Telephon. Aus Abneigung gegen vieles, dass sich mit ihm verbindet, benutze ich noch immer kein smartphone. Mein fast ein Jahrzehnt altes Mobiltelephon eines einst den Markt dominierenden skandinavischen Herstellers, hat unter anderem den Vorteil überlegener Ausdauer – ich kann es in der Tasche vergessen und es wird auch nach einer Woche noch freudig nach mir klingeln. Das allerdings will ich gar nicht, denn jeder Anruf bedeutet einen Einbruch ins so mühsam stabiliserte Leben. Jeder Ton, den es von sich gibt, kann den völligen Kontrollverlust bedeuten. Walter Benjamin beschrieb das Schrillen des Fernsprechers in der Berliner Kindheit sehr richtig als Gefährdung des bürgerlichen Haushalts. Jetzt gefährdet das Mobiltelephon konkret die unbelehrbare Seele, die trotz fortgesetzter Enttäuschung, mit jedem Anruf und jedem Text auf die gute Nachricht wartet.
    Dennoch behalte ich das Telephon nah bei mir. Es gehörte ursprünglich meiner gleichaltrigen Cousine mütterlicherseits. Bevor sie es gegen das damals ungeheuer gutaussehende und ansprechend zu bedienende Statussymbol unserer Generation eintauschte und mir das Altgerät zur weiteren Verwendung überließ, malte sie auf die Rückseite noch ein Herz aus pinkem Nagellack. Das Herz löste sich langsam vom Metall der Hülle, auch ersetzte ich für einstellige Dollarbeträge jeweils die Batterie und die verkratzte Bildschirmabdeckung, sodass Funktionalität und Erscheinungsbild es als neu ausweisen würden, wäre nicht seine Existenz als Telephon bereits der eigentliche Anachronismus. Nehme ich das Gerät in die Hand, fällt mir sofort ein, wie ich es vor der Tür eines guten Freundes fallengelassen habe und alles, was der Abend danach noch brachte. Auch das Herz meiner Cousine bleibt unvergessen und wie ich damit nach Düsseldorf gefahren bin, um exzessiv ihren Geburtstag zu feiern.
    Will ich mit ihm etwas schreiben, so verlangt es von mir sprachliche Stringenz. Die Eingabesprache des mitlerlweile fast vergessenen T9 will von mir wissen, ob es französosch, deutsch oder englisch ergänzen und mutmaßen soll. Die Veränderung bedarf eines tiefen Eingriffs in die Menüstruktur, die ich mir oft erspare und das Eingestellte dem Empfänger einfach zumute – ungeachtet seiner oder ihrer Muttersprache und meiner Kompetenz das Gewollte auch wirklich auszudrücken. Im Englischen geschehen dabei immer wieder Zufälle, die man vielleicht als digitale Homonyme bezeichnen kann. Durch drücken der Bedienfelder in exakt gleicher Folge, übersetzt T9 zum Beispiel ‘dont’ in ‘food’. Ebenso erscheint, wenn ich 4663 wähle, notwendig ein ‘good’ vor ‘home’. Aus ‘coffeeshop’ wird ‘coffeesin?’ und mein angestrebtes ‘night’ wirft es mir vielsagend als ‘might’ zurück. Diese und viele andere Nachrichten des durchschnittlichen Benutzers schickt mir mein Telephon. Am anderen Ende verhandelt der Leser dann mit sich, was es wohl bedeutet, wenn ich schreibe. ‚I food go good. Come over to the coffeesin?‘
    Tagelang liegt mein Telephon dann schwer in meiner linken Tasche und wartet lautlos, dass ich das Echo meiner Einbrüche in den Haushalt anderer zur Kenntnisse nehme. Manchmal legen wir uns gemeinsam schlafen und schalten uns aus Energiemangel ab. ‚home might‘. Und doch: Um 2000 erwische ich mich meist bei etwas anderem. Ich schaue es ungeduldig an und hoffe, dass es die unerträgliche Stille durchbricht.

    In einem Raum mit etwa 80 Menschen, allesamt mit akdademischem Titel, erhält sich während einer mehrstündigen Diskussion um die Zukunft der Graduate-Studies der Ausdruck ‘Ombudsperson’. Die Komik der politisch korrekten Überkorrektur erstickt in meinen Tränen.

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