bekanntschaft wiederzusehen kann Grund zur Freude sein. Ganz unerwartet ist mir genau das in einem Café geschehen. Vertieft in das Gespräch mit der Gesellschaft am eigenen Tisch war mir der Mangel an Überschwang meiner Begrüßung zunächst unangenehm gewesen. Ich hätte auch aufstehen und kurz herübergehen können, so dachte ich mir und hielt es eine Viertel Stunde lang für sehr wahrscheinlich, dass ich das Formelle später nachholen würde. Erst durch den Anblick der Schweißflecken auf dem Hemdrücken ihres Tischgesprächs, erinnerte ich mich: diese ungeheure Anstrengung, die jemand verlangt, dessen Habitat die Schlangengrube ist.

    Der gemeine Doktorand und Habiliterende unterscheidet sich nur wenig vom Erstesemester. Der verzweifelte Versuch des 18-jährigen im Betrieb an den unbekannten Diskurs anzudocken erscheint – als traumatische Wiederholung – im zwanghaften Krampf des Jungakademikers seinen Senf wann immer möglich zu veröffentlichen. Die aus dem Proseminar bekannten Kunstgriffe:  „Das erinnert mich an meine Oma.“ und „Ist das nicht auch bei Marx…“ werden dann seitenweise zwischen Buchdeckel geschmiert.

    Oftmals bestimmt die Erinnerung an einen angenehmen oder fürchterlichen Traum die Disposition bis in die Abendstunden des nächsten Tages. Ich erinnere mich an den Fall, wie ein albtraumhaftes Erlebnis mich einen ganzen Tag lang daran hinderte, etwas zu essen: Meine Großmutter mütterlicherseits zwang mich zum Verzehr eines Griespuddings. Am Folgetag vermeldeten meine Sinne beim Anblick jeder Speise Duft und Konsistenz des geträumten Puddings und brachten meinen Magen in enorme Unruhe.

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    Zu Gast war Gerhard Neumann, der einen Vortrag zu Kafkas Betrachtungen hielt. Seine Darlegungen zum Standort eines wahrnehmenden ‚ich‘ und die intertextuelle Entwicklung von Motiven schlossen sehr direkt an meine eigene Arbeit zu Peter Weiss an. Der Grund für meine Freude war jedoch ein anderer. Die Offenheit seines Dialogs mit den Studenten kam aus einer anderen Welt, da aus dem satten Wiesengrün. Dort mangelt es keinem. Wortlos lässt man dem Nachbarn sein Stück Gras und blickt mit ihm gemeinsam in die Wolken.
    So eine Begegnung wirkt nach. Man hofft das Gespräch weiter in alles hineinzutragen, was künftig geschrieben wird.

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